Sonntag, 7. August 2016

Ross Douthat & der Märtyrertod in heutiger Zeit

Ross Douthat hat sich in der New York Times mit den teilweise recht merkwürdigen innerkirchlichen und westlichen Reaktionen auf den Märtyrertod Pater Jacques Hamels auf den Stufen des Altars seiner Kirche auseinander gesetzt.
Hier geht´s zum Original:  klicken 

                            "DIE BEDEUTUNG DES MARTYRIUMS"
"In den Tagen seit Pater Jacques Hamel, ein 85 jähriger Französischer Priester am Altar von 2 Djihadisten abgeschlachtet, ist seine Ermordung zu einem umstrittenen Symbol in diesem Land, diesem Kontinent und dieser Kirche geworden.

Für viele konservativen Katholiken ist Père Hamel ein archetypischer Christlicher Märtyrer, ermordet an einem Heiligen Platz von durch Hass auf seinen Glauben motivierte Männern, mit einem "weg mit dir Satan" auf den Lippen. Für kulturell Konservative ist er ein mächtiges Symbol für die Djihadistische Bedrohung des Europäischen Friedens.

Aber innerhalb des Katholizismus gibt es auch starken Widerstand gegen diese Interpretation.
Der beginnt an der obersten Spitze, ganz oben, bei Papst Franziskus, der sich vorsätzlich von der Sprache des Martyriums absetzte- indem er zuerst die Ermordung des Priesters als "absurd" beschrieb und dann eine seiner fliegenden Pressekonferenzen nutzte, um glauben zu lassen, daß die Killer nicht mehr religiös motiviert waren, als der normale" katholische Mörder in Italien.

Inzwischen- mitten in den Rufen nach "Santo subito!" haben zwei der Papstbiographen Austen Ivereigh und Paul Vallely in Artikeln Warnungen davor geschrieben, irgendetwas zu tun, das interreligiöse Spannungen hervorrufen oder sonstwie dem IS in die blutigen Hände spielen könnte.
                       

In dieser Lesart, die auch die Lesart vieler säkularer Europäer ist, gehört der Mord an Père Hamel nicht zur alten Ikonographie eines von Ungläubigen belagerten Kirchenkämpfers, sondern zu der modernen Vision einer multikulturellen, multireligiösen Gesellschaft, die hauptsächlich durch Ignoranz und Angst bedroht wird.
Deshalb sei es die adäquate Antwort, religiöse Toleranz zuzusichern, die Gemeinsamkeiten zwischen
französischen Muslimen und ihren Katholischen Nachbarn zu betonen, eine weite Kategorie "friedliche Religion" zu schaffen und die Djihadisten außen vor zu lassen.

Diese beiden sich bekämpfenden Interpretationen müssen sich nicht gegenseitig ausschließen. In der Theorie sollte es möglich sein (besonders für einen Papst!), Pater Hamels Tod einfach einen Märtyrertod zu nennen und gleichzeitig die Lesart der islamischen Gewalt und des religiösen Krieges zurückzuweisen.



Aber hier gibt es ganz klar eine Spannung, ein Problem dabei, Altes und Neues zusammen zu fügen.
Ein altmodisches Katholisches Martyrium kann in einer multikulturellen spätmodernen Gesellschaft sein. Aber es gibt immer einen Sinn, in dem es nicht vorkommen sollte.

Ja, "das Blut der Märtyrer ist die Saat der Kirche" aber das war in der prämodernen, noch nicht entzauberten Welt, in der Aberglaube Eifer und Entbehrungen ausbrütete, die jede zivilisatorische Begegnung zu einem Nullsummenspiel machte.
Jetzt sind wir wahrscheinlich über diese Trennung hinausgewachsen und wenn Gewalt und Fanatismus doch eindringen, dann auf Grund von technischen oder politischen Fehlern, mangelhafter
Erziehung, Mißbrauch von Ressourcen, insuffizientem Dialog, ideologischer Manipulation -eher als tiefer theologischer Trennungsgründe
(So z.B. das Bestehen des Papstes darauf, daß die gegenwärtige djihadistische Welle wirtschaftliche Gründe aber keine ursprünglich religiösen hat.)

Das ist die ausdrückliche Perspektive des Postvatican II-Katholizismus der Kirche, in der sowohl Papst Franziskus als auch der ermordete Pater Hamel alt geworden sind.
Sie setzt voraus, daß die liberale Moderne einen ständigen Wechsel menschlicher Angelegenheiten
bedeutet, eine Art Alterung, in der auch die Religion altern muß -und die exklusivistische Idee beiseite schiebt, um gemeinsam mit der gesamten Menschheit zu erblühen.

Aber unser heutiger Katholizismus ist nicht mehr der, wie ihn sich der 60-er Jahre-Katholizismus vorstellte. Die alternde Kirche ist im Westen buchstäblich eine sterbende Kirche: Wie der Französische Philosoph Pierre Manent feststellte, illustriert die Szenerie der Ermordung Père Hamels "eine fast leere Kirche, zwei Gemeindemitglieder, 3 Nonnen, ein sehr alter Priester" lebhaft den Zustand des Glaubens in Westeuropa. Die breitere liberale Seite zeigt auch Zeichen von Ermüdung,
die europäische Union -ein großer Traum als Père Hamel 1958 ordiniert wurde, ist jetzt eine ächzende und unpopuläre Bürokratie, bedroht von Nationalismen im Inneren  und im Kampf um die Assimilierung von Einwanderern aus Kulturen, die den liberalen Sprung nie gemacht haben.

In diesem Zusammenhang zu laut über Martyrium zu sprechen, bedeutet das Heute mit dem Gestern zu verwechseln, und zu riskieren in die fruchtlosen religiösen Kämpfe der Vergangenheit zurück zu gleiten. Der Islam vieler dieser Immigranten wird wahrscheinlich Europas mächtigste religiöse Kraft in Europa der kommenden Generationen sein, der eine Islamische Ausschließlichkeit mit sich bringt (um den Titel von Shadi Hamids guten neuen Buch auszuleihen) , die gar nicht zum bestehenden säkular-liberalen Experiment paßt.

Inzwischen scheint die Zukunft des Französischen Katholizismus in einer Kombination von Afrikanischen Einwanderern und Lateinische-Messe-Traditionalisten zu bestehen oder in einer religiösen Wiederbelebung die wahrscheinlich nationalistisch sein wird, nicht liberal, mit Johanna von Orleans als Modell, nicht einem modernen Jesuiten vor 50 Jahren

Diese Zukunft- wird so Gott will- den spätmodernen Frieden bewahren. Aber sie verspricht auch etwas komplizierteres und gefährlicheres als die liberalen, säkularen und Katholischen Visionen.
Etwas von der Nervosität darüber, Pater Hamels einen Heiligen Märtyrer zu nennen, spiegelt die
Begrenzung dieser Vorstellungen wieder. Schließlich wäre es im breiten Optimismus der 80-er Jahre unmöglich erschienen, daß ein junger Preister des II. Vaticanums  im Alter, im Herzen Europas einen Märtyrertod sterben würde.
Aber das war es nicht und er tat es.

Quelle: New York Times, R..Douthart









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