Dienstag, 17. November 2015

Wie sind wir so weit gekommen?

Heute fragt sich A. Gagliarducci - in seiner wöchentlichen Kolumne "Monday in the Vatican", wie wir "so weit" gekommen sind....  Hier geht´s zum Original: klicken

            "PAPST FRANZISKUS: WIE SIND WIR SO WEIT GEKOMMEN?"
"Sicher zwingt uns das neue Vatileaks über die Art nachzudenken, wie Papst Franziskus seine Reformen durchführt. Drei Jahre nach der ersten großen Vatileaks-Episode sieht es so aus, als sei die selbe alte Vatican-Welt, die Benedikt XVI Widerstand leistete, noch am Leben und aktiv hinter dem Rücken von Papst Franziskus. Der einzige Unterschied ist nur, daß diese Welt Papst Franziskus gewählt hat. Papst Franziskus schuldet ihr seine Wahl.

Wir sollten auf Benedikts XVI Reformen zurückschauen, um zu verstehen, auf welchem Fundament die Reform von Papst Franziskus steht. Die Themen sind die gleichen geblieben. Papst Franziskus versucht vielleicht, sie auf einem protrahierteren, schwierigen Weg zu erreichen. Es wäre leichter gewesen, wenn Franziskus den Spuren Benedikts gefolgt wäre, weil der schon alles in Bewegung gesetzt hatte.

Das ist nur eine Möglichkeit, die derzeitige Stagnation zu interpretieren. Aber das Thema muß behandelt werden, bevor die Skandale  jedes vernünftige Argumentieren über das Pontifikat Papst Franziskus´ überschatten.

Papst Franziskus hat von den Kardinälen, die ihn gewählt haben, als primäres Mandat die Reform der Römischen Kurie erhalten. Viele Kardinäle bei den Treffen des Präkonklaves verlangten eine Verschlankung der Kurie, um sie funktioneller zu machen.

Benedikt XVI hatte den selben Wunsch. Aber er ging die Sache auf eine sanftere Weise an. Er war sich bewußt, daß keine von oben kommende Entscheidung von den Funktionären der Kurie gut aufgenommen werden würde.

Sein Versuch einer Reform setzte sich aus einfachen Schritten zusammen: er plante den Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog in den Päpstlichen Rat für Kultur einzugliedern, und den Päpstlichen Räten für Gerechtigkeit und Frieden und dem für Migranten ein und den selben Präsidenten zu geben. In  beiden Fällen begegnete ihm Widerstand.

Zu einem Strategiewechsel kam es nach der Regensburger Rede im September 2006, die während der letzten Papstreise mit Kardinal A. Sodano als Staatssekretär gehalten wurde, während Kardinal T. Bertone bereits offiziell als Nachfolger nominiert war. In Regensburg sah sich Benedikt einem der größten Angriffe seines Pontifikates gegenüber. Er war überzeugt, daß sein größtes Ziel sein mußte, die Kurie mit Männern, denen er vertraute, zu besetzen. Das war der Grund, weshalb er den Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog neu etablierte und ihn unter die Leitung von Kardinal Jean L. Tauran stellte, einem geschätzten Langzeitdiplomaten. Kurze Zeit später benannte er einen neuen Präsidenten für den Päpstlichen Rat für Migranten.

Warum dieser Strategiewechsel? Papst Benedikt kam wahrscheinlich zu der Einsicht, daß er nicht stark genug war, einen Kampf zwischen den konkurrierenden Parteien durchzustehen, die sich während der letzten Jahre des Pontifikates von Johannes Pauls II gebildet hatten. Mit der Zeit waren diese Parteien große und gut vernetzte Machtzentren in den Rängen der Kurie geworden. Jede Bewegung Benedikts traf auf die negative Reaktion einer dieser Parteien. Als Konsequenz war das Papsttum selbst in Gefahr.




Papst Franziskus hat einen anderen Kurs gewählt. Er ernannte einen Rat von 8 Kardinälen, (dem er den Staatssekretär hinzufügte), der ihn bei neuen Vorschlägen für die Kurienreform  und die Regierung der Kirche beraten soll. Genauso stark wie Benedikt XVI seine Reformarbeit auf Kollegialität gründete, hat Papst Franziskus die seine ausschließlich auf einige Berater seines Vertrauens gestellt.

Die Art wie Benedikt operierte, wurde bei den periodischen Treffen mit den Leitern der Dikasterien, eines fand am 25. Januar 2012 - direkt nach den ersten "Leaks" im Fall Viganò statt, sichtbar. (Viganò war die frühere Nr. 2 des Vatican-Staates und wurde dann zum Nuntius für Washington ernannt). Kardinal T. Bertone, der damalige Staatssekretär, leitete das Treffen, dessen Hauptthema die Abfassung der Dokumente war. Bertones Beschreibung des Entwerfens und der Übergabe von Dokumenten liefert Hinweise auf die Arbeitsweise Benedikts XVI.
Benedikt gab die Verschlankung der Römischen Kurie auf, führte aber andere Reformen weiter fort. Die erste unter ihnen war die große Reform der ....
Caritas Internationalis war so chaotisch und unabhängig geworden, daß  unter ihrem Schirm auch Pro-Abtreibungs-Organisationen waren. Benedikt veröffentlichte ein Motu Proprio mit neuen Normen für Hilfs- und Wohltätigkeitsorganisationen und stellt so das Werk Katholischer Wohltätigkeit unter den Schutz und die Koordination der Ortsbischöfe.

Durch diese beiden Reformen gab Benedikt den vaticangeführten Hilfsorganisationen eine gut definierte Identität, die es seinem Nachfolger erlaubte, seiner Wegweisung zu folgen und eine weltweit neue Hilfsorganisation zu entwickeln, eine mehr auf die Nöte der Menschen ausgerichtete,  aber mehr durch die Katholische Lehre als durch vage Soziallehren geformte.
Für seinen Teil hat Papst Franziskus großen Wert auf das Wohltätigkeitskonzept gelegt, besonders mit dem  Slogan "eine arme Kirche für die Armen". Teilweise hat er die Bemühungen Benedikts weitergeführt, aber er hat auch den von Benedikt bekämpften "Lokalismus" betont. Franziskus´ Ziel eine weniger gewichtige Struktur zu schaffen, mit einer schwachen Bindung zum Zentrum, birgt das Risiko, daß der Sinn der Mission der Kirche verloren geht.

Die Antwort auf den Pädophilie-Skandal ist eines der Juwelen in der Krone von Benedikts XVI Pontifikat, obwohl sie von vielen Lagern als unbedeutend abgetan wurde. Schon als Präfekt der Glaubenskongregation hatte Kardinal Joseph Ratzinger innerhalb der Kurie hart daran gearbeitet, daß die Fälle sexuellen Mißbrauchs nicht mehr auf der lokalen Ebene behandelt werden konnten - wo sie oft verdeckt wurden - sondern von der Kongregation selbst, die sie untersuchen und entsprechende Maßnahmen ergreifen würde.
Als Papst setzte er diese Maßnahmen durch und forderte alle Bischofskonferenzen auf, Richtlinien zu akzeptieren, um den Mißbrauchsskandal anzugehen. Auf diese Weise rief er jeden auf, größere persönliche Verantwortung zu übernehmen und versuchte gleichzeitig eine bessere Koordinierung zu erreichen.

Der Weg von Papst Franziskus war mehr personeller Art. Er schuf die Päpstliche Kommission für den Schutz Minderjähriger und hat immer klar gemacht, daß dies das Resultat seines persönlichen Willens war. In gewissem Sinn hat er sich für die Arbeit der Glaubenkongregation nicht sonderlich interessiert.
Ein anderes vieldiskutiertes Thema ist die Reform der Vaticanfinanzen. Sicher - unter Benedikt brachen Skandale aus, und nicht nur in Verbindung zu Vatileaks I.
Drei Jahre vor 2012 erschien ein anderes Buch, das "Leaks" enthielt "Vaticano SpA".  Es war ein vergiftetes Pamphlet, oft ungenau, das auf Dokumenten beruhte, die aus den Archiven des früheren IOR, der sog. Vatican-Bank kamen. 2010  brach ein Skandal über das  Management des Immobilienbesitzes der Kongregation zur Evangelisierung der Völker aus.
Der Skandal zielt darauf ab, kuriales Missmanagement  zu beleuchten - ebenso wie Verbindungen zu "Finanzhaien". Statt dessen brachte es die Existenz einer klerikalen VIP-Welt ans Licht, eine Mischung aus Italienern und Vaticanangehörigen, die den Vatican für ihre eigenen Ziele ausbeuteten.

Benedikt antwortete auf diese Skandale mit Transparenz. Er setzte die Internationalisierung des Vatican-Managements fort (sowohl für die Kurie als auch die Finanzen) mit dem Endziel, den Hl.Stuhl auf internationaler Ebene stark zu machen, mehr als auf der Ebene privilegierter bilateraler Beziehungen zu  Italien. Aus diesem Grund wurde das Antigeldwäschegesetz formuliert, verbessert und dann ganz neu geschrieben.
Ein anderer Zug dieser Reform betraf die Ausarbeitung neuer Statuten für die Präfektur für die wirtschafltichen Belange, durch die die Präfektur gleichzeitig eine Art modernes Finanzministerium, Aufsichts- und Revisionsorgan wurde.
Papst Franziskus startete von diesem Punkt aus., er beschloss die Reform weiter zu führen, indem er zwei päpstliche Referenzkommissionen etablierte (eine für das IOR und eine für die ökonomisch-administrativen Strukturen des Hl. Stuhls) und danach zwei neue Dikasterien, das Wirtschaftssekretariat und den Wirtschaftsrat. Offensichtlich haben diese neuen Strukturen einige Agitatoren hinter den Vaticanischen Mauern hervorgebracht. Ihre Einrichtung wurde als Kritik an der bereits geleisteten Arbeit verstanden. Tatsächlich hätte Papst Franziskus einfach den begonnen und etablierten Weg der Reformen weitergehen können.
Das ist einer der Nachteile des Pontifikates von Papst Franziskus. Alles muß als etwas Brandneues präsentiert werden - als von der Vergangenheit verschieden. Und alles wird als Ergebnis eines klarsichtigen päpstlichen Willens präsentiert. Das ist nicht gerade der Weg, wie säkulare Medien das Pontifikat zeichnen. Der Papst selbst will der Welt kundtun, was er tut. Während des Angelus vom 8. November verurteilte er das Durchsickern von Dokumenten, aber er pries auch den "sichtbaren Effekt" von bereits auf dem Finanzsektor erreichten Dingen.

Vielleicht hilft das Image eines Papst-Garanten (das Papst Franziskus der Synode vermittelte) diesem Pontifikat nicht. Dieses Image kann leicht ausgeschlachtet werden. Der reale Papst Franziskus ist weit von diesem Image entfernt. Aber dieses Image bringt - grundlos - auch einen Gegensatz zwischen den Pontifikaten Benedikts XVI und Franziskus´hervor.

Wahr ist, daß unter Papst Franziskus die Kurie früherer Zeiten zurück ist, ebenso wie ideologische Strömungen, die längst passé waren. Das betrifft nicht nur Kardinal Kasper. Sogar der Befreiungstheologe Jon Sobrino, dessen Theorien in einer von der Glaubenskongregation veröffentlichten Erklärung als "gefährlich" bezeichnet wurden, wird möglicherweise den Papst bei einer Privataudienz treffen. Die Gelegenheit zu diesem Treffen wird eine Konferenz in der Urbania Universitäts-Druckerei zum Thema "Bündnis der Katakomben" sein. Dieses Bündnis wurde von einer Reihe von Bischöfen während des II. Vaticanischen Konzils geschlossen, in der Hoffnung auf eine "arme Kirche für die Armen". Die Idee war vom II. vaticanischen Konzil ausgegangen, hatte damals aber nicht den politischen Anspruch, die sie später in der Befreiungstheologie bekam. Der politische Gebrauch des Terminus war einer der Augenblicke, indem das "Medien-konzil" weit vom wirklichen Konzil abwich.

Das Papsttum von Past Franziskus erfreut sich des breiten Zuspruchs der Medien. Jedoch berichten die Medien über das Pontifikat nicht so wie es ist. Und was noch mehr ist, - wir könnten sagen, daß dieses Pontifikat sich fast der Macht der Medien unterworfen hat, als habe es beschlossen, die schon unter Benedikt XVI begonnenen Reformen aufzugeben und als ob es für besser hielte, diese Reformen durch neue Strukturen und Outsourcing weiter zu führen,

Schließlich endete dieser Weg bei Vatileaks 2. Gewisse Individuuen, die beim Outsourcing verpflichtet wurden, waren für die Lecks verantwortlich, oft weil sie enttäuscht waren, daß ihre Vorschläge (die eher einem Business-Unternehmen als einem souveränen Staat angemessen waren) nicht angenommen wurden, und öfter noch, weil sie Einfluss im Vatican ausüben wollten.

Papst Franziskus präsentiert sich selbst als Garanten, aber am Ende kann er allein- so charismatisch er auch ist- den aktuellen vaticanischen "Bandenkrieg" nicht stoppen. In der Zwischenzeit brauchen die neuen Strukturen neue Mitarbeiter. Aber die Neuanstellungen sind ein weiterer Grund für Enttäuschungen innerhalb des Vaticans, weil es dort seit 2014 einen generellen Einstellungsstop gibt. Aber dieser Einstellungsstop hat seine Ausnahmen.

Vielleicht war Papst Franziskus nicht geschickt genug. Er hat eine Parallel-Kurie etabliert und so diesen "versteckten Vatican", der immer für die Mission der Kirche gearbeitet hat, unglücklich gemacht. Er wollte zeigen, daß er der neue Mann ist, etwas was die Medien auch wollten, aber sein Ehrgeiz führte zu weiterer Opposition innerhalb der Kurie.
Vatileaks 2 ist weniger raffiniert als das erste, und es bietet weniger Fakten. Aber es ist wichtig, weil es anzeigt, daß es während dieses Pontifikates konstante Angriffe geben wird. Wer weiß, was passiert wäre, wenn Papst Franziskus weniger Zentralisierung gewollt hätte.
Sicher ist er nicht stark genug, um die "old hands" der Kurie zu verfolgen, verdankt er ihnen doch seine Wahl. Er wird zwischen Scylla und Charybdis bleiben. Vielleicht könnte er eine gut definierte Richtung abstecken und ihr bis zum Ende folgen. Würde er das tun, könnte der den Weg der Reformen beschleunigen und sie wirklich wirkungsvoll machen.

Quelle: A. Gagliarducci, Monday in the Vatican

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