Montag, 18. Januar 2016

Ein Pontifikat mit zwei Gesichtern?

A. Gagliarducci verortet in seiner wöchentlichen Kolumne "Monday in the Vatican"  das Pontifikat von Papst Franziskus zwischen Reformen und Diplomatie.
Hier geht´s zum Original: klicken

               
        "PAPST FRANZISKUS, EIN DOPPELGESICHTIGES REGIEREN?"
"Die Rede, die Papst Franziskus vor den beim Hl. Stuhl akkreditierten Diplomaten gehalten hat, markiert vielleicht eine definitive Änderung der Gangart. Die Rede war durch einen stark diplomatischen Ductus charakterisiert und lieferte eine Art Agenda. Wie Beobachter notierten, sieht diese Agenda, die der Papst allen Regierungen zugänglich machte, eine stärkere Rolle für das Staatssekretariat vor.
Schritt für Schritt hat das Staatssekretariat seine Position der Führung und Koordination der Kurie zurückgewonnen, die es unter Franziskus zu verlieren schien.

Diese Veränderung ist zweifelsohne ein Verdienst von Staatssekretär Kardinal Parolin, der von einem diplomatischen Hintergrund herkommt, der aber auch einen gewissen Instinkt für einfache pastorale Handlungen besitzt.
Während des vergangenen Jahres war der Regierungsstil des Papstes durch eine Reihe von Initiativen des Staatssekretariates gekennzeichnet.
Das Staatssekretariat spielte so die Rolle einer Art Regulators der Situationen, die durch die Wünsche des Papstes nach Reformen hervorgerufen worden waren.
Während dieses Jahres multiplizierte sich die Zahl der Briefe des Papstes an Parolin ebenso wie die nach den Audienzen des Kardinals beim Papst beglaubigten Reskripte.
Diese Dokumente werden schnell verfaßt und sofort umgesetzt, sie sind das schnellste Mittel für die Durchsetzung von Reformen.

Geht man diese Dokumente durch, kann man unter anderem sehen, daß sie die Kontrolle des Staatssekretariates über das dem Hl. Stuhl gehörende Kinderkrankenhaus Bambino Gesù verstärken, das eine Kommission gründete, die die medizinischen Dienste des Vaticans, die religiösen Gemeinschaften gehören, kontrollieren, sie bestätigen den status quo der Kurienämter, während die Reform weitergeht.
Sie betonen, daß das Staatssekretariat die Kontrolle über die vom Presseamt des Hl. Stuhls veröffentlichten Informationen behalten soll, bis die Kompetenz - nach seiner Fertigstellung - dem Kommunikationssekretariat übergeben werden kann.

Diese "Manöver" füllten einige der durch die Reformen des Papstes hervorgerufene Lücken. So sind z.B. bisher weder das Wirtschaftssekretariat, der Wirtschaftsrat, noch das Kommunikationssekretariat in Pastor Bonus, die apostolische Konstitution, die immer noch die Funktionen und Kompetenzen der kurialen Dikasterien regelt, aufgenommen worden. "Pastor Bonus" wird solange der kanonische Referenztext bleiben, bis eine neue Apostolische Konstitution erstellt wurde.

Zusätzlich zu diesen Regierungsaktivitäten ist es bemerkenswert, daß das Staatssekretariat mehr diplomatischen Einfluss ausübt als zuvor. Kardinal Parolins Diplomatie ist die der großen Ära der Vaticandiplomaten. Unter Kardinal Agostino Casaroli ausgebildet, hat der aktuelle Staatssekretär seine diplomatischen Fähigkeiten als "Außenminister" des Hl. Stuhls während der Administration Kardinal Sodanos verfeinert. Diese "diplomatische Schule" ist stark was Dialog und Mediation betrifft. Aber sie unterscheidet auch zwischen pastoralen und diplomatischen Initiativen.

Das war nicht der modus operandi von Papst Benedikt XVI. Der Papa emeritus hatte den diplomatischen modus geändert und gründete ihn auf die Wahrung der Wahrheit. Diesen Übergang kann man nicht nur im Thema seiner ersten Botschaft zum Weltfriedenstag (Friede in Wahrheit) sehen, sondern auch in den diplomatischen Interventionen seines Staatssekretärs, Kardinal Tarcisio Bertone.


Ein Beispiel für das Denken Benedikts XVI findet man in seiner Predigt, die er bei der Messe zur Ordination von 5 neuen Bischöfen hielt. Unter diesen neuen Bischöfen war der jetzige Kardinal Pietro Parolin, damals neuernannter Nuntius in Venezuela. Die Messe fand am 12. September 2009 statt.
Benedikt XVI unterstrich, daß die erste Haupttugend eines Priesters als Diener Jesu Christi darin besteht, "sich von der Wahrheit formen zu lassen, die Christus uns zeigt.  Auf diese Weise werden wir wirklich vernünftige Leute, die auf der Basis des Ganzen urteilen und keine Details verändern. Lassen wir uns nicht durch das leiten, was wir durch das kleine Fenster unserer persönlichen Schlauheit sehen, sondern schauen wir lieber durch das große Fenster, das Christus für uns auf die Welt und die Menschen geöffnet hat, auf die ganze Wahrheit und so erkennen, was wirklich zählt im Leben."

Diese Art des Zugangs wurde von der "Vatican-Gang" ununterbrochen kritisiert, besonders als Benedikt XVI nach der Regensburger Rede im Kreuzfeuer stand - zwischen den Katholiken, die die revolutionäre Bedeutung der Wahrheit für das Betreiben von Diplomatie nicht verstanden hatten und den höchst empfindlichen Muslimen. Beide Parteien waren enttäuscht.
Aber nach der Regensburger Rede kam aus der Islamischen Welt ein Impuls für einen soliden Christlich-Islamischen Dialog, der auch jetzt noch andauert.

Einmal gewählt, traf sich Papst Franziskus am 22. März 2013 mit dem beim Hl.Stuhl akkreditierten Diplomatischen Corps, Kardinal T. Bertone war noch Staatssekretär und die Rede des Papstes enthält ein erhellendes Detail. Die Rede war typisch für Papst Franziskus, mehrheitlich pastoral, aber ein Satz verbindet ihn mit der diplomatischen Position Benedikts XVI.
"Franziskus von Assisi" sagte Papst Franziskus, "sagt uns, wir sollen daran arbeiten, Frieden herzustellen. Aber es gibt keinen wahren Frieden ohne Wahrheit! Es kann keinen wahren Frieden geben, bei dem jeder seine eigenen Kriterien hat, wenn jeder immer ausschließlich seine eigenen Rechte beanspruchen kann, ohne sich um das Wohl der anderen - jedes einzelnen - zu kümmern, auf der Basis der Natur, die alle menschlichen Wesen auf dieser Erde vereint."

Dann wurde Kardinal Bertone durch Kardinal Parolin ersetzt. Parolin ist Berufsdiplomat. Geduldig arbeitend hat er rund um Franziskus genau den institutionellen Rahmen geschaffen, den Franziskus loswerden zu wollen schien.

Die päpstliche Neujahrsansprache von 2014 war voller Inputs des Staatssekretariates. Aber der Anfangsteil, in dem breit über getrennte Familien, die Rolle der Alten in der Gesellschaft und den Weltjugendtag in Rio gesprochen wurde, war sicher ein Hinweis auf den pastoralen Stil von Franziskus,
2015 hatte die Rede sogar einen noch diplomatischeren Tonfall und enthielt weitgestreute Analysen des aktuellen geopolitischen Zustands der Welt. Am Ende war diese letzte Rede wahrscheinlich eine völlig diplomatische und stellte eine Art Hausaufgabe für die beim Hl. Stuhl akkreditierten Botschafter dar.

Dennoch hat der Papst seine pastorale Sicht auf diplomatische Themen nicht umgangen. In seiner Rede ist seine Diplomatie die Diplomatie des Gebetes und der Öffnung der Hl. Pforte.
Nicht zufällig betonte er vor den Botschaftern seine Entscheidung, die erste Tür des  Hl. Jahres in der Republik Zentralafrika zu öffnen. Papst Franziskus´ Diplomatie ist auch eine Diplomatie der Barmherzigkeit und in der Rede hat er auch klar ausgesprochen, daß Barmherzigkeit sein Leitprinzip in der Diplomatie ist. (....)

Die Rede zeigte aber auch eine klare Auflistung seiner Prioritäten. Die Top-Priorität ist die Migration. Eines der kommenden "Super-Dicasterien" wird jetzt "für Gerechtigkeit, Frieden und Migration" betitelt und nicht wie zuvor geplant "Gerechtigkeit, Frieden und Mildtätigkeit".

Sicher, die Beschäftigung mit Themen der Migration ist das erste Ziel päpstlicher Diplomatie geworden. Die Rationale hinter dieser Wahl ist die Theorie, daß man durch die Hilfe für die Migranten den Import von Gewalt und Terrorismus verhindern könnte und daß mehr Barmherzigkeit die Lösung sowohl für die Migrationsproblematik als auch den Menschenhandel sein kann (darauf beharrte Papst Franziskus als eine seiner Hauptaktivitäten zu Beginn seiner Rede).

In seiner Rede stellte der Papst das Staatssekretariat zur Förderung und Unterstützung von Friedensprozessen zur Verfügung. Das Staatssekretariat wird mitspielen.
In diesen Jahren hat Kardinal Parolin zunächst ein Büros für Mediation innerhalb des Staatsekretariates errichtet, dann ein Büro zur Beurteilung, inwieweit Parteien, die im Krieg sind, humanitäre Bemühungen zulassen.
Die humanitären Bemühungen des Hl. Stuhls werden auch durch die aktive Teilnahme an den Vorbereitungsgesprächen für den Humanitären Weltgipfel demonstriert, die UN-gesponsorte Initiative, die Papst Franziskus in seiner Rede an die Botschafter erwähnte.

Am Ende verändert sich Papst Franziskus. Er bleibt der Erzbischof von Buenos Aires, wenn er an ökumenischen Treffen teilnimmt, zu Volksbewegungen, oder aus dem Stegreif spricht - abseits des Skripts - indem er die Gemütslage der Menschen liest. Aber er ist Papst, wenn es um Entscheidungen geht,
Papst Franziskus liebt es, Entscheidungen selbst zu treffen. Aber er kannte die Kurie früher auch nicht und so vertraute er den Männern der Kurie nicht. Das ist der Grund, weshalb er sich mit Beratern von außerhalb der Kurie umgab. Die Periode des vaticanischen Outsourcens war ein Ergebnis seines Papstverständnisses - wie auch die Einrichtung des Kardinalsrates.

Heutzutage vertraut Papst Franziskus einigen Kurienmitgliedern mehr als zuvor. Er versteht jetzt die Existenz des sogenannten "verborgenen Vaticans" der aus Liebe und zum Wohl des Hl. Stuhls arbeitet und er erkennt dessen Bemühungen sehr an. Der Papst ist sich auch der Notwendigkeit einer Kontinuität mit seinem Vorgänger bewußt geworden und hat deshalb die Interpretation seines Pontifikates als eines Bruches mit der Vergangenheit dekonstruiert.

Papst Franziskus hat auch einige leichte Änderungen in seinem öffentlichen Auftreten gemacht, als ob er jetzt verstanden habe, daß er als Papst gesehen werden muß. Deshalb benutzt er jetzt den Fischer-Ring (eines der päsptlichen Insignien), wenn er an bestimmten päpstlichen Zelebrationen oder offiziellen Ereignissen teilnimmt, während er weiterhin seinen Bischofsring bei den Generalaudienzen und weniger offiziellen Treffen trägt. Eine der Hauptveränderungen ist, daß er während des letzten weihnachtlichen Urbi et Orbi-Segens von der Loggia der Petersbasilika aus die Stola trug.

Das war das erste mal. Er trug nicht die Mozzetta, aber die Stola als einen Schritt vorwärts zu einer verbesserten Institutionalisierung (nach seiner Wahl trug er weder die Stola noch die Mozzetta).
Diese Signale bedeuten vielleicht, daß Papst Franziskus sich seiner Rolle bewußter geworden ist. Ein anderes Zeichen dafür ist, daß der Papst den Entwurf zur postsynodalen Exhortation bereits dreimal durchgesehen hat und immer noch korrigiert. Die Exhortation soll - vielleicht - am 19. März veröffentlicht werden.

Sie wird auf dem Schlußdokument basieren und wir werden sehen können, ob der Papst einen starken Standpunkt eingenommen hat (was zu einer Art Humanae-Vitae-Effekt für die Synode führen würde) oder ob er die Wahrheit bestätigt hat, sie aber verwässert um einiger pastoraler Praktiken willen, oder ob er aus dem Dokument einen "fetus abortivus" - eine Fehlgeburt (Worte eines Kardinals) gemacht hat - das heißt ein kurzes knappes Dokument, das nicht viel an der Lehre ändert und sich nicht allzu sehr in die offenen Diskussionen einmischt.

Niemand kann die Zukunft vorhersehen, aber im Augenblick ändert der Papst offenbar seinen Regierungsstil. Er scheint sich immer mehr auf das Staatssekretariat zu verlassen, das sein Vertrauen gewonnen und seine frühere herausragende Stellung wiedergewonnen hat. Wahrscheinlich hat der Papst noch einige Überraschungen für weniger offizielle Augenblicke bereit, besonders bei internationalen Reisen. Er hat z.B. in Bolivien ein als Hammer-und-Sichel, das marxistische Emblem, geformtes Kruzifix entgegen genommen aber auch den Orden de Espinal - geschaffen vom Bolivianischen Parlament in Erinnerung an Fr. Luis Espinal S.J.
Father Espinal war ein sozial engagierter Priester- und Held der Befreiungstheologie- der in Bolivien ermordet worden war, während seiner Südamerika-Reise erwies er dem Priester an dem Platz die Ehre, an dem er ermordet worden war. Vielleicht wird er auch anderen die Ehre erweisen. die wegen ihre Beziehung zur Befreiungstheologie kompromittiert waren.

Das ist ein Aspekt seiner Geringschätzung des institutionellen Charakters des Papsttums, aber auch Teil seiner starken Verbindung zu lateinamerikanischen Themen. Aber auch wenn manche der improvisierten päpstlichen Gesten Polemiken auslösen werden, wird die päpstliche Diplomatie die Reihen schließen und die diplomatischen und pastoralen Aspekte der Reise strikt voneinander trennen.

Am Ende hat dieses Pontifikat zwei Gesichter: da ist der institutionelle Aspekt, den der Staatssekretär verkörpert und das ist die nicht-institutionelle Rolle, die Papst Franziskus spielt.

Quelle: Monday in the Vatican, A.Gagliarducci

p.s. es mag wohl sein, daß Papst Franziskus bis jetzt gebraucht hat, um seine Rolle, die Bedeutung der Institutiion und der Kontinuität zu verstehen, ein Zeichen für schnelle Auffassungsgabe ist das sicher nicht.

Noch eine Bemerkung in eigener Sache: habe den Beitrag leider versehentlich viel zu früh freigeschaltet, als er noch wie "Kraut & Rüben" war- und ich noch mitten in den Korrekturen. Wer ihn da schon gelesen oder erlitten hat: es tut mir leid! Tschuldigung......





Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen