Mittwoch, 20. April 2016

Ist Papst Franziskus ein Populist, oder "Das erwählte Volk" Lesen!

Fortsetzung, die so einige Rätsel die Papst Franziskus uns aufgibt, löst. Professor Loris Zanatta lehrt Lateinamerikanische Geschichte an der Universität Bologna.

"DAS ERWÄHLTE VOLK"
  von Loris Zanatta

"Ist Bergoglio Peronist? Ja absolut. Aber nicht, weil er dazu in seiner Jugend wurde. Er ist es in dem Sinn, daß Peronismus die Bewegung ist, die den Triumph des Argentinischen Peronismus über ihren liberalen Gegenpart besiegelte, der die historischen Werte des Volkes vor dem Kosmopolitarismus der Elite rettete. Peronismus verkörpert daher für Bergoglio die gesunde Verbindung zwischen Volk und Nation in der Defensive und einer zeitlichen, auf Christlichen Werten basierenden Ordnung, die immun sind gegen den protestantischen Liberalismus, desses Ethos sich selbst als kolonialer Schatten über die Katholische Identität Lateinamerikas legt.

Aber ist Bergoglio dann ein Peronist? Er ist es, absolut, ja, vorausgesetzt, daß man das Konzept richtig versteht [....] 
Während seiner großen Reisen 2015 nach Ecuador, Bolivien, Paraguay, Kuba und die USA, Kenia, Uganda und Zentral-Afrika hat Franziskus das Wort "pueblo" 356 mal benutzt. Der Populismus des Papstes ist bereits in diesem Wort präsent. 
Weniger vertraut ist Bergoglio allerdings mit anderen Worten: er sagte das Wort "Demokratie" nur 10 mal, "individuell"  14 mal, meistens in negativem Zusammenhang [....]
Sind diese Zahlen bedeutungslos? Nicht so ganz. 
Sie bestätigen uns, was man schon raten konnte, daß der Begriff "pueblo" der Schlüssel zu seinem Sozialbewußtseins ist.

Sein Volk ist gut, tugendhaft, und die Armut stattet es mit moralischer Überlegenheit aus. Es ist die Volksnachbarschaft, sagt der Papst, wo Weisheit, Solidarität und die Werte des Evangeliums bewahrt werden. Dort findet man die Christliche Gesellschaft, das depositum fidei. 

Außerdem ist dieses "pueblo" nicht die Summe von Individuen, sondern eine Gemeinschaft, die über sie hinaus geht, ein  lebender Organismus, animiert von einem uralten, natürlichen Glauben, in dem das Individuum sich in das Ganze hinein auflöst. 
Als solches ist das "pueblo" das erwählte Volk, dessen Identität in Gefahr ist. Es ist kein Zufall, daß Identität der andere Pfeiler von Bergoglios Populismus ist: eine immerwährende ewige Identität, in der sich entwickelnden Geschichte, auf die das "pueblo" ein Monopol hat: eine Identität der sich jede menschliche Institution oder Konstitution beugen muß, um nicht ihre Legitimität zu verlieren, die ihr vom "pueblo" verliehen wurde.

Es versteht sich von selbst, daß dieses romantische Verständnis des "pueblo" diskussionswürdig ist, ebenso wie die moralische Überlegenheit der Armen, Man braucht keinen Anthropologen, um zu verstehen, daß Volksgemeinschaften wie jede Gemeinschaft Laster und Tugenden haben. Und der Pontifex selbst erkennt das an und widerspricht sich selbst, wenn er eine Ursache-Wirkung-Relation zwischen Armut und fundamentalistischem Terrorismus herstellt, eine Beziehung die darüber hinaus unwahrscheinlich ist.

Aber die Idealisierung des"pueblo" hilft dabei, die Komplexität der Welt zu vereinfachen, etwas worin die Populismusformen konkurrenzlos sind.
Die Grenze zwischen gut und böse erscheint dann durchsichtig und kann die enorme Kraft freisetzen, die jeder manichäischen Kosmologie eigen ist,
So stellt der Papst das gute Volk den raubtierhaften und egomanischen Oligarchen entgegen, Eine verwandelte Oligarchie, ohne Gesicht und Namen, die Essenz des Bösen, wie der heidnische Anbeter des Götzen Mammons: Konsum ist Konsumismus, das Individuum ist selbstsüchtig, Aufmerksamkeit für Geld ist seelenose Anbetung [....]

Was ist der größte Schaden, den diese Oligarchie verursacht? Die Korruption von "el pueblo". Die Oligarchie untergräbt die Tugenden, Homogenität, religiöse Spontanäität, wie ein Verführungsteufel. So gesehen sind die Kreuzzüge Bergoglios, so sehr sie auch die Sprache der postkolonialen Kritik untermischen, die Erben der antiliberalen Kreuzzüge der katholischen Hardliner, von vor einigen Jahrhunderten,
Etwas was überhaupt nicht seltsam ist: der Katholische Antiliberalismus, der auf säkularer Ebene mit der antiliberalen Ideologie der Zeit- zuvörderst des Faschismus und des Kommunismus-sympathisierte, schließt sich heute natürlich dem Antiglobalisierungs- Kauderwelsch an.




Natürlich gibt es in der Geschichte des Katholizismus auch eine robuste katholisch-liberale Tradition, dem politischen Säkularismus zugetan, den individuellen Rechten, der wirtschaftlichen und privaten Freiheit. Aber das ist nicht die Familie, die Franziskus aufwachsen sah.
Wenn das Heilige Kollegium einen chilenischen Papst gewählt hätte, wer weiß, vielleicht hätte der auch in diesem kulturellen Universum herumgefischt. Aber die Argentinische Kirche ist das Grab der liberalen Katholiken, getötet durch die Welle nationalen Populismus´ [...]
       
Im Hintergrund passieren inzwischen viele Dinge und es stellen sich viele große Fragen auf Grund von Franziskus´ Vision von der Welt und seines Verständnisses von "pueblo", die es inspirieren und deshalb seine Effizienz bei der Wiederherstellung der verlorenen Statur der Kirche beeinflussen.

Moderne Gesellschaften, einschließlich der der südlichen Hemisphäre, sind sehr viel differenzierter und pluralistischer. Spricht man vom "pueblo", das seine reine und religiös geprägte Identität bewahrt, handelt es sich oft um einen Mythos, der nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat,

Fortzufahren, die um Millionen anwachsende Mittelschicht, die nach mehr Konsum und besseren Möglichkeiten strebt und die kolonialen Klassen weiterhin als Feinde des pueblo zu betrachten, macht keinen Sinn. Viel Arme von gestern gehören heute der Mittelschicht an.

Auch auf politischer Ebene haben die Formen von Populismus, zu denen Bergoglio diese starke Affinität hegt, schwere Schläge einstecken müssen, besonders in Lateinamerika, so sehr, daß man argwöhnen könnte, daß das pueblo, das sie so beschwören, sie zu Waisen gemacht hat.

Es ist kein Zufall, daß Bergoglio desorientiert erschien, als ein Journalist ihn nach seiner Meinung zur Wahl von Mauricio Macri in Argentinien und dem neuen antipopulistischen Kurs befragte, der in Südamerika gegangen zu werden scheint, wie manche glauben.
"Ich habe einige Meinungen gehört" stammelte der Papst-"aber zu seiner Geopolitik kann ich im Augenblick nichts sagen, Es gibt eine Anzahl lateinamerikanischer Länder, die in einer sich verändernden Situation sind, das ist richtig, aber ich kann es nicht erklären."

Auf den ersten Blick ist er darüber nicht begeistert, wenn er die eher säkularen und kosmopolitischen Profile der Kräfte bedenkt, die auftreten, um die in der Krise befindlichen Formen des Populismus zu ersetzen. Aber sie sind es, mit denen der Hl.Vater klar kommen muß. Verehrt von den Gläubigen, ist aber auch er eine Waise des pueblo - jedenfalls ein bißchen."

Quelle:Il Mulino, Loris Zanatta, www.chiesa S. Magister


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