Mittwoch, 12. Oktober 2016

Messtexte von heute, oder was gehen uns die Pharisäer an?

die heutigen Messtexte sind, bei Licht betrachtet, erschreckend.
Das sollen sie  wohl auch  und es gehört zum Drama unserer Zeit, dass man eben nicht erschreckt, sondern egal zu welcher Fraktion man gehört, beim Lesen denkt:
Hey cool, da werden diiiiieeee (das sind immer die anderen) mal so richtig in den Senkel gestellt.

besonders betrifft das das Evangelium wo es heißt:

Weh euch Pharisäern! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Gewürzkraut und allem Gemüse, die Gerechtigkeit aber und die Liebe zu Gott vergesst ihr. Man muss das eine tun, ohne das andere zu unterlassen.
Weh euch Pharisäern! Ihr wollt in den Synagogen den vordersten Sitz haben und auf den Straßen und Plätzen von allen gegrüßt werden.
Weh euch: Ihr seid wie Gräber, die man nicht mehr sieht; die Leute gehen darüber, ohne es zu merken.
Darauf erwiderte ihm ein Gesetzeslehrer: Meister, damit beleidigst du auch uns.
Er antwortete: Weh auch euch Gesetzeslehrern! Ihr ladet den Menschen Lasten auf, die sie kaum tragen können, selbst aber rührt ihr keinen Finger dafür.


weil da kann man sich ruhig nicht gemeint fühlen, weil wer käme schon auf die absurde Idee, den 10ten Teil von allem was man so erhält, erntet, verdient, erbt usw, ausgerechnet der Kirche zu spenden.
Empfinden wir doch schon die Kirchensteuer als eine Zumutung!
(Ich habe auch ein gespaltenes Verhältnis zur Kirchensteuer, aber in dem Zusammenhang interessiert nur die Höhe und die ist eben geringer als der 10te Teil des Nettoverdienstes und nur darum geht es hier gerade).

Aber wie das halt so ist, scheint ja zwischen Gesetzeslehrern und Pharisäern ein Unterschied zu bestehen.
Es sind bestimmt schon ganze Bibliotheken darüber geschrieben worden, und soweit ich das kapiert habe, waren die Pharisäer eine Art religiöse motivierte NGO, die gerne GO (also regierende Partei) gewesen wäre; während die Gesetzeslehrer eben die religiösen Experten, also die studierten Theologen, die mehrheitlich mit den Pharisäern sympathisierten, waren.
Also wenn man es denn vergleichen will, die Pharisäer waren das ZK der Katholiken und die Gesetzeslehrer die Priester, Gemeindereferenten, Pastoreusen und so.

Das eigentlich Entscheidende ist wohl folgendes, die Pharisäer hielten sich für die Guten, für die Gottgefälligen und Jesus kritisiert sie nicht deshalb, das ist wichtig, sondern weil sie das Richtige aus den falschen Motiven tun.
Und das richtige Motiv, das ihnen fehlt, ist die Liebe zu Gott.
Und weil die ihnen fehlt, deshalb laden sie, trotz bester Absicht (ich denke das kann man durchaus unterstellen) den Menschen Lasten auf, die diese kaum tragen können, und echauffieren sich dann wohl noch drüber, wenn die Menschen dann zusammenbrechen und helfen ihnen nicht auf.
Wie dann  in dem Gleichnis vom Mann der unter die Räuber gefallen ist, illustriert wird.
Weil ja in diesem Denken der Pharisäer damals, es an der persönlichen  Sünde des Einzelnen liegt, wenn diesen dann das Unglück trifft.

Und auch hier trifft man wieder auf das oben erwähnte Muster, betreffs der Perikope. "Wir doch nicht, wir kämen nie und nimmer auf die Idee, dass einer an seinem Unglück selber schuld sein könnte! Wir sind ja so weit, dass wir weder beim Täter noch beim Opfer irgendeine persönliche Schuld anzunehmen bereit sind, Wir, wir kennen nur noch strukturelle Schuld und dafür haben wir dann aber wieder konkrete Schuldigen, die Kirche, die Reichen, die XY und die ZX je nach weltanschaulichem Standpunkt"

Nun denn auch hierrüber lässt sich trefflich streiten, sehr trefflich, sehr tief, sehr wahr, sehr dumm und sehr oberflächlich, was aber bei allem Streit meist komplett ins Hintertreffen gerät, ist die Tatsache, dass Christus gekommen ist um Sünden zu vergeben, persönliche Sünden zunächst und damit er sie vergeben kann, muss man erst mal welche haben.
Und das wahrhaben wollen, das fällt uns Heutigen wohl genauso schwer wie den damaligen, auch und wenn wir in anderen Hermeneutiken zu denken gewohnt sind.

Aber auch hier scheint mir die Parallele zu sein, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten damals und wir heutige Christen, zumindest in Deutschland, irgendwie im Formalen stecken bleiben (macht man, macht man nicht, muss man doch, als Christen müssen wir, als Christen sind wir verpflichtet....... was alles meist nicht ganz falsch ist). Wir den  Glauben vorrausetzen, nicht nur den normalen, christlichen Glauben, sondern die christliche Kür der absoluten Heiligkeit bei jedem Christen annehmen und fordern und dabei das Wichtigste vergessen, die Liebe zu dem lebendigen Gott.

Nur eine Bemerkung sei noch hinzugefügt, es gibt allerdings auch in der Schrift sowas wie strukturelle Sünde, und zwar in der Offenbarung des Johannes wo es heißt es würde Gericht gehalten über die Völker und auch schon vorher im AT wo Völker wie Personen angesprochen werden, Edom wird..., Assur hat... und ähnliches.
Wie das alles im Einzelnen zu werten ist, das weiß ich nicht, und drüber zu spekulieren, reicht mir der Platz nicht, aber eines ist klar es gibt Schuld, sie ist seit Adam da und sie ist so groß. dass es Gott selber bedurfte, um sie soweit  zu bändigen, dass der einzelne Mensch überhaupt die Chance hat sich Gott zuzuwenden.
Das ist es doch, was wir im Agnus Dei beten "du nimmst hinweg die Schuld der Welt!" und damit klar ist, dass damit nicht einfach alles gut ist, beten wir dann weiter "erbarme dich unser"

Ab und an treff ich ja auch supereifrige Marienverehrer, die mir im Brustton der Überzeugung mitteilen, dass Maria die schönste und beste Frau ever sei, was ich durchaus auch so sehe, aber diese Leute begründen das dann damit, dass Maria ja so hat sein müssen, weil sie nicht anders gekonnt hat, weil sie eben von der Erbschuld frei gewesen wäre und aufgrund ihrer Sündenfreiheit nicht hätte sündigen können und eben alles richtig gut gemacht habe.
Dem begegne  ich immer mit dem Hinweis, dass die Freiheit von Erbschuld und Schuld überhaupt auch auf Adam und Eva zugetroffen habe, was diese jedoch nicht daran gehindert hat, den berühmten Apfel (der keiner war, ich weiß) zu essen.

Von daher halte ich es zwar für einen interessanten Versuch das Paradies auf Erden dadurch herzustellen, dass man einfach so tut, als lebe man wieder da, aber ich fürchte das wird nichts,
nach der Schrift schon gar nicht, weil die Liebe zu Gott fehlt.
In diesem Sinne. Beten wir halt weiter!


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen