Samstag, 23. Juli 2016

Wer hätte das gedacht: der liberale Katholizismus in der Krise

Matthew Schmitz beschreibt im Catholic Herald  die Lage des liberalen Katholizismus- der sich nach Jahrzehnten medial unterstützter Umbau-Arbeit an der Kirche vielleicht am Ziel seiner Modernisierungsträume wähnte, als der Erzbischof von Buenos Aires zum Nachfolger Petri gewählt wurde. Doch nun gehen ihnen das Protestantisierungs-Aggiornamento weder weit noch schnell genug und der ein oder andere wird ungeduldig und fordert sichtbare Schitte .
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     "DIE UNERWARTETE KRISE DES LIBERALEN KATHOLIZISMUS"

Sie könnten vielleicht denken, daß sich die Progressiven unter dem laufenden Pontifikat freuen würden. Statt dessen sorgen sie sich um die Zukunft.

"Sogar obwohl Papst Franziskus den Beifall der Welt dafür gewinnt, dem Katholizismus ein freundlicheres Gesicht zu geben, beginnt Kritik zu rumoren. In den sozialen Medien und Meinungskolumnen haben sie eine Liste der Klagen zusammengestellt. Während sie seinem pastoralen Ausgreifen zustimmen, sind sie besorgt, daß er die Kirche für die Herausforderungen unserer Zeit unvorbereitet läßt. Sie bewundern die Männer, die er befördert, ärgern sich aber, daß er auch Bischöfe ermächtigt hat, die die Kirche auf einen gefährlichen radikalen Weg führen wollen, und das auch tun können, wenn er nicht mehr da ist.


                          "'I meet so many young people like you,' the priest told me, 'and it makes me terrified for the future of our Church'" (Illustration: Christian Adams)
                          " Ich treffe so viele junge Leute wie Sie, sagte der Priester und es macht mir Angst                                                                          vor der Zukunft unserer Kirche."                                                  (Illustration: Christian Adams)

Nein, diese Kritiker sind nicht die Konservativen, deren Klagen ein familiärer Zug dieses Pontifikates geworden sind, sondern liberale Katholiken, deren anfänglicher Enthusiasmus sich in Sorge, sogar Alarm verwandelt. 3 Jahre nach seiner Wahl, hat "The Tablet" (kein wirklich ernst zu nehmendes Blatt)  entschieden, daß das Reformprogramm von Papst Franziskus sehr schnell überfällig wird.
Robert Mickens, der alte Vatican-Korrespondent, schreibt im National Catholic Reporter, daß "viele reformorientierte Katholiken wieder sehr verwirrt sind über die zukünftige Richtung ihrer Kirche".

Vito Mancuso, ehemaliger Priester und Protegé des liberalen italienischen Löwen-Kardinals Carlo Maria Martini, teilt ihre Ängste. "Zwei diametral entgegengesetzte Kräfte innerhalb der Katholischen Kirche", warnt er uns in einem kürzlich erschienenen Interview in La Repubblica.
Erneuerern wie ihm sind die, die zur "gesunden Tradition" etwass was besonders bei jungen Priestern vorkommt.
Mancuso glaubt, daß wenn Franziskus nicht entschiedener und bald handelt, Gefahr läuft, nicht mehr als ein "shooting star" zu sein.
Nach seinem Tod oder Rücktritt könnte das Kardinalskollegium einen Papst wählen, der den pastoralen Zugang Franziskus´ beenden könnte und anfangen direkte Aussagen und Verurteilungen zu machen.
Sie fürchten besondern die Wahl Kardinal Robert Sarahs, eines Mannes, der nicht sehr daran interessiert zu sein scheint, den Sensibilitäten gebildeter Westler zu schmeicheln. Er erscheint in ihren Albträumen unter dem Namen Pius XIII.




So eine Umkehr hat es schon einmal gegeben. 1973, im ungewöhnlich jugendlichen Alter von 36 wurde Franziskus, damals noch unter dem Namen Jorge Mario Bergoglio bekannt, zum Oberhaupt der turbulenten Jesuiten-Provinz Argentinien ernannt. Seine charismatische Persönlichkeit und sein populärer Touch zog junge Männer in den Orden, entfremdete ihm aber die Jesuiten rund um das Zentrum für Soziales Forschen und Handeln. Sie wünschten sich einen strukturierteren Umgang mit den politischen Problemen Argentiniens und eine intellektuellere Sicht auf den Katholischen Glauben.

Franziskus ignorierte ihr Grollen, als er ein Reformprogramm in Kraft setzte, aber sein Erfolg erwies sich als dürftiger als erwartet. Als er dann zurücktrat, folgte ihm ein Verbündeter nach, der ihn in seiner neuen Rolle als Rektor der Jesuiten-Schule unterstützte. Dennoch überzeugten Franziskus´ Gegenspieler den Ordensgeneral der Gesellschaft Jesu, Peter Hans Kolvenbach, bald einen der ihren als Oberhaupt der argentinischen Jesuiten einzusetzen.

Dann wandten sie sich gegen Franziskus. Der zukünftige Papst wurde nach Deutschland exiliert, angeblich um eine Doktorarbeit über den deutschen Philosophen Romano Guardini zu schreiben,
aber in Wirklichkeit um zu verhindern, daß er zu Hause weiter Turbulenzen verursachte.
Als er zurück kam, fanden seine Gegner einen anderen Weg, ihn zu isolieren. 1990 wurde er in die entfernte Bergstadt Cordoba geschickt  1992 wurde er gebeten, nicht mehr in Jesuiten-Unterkünften zu wohnen.

An diesem Punkt war sein Scheitern vollständig. In  nur wenigen Jahren und trotz seiner immensen Popularität während seiner Amtszeit wurde Franziskus von der Institution, die er eínst geleitet hatte, verworfen. Weil er versäumt hatte seine Reformen zu untermauern, oder sich die Mitarbeit unverzichtbarer Verbündeter zu sichern, wurde seine ganze Arbeit zunichte gemacht.

Könnte das wieder passieren? Als ich Peter Steinfeld, den langjährigen Religionskolumnisten der NYT fragte, ob er besorgt sei, warnte er vor "unkritischem liberalen Ultramontanismus", der für Enttäuschungen prädestiniere.
Das Schicksal der Kirche hängt nicht an den Aktionen eines einzelnen Papstes. Eher wird das Schicksal in den modernen Nachaufklärungs-Gesellschaften davon abhängen, was in den
"Zwischenschichten" des Katholischen Lebens und seiner Leitung passiert."

Matthew Boudway, einer der Herausgeber von Commonweal, wiederholt diesen Punkt: "Die ernsteren Probleme der Kirche können nicht durch einen Papst gelöst werden." sagte er mir. Das größte Problem sieht Boudway in der Unverträglichkeit der Kulturen des Spätkapitalismus  mit der Christlichen Lebensweise. "Während ein Papst uns auf diese Probleme aufmerksam machen kann- wie sowohl Franziskus als auch Benedikt getan haben-, kann er uns nicht vor ihnen retten."

Dennoch verbergen oberflächliche Sorgen über die Führung durch Papst Franziskus eine tiefere Angst. Obwohl er ein Glaube ist, der die Vergangenheit abschütteln und das Morgen akzeptieren will, hat der liberale Katholizismus eine zunehmen unsichere Zukunft.

Das Hauptproblem ist die Demographie. Es gibt nicht genug engagierte, junge liberale Katholiken, um die ältere Generation zu ersetzen. Im letzten September war der Country Club in der mondänen Stadt St. Paul, Minnesota, Gastgeber für eine Konferenz mit dem Titel "Kann Franziskus die Einstellung der Kirche zur Sexualität ändern ?"
Barbara Frey, eine Menschenrechtsanwältin und Massimo Faggioli, ein Verfechter für die theologische Ausbildung von Zeitungskolumnisten haben vor 125 Teilnehmern gesprochen, Abgesehen vom saftigen Thema, bemerkte der National Catholic Reporter daß die meisten Mitglieder des Auditoriums in ihren 60-ern, 70-ern und 80-ern waren.

Obwohl viele selbstbekennende Katholiken als Liberale gelten, hat ein massiver Trend weg von religiöser Bindung weniger denn je Menschen zurück gelassen, die bereit sind, Zeit und Energie
auf den Versuch die Kirche zu ändern, aufzuwenden.. Phyllis Zagane, Professorin an der Hofstra-Universität und Verfechterin des Frauendiakonats, macht sich über ältere "Kirchenprofessionelle" Sorgen, die noch Mundart-Liturgien anpassen und die Barmherzigkeit in ihr Verständnis von Gerechtigkeit eingefügt haben, nun täglich in den Ruhestand gehen - nur um von jungen Konservativen ersetzt zu werden,

Obwohl Liberale verschiedene Medien und Theologische Fakultäten kontrollieren, sind sie nicht so erfolgreich gewesen wie traditionelle Katholiken, darin, Menschen ins sakramentalen Leben der Kirche zu ziehen, Liberale die dem Ruf zum Priestertum oder zum religiösen Leben gefolgt sind, die täglich an der Messe und an Pfarrgemeinderatssitzungen freiwillig teilnehmen, werden jeden Tag älter. Für junge Dogmatiker, die sich verpflichtet fühlen ihre Vorgesetzten  zu respektieren, ist der Kampf gegen liberale Katholiken nie härter gewesen.

Im vergangenen Frühling habe ich der Ordination und Primizmesse eines jungen Priesters beigewohnt. Während die Kleinkinder unserer Freunde in der Kirchenbank weinten, beobachtete ich ihn, wie er vor dem Altar kniete und die Hostie hoch hob- Nachdem die Liturgie zu ende war, trafen wir uns im Gemeindesaal zu einem Empfang mit Sandwiches und Mineralwasser. Der frischgebackene Pater betrat in die Soutane gekleidet den Raum. Er ist weder Traditionalist noch ein Rebell, aber seine Soutane würde einer vorangegangenen Priestergeneration oder Priestern als hochgradig rückwärts gewandt erschienen sein.
Ich fragte, ob irgendeiner der älteren Priester, die er kannte, dadurch beleidigt sein würde.
Er sagte ja, aber daß sie sich inzwischen damit abgefunden hätten, so etwas bei ihren jüngeren Kollegen zu sehen.

Nicht jeder ist gewillt so ruhig nachzugeben. Vor einigen Jahren besuchte ich eine Messe, in der der Priester gegen Benedikts XVI Kommissionierung der Amerikanischen Nonnen zu wüten begann. "Das ist böse, böse, schlecht und böse! Es ist eine Sünde und Benedikt sollte um Vergebung bitten!" Am Ende der Messe dankte ich dem Priester für seine Predigt, sagte ihm aber, daß die Messe nach meinem Dafürhalten nicht der Augenblick für derlei Kommentare sei. Er sah mich an und sagte:
"Ich treffe viele junge Leute wie Sie und es läßt mich vor der Zukunft unserer Kirche grauen." Bevor ich antworten konnte, fuhr ein champagnerfarbener Lexus vor und sein älterer Fahrer streckte eine zitternde Faust heraus und rief  "Geben Sie es ihm Father!"

Dennoch neigen derlei Anekdoten dazu, die Schwäche des liberalen Katholizismus zu übertreiben. Möglicherweise kann er die Leute nicht ins Kirchenleben bringen, aber er gefällt denen, die sich vom Glauben entfernen, oder sich zumindest in der Nähe des Ausgangs aufhalten.
Newmann schrieb einmal: "es gibt nur zwei Wege: den Weg nach Rom oder den Weg zum Atheismus: "der Anglikanismus ist das Rasthaus auf halber Strecke auf der einen, und Liberalismus das Rasthaus auf halber Strecke auf dem anderen Weg."
Der liberale Katholizismus mag für viele, die auf dem Weg zum Unglauben sind, eine vorübergehende Unterkunft sein, aber einige, die dort rasten, nehmen die Gelegenheit wahr, umzukehren .

Der liberale Katholizismus gründet sich auf die bewundernswerte und eminent katholische Vermutung einer Kirche und einer Gesellschaft, die konzertiert arbeiten. Was die liberalen von den ganz normalen Integralisten unterscheidet, ist der Glaube der Liberalen, daß die Gesellschaft nicht nur zu den Ansichten der Kirche gebracht werden-sondern die Kirche in einem gewissen oder vielleicht sogar sehr großen Rahmen, zu den Ansichten der Gesellschaft gebracht werden muß.

An einem bestimmten Punkt, scheint das eine aufregende Möglichkeit  zu sein. Kritiker der liturgischen Reform, die Vatican II folgte, haben vor allem kritisiert, daß der Neuen Messe das "vertikale Element "fehlt, die den Menschen in Richtung der Transzendenz erhebt.
Aber die mehr horizontal orientierte Ordentliche Messe schien zu der Zeit als transzendent, genau weil sie einen revolutionären Bruch mit der Vergangenheit anbot.
Oh........

Der revolutionäre Moment ging jedoch vorüber und mit ihm die Stärke des liberalen Katholischen Glaubens. Kierkegaard identifiziert zwei Zeitperioden: eine revolutionäre und eine reflektive Periode.
In der ersten, sind die Menschen fähig in ... Wasser  zu springen, angstfrei über dünnes Eis zu laufen. Sie nehmen die Geschichte in die Hand und schaffen- ohne Eventualitäten und Risiken zu kennen, etwas Neues. In anderen Zeiten wird die Aktion von Reflektion abgelöst.

Der aufstrebende Revolutionär macht keine verrückten Wetten auf das Glück.
Statt dessen läßt er alles stehen, entleert es aber von seiner Bedeutung. Eher als daß er die alten Wahrheiten gerade heraus leugnet, macht er das ganze Leben zweideutig,
Ein Prinzip von Gradualismus wird eingeführt, so daß die Unterscheidung zwischen Gut und Böse durch ein oberflächliches und theoretisches Wissen des Bösen ersetzt wird durch eine hochmütige Schlauheit, die sich dessen bewußt ist, daß Güte weder gewürdigt wird noch richtig in der Welt ist.
Lieber als in die starke Farbe der roten Mütze. trägt der Revolutionär lieber Grautöne.

Franziskus greift die Lehre seiner Vorgänger nicht frontal an. er besteht darauf, daß die Norm weiterhin gilt, sogar nachdem er jeden Ausnahmefall eingeschlossen hat. Was einmal ein einfaches absolutes Prinzip war, wird jetzt in relativistischen Worten diskutiert und diese Worte sind so relativ daß es möglich ist, sogar zu behaupten, daß die Regeln absolut bleiben.
Die resultierenden "pastoralen Löungen" machen traditionelle Katholiken wütend, die die Widersprüche spüren, die die Liberalen nicht zufrieden stellen, die eine tiefgreifendere Revolution wollen. "Écrasez l´infâme."

Eine Revolution schien in den 60-er Jahren möglich, heute nicht. Die Neue Messe mag Ihren Großeltern wohlige Schauer verursacht haben, aber für jüngere Katholiken tröstlich oder deprimierend familiär. Nachdem er keine revolutionäre Kraft mehr hat, hat der liberale Katholizismus sein Flair von Transzendenz verloren, diejenigen, die ein bißchen Aufregung wollen, müssen woanders suchen.

Liberale Katholiken bleiben mit einer delikaten und schwierigen Aufgabe zurück. Die Unfehlbarkeitslehre grenzt sogar die ein, die sie in Frag stellen, Petrus kann blinzeln, nicken, schubsen oder schweigen, aber er kann sich nicht selbst widersprechen. Franziskus weiß das sehr gut. Als er zur Möglichkeit der Interkommunion zwischen Lutheranern und Katholiken, gab er eine zweideutige Antwort, bevor er schließlich sagte: "Mehr wage ich nicht zu sagen," So spricht man in der Periode der Reflektion, wenn man noch Hoffnungen auf eine Revolution hegt.

Jemand, der heimlich Fortschritte gemacht hat, kann Opfer plötzlicher Umschwünge werden, aber er ist auch fähig, Erkanntwerden und Widerstand zu vermeiden. Wenn der liberale Katholizismus, den zukünftigen Weg der Kirche beeinflussen zu können hofft, dann wird es vorsichtig und mit List zu müssen. Das macht es weniger heroisch und und ansprechender, als es einmal war, aber nicht leichter zu vermeiden. Solange die Kirche fortfährt, das, was Boudway Spätkapitalismus nennt, zu bekämpfe, wird der liberale Katholizismus bestrebt sein, mit ihm Frieden zu schließen.

Inzwischen hat der Mann, in den liberale Katholiken ihr Hoffnungen gesetzt haben, den einzig möglichen Weg beschritten. er höhlt die Dinge, die er für schädlich hält, eher aus, als dass er sie umstößt, er unterminiert eher als mit den Wurzel auszureissen. Daß einige dieser Dinge, die für den Glauben essentiell sind, ist der explosive Anspruch einer Gruppe von Katholiken, der noch einmal, alles das, was Franziskus getan hat, zunichte machen kann.

Quelle: Catholic Register, Matthew Schmitz




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