Dienstag, 5. Januar 2016

Gagliarducci über den wahren Feind der Kirche

Andrea Gagliarducci beschreibt in seiner wöchentlichen Kolumne in "Monday in the Vatican" für seine Leser, wen er für den eigentlichen Feind der Kirche- auch in unserer Zeit- hält,- für uns nach den Scharmützeln der Synode vielleicht etwas unerwartet - : die Prostestantisierung. Wir - im Lande der Reformation angesichts des desolaten Glaubens-Zustandes der Kirchen des Protestantismus neigen vielleicht dazu, diesen Feind zu unterschätzen - deshalb ist sein Artikel mit dem Querverweis auf das Luther-Buch Angela Pellicardis "Martin Luther"gerade im Hinblick auf das drohende Reformationsjubiläum ein guter Denkanstoß.
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                  "PAPST FRANZISKUS: WAS IST DER WAHRE FEIND?"

"Das Nahen der erwarteten postsynodalen Apostolischen Exhortation, die die beiden Familien-Synoden zum Abschluss bringen wird, wird vielleicht zu einer Diskussion, die sich auf ein wichtiges Thema konzentriert, führen. Dieses Thema ist - oft überschattet, obwohl es beunruhigend ist: wie groß die Wirkung war und immer noch ist, die die Prostestantische Reformation auf die Art und Weise hat, wie die Katholiken ihre Kirche wahrnehmen.

Das Thema handelt nicht ausschließlich von den möglichen Effekten der Reformation auf die Katholische Disziplin. Es umfaßt auch das Wesen der Römischen Kirche selbst, wie es historisch konzipiert ist.
Durch sein Predigen stellte M. Luther die Souveränität des Hl. Stuhls in Frage. Er ersetzte de facto die Werte Freiheit und Verantwortung durch Barmherzigkeit und erachtete so den Menschen als nicht voll verantwortlich für seine Entscheidungen, also nicht ganz frei.
Er löste die Kirche von der Autorität des Papstes und ersetzte die Autorität des Papstes durch die der Fürsten, also durch eine säkulare Macht.
Letztlich löste er so einen Verunglimpfungs-Feldzug gegen die Kirche aus, die immer noch ihr Echo in den aktuellen anti-katholischen Medienkampagnen findet.
"Martin Luther" (Siena 2015, Cantagalli) ein kleines Buch der Historikerin Angela Pellicardi wirft ein Licht auf die wahren Inhalte von Martin Luthers Predigen und Schriften. Das Buch zu lesen, hilft uns, vieles in der laufenden Diskussion zu verstehen.
Besonders heute ist es wichtig, sich vor dem verborgenen und subtilen Feind zu hüten: dem der Protestantisierung.



Seit der Wahl von Papst Franziskus stehen diese Themen im Zentrum der Medienagenda für den Papst, der aus Argentinien kam.
Papst Franziskus´ Emphase für die Barmherzigkeit paßt - am Ende zu dem Verständnis von Kirche, die sich weniger auf politischem und mehr auf sozialem Gebiet engagiert.
Weil der Papst nicht am II. Vaticanischen Konzil teilnahm, wurde er als gegenüber den Medien empfänglicher angesehen, die dazu neigen, das Konzil als Bruch in der Kirchengeschichte zu betrachten,

Dass das nicht der Fall war, ist durch das außerordentliche Werk von Erzbischof Agostino Marchetto bewiesen worden. Erzbischof Marchetto ist Autor dreier Bücher über die Geschichte des II. Vaticanischen Konzils. Diese Bücher sind voller Dokumente, die zeigen, daß es beim II  Vaticanischen Konzil nicht darum ging, eine Bresche in das Fortbestehen des Glaubens zu schlagen. Das Konzil wollte keine andere Kirche, mit einer anderen Autorität, eventuell dezentralisiert.
Das Konzil wollte eine Kirche, die in der Lage sein sollte, eine neue Sprache zu gebrauchen, um den immerwährenden Gauben zu beschreiben.
Der Papst war immer der Papst, die Kirche immer Katholisch, Apostolisch, Römisch, die Universalität Petri und seine Autorität wurden durch die Autorität der Ortsbischöfe nicht unterminiert, die Würde der Priester nie in Frage gestellt.
Als das "Medien-Konzil" am Ende des II . Vaticanums ausbrach, versuchte die Kampagne, die Kirche auf ein Gelände zu führen, daß eben die Bischöfe, die am Konzil teilnahmen, nicht erkunden wollten.
Nach dem Konzil konzentrierte sich die Debatte meistens auf die Möglichkeit verheirateter Priester und des Frauenpriestertums, die Wichtigkeit der Ortsbischöfe und sogar auf die Möglichkeit, einige Mitglieder des Synodenrates zum Konzil zuzulassen und auf die Möglichkeit, die Kirchenlehre zur Sexualmoral zu ändern, um sie besser an den Weltgeist anzupassen.

In der Tat zeichnete sich die Abfassung von Humanae Vitae, der Enzyklika des seligen Pauls VI zu Leben und Empfängnis, durch eine starke Wirkung auf die Medien aus. Wie ein Mitglied der beratenden Kommision  bezeugte, versuchten die Medien nur einzelne Punkte der Themen, die auf dem Spiel standen, herauszupicken, besonders die, die einer möglichen Veränderung der Sexualmoral gegenüber offener waren. Der Selige Paul VI, ein Märtyrer des II Vaticanischen Konzils und seines Versuchs, die Einheit des Glaubens zu bewahren, umging die Schlußfolgerungen der Kommission und bestätigte die Lehre, so wie sie war.

Es ist kein Zufall, daß bei der vergangenen Familiensynode die Möglichkeit ventiliert wurde, Humanae Vitae "pastoral up-zu-daten". Weil einige der Circuli Minores dieses Thema während der Synode diskutierten, könnte es in der postsynodalen Apostolischen Exhortation auftauchen, die der Papst verfaßt.
Selbst die Hermeneutik der "von-Fall-zu-Fall-Unterscheidung" für die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur sakramentalen Kommunion hatte sich zunächst auf die Anwendung von Humanae Vitae durch die Gemeindepfarrer  bei der Beichte bezogen
Aber die pastorale Praxis, die auf einem weisen Umgang bei der Beichte beruht ist eine Sache, eine andere aber die Institutionalisierung eines Bruchs der Kirchendoktrin.
Auf diese Weise bricht die Einheit der Lehre zusammen und wäre als Doktrin der relativistischen und subjektiven Interpretation jedes Priesters unterworfen.

Der Zug zur Subjektivität war eines der Argumente von Martin Luthers Anti-Rom-Predigten. Angela Pellicari schreibt: " Mit der Eliminierung der Funktion des Lehramtes, der Leugnung der priesterlichen Ordnung, dem Lobpreis der individuellen Freiheit und der Zurückweisung der Wichtigkeit der Werke, um die Erlösung zu erreichen, trifft jeder seine eigenen Entscheidungen. Jeder liest die Bibel, interpretiert sie auf seine Weise, und vertraut dabei auf die Hilfe des Hl. Geistes."

Am Ende besteht bei der von-Fall-zu-Fall-Unterscheidung die Gefahr beim "sola scriptura" anzukommen, was Luther wollte. Der Priester, der von Fall zu Fall entscheidet, beseitigt die Funktion des Lehramtes und gründet sein Tun auf seiner persönlichen Interpretation der Schrift. Er hat große persönliche Macht aber das ist eine viel menschlichere Macht als die, die von Gott kommt.
In seiner Enzyklika "Spe salvi" fragt Benedikt XVI: "Wie konnte die Idee entstehen, daß die Botschaft Jesu eine eng Individualistische ist und nur auf jede Person einzeln abzielt?  Wie sind wir zu einer solchen Interpretation der "Rettung der Seele" gekommen - als eine Flucht vor der Verantwortung für das Ganze und wie sind wir dazu gekommen, das Christliche Projekt als eine selbstsüchtige Suche nach Rettung zu betrachten, die den Gedanken andere zu retten, zurückweist?"

Angela Pellicari antwortet darauf : "Das ist so, weil Luther das universale Charisma Petri  und seine Aufgabe der Verteidigung der ganzen Kirche als Rom-Sklaverei fehlinterpretierte. In der Konsequenz wurde, wie es aussieht, der Körper zugunsten der Seele verlassen, also unseres Innersten, das mit unserem Gewissen korrespondiert.  Es ist so, als seien Seele und Körper gegeneinander gesetzt und jeder gehe seinen eigenen Weg.  Als ob das Hören auf das Gewissen der Ersatz für das Hören auf Petrus sei."

Das sind immer noch die Hauptthemen unserer Zeit: um die Gläubigen von der Kirche zu lösen gab Luther den Fürsten, der säkularen Macht, eine fundamentale Rolle. Er rief sogar die Autoritäten der säkularen Mächte gegen den Papst auf, falls der Papst einen Fehler machte.
Aber die Autorität des Papstes, seine Souveränität wird durch Notwendigkeit der Unabhängigkeit von weltlichen Mächten gerechtfertigt. Nur auf diese Weise - so erklärte es Leo der Große - kann die Kirche wirklich glaubwürdig und frei sein.

Als Luther die Einheit der Kirche mit diesen Argumenten zerbrach und vieles aus der Kirchengeschichte verdunkelte, schuf er den fruchtbaren Boden, auf dem antikatholischer Hass gedeihen kann.
Das Thema der  "Wahlfreiheit" wurde dann von der Freimaurerei aufgenommen, die - im Namen der Vernunft - den stärksten Angriff auf die Lehre der Kirche unternahm, indem sie zuerst die Autorität der Kirche unterminierte.

Nach Jahrhunderten wurde die Autorität der Kirche durch die öffentliche Meinung unterminiert, die heute eine arme Kirche unterstützt, die bei den Armen bleibt und sich nicht in zeitliche Dinge einmischt (und es den Fürsten der Macht überläßt, Entscheidungen über den Menschen zu treffen):
Das Endziel ist, die gesamte Lehre der Kirche auszuhöhlen. Diese Ziel steckt hinter vielen Versuchen, Druck auf Papst Franziskus auszuüben, die Lehre der Kirche zu ändern oder in den Aussagen zumindest so zweideutig zu sein, daß Spielraum für verschiedene Interpretationen bleibt.

Das ist der Fall bei der postsynodalen Apostolischen Exhortation, in die große Erwartungen gesetzt werden - bzgl. der Bandbreite, in der das Pendel Interpretation von einer Seite zur anderen schwingen kann.
Es ist bemerkenswert, daß es die Deutsche Kirche war, die am stärksten zu einer Agenda der Barmherzigkeit drängte, die selbe Deutsche Kirche, die mehr denn je die Auswirkungen der protestantischen Reformation spürt, und die mehr als jede andere vom Geist der Welt angezogen wird.
Das System der Kirchensteuer machte sie zu einer reichen Ortskirche aber auch zu einer weltlichen.
Benedikt XVI hat auf diese Weltlichleit in seinen Reden während seiner zweiten Reise in seine Heimat 2011 hingewiesen. Der Papst bemerkte damals auch, daß dieser Trend zur Säkularisierung Vorsehung war, weil sie der Kirche erlaube, sich selbst in spirituellerer Weise neu zu denken.

Während alle in Richtung einer "menschlicheren Kirche" drängen, ist das, was wir brauchen, eine göttlichere Kirche, wie Kardinal Ratzinger einst beobachtete.
Das ist das Thema. Der subtile Feind ist die immer fortdauernde Protestantisierung und dieser verborgene Feind ist der, den die Kirche vor allen anderen bekämpfen muß.

Wird Papst Franziskus ihm erfolgreich entgegentreten können? Wird er fähig sein, über die Erzählungen hinauszugelangen, die sein Pontifikat als eines des Bruches beschreiben, so wie das II Vaticanische Konzil als Konzil des Bruches angesehen wurde?

Aus diesem Grund ist das II Vaticanische Konzil jetzt der Dreh-und Angelpunkt. Das rigorose Werk Erzbischofs Marchettos muß jetzt sorgfältig gelesen werden. Seine letzte Veröffentlichung, die Tagebücher von Kardinal P. Felici, dem Konzilsekretär, bezeugen die unermüdliche Anstrengung der Konzilsväter die Einheit der Kirche zu erreichen - trotz der Strömungen die sich während der Debatten zeigten.

Das war nicht der Versuch, die Debatte zu ersticken sondern eher der, ihr eine Kontinuität zur Geschichte und der Lehre der Kirche zu geben. Schaut man vorwärts - auf das postsynodale Dokument, müssen diese Themen erwogen werden. Sogar Bischöfe und Kardinäle sollten das tun.
Papst Franziskus verändert das Profil der Bischöfe und - als Konsequenz - das des Kardinalskollegiums.

Der Papst legt viel Wert auf die Ortskirchen, er will keine A-und B-Klasse Diözesen mehr. Das kommende Konsistorium (das wahrscheinlich im Februar 2016 stattfinden wird), sollte uns klarere Hinweise auf Franziskus´ Ideen geben.
Dieses Konsistorium sollte auch der Ort für eine Diskussions über die postsynodale Apostolische Exhortation sein.  Dann werden wir in der Lage sein, zu erkennen, ob das Kardinalskollegium die Wichtigkeit der Dinge, die auf dem Spiel stehen, verstanden hat. Die Protestantisierung der Kirche würde sie ohne Verteidigung dastehen lassen.
Die säkulare Welt könnte dann "Rom erobern", etwas was schon immer ihr Endziel gewesen ist."

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