Montag, 16. November 2015

Geschichten aus dem Dorfe - Oder warum wollen die Evangelischen plötzlich die heilige Kommunion empfangen?

Ich hab's ja schon öfter mal erwähnt:
Meine Kindheit in einem Dorf, das eben durch und durch evangelisch war. Über die Jahrhunderte hinweg gab es in diesem Dorf nur eine evangelische Kirche, in die jeder ging (heute nicht mehr), und Katholiken kannte man nur vom Hörensagen.
Das änderte sich erst nach dem zweiten Weltkrieg, als die Flüchtlinge und Vertriebenen aus den deutschen (meist katholischen) Ostgebieten über das Land verteilt wurden. So kam auch ein verstreutes Häuflein in unser Dorf und als ich geboren wurde, hatte man sich immer noch nicht dran gewöhnt.
Wir einzig wahren Evangelischen wurden plötzlich mit "diesen Katholiken" konfrontiert. Die hat man besser gemieden .... Aber wie's halt so kommen musste: Erst heiratete meine Mutter einen Atheisten und Sozi, der dann ihr zuliebe in die Kirche eintrat, Taufe und Konfirmation nachholte - damit meine Eltern kirchlich heiraten konnten. Meine Oma hat meinem Vater jeden Tag klar gemacht, dass er eines Tages in der Hölle landen würde .... Irgendwie haben sich die beiden dann doch zusammengerauft, wohl auch, weil die Kinder getauft und evangelisch erzogen wurden und mein Vater immer mithalf, wenn in der Kirche was gebaut wurde. Schlimmer als der Atheist, den meine Mutter heiratete, war es dann aber, als mein Onkel mit einer Katholikin ankam - was meine Oma bis zu ihrem Tod nicht verwunden hatte. Denn für sie galt: katholisch = böse, was sich bei ihrer katholischen Schwiegertochter dann viel später auch als wahr herausstellte, aber nichts mit katholisch zu tun hatte.

Als ich eingeschult wurde, war mein Taufpfarrer bereits im Ruhestand und der Nachfolger ein "Herr Pfarrer". Wir hätten es niemals gewagt, ihn mit seinem Namen anzusprechen. Er kam aus dem Kreis der "Bekennenden Christen" und für ihn war Pfarrer nicht irgendein "Job", sondern eine Aufgabe, mit dem er den wahren Glauben verbreiten konnte. Ein gar gestrenger Herr war er und wir Kinder hatten eine gehörige Portion Respekt vor ihm - mehr als vor den Lehrern in der Schule.

In der Schule war es selbstverständlich, dass vor Unterrichtsbeginn gebetet wurde und da fiel es dann erstmals auf, dass wir einen (!) Katholiken in der Klasse hatten. Er war schon beim Beten ein Außenseiter, denn er faltete die Hände nicht, sondern legte sie zusammen, wie man es von Dürers "betenden Händen" kennt. Er nahm nicht am evangelischen Religionsunterricht teil (keine Ahnung, wie ein einzelner diese Zeit außerhalb der Klasse verbrachte) und in unsere Kirche wäre der niemals reingegangen. Ich geb's zu: Wir schauten ein bisschen herab auf diese seltsamen Außenseiter, die ja am kirchlichen Leben im Dorf gar nicht teilnahmen. Die Katholiken im Dorf wurden zum Kirchgang damals per Bus in die Nachbarstadt gefahren - und das ist heute immer noch so.


Das erste große Ereignis meiner Jugend war dann die Konfirmation, die auch den Übergang ins Erwachsenenleben darstellte. In einem Jahr Konfirmandenunterricht wurden wir darauf vorbereitet, unsere Taufe zu bestätigen und uns aus freiem Willen zum Glauben zu bekennen. Je näher die Konfirmation rückte, um so aufgeregter wurden wir: Wieviel weiß darf das schwarze Kleid zur Feier haben? Dürfen wir helle Strümpfe oder müssen wir schwarze anziehen ? Ja, es gab tatsächlich ein Konfirmationskleid (das war bei mir schwarz im Empirestil und hatte oben einen weißen Einsatz, dafür aber eine schwarze Jacke drüber), dazu ein "Beikleid", (bei mir pink), das man dann am Abend zur Feier trug und an den nächsten Sonntagen zum Kirchgang. Und: zum ersten Mal Schuhe mit hohen Absätzen!! Und was würde es wohl alles an Geschenken geben? Im Dorf war es üblich, dass die Konfirmanden aus allen Ecken (nicht nur von den Taufpaten) der Gemeinschaft kleine Geschenke und Glückwunschkarten erhielten. Damit auch jeder sehen konnte, wer in diesem Jahr konfirmiert wurde, wurden die Häuser der Konfirmanden mit Blumen geschmückt. Neben all diesen wichtigen Dingen rückte das "eigentliche" in den Hintergrund: Das Bekenntnis des christlichen Glaubens vor der Gemeinde und das erste "Abendmahl".
Meine Güte, waren wir stolz, als wir zum ersten Mal das "heilige Brot" empfangen und am herumgereichten Weinkelch nippen durften. Das war etwas ganz Besonderes - weil es das nur zweimal im Jahr gab. Endlich, endlich gehörte man zu diesem Kreis dazu, der nach dem Gottesdienst in der Kirche blieb, um am Abendmahl teilzunehmen. (Ich kenne die Termine heute gar nicht mehr, aber es war einmal im Frühling und einmal im Herbst).

Soweit also mal ein Einblick in eine wirklich evangelische Erziehung. Alle im Dorf wurden gleich erzogen und dieses Herabsehen auf "die Katholiken" bekam ich dann auch zu spüren, als es sich dort rumgesprochen hatte, dass ich zum wahren Glauben konvertiert sei. Die meisten waren fassungslos - besonders meine ehemaligen Schulfreunde - aber besonders eine meiner Taufpatinnen, die der Kirche (trotz allem Abdriften ins linksgrüne Milieu) besonders verbunden war.  Inzwischen haben sich alle daran gewöhnt - aber tief in ihrem Inneren glauben sie, dass sie als Evangelische die besseren Menschen seien ....

Warum ich das so locker schreibe?  Nun ja, ich habe da jetzt gerade ein Verständnisproblem. Gestern hat der Papst die lutherische Gemeinde in Rom besucht. Und dort hat es wohl eine direkte Anfrage an ihn gegeben, warum ein Lutheraner, der eine Katholikin geheiratet hat, nicht zur Kommunion gehen dürfe. Über das Hin- und Her, das nach der unbefriedigenden Antwort des Papstes durch die Medien geht, möchte ich mich gar nicht auslassen.

Mir sei aber trotz allem die Frage erlaubt: Wo ist der Glaube der Lutheraner hin, dass sie doch die besseren Christen seien? Was ist mit der Abneigung gegen die Realpräsenz und die Wandlung? Wie kommt es, dass sie plötzlich das, was wir damals total abgelehnt hatten, als so erstrebenswert ansehen? Und wenn das so ist, warum konvertieren sie dann nicht?

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