Freitag, 20. November 2015

Islam & Vernunft- die Regensburger Rede bleibt immer aktuell

Massimo Introvigne betrachtet bei La Nuova Bussola Quotidiana die Ereignisse von Paris und St. Denis durch die Brille der Regensburger Rede Benedikts XVI - deren 10.Jahrestag näher kommt und bemerkt gleich zu Anfang, wie wenig sie verstanden und wie sehr sie entstellt wurde.
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"DER TERRORISMUS, DER ISLAM UND DER DIALOG MIT DEN MUSLIMEN- IN REGENSBURG HATTE RATZINGER UNS SCHON ALLES GESAGT"




"Es nähert sich das Jahr 2016, in das der 10. Jahrestag der am 12.9.2006 in der Aula Magna der Regensburger Universität gehaltenen Rede fällt. Papst Ratzinger liebt die Jahrestage. Jemand könnte denken, daß diesen zu feiern, ihn vielleicht verbittert, wenn man bedenkt, wie wenig sie verstanden und wie sehr sie verdreht wurde. Aber vielleicht freut es ihn auch, weil es sich um einen Höhepunkt seiner Kulturanalysen der europäischen Geschichte und ihrer Konfrontation mit dem Islam handelt.
Tragödien wie die von Paris haben sie noch aktueller gemacht. Ich mache mich also an die Arbeit und beginne mit einer Meditation, die uns -so hoffe ich-durch das Jahr 2016 begleiten kann.

In Regensburg geht Benedikt XVI von einem Dialog aus, beidem sich 1391 in Ankara der Byzantinische Kaiser Manuel II Palaiologos und ein islamischer persischer Gelehrter gegenüber stehen.
Der Kaiser "spielt" außer Haus, nachdem er eine Einladung erhalten hatte, die er nicht ablehnen konnte: den türkischen Sultan Bayazet I, zu einem Jagdausflug zu begleiten- weil dessen drohende -sehr viel mächtiger war als die seine.
Auch zur Passion des Sultans für die Jagd erlaubt sich Manuel einige Scherze: der Sultan erwartet- sagt er- im Paradies nicht nur die berühmten Jungfrauen zu finden, sondern auch eine gute Anzahl von Jagdhunden.


Stellen wir fest, daß, obwohl Bayazet I als eher grausamer Herrscher in die Geschichte eingegangen ist, unter bestimmten Gesichtspunkten die Toleranz dieser türkischen Muslime des 14. Jahrhunderts im Vergleich besser abschneidet als die der heutigen Muslime. Manuel kann sich in einem muslimischen Land und in der Öffentlichkeit nicht nur einen Scherz über paradiesische Hunde erlauben, sondern auch jene bittere Kritik an Mohammed, deren bloßes Zitieren durch Benedikt XVI 2006 im fundamentalistischen Islam auf den Straßen Proteste und Demonstrationen bis hin zum Mord - hervorrief.

Manuel, der die Jagd nicht liebt, findet einen anderen Zeitvertreib. 
In Ankara organisiert er eine Art von öffentlicher Talkshsow, bei der er vor einem dichtgedrängten Publikum an 26 Abenden mit einem muslimischen Gelehrten diskutiert. Aber dieser Kaiser ist leidenschaftlich an der Philosophie und ihrem Einfluss auf das Christentum bzw. den Islam interessiert.
Dennoch kann Mauel es sich 1391 sicher nicht leisten, vor einem muslimischen Publikum das Evangelium oder die Theologie anzurufen.: er schlägt seinem Gesprächspartner also vor, nicht auf der Basis des Glaubens zu diskutieren sondern der Vernunft. Der Muslim akzeptiert, aber der Dialog gelingt nicht, weil der und Manuel verschiedene Auffassungen von der Vernunft haben.
Für den griechischen Kaiser ist die Venunft das philosophische Fundament aller Dinge. Für den Muslim existiert dieses Fundament nicht: sein Gott Allah "hängt bei seinen Handlungen von niemandem ab" und kann jede Minute die Gesetze, die die Welt regieren, ändern, so daß jede rationale Erkenntnis unsicher und vorläufig ist.

Für den Moslem (Manuels Dialog-Partner) bedeutet, auf der Grundlage der Vernunft zu argumentieren einfach nur empirische Fakten zu zitieren, Sein Verständnis der Vernunft ist ein rein instrumentales. Unter diesem Gesichtspunkt hat der vierte der 26 Dialoge zwischen dem Kaiser und dem Gelehrten- offensichtlich ein  Disput- und zwar ein "byzantinischer"- eine besondere Bedeutung.
Manuel II bestreitet die Meinung einiger Muslime nach der-unter dem Gesichtspunkt, die Wahrheit mit Sicherheit erkennen zu können, die Seelen von Menschen und Tieren sich  nicht sehr unterscheiden.
Ganz und gar nicht-erwidert Manuel: der Mensch hat die Vernunft, die die Tiere nicht haben. Und es ist offensichtlich, daß hier die Tiere nicht so wichtig sind, sondern die Fähigkeit der menschlichen Vernunft, die Wahrheit zu erkennen.

Gewappnet mit seinem ausschließlich instrumentalen Verständnis der Vernunft, denkt der Moslem im 5. Dialog, daß die Diskussion beendet ist: der Beweis, daß der Islam dem Christentum überlegen sei- ist, daß die Heere des Propheten überall siegen und das Byzantinische Reich auf einen Kleinstaat reduziert wurde.
Natürlich hätte man-3 Jahrhundert später-als nach der Niederlage von Wien 1683 die Muslime begannen, die Schlachten und Kriege zu verlieren- dieses Argument umkehren können.
Aber das ist nicht der Punkt.
Für Manuel II-und für Benedikt XVI- werden das Leben die Menschenrechte und die Möglichkeit verschiedener Religionen zusammen zu leben, nur durch das Vertrauen in die Vernunft garantiert, als Instrument, um die Wahrheit zu erkennen, die für alle gilt- Christen und Muslime, Gläubige und Ungläubige. Wenn dieses Vertrauen in die Vernunft fehlt, wird zwischen Menschen verschiedenen Glaubens die Wahrheit dadurch entschieden, welche Armeen siegen und heute-wer fähiger ist, Bomben explodieren zu lassen. Die Wahrheit-und Gott selbt, der die Wahrheit ist- werden dann simple Funktionen der Gewalt.

Es ist oft -und zu Recht- gesagt worden, daß die Regensburger Rede kein Diskurs über "den Islam" sein sollte. 
Der Islam wird als Beispiel genommen für den Verlust des Vertrauens in die Vernunft und das Naturrecht, der auch Europa und den Westen befallen hat. Hier hat sich paradoxerweise die Begegnung zwischen Glauben und Vernunft zu einer "Synthese zwischen dem griechischen und dem christlichen Geist entwickelt.
Mühsam erreicht, ist diese Harmonie fast sofort in die Krise geraten. Die Geschichte der Moderne wird in der Regensburger Rede von Benedikt XVI rekonstruiert, als eine in verschiedenen und distinkten Wellen aufgetretene Abfolge von Versuchen der De-Hellenisierung- also der Negierung-der richtigen These, die postuliert, daß "das- kritisch gereinigte-griechische Erbe ein integraler Bestandteil des christlichen Glaubens ist" und der Synthese, die aus Europa das macht, was es ist und daß "nur so die Einheit zwischen Glauben und Vernunft gerettet werden kann."

Wenn wir die Regensburger Rede drucken, finden wir, daß acht Seiten Europa gewidmet sind und eineinhalb dem Islam. Wenn man daran erinnert, wird nicht weniger wahr, daß der Islam spaltet.
Der Hl. Johannes Paul II erinnert in seiner Enzyklika "Fides et ratio" daran, daß der Mensch, um fliegen zu können, zwei Flügel braucht: den Glauben und die Vernunft. Wenn der Flügel der Vernunft auf Kosten des Flügels des Glaubens hypertrophiert-sehen wir uns dem Laizismus gegenüber.
Der Mensch braucht wie das Flugzeug zwei Flügel, um zu fliegen. Sonst fliegt er nicht und zerbricht.
Die Kirche fördert nicht die anomale Entwicklung des Flügels des Glaubens gegen den der Vernunft, auch wenn sie gegen die Folgen des Laizismus kämpft, bei dem die Vernunft den Glauben negiert. Sie will die Harmonie zwischen den beiden Flügeln im Bewußtsein, daß man nur so fliegen kann.

In Regensburg hat Benedikt XVI das Problem des Islam "gezündet". An einem bestimmten Punkt seiner Geschichte - erschreckt durch bestimmte Formen des Rationalismus, der viele seiner Philosophen verführte, hat der Islam den fruchtbaren Dialog, den er mit der griechischen Kultur hatte, beendet. Er hat die Bücher seiner Philosophen verbrannt und manchmal auch-täuschen wir uns nicht- die Philosophen. Aber indem er das tat, um den Rationalismus zu meiden, ist er dem gegenteiligen Irrtum verfallen: dem "Fideismus" , der dann im 20.Jahrhundert-politisch geworden- Fundamentalismus genannt werden sollte. 
Benedikt XVI- wir haben in dieser Kolumne daran erinnert- ist der Papst, der gezeigt hat, wie obligatorisch der Dialog mit dem Islam ist. Ein Dialog aber, der nicht davon befreit, den Muslimen zu zeigen, wieviel Schaden die Trennung von Glauben und Vernunft, die unausweichlich zur Gewalt führt- in ihrer Geschichte angerichtet hat.
Nicht um den Islam zu verneinen oder zu beleidigen, sondern um ihn einzuladen, über die Notwendigkeit der Harmonie zwischen Glauben und Vernunft nachzudenken. Nur indem er anerkennt, daß die Vernunft ein Naturrecht und die Rechte begründet, allen zuzugestehen, ihre Religion auszuüben, kann der Islam- ohne auf seine Identität zu verzichten- einen Weg finden, den Fundamentalismus zu isolieren und zu einer definitiven Verdammung der Gewalt kommen.
  
Quelle : Massimo Introvigne, La Nuova Bussola Quotidiana


Hier der Link zu einem Interview, das Edward Pentin mit Pater Khalil Samir zum Thema Islam und Vernunft geführt hat: klicken


Und weil man's nicht oft genug sehen kann:


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