Donnerstag, 4. August 2016

Kreuzzüge

Firstthings hat aus gegebenem Anlass einen Beitrag des Historikers Thomas F. Madden veröffentlicht- in dem er sich Gedanken über die Kreuzritter und die Historiker, die sie beurteilen, macht. Wir wissen ja, wie sehr dominierende Ideologien und vorsätzliches Nichtwissen auch bei Historikern zur Verzerrung der Wahrnehmung und Wiedergabe geführt hat. Die Stimmen, die eine unparteiische realitätsnähere Darstellung wagen und versuchen sind noch zu leise und zu wenige, um in das flächendeckende Einheitsdenken einzudringen und eine Bresche zu schlagen. Lesen wir also was Madden schreibt.
Hier geht´s zum Original:   klicken

                                "KREUZRITTER UND HISTORIKER"

"Die Kreuzzüge sind seit 40 Jahren Objekt intensiver wissenschaftlicher Untersuchungen gewesen.
Einige der besten Historiker der Welt haben ihre Bemühungen darauf gerichtet, herauszufinden, wie die Kreuzzugsbewegung, einmalig in der Geschichte der Menschheit, sich im mittelalterlichen Europa entwickeln und zur  Blüte kommen konnte, In Tausenden von Zeitschriftenartikeln und wissenschaftlichen Monographien sind die Heiligen Kriege der Christenheit untersucht, analysiert und diskutiert worden. Es bleibt noch viel zu tun, aber die Früchte aller dieser Untersuchungen können nicht geleugnet werden. Wir wissen heute mehr denn je über die Kreuzzüge,

Unglücklicherweise hat wenig davon ein größeres Publikum erreicht-und das Feld wurde den Romanschreibern, Journalisten und jedem anderen, der den Wunsch hat, Bücher zu verkaufen, überlassen.
Und täuschen wir uns nicht: die Kreuzzüge sind seit den Angriffen von 9/11 für die Leser immer interessant gewesen, für Geschichten über die Kreuzzüge gab es immer eine sehr große Nachfrage .

So bringt z.B. Karen Armstrong, eine Ex-Nonne, jedesmal, wenn sich irgendwo im Mittleren Osten Ungemach anbahnt, wieder ein Buch auf den Markt und verliert keine Zeit, "Neues" hinzuzufügen.und wieder ein Buch innerhalb von Monaten in die Buchläden zu bringen.
Unzählige andere populäre Bücher wurden schnell zusammengestümpert, meistens aus Steven Runcimans "Geschichte der Kreuzzüge" einem gut geschrieben Buch, aber eben auch einem, das mehr als 50 Jahre alt ist und deshalb die neuen Forschungsergebnisse nicht mit einbezieht.
Und so liefert Runciman die erwartete Story: die Kreuzzüge waren eine Serie von brutalen Kriegen der Intoleranz in denen Zyniker, Gierige, Abergläubische und Leichtgläubige einen unsinnigen Krieg gegen eine friedliche, raffinierte Muslim-Welt führten und dabei- als Preis -das opulente Byzantinische Reich zerstörten.




Frustriert durch die Art wie die Kreuzzüge benutzt und verzerrt wurden, versuchen jetzt einige Historiker, die klaffende Lücke zwischen den akademischen und den  Laien-Lesern zu schließen.
Zur neuen Ernte von Geschichten gehören:
Thomas Asbridges "Der erste Kreuzzug; eine neue Geschichte", Jonathan Philpps "Der vierte Kreuzzug  und die Plünderung Konstantinopels " und Christopher Tyermans "Kämpfen für das Christentum: Heiliger Krieg und die Kreuzzüge".
Alle drei Autoren sind renommierte Historiker. Alle drei versuchen die Früchte jahrzehntelanger Forschung einem breiten Publikum näher zu bringen. Und allen dreien ist voll bewußt, daß sie in diesem Prozess viele liebgewonnene Mythen zerschmettern,

Nehmen wir z.B: das, was man den Mythos des gierigen Jüngeren Sohnes nenne könnte.
Dieser Mythos besagt. daß Bevölkerungswachstum, die Entwicklung der feudalen Primogenitur und eine Serie schlechter Ernten im mittelalterlichen Europa eine Situation geschaffen hatten, in der Tausende gut trainierter und landhungriger Krieger herumlungerten, ohne etwas zu tun zu haben,
Und bevor sie zu Hause Probleme verursachten, überzeugte Papst Urban II sie, sich Ländereien in der weitentfernten muslimischen Welt zu erobern.

Dieser Mythos ähnelt eher der Welt des Kolonialismus des 19. Jahrhunderts als der des Mittelalters. Neue Untersuchungen haben definitiv gezeigt, daß die Kreuzritter vorwiegend die älteren Söhne Europas waren: reich, privilegiert und fromm.
Die Teilnahme an einem Kreuzzug war extrem teuer und eher mehr als wenige adelige Familien riskierten den Bankrott, um daran teilnehmen zu können. Sie taten das aus mittelalterlichen und nicht aus modernen Gründen.
Am Kreuzzug teilzunehmen war für sie ein Akt der Liebe und Barmherzigkeit, durch den- wie der gute Samariter- sie ihren gefährdeten Nachbarn halfen.
Muslimische Krieger hatten das Östliche Christentum erobert, ihre Ländereien genommen, und sie in in einigen Fällen ermordet oder versklavt. Der Kreuzritter glaubte. daß es seine Pflicht sei das was falsch war, zu berichtigen.
Der gierige jüngere Sohn ist nicht nur ein Mythos den Historiker
Es mag einige von Ihnen überraschen, zu erfahren, daß die Kreuzzüge so gut wie nie profitabel waren, nachdem Beute so selten war, oder daß die Christlichen Siedler in den sogenannten Kreuzritter-Königreichen selber keine Kreuzritter waren.
Oder daß auf die Kreuzzüge alle Kriterien des gerechten Krieges zutrafen, besonders in ihrer Verteidigungsnatur. Oder daß die Kreuzzüge nichts mit Kolonialismus zu tun hatten,
Oder daß die Kreuzzüge auf keine Weise Bekehrungskriege waren.
Oder daß die Kreuzzüge nichts mit dem muslimischen Djihad zu tun hatte (außer daß sie eine Verteidigung dagegen waren). Oder daß die Muslimische Welt vor dem 19. Jahrhundert nichts von den Kreuzzügen gewußt hätten.

Wenn Ihr Bild der Westlichen Zivilisation auf einer Beschreibung der Kreuzzüge als einen wahnsinnigen und blutrünstigen Angriff auf die friedliche und feinsinnige Welt beruht, dann wird Ihnen nicht gefallen, was neuere Historiker zu sagen haben.
Das geht aus den Reaktionen auf einige dieser neuen Arbeiten hervor.

In den  Kritiken des Magazins New Yorker der Bücher von Asbridge und Phillips scheint die Journalistin Joan Acocella ein bißchen gedämpft von dem, was aus den Akademien kam ...
"Wie können zwei Berufshistoriker von Frömmigkeit und Selbstlosigkeit als Motiv der Kreuzritter sprechen? "Bedeutet das, daß Asbridge und Phillips denken, daß die Kreuzzüge  o.k. waren?, fragt sie ungläubig.
Nein, es bedeutet, daß sie denken, daß es ihr Beruf als Historiker ist, die Wahrheit aufzudecken.
Acocella spricht zustimmend über die viel älteren Werke Rucimans und John Julius Norwichs, der kein Historiker ist. Das Eintreten von Forschern in die populäre Geschichte der Kreuzzüge scheint nicht von allen Seiten begrüßt zu werden. (....)

Fortsetzung folgt.....


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