Mittwoch, 24. August 2016

Neues Interview mit Papst Benedikt XVI

Elio Guerierro hat den Papa emeritus,Benedetto,in Mater Ecclesiae besucht und berichtet in La Republicca.
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"RATZINGER, DAS EINGESTÄNDNIS: ZU MÜDE, DESHALB HABE ICH DAS PETRINISCHE AMT AUFGEGEBEN"
Nach den Erfahrungen in Mexiko und Cuba habe ich mich nicht mehr in der Lage gefühlt, eine wichtige Reise, wie die zum WJT 2013 in Rio de Janeiro durchzustehen. Wo, -wie es Johannes Paul II festgelegt hat, die Anwesenheit des Papstes unerläßlich ist.
"Der Gehorsam zu meinem Nachfolger stand nie zur Diskussion. Sein Wohlwollen ist für mich eine Gnade in dieser letzten Phase meines Lebens."

        Ratzinger, la confessione: "Troppo stanco, così ho lasciato il ministero petrino"

In Rom ist der Himmel voller drohender Wolken, aber als ich in Mater Ecclesiae ankomme. der Residenz des Papa emeritus, erhellt ein unerwarteter Sonnenstrahl in der Tiefe die Harmonie der Kuppel von Sankt Peter und der Vaticanischen Gärten. "Mein Paradies" hatte bei einem vorhergehenden Besuch Benedikt XVI kommentiert. Ich werde in einen Raum geführt, der zur Zeit die Privatbibliothek ist und ich muß spontan an den Titel eines Buches von Jean Leclercq "L´amore delle Lettere e il desiderio di Dio" denken. den Benedikt XVI in seiner berühmten Rede im Kloster der Bernardins in Paris zitiert hatte.

Der Papst erscheint nach einigen Minuten, grüßt mit dem gewohnten Lächeln und der gewohnten Höflichkeit und sagt dann zu mir "ich bin bei 15" .
Ich verstehe nicht, deshalb wiederholt er: "ich habe 15 Kapitel gelesen". Ich bin sehr überrascht. Vor einigen Monaten hatte ich ihm einen guten Teil des Buches geschickt, aber nie erwartet, daß er alles lesen würde. Ich gebe ihm die anderen Kapitel und sage ihm, daß mir nur noch wenig fehlt.
Er ist mit dem, was er gelesen hat, zufrieden, deshalb fahre ich fort: Würde es Ihnen mißfallen, wenn ich einige Fragen wie bei einem Interview stelle?"
Er antwortet wie immer: nett und praktisch: "Sie fragen mich, danach schicken Sie mir alles und wir werden sehen."
Ich folge diesen Anweisungen. Einige Zeit später schreibt er mir seine Zustimmung zur Veröffentlichung. Mir bleibt nur, mich für das erwiesene Vertrauen zu bedanken.

"Heiligkeit, als Sie das letzte mal, 2011 Deutschland besucht haben, sagten Sie "Man kann nicht auf Gott verzichten." und dann "Wo Gott ist, da ist die Zukunft". Hat es Ihnen nicht mißfallen, während des Glaubensjahres das Amt aufzugeben?"

"Natürlich lag mir am Herzen, das Jahr des Glaubens zu vollenden und die Enzyklika über den Glauben zu schreiben, um den Zyklus zu vervollständigen, der mit "Deus caritas est" begonnen hatte. Wie Dante sagt: Die Liebe, die die Sonne und die anderen Sterne bewegt, drängt uns, führt uns in die Gegenwart Gottes, der uns Hoffnung und Zukunft gibt. In einer Krisensituation ist der beste Halt der, sich vor Gott hinzustellen  mit dem Wunsch, den Glauben wiederzufinden, um auf dem Weg des Lebens weitergehen zu können.
Seinerseits freut sich der Herr, unseren Wunsch entgegen zu nehmen, uns das Licht zu geben, das uns bei der irdischen Pilgerschaft leitet. Das ist die Erfahrung der Heiligen, vom Hl. Johannes vom Kreuz, oder der Hl. Theresa vom Kinde Jesu. 2013 gab es noch viele Aufgaben, die ich nicht mehr zuende führen konnte."

"Welches waren diese Aufgaben?"

"Besonders war da das bereits feststehende Datum des WJT, der im Sommer 2013 in Rio de Janeiro in Brasilien stattfinden sollte. Dazu hatte ich dann zwei sehr präzise Überzeugungen. Nach der Erfahrung von Mexiko und Cuba fühlte ich mich nicht mehr in der Lage, eine so wichtige Reise durchzuführen. Außerdem war da die Verpflichtung, die Johannes Paul II ausgesprochen hatte, daß dabei die physische Anwesenheit des Papstes unerläßlich sei.
Man konnte nicht an eine Fernseh-Schaltkonferenz oder eine andere durch die Technik ermöglichte Form denken. Auch das war ein Umstand, weswegen der Rücktritt für mich ein Muß war.
Ich hatte das sichere Zutrauen,daß das Jahr des Glaubens auch ohne meine Anwesenheit zu einem guten Ende kommen konnte. Der Glaube ist in der Tat eine Gnade, ein großzügiges Geschenk Gottes für die Gläubigen. Ich war deshalb fest überzeugt, daß mein Nachfolger, so wie es dann auch gekommen ist, das von mir Begonnene und auf den Weg Gebrachte genau so zu dem guten, vom Herrn gewollten Ende bringen konnte."

 Als ich das Pallium weggab, legte ich das Pallium ab

                        


"Als Sie die Basilika von Collemaggio all´ Aquila besuchten, haben Sie das Pallium auf den Altar des Hl. Coelestin V gelegt. Können Sie mir sagen, wann das nach dem Entschluss, zum Wohle der Kirche auf die Ausübung des Petrinischen Amtes zu verzichten, war?"

"Die Reise nach Mexiko und Cuba war für mich aus vielen Blickwinkeln schön und bewegend.
Ich Mexiko war ich bewegt, dem tiefen Glauben so vieler Jugendlicher zu begegnen und ihre freudige Leidenschaft für Gott zu erfahren. Ebenso war ich berührt von den großen Problemen der mexikanischen Gesellschaft und dem Nachdruck, mit dem die Kirche eine Antwort auf die Herausforderungen durch Armut und Gewalt sucht.
Man muß dagegen nicht ausdrücklich daran erinnern, wie beeindruckt ich war, zu sehen, auf welchen neuen Weg Raoul Castro sein Land führen will, ohne mit der unmittelbaren Vergangenheit zu brechen. Auch hier war ich sehr beeindruckt von der Art, wie meine Brüder im Bischofsamt ein diesem schwierigen Prozess eine aus dem Glauben kommende Orientierung zu finden. In diese Tagen habe ich sehr stark die Grenzen meiner körperlichen Widerstandskraft gefühlt.
Außerdem wurde mir bewußt, nicht mehr in der Lage zu sein, in Zukunft transatlantische Flüge und die Probleme der Zeitumstellung zu bewältigen.
Natürlich habe ich über diese Probleme auch mit meinem Arzt Professor Polisca gesprochen. Auf diese Weise wurde klar, daß ich nicht im Stande sein würde, im Sommer 2013 am WJT in Rio de Janeiro teilzunehmen, dem stand besonders das Problem der Zeitumstellung entgegen.  Deshalb mußte ich mich dann in relativ kurzer Zeit über das datum meines Rückzugs entscheiden."





"Nach dem Amtsverzicht haben sich viele mittelalterliche Szenarien mit zufallenden Türen, die sich schließen und laute Vorwürfe vorgestellt. Bis zu dem Punkt, daß die selben Kommentatoren von Ihrer Entscheidung in Reichweite von Sankt Peter zu bleiben und ins Kloster Mater Ecclesiae zu ziehen, überrascht, ja fast enttäuscht waren. Wie kam es zu dieser Entscheidung?"

"Ich hatte Mater Ecclesiae von seinen Anfängen an oft besucht. Ich hatte oft die Aufgabe, an den Vespern teilzunehmen und die Hl.Messe für alle Nonnen zu zelebrieren, die dort leben.
Zuletzt war ich da anläßlich der Wiederkehr des Gründungstages der Suore Visitandine. Zu seiner Zeit hatte Johannes Paul II entschieden, daß das Haus, das vorher als Wohnung des Direktors von Radio Vatican gedient hatte, in Zukunft ein Ort des kontemplativen Gebetes werden sollte, eine Quelle lebendigen Wassers im Vatican. Nachdem ich wußte, daß in jenen Frühling das 30 jährige Bestehen der Visitadine fallen würde, ergab sich für mich quasi natürlich das Wissen, daß das der Ort sein würde, wohin ich mich zurückziehen könnte, um auf meine Weise mit dem Dienst des Gebets, für das Johannes Paul II dieses Haus geplant hatte, fortzufahren.

      Rücktritt des Papstes, Blitz in Sankt Peter: das symbolische Foto
"Ich weiß nicht, ob auch Sie das von einem Korrespondenten der BBC geschossene Foto gesehen haben, das zeigt, wie am Tag Ihres Rücktritts die Kuppel von Sankt Peter von einem Blitz getroffen wird (Benedetto macht ein Zeichen, das er es gesehen hat). Vielen hat dieses Bild den Gedanken vom Verfall oder direkt vom Ende des Welt suggeriert. Jetzt aber kommt mir der Gedanke zu sagen: sie erwarteten, einen Besiegten zu beweinen, einen von der Geschichte Besiegten, aber ich sehe hier einen heiteren und zuversichtlichen Mann."

"Ich bin ganz Ihrer Meinung. Das hätte mir Sorgen bereiten müssen, wenn ich nicht überzeugt gewesen wäre, wie ich zu Beginn meines Pontifikates sagte, ein einfacher und demütiger Arbeiter im Weinberg des Herrn zu sein. Von Anfang an war da das Erkennen und Akzeptieren meiner Grenzen, wie ich es im Geist des Gehorsams in meinem ganzen Leben immer versucht habe.
Dann gab es die mehr oder weniger großen Schwierigkeiten des Pontifikates, aber es gab auch so viel Gnade. Ich war mir bewußt, daß ich nicht alles, was ich tun mußte, allein tun konnte und so war ich gezwungen, mich in die Hände Gottes zu begeben, auf Jesus zu vertrauen, dem ich mich in alter Freundschaft- Hand in Hand mit dem was ich in meinem Band über ihn geschrieben habe, immer tiefer verbunden fühlte. Dann war da die Mutter Gottes, die Mutter der Hoffnung, die eine sichere Unterstützung in Schwierigkeiten ist, und der ich mich beim Beten des Rosenkranzes und bei den Besuchen in den Marienheiligtümern immer näher fühlte. Und am Ende waren da die Heiligen, die Reisegefährten eines Lebens: der Hl.Augustinus und der Hl. Bonaventura, meine geistigen Meister, aber auch der Hl. Benedikt, dessen Motto "Jesus nichts vorziehen" wurde mir immer familiärer und der Hl. Franziskus, der Poverello von Assisi, der erste, der fühlte, daß die Welt der Spiegel der Liebe des Schöpfergottes, von dem wir kommen und zu dem wir auf dem Weg sind."

Nur spiritueller Trost ....?

"Nein, mein Weg wurde nicht nur von oben begleitet. Jeden Tag habe ich zahlreiche Briefe erhalten. nicht nur von den Großen dieser Welt sondern auch von einfachen und demütigen Menschen, die mir mitteilen wollten,daß sie mir nahe waren, daß sie für mich beteten. Daraus ist mir auch in schwierigen Momenten die Gewißheit und die Zuversicht entstanden, daß die Kirche vom Herrn geführt wird und daß ich also mein Mandat, das er mir am Tag meiner Wahl anvertraut hatte, in seine Hände zurück legen konnte.
Darüber hinaus hält die Unterstützung auch nach meinem Verzicht an, dafür kann ich dem Herrn nur dankbar sein und allen, die mir ihre Liebe versichert haben und immer noch versichern."

"Bei Ihrem Abschiedsgruß an die Kardinäle, am 28. Februar 2013, haben Sie Ihrem Nachfolger Gehorsam  versprochen. In der Zwischenzeit habe ich den Eindruck, daß Sie Papst Franziskus auch menschliche Nähe und Herzlichkeit versprochen haben. Wie ist die Beziehung zu Ihrem Nachfolger?"

"Der Gehorsam meinem Nachfolger gegenüber stand nie zur Diskussion. Aber da ist auch das Gefühl tiefer Gemeinsamkeit und Freundschaft. Im Augenblick seiner Wahl habe ich-wie viele-ein spontanes Gefühl der Dankbarkeit für die Vorsehung empfunden. Nach zwei Pontifikaten aus Zentraleuropa, wollte der Herr -um es mal so zu sagen- den Blick auf die universale Kirche lenken und hat uns zu einer ausgedehnteren, katholischeren Kommunion eingeladen. Persönlich war ich vom ersten Moment an berührt von der außerordentlichen menschlichen Verfügbarkeit von Papst Franziskus mir gegenüber . Sofort nach seiner Wahl hat er versucht, mich anzurufen. Weil ihm das nicht gelang, hat er sofort nach der Begegnung mit der universalen Kirche auf der Loggia von St. Peter mit mir telefoniert und hat sehr herzlich mit mir gesprochen. Von damals an hat er mir das Geschenk einer wunderbar väterlich-brüderlichen Beziehung gemacht.
Und dann erreichen mich kleine Geschenke, persönlich geschriebene Briefe. Bevor er große Reisen macht, versäumt es der Papst nie, mich zu besuchen. Für das menschliche Wohlwollen, mit dem er mich behandelt, ist für mich eine spezielle Gnade in dieser letzten Phase meines Lebens, kann ich dafür nur dankbar sein. Was ich über seine Verfügbarkeit für andere Menschen gesagt habe, sind nicht nur Worte . Er setzt sie bei mir in die Praxis um. Dass der Herr ihn jeden Tag sein Wohlwollen spüren läßt. Dafür bete ich für ihn zum Herrn."

Quelle: LaRepublicca,  Elio Guerriero
 
   

1 Kommentar:

  1. Kirchenfreund25.08.16, 16:27

    Was für ein wunderschönes Interview.
    Einmal mehr zeigt der emeritierte Papst hier seine menschliche Größe und wie gut er es versteht, die Dinge auszudrücken.
    Sein sehr feiner Humor, den er ja bei so vielen Gelegenheiten bewiesen hat, zeigt sich hier in besonderer Weise.
    Mir kommt es allerdings so vor, als hätte er im Vorfeld ein Handbuch für Personalsachbearbeiter gelesen, wo man die chiffrierten Klauseln für das Zeugnis eines nicht ganz so guten Mitarbeiters lernen kann, z.B. die Formulierung "Er war stets bemüht, den gestellten Anforderungen nachzukommen, wenn man eigentlich schreiben wollte (aber nicht durfte), dass derjenige Mitarbeiter zu nix zu gebrauchen war.

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