Samstag, 12. Dezember 2015

Feldlazarett? Die Kurie vor der Weihnachtsansprache des Papstes.

Sandro Magister kommentiert bei Settimo Cielo / L´ Espresso in Erwartung der päpstlichen Weihnachtsansprache an die Kurie noch einmal den vielbeachteten offenen Brief eines ehemaligen Kurienmitarbeiters an den Papst. Hier geht´s zum Original:    klicken

"DIE KURIE LEIDET VIELLEICHT AN 15 KRANKHEITEN, ABER IHM GEHT ES AUCH NICHT GUT"

                         

                   

"Es nähert sich der Tag; an dem Papst Franziskus den leitenden Mitarbeitern der Kurie in einer Rede seine Weihnachtswünsche ausspricht.
Und viele fragen sich, was er dieses mal sagen wird, nach der niederschmetternden Botschaft des vergangenen Jahres, als er über die Kurialen eine Liste von 15 beschämenden Krankheiten, von denen er sie befallen sah, ausschüttete.
Seither ist im Vatican das Murmeln der Kritik an Jorge Mario Bergoglio angeschwollen - immer anonym - angesichts der Reaktionen des Papstes gegen jeden, der ihn kritisiert oder ärgert.

Das aussagekräftigste "Brummen" der Bischöfe und Kardinäle der Kurie war Ende April in einem Artikel des Schweizer Vaticanisten Giuseppe Rusconi zu vernehmen, der - deutsch - im Monatsmagazin "Cicero" und -italienisch-  in seinem blog "Rossoporpora" erschien. "So spricht die Kurie".....klicken 
Der erste Satz  dieses Artikels zitiert einen Msgr. aus der Kurie: "Franziskus bleibt im Herzen und im Geiste Erzbischof von Buenos Aires. Alles in Ordnung. Wäre er nicht seit zwei Jahren Bischof von Rom und folglich Papst der universalen Kirche."

Jetzt ist in Deutschland wieder eine Breitseite in Form eines offenen Briefes an den Papst von einem langjährigen ehemaligen - Kurienmitarbeiter abgefeuert worden - möglicherweise von einem Deutschen - diesesmal im Wochenmagazin "Focus".
Der Autor ist der Focus-Redaktion bekannt, er hat nicht mit seinem Namen unterschrieben - nicht nur wegen eines "Klimas der Angst", das - wie er sagt - heute im Vatican herrscht, sondern auch um seine ehemaligen Vorgesetzten in der Kurie "vor dem Zorn des Papstes zu schützen."
Hier das Original des Briefes im Focus:  "Sie distanzieren sich von der Weisheit" :   klicken




                                                     "Heiliger Vater,
bei Ihrer Weihnachtsansprache 2014 haben Sie Ihre Mitarbeiter in Rom zu einer ersten Gewissenserforschung aufgerufen. In der Tat ist der Advent eine Gelegenheit zum Nachdenken darüber, was Gott verheißt und von uns erwartet. Sie haben gefordert, Ihre Mitarbeiter im Vatikan müssten ein Vorbild für die ganze Kirche sein, und zählten eine Reihe von „Krankheiten“ auf, an denen die Kurie leide.
Damals empfand ich das als ziemlich hart, ja ungerecht gegen viele im Vatikan, die ich persönlich kenne, während Sie so redeten, als würden Sie den Vatikan nur von außen oder von oben kennen. Dennoch hat mich Ihre Ansprache zu diesem Brief inspiriert. 
Nach Ihrem Beispiel werde ich alles Gute, das Sie tun und sagen, übergehen und nur aufzählen,was mir an Ihrer Ausübung des Papstamtes problematisch erscheint:

1. Emotionale und antiintellektuelle Einstellung
Die Alternative zur Kirche der Lehre ist die Kirche der Willkür, nicht die Kirche der Liebe. Es gibt einen echten Mangel an Kompetenz in Lehre und Theologie bei so manchem Ihrer Mitarbeiter und Berater, die allzu oft eine Karriere in der kirchlichen Regierung oder universitären Verwaltung hinter sich haben und eher pragmatisch und politisch denken. 
Den Primat des Glaubens müssen Sie als oberster Lehrer der Kirche deutlicher machen, für sich selbst und für alle Katholiken. Glauben ohne Lehre gibt es nicht.

2. Autoritarismus

Sie distanzieren sich von der Weisheit, die in der kirchlichen Disziplin, im kanonischen Recht und auch in der Praxis der Kurie gespeichert ist. Zusammen mit Ihrer Abneigung gegen (angeblich) theoretische Lehre führt das zu einem Autoritarismus, den auch der heilige Ignatius, der Gründer Ihres Jesuitenordens, nicht gut fände. Lassen Sie jene Stimmen wirklich gelten, die sagen, was Ihnen persönlich nicht sofort einsichtig ist? 
Was würde passieren, wenn Sie meinen Namen kennen würden? Weniger autoritär zu agieren würde helfen, das Klima der Angst zu verändern.

3.Populismus der Veränderung

Heute ist jeder Aufruf zu Veränderung populär. Doch gerade der Nachfolger Petri muss sich und andere an das erinnern, was sich nur langsam, und noch mehr an das, was sich gar nicht ändert. 
Glauben Sie wirklich, dass der Beifall, den Sie von Meinungsmachern in Politik und Medien bekommen, ein gutes Zeichen ist? 
Mediale Beliebtheit und Starkult hat Christus dem Petrus nicht vorausgesagt (Joh 21,18). So manche Ihrer Äußerungen erwecken falsche Erwartungen und den schädlichen Eindruck, Lehre und Disziplin der Kirche könnten und sollten den wechselnden Meinungen der Mehrheit angepasst werden. Der Apostel Paulus sieht das anders (Röm 12,2; Eph 4,14).

4. Keine "Demut" vor dem Erbe Ihrer Vorgänger

Ihr Verhalten wird als Kritik daran wahrgenommen, wie Ihre (oft heiliggesprochenen) Vorgänger gelebt, geredet und gehandelt haben. Ich kann nicht erkennen, wie das mit der von Ihnen so oft geforderten Demut zusammenpasst. 
Diese Demut braucht es, zumal wenn es darum geht, die auf den Apostel Petrus zurückgehende Tradition fortzusetzen. Ihr Verhalten legt nahe, dass Sie das Petrusamt irgendwie neu erfinden möchten. Anstatt das Erbe Ihrer Vorgänger treu zu verwalten, wollen Sie es sich recht kreativ aneignen. 
Sagt der heilige Johannes nicht: „Er (Christus) muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ (Joh 3,30)?


5. Pastoralismus

Erst vor Kurzem haben Sie gesagt, dass Ihnen am Papstamt am besten gefällt, was Sie wie ein Pfarrer tun können. Freilich sollten weder ein Papst noch ein Pfarrer Zweifel daran aufkommen lassen, dass die Kirche in allem, was sie tut (Pastoral, Sakramente, Liturgie, Katechese, Theologie, Caritas), der Lehre Christi folgt: Alles hängt am geoffenbarten Glauben, wie er in Schrift und Tradition zu uns kommt und für das Gewissen der Gläubigen verbindlich ist. 
Wir können den Glauben doch gar nicht leben und weitergeben, wenn wir ihn nicht kennen. Ohne gute Theorie können wir auf Dauer nicht gut handeln, ohne Lehre landen wir in der konkreten Pastoral bloß noch emotionale Zufallstreffer.

6. Übertriebene Zurschaustellung der Einfachheit Ihres Lebensstils

Gewiss, Sie wollen Zeichen setzen; aber ist es besser, alle möglichen Alltagsgeschäfte selbst zu besorgen? 
In asketischen Dingen sollte die linke Hand nicht wissen, was die rechte tut (Mt 6,3), sonst wirkt das Ganze irgendwie aufgesetzt. Wenn Sie wirklich umweltbewusste Autos fahren wollen, müssen Sie übrigens mehr investieren oder sich teurere Technik schenken lassen: Ökologie kostet.

7. Partikularismus

Ein Partikularismus, der die Anliegen der universalen Kirche oft den Anschauungen eines Teils der Kirche unterordnet. Diese Haltung ist für einen Papst fast komisch. Zudem ist unsere Welt vernetzter, mobiler und näher zusammengerückt denn je. Gerade heute ist es ein Schatz, dass die katholische Kirche auf der ganzen Welt die gleiche ist. Dass Katholiken in allen Ländern ähnlich (und miteinander) leben, beten und denken, entspricht der globalen Lebenswirklichkeit.

8. Drang zu dauernder Spontaneität

Ein Mangel an Professionalität ist kein Zeichen für das Wirken des Heiligen Geistes. 
Ausdrücke wie „sich vermehren wie Karnickel“ oder „Wer bin ich . . . ?“ mögen Eindruck machen, faktisch führen sie zu schweren Missverständnissen. Dauernd müssen andere erklären, was Sie gemeint haben. 
Ohne Planung und außerhalb des Protokolls zu agieren, hat seine Zeit; aber der Normalfall kann es nicht werden. Das schulden Sie Ihren Mitarbeitern (in Rom und in der ganzen Welt) an Respekt. 
Das Maß nützlicher Spontaneität ist bei Päpsten weit geringer als bei Pfarrern.

9. Mangel an Klarheit über die Zusammenhänge religiöser, politischer und wirtschaftlicher Freiheit

Viele Ihrer Äußerungen deuten darauf hin, dass der Staat immer mehr regeln, kontrollieren und verantworten soll, gerade im ökonomischen und sozialen Bereich. 
Wir sind in Europa sehr starke Staaten gewohnt; doch dass der Staat alles richten kann, ist von der Geschichte widerlegt. Die Kirche muss sich stark machen für nicht staatliche Einrichtungen, die Dinge leisten, die der Staat (so) nicht schaffen würde. Gegen die Tendenz, alles vom Staat zu erwarten, muss die Kirche den Menschen helfen, für das eigene Leben zu sorgen. Auch der Sozialstaat kann übermächtig werden, und damit paternalistisch, autoritär und illiberal.

10. Meta-Klerikalismus

Einerseits zeigen Sie wenig Interesse am Klerus, andererseits kritisieren Sie einen Klerikalismus, der mehr Phantom als real ist. Das kann durch gute Absicht oder Aussagen vor kleineren Gruppen nicht ausgeglichen werden.
Die Bischöfe und Priester müssen wissen, dass der Papst hinter ihnen steht, wenn sie für das Evangelium eintreten, „gelegen oder ungelegen“, sei es auch auf eine Art und Weise, die dem Papst persönlich nicht gefällt. Es ist nicht gut, dass manche meinen, der Papst sehe viele Dinge anders als der Katechismus, und andere den Papst nachahmen, um in diesem Pontifikat Karriere zu machen.

"Innovation und Provokation dürfen Sie zurückschrauben"

Als Papst leisten Sie einen notwendigen Dienst an der Kontinuität und der Tradition der Kirche - selbst nicht katholische Christen sehen das. Innovation und Provokation dürfen Sie getrost zurückschrauben; das machen ohnehin schon viele. 
Ihr Lehramt ist als solches schon die ultimative Provokation und Innovation, immerhin sind Sie der Stellvertreter Christi und der oberste Lehrer des übernatürlichen Glaubens.
Gnade, Erbarmen und Friede“ kommen „von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, dem Sohn des Vaters, in Wahrheit und Liebe“ (2 Joh 1,3), und sie kommen nur im Paket. 
Wenn Sie sich im Jahr der Barmherzigkeit auf Weihnachten vorbereiten, nehmen Sie das als Anstoß dafür, selbst herauszufinden, was Sie in der letzten Zeit vernachlässigt haben.

"Sie können nicht mit Kritik umgehen"

Lassen Sie sich helfen von Ihren Mitarbeitern, die nur dann etwas von Ihnen lernen werden, wenn Sie selbst bereit sind, etwas von ihnen zu lernen. Wie ich tun viele sich noch schwer mit der Art, wie Sie manchmal reden und agieren. Aber das wird schon, vor allem wenn deutlich wird, dass auch Sie sich etwas sagen lassen.
Leider weiß ich, dass Sie mit Kritik noch nicht so gut umgehen können, daher setze ich meinen Namen nicht unter diesen Brief. Ich will meine Oberen vor Ihrem Zorn schützen, vor allem die Priester und Bischöfe, mit denen ich jahrelang in Rom zusammengearbeitet und von denen ich viel gelernt habe. 
Sie können ja daran arbeiten, mir und anderen solche Ängste zu nehmen, oder noch besser solche Briefe überflüssig machen, indem Sie etwas dazulernen.
In diesem Sinne, eine gesegnete und besinnliche Adventszeit!

Quelle: www.chiesa, L´Espresso, Sandro Magister

 

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