Donnerstag, 29. März 2012

Oh, wer sich jederzeit in einem Moment


über die Dinge um sich erheben könnte! Denn was uns drückt und quält, was uns ruhelos von Stimmung zu Stimmung jagt, es ist zumeist das Kleinliche, nebensächliche des Alltagslebens, in das wir uns häufig viel zu eng verstricken lassen. Gehen doch die Menschen unserer Zeit nicht wie souveräne Herrscher durch ihr Reich, die Welt, sondern wie Sklaven, unter unzählige Joche gebückt, die sie sich selbst oder die ihnen die Verhältnisse schaffen. So wird durch eigene Schuld und Druck von außen die herrliche Menschengestalt zusammengeschnürt mit dem Strick des Vorurteils, der Indifferenz, der Selbstgefälligkeit, der Unwissenheit und andrerseits des Kampfes ums tägliche Brot, bis die Brust kurzatmig wird und trüb das Auge, dass ihr die Wälder vergeblich duften und ihr umsonst die Sonne und Sterne strahlen.

Christian Morgenstern

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