Montag, 28. Dezember 2015

Fest der Hl. Familie. Zwei Päpste - zwei Sichtweisen

Antonio Socci hat den kurzen Kommentarsatz in der gestrigen Predigt von Papst Franziskus zum Verbleiben des 12-jährigen Jesus im Tempel von Jerusalem und seiner Antwort auf die Frage der Eltern, wie er ihnen das habe antun können, als "unglaubliche bergoglianische Exegese" bezeichnet. Man kann nicht umhin, über die Sicht des Papstes auf das Kind Jesus zu staunen. Er spricht ihm keinerlei Göttlichkeit zu, sondern sieht ihn als rein der Erde verhafteten Menschen.
Socci stellt diese Interpretation den Katechesen Benedikts XVI vom 28.12. 2011 und vom 27.12. 2012 gegenüber.
Hier geht´s zum Original, das wir bei "BenoîtXVI-et-moi" gefunden haben (merci!) klicken
und hier zu den deutschen Originaltexten Papst Benedikts 2011 und 2012: klicken und klicken

                        "DER 27. DEZEMBER, DAS FEST DER HEILIGEN FAMILIE"

                   

"Heute hat Bergoglio in seinem Kommentar zum Evagelium vom im Tempel wiedergefundenen Jesus wörtlich gesagt: "Wir wissen, was Jesus dieses mal getan hat. Anstatt mit den Seinen nach Hause zurückzukehren, ist er in Jerusalem geblieben, im Tempel und hat Maria und Joseph einen großen Schmerz zugefügt, die ihn nicht finden konnten. Jesus hätte für seine "kleine Eskapade" wohl seine Eltern um Verzeihung bitten müssen. Das Evangelium sagt das nicht, aber ich glaube, daß wir das annehmen können."


Benedikt XVI:
"Wir haben gehört, daß der zwölfjährige Jesus sich mit den Seinen zum Tempel von Jerusalem begibt. Diese Episode findet im Rahmen der Pilgerreise statt, wie der hl. Lukas hervorhebt: »Die Eltern Jesu gingen jedes Jahr zum Paschafest nach Jerusalem. Als er zwölf Jahre alt geworden war, zogen sie wieder hinauf, wie es dem Festbrauch entsprach« (2,41–42). Die Pilgerreise ist ein Ausdruck der Frömmigkeit, die aus dem Gebet Nahrung zieht und es gleichzeitig nährt. Hier geht es um jene zum Paschafest, und der Evangelist gibt uns zu verstehen, daß die Familie Jesu sie jedes Jahr durchführt, um an den Riten in der Heiligen Stadt teilzunehmen. Ebenso wie die christliche Familie betet die jüdische Familie im häuslichen Familienkreis, aber sie betet auch zusammen mit der Gemeinschaft und bekennt sich so als Teil des Volkes Gottes, das unterwegs ist, und die Pilgerreise bringt gerade dieses Unterwegssein des Volkes Gottes zum Ausdruck. Mittel- und Höhepunkt des Ganzen ist das Paschafest, das die familiäre Dimension ebenso einbezieht wie die des liturgischen und öffentlichen Gottesdienstes.



In der Episode des zwölfjährigen Jesus sind auch die ersten Worte Jesu verzeichnet: »Warum habt ihr mich gesucht? Wußtet ihr nicht, daß ich in dem sein muß, was meinem Vater gehört?« (2,49). Nach dreitägiger Suche fanden seine Eltern ihn im Tempel; er saß mitten unter den Lehrern, hörte ihnen zu und stellte ihnen Fragen (vgl. 2,46). Auf die Frage, warum er Vater und Mutter dies angetan habe, antwortet er, daß er nur das getan hat, was der Sohn tun muß, also beim Vater sein. So verweist er darauf, wer sein wirklicher Vater ist, was das wirkliche Zuhause ist, daß er nichts Befremdendes, Ungehorsames getan hat. Er ist dort geblieben, wo der Sohn sein muß, also beim Vater, und er hat hervorgehoben, wer sein Vater ist. Das Wort »Vater« liegt also über der Betonung dieser Antwort, und das ganze christologische Geheimnis wird sichtbar. Dieses Wort öffnet daher das Geheimnis; es ist der Schlüssel zum Geheimnis Christi, des Sohnes, und es öffnet auch den Schlüssel zu unserem Geheimnis als Christen, die wir Söhne im Sohn sind. Gleichzeitig lehrt uns Jesus, Söhne zu sein, gerade indem wir im Gebet beim Vater sind. Das christologische Geheimnis, das Geheimnis des christlichen Lebens ist eng verbunden mit dem Gebet; es gründet auf dem Gebet. Jesus wird seine Jünger eines Tages beten lehren, indem er zu ihnen sagt: Wenn ihr betet, dann sagt »Vater«. Und sagt es natürlich nicht nur mit einem Wort, sondern mit eurem Leben, lernt immer mehr, mit eurem Leben zu sagen: »Vater«. So werdet ihr wahre Söhne im Sohn, wahre Christen sein."

Ein Jahr darauf kommt Papst Benedikt XVI auf die selbe Episode zurück: 

"Heute ist Jesus erneut im Tempel, doch dieses Mal hat er eine andere Rolle, die ihn persönlich betrifft. Er begibt sich zusammen mit Maria und Josef auf die Pilgerreise nach Jerusalem nach Vorschrift des Gesetzes (vgl. Ex 23,17; 34,23ff.), obschon er sein dreizehntes Lebensjahr noch nicht vollendet hatte: ein Zeichen der tiefen Religiosität der Heiligen Familie.
Als aber seine Eltern zurück nach Nazareth aufbrechen, geschieht etwas Unerwartetes: er bleibt, ohne etwas zu sagen, in der Stadt. Drei Tage suchen ihn Maria und Josef und finden ihn im Tempel im Gespräch mit den Gesetzeslehrern (vgl. Lk 2,46–47); und als sie ihn um eine Erklärung bitten, antwortet Jesus, daß sie sich nicht wundern sollen, da dies sein Platz sei, sein Haus beim Vater, der Gott ist.
Origenes schreibt dazu: »Er bekennt, im Tempel seines Vaters zu sein, jenes Vaters, den er uns offenbart hat und als dessen Sohn er sich zu erkennen gegeben hat.  Marias und Josefs Sorge um Jesus ist dieselbe wie die aller Eltern, die ein Kind erziehen, es in das Leben und Verständnis der Wirklichkeit einführen."

Erinnern wir uns an eine wissenschaftlichere Auslegung, den Epilog von "Die Kindheit Jesu" (Franziskus hat es also nicht gelesen?), der genau diesen Titel trägt: "Der 12-jährige Jesus im Tempel" (S. 131 f.)

"Die Antwort Jesu auf die Frage der Mutter ist gewaltig.
Wie? Ihr habt mich gesucht?  Wußtet ihr denn nicht, wo ein Kind sein m? Daß  es im Haus des Vaters sein muß, in dem, was des Vaters ist"  Jesus sagt den Eltern, ich bin genau dort, wo ich hingehöre, beim Vater, in seinem Haus."

Vor allem zweierlei ist wichtig an dieser Antwort: Maria hatte gesagt: "Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht"  Jesus korrigiert sie :"Ich bin beim Vater". Nicht Joseph ist mein Vater, das ist an anderer - Gott selbst. Zu ihm gehöre ich, bei ihm bin ich. Kann die Gottessohnschaft Jesu noch deutlicher  dargestellt werden?
Damit hängt unmittelbar das Zweite zusammen. Jesus spricht von einem "Muss", dem er folgt.
Der Sohn, das Kind, muß bei seinem Vater sein. Das griechische Wort dei, das Lukas hier gebraucht - kehrt in den Evangelien immer dort wieder, wo Gottes Willensverfügung dargestellt wird, der Jesus untersteht.
Er muß viel leiden, verworfen werden, getötet werden und auferstehen, sagt er nach dem Petrus-Bekenntnis zu seinen Jüngern. (Mk 8,31) Dieses Muss, gilt auch schon in dieser frühen Stunde. Er muß bei seinem Vater sein, und so wird sichtbar, daß das, was in den Augen seiner Eltern als Ungehorsam oder unangemessene Freiheit erscheint, in Wirklichkeit gerade der Ausdruck des Sohnesgehorsams ist. Er ist im Tempel nicht als Rebell gegen die Eltern, sondern gerade als Gehorchender, mit dem gleichen Gehorsam der zum Kreuz führt und zur Auferstehung.

Der Hl.Lukas beschreibt die Reaktion von Maria und Joseph auf Jesu Worte Jesu mit zwei Aussagen:
"Sie verstanden das Wort nicht, das er ihnen sagte"  und "Maria bewahrte alle diese Worte in ihrem Herzen" (Lk, 2, 50-51)
Das Wort Jesu ist zu groß für den Augenblick. Auch der Glaube Marias ist ein Glaube "unterwegs", ein Glaube, der immer wieder im Dunkel steht und im Durchschreiten des Dunkels reifen muß.
Maria versteht das Wort Jesu nicht, aber sie bewahrt es in ihrem Herzen und läßt es dort allmählich zur Reife kommen.
Die Worte Jesu sind immer größer als unsere Vernunft. Sie übersteigen immer wieder auf´s Neue unsere Einsicht. Die Versuchung, sie zu verkleinern und auf unser Maß zurecht zu biegen, ist verständlich.
Zur rechten Auslegung gehört gerade die Demut, diese uns oft überfordernde Größe stehen zu lassen, nicht Jesu Worte zu verkleinern mit der Frage, was wir ihm "zutrauen" dürfen.
Er traut uns Großes zu. Glauben heißt sich dieser Größe zu unterwerfen und langsam in sie hineinzuwachsen.
Maria wird dabei von Lukas ganz bewußt als die vorbildlich Glaubende dargestellt:
"Selig bist du, die du geglaubt hast" hatte Elisabeth zu ihr gesagt. Mit der in der Kindheitsgeschichte zweimal vorgebrachten Bemerkung, daß Maria die Worte in ihrem Herzen bewahrte, verweist Lukas -wie gesagt- auf die Quelle aus der er bei seiner Erzählung schöpft. Zugleich erscheint Maria nicht nur als die große Glaubende sondern als das Bild der Kirche, die das Wort Gottes in ihrem Herzen bewahrt und weiterträgt."

"Dann kehrte er mit ihnen nach Nazareth zurück und war ihnen untertan...Jesus aber wuchs heran und nahm zu an Weisheit und Alter und Wohlgefallen bei Gott und den Menschen" Nach dem Augenblick, in dem der größere Gehorsam aufleuchtete, in dem er stand, kehrt Jesus in die normale Situation seiner Familie zurück - in die Demut des einfachen Lebens und in den Gehorsam gegen seine irdischen Eltern."
                                                    
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Wer den Gesamttext der gestrigen Predigt von Papst Franziskus lesen möchte,  die einen ganz anderen Schwerpunkt hat - die Familie als Grundzelle für Verzeihen und Barmherzigkeit - kann das hier tun: klicken

Quellen: La Santa Sede, LEV, BenoîrXVI-et-mor, J. Ratzinger "Jesus von Nazareth, Prolog, die Kindheitsgeschichten", Herder

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