Montag, 26. Dezember 2016

Über die Rolle der Sprache in der aktuellen Kontroverse in der Kirche


Andrea Gagliarducci kommentiert in MondayVatican den derzeitigen Streit zwischen Konservativen und Progressiven in der Kirche und die Sprache, die dabei benutzt wird.
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"PAPST FRANZISKUS: WAS WÄRE, WENN ALLES NUR EINE FRAGE DER SPRACHE WÄRE?"

"Es war Kardinal Gerhard L. Müller, Präfekt der Glaubenskongregation, der der aktuellen Debatte rund um den Vatican und innerhalb der Kirche Breite gegeben hat. Diese Debatte betrifft die Katholische Lehre, die postsynodale Exhortation "Amoris Laetitia" und den Papst selbst und sie hat sehr scharfe, fast mißtrauische Töne angenommen- die in einer  Spaltung in eine "Pro-Franziskus" und eine "Contra-Franziskus" Partei mündete und bei dem Vorwurf Papst Franziskus würde angeblich große Unternehmen und sogar wohlhabende Individuen stören -und das wegen einer Denkweise die direkt aus den 70-er Jahren zu stammen scheint.

Kardinal Müller hat die heißen Themen umgangen, Er hat nicht gesagt, welches die richtige Interpretation von "Amoris Laetitia" oder der Worte des Papstes bei verschiedenen Anlässen ist. Ebenso wenig hat er versucht, die Lage zu normalisieren. Er hat die Dinge nur richtig geordnet-indem er dem Prinzip folgte, nach dem Dinge in ihrer richtigen historischen Perspektive gesehen werden müssen. Geschichte ist vielleicht der Aspekt, der in der Debatte am meisten fehlt. 

Gehen wir in richtigen Reihenfolge vor. Am 12. Dezember hat Kardinal Müller bei der Vorstellung des 7. Bandes der Italienischen Ausgabe von Kardinal Ratzingers Opera Omnia eine Schlüsselansprache gehalten, die er herausgibt. Der Band enthält Texte und Reden Joseph Ratzingers über das II Vaticanische Konzil. Genauer über das, was wir jetzt als letzten Teil einer langen Diskussion über das II.Vatican erleben.  
Diese Diskussion begann während des Konzils und hat innerhalb der Katholischen Kirche polarisiert (die Unterscheidung zwischen Konservativen und Progressiven ist eine ihrer Hinterlassenschaften).

Unter dem Hl. Johannes Paul II und Papst Benedikt XVI wurde diese Polarisierung offensichtlich überwunden. Jetzt sind die Dinge wieder in die Vergangenheit zurück gekehrt.
Papst Benedikt XVI hat klar erklärt, daß das II Vaticanische Konzil nur durch die Linse der Kontinuität verstanden werden könne und sein wichtiges Erbe liegt in den Ansichten, die er bezüglich des "Medienkonzils" und des "realen Konzils" entwickelt hat.
Jetzt sind Formeln wie "der Geist des Konzils" wieder in Mode, man hofft auf ein Drittes Vaticanisches Konzil unter der Leitung von Papst Franziskus, die Möglichkeit einer weiteren Synodensitzung auf Basis dessen, was Papst Franziskus offen sagt, ist immer mehr Thema von Gerüchten.

Kardinal Müllers Analyse ist sehr scharfsinnig. 
Nach dem II Vaticanium- betonte der Kardinal- "wurde die Hoffnung auf ein "neues Pfingsten" durch die Perspektive eines Babylonischen Glaubens und den Versuch ersetzt, dem Gedanken theologischer Schulen zu widersprechen- und "das war nicht das Werk des Hl. Geistes, weil der Heilige Geist der Kirche immer mit Liebe und Wahrheit zuhört", während "der Abfall vom Glauben und die Verfälschung des Glaubens mit der nachfolgenden Teilung der Kirche" kein "Früchte des Geistes" sind.

Der Geist einer falschen Erneuerung- darauf  besteht er ist durch Ideologie gekennzeichnet.
Ideologie ist immer der arrogante Versuch, daß Wort Gottes und die Lehre der Kirche dem Vorurteil ihres Denkens zu unterwerfen, mit dem Ziel  manipulative Macht über die Gläubigen und ihr Leben zu erlangen. "Während Theologie"- so fährt Kardinal Müller fort-"die demütige Reflektion des Glaubens ist, die nach dem Hören auf das Wort Gottes entsteht."

Das ist das Thema. Die Lehre kann nicht geändert werden,weil bereits alles offenbart wurde. Wir können nur verstehen, wie wir die Lehre in Übereinstimmung mit den Zeichen der Zeit leben können. Kardinal Müller stellt fest, daß " jede Angst, daß jedes Konzil einen Bruch mit der Tradition der Kirche bewirken könnte, ist nicht nur häretisch sondern stellt auch die Bedeutung der übernatürlichen Eingreifens in Frage."

Das Problem ist die Sprache sagt Kardinal Müller zwischen den Zeilen. Er unterstreicht, daß "wäre da nicht die Hermeneutik der Kontinuität und Reform, würde die Kirche säkularisiert werden und in etwas verwandelt, das mehr wie eine menschliche Organisation ist." Würde das geschehen "gäbe es keinen Grund, Teil der Kirche zu sein."




Das ist der Punkt, an dem Kardinal Müllers Rede die Dinge ordnet. der Glaubenshüter behauptet, daß "Erneuerung" und "mainstream" "säkulare Begriffe" sind, "Zeichen eines ideologischen Bollwerks, das gegen das Gottesgewissen errichtet wurde" und eines Weges, der mit "Aufklärung, Idealismus und Materialismus" begann, eine ideologische Veränderung in Europa hervorrief und auch für "totalitäre Ideologien" Platz schuf.
Und in einer Fußnote fügt er hinzu: "Man muß wissen, daß Kardinal Martini eine säkulare Sprache sprach, als er sagte, die Kirche sei 200 Jahre hinter der Zeit."

Wahrscheinlich ist das das Kernproblem: die Kirche und der Glaube werden mit säkularen Worten beschrieben und alles in der Kirche wird auf säkulare Weise beschrieben. Daher kommt es, daß die Kirche als NGO angesehen wird, was Papst Franziskus vermeiden will. wie er sagt.

Kardinal Müllers Worte liefern so einen Interpretationsschlüssel  für die aktuelle Diskussion. Die vier Kardinäle, die Papst Franziskus ihre 5 dubia an "Amoris Laetitia" übergaben, gehen in dieser Richtung weiter und haben auch darauf hingewiesen, daß das Kanonische Recht die Möglichkeit einer formellen Korrektur des Papstes vorsieht. 
Aber von der anderen Seite werden diese Worte als Versuch interpretiert, den Papst zu diskreditieren, der von westlichen Wirtschafts-  und Finanzunternehmen "nicht geschätzt" wird, ein Vorwurf, der mit dem "Franziskus-gegen-alle-Plot" in vielen Büchern und sogar in einer journalistischen Untersuchungen, die die Vor-und Nachnamen alle Blogger und Journalisten auflisten, die angeblich gegen den Papst sind, dargestellt werden.

Was dann als nächstes passierte, war, daß die Debatte über "Amoris Laetita" sich - nach den eigenen Worten des Papstes- auf das Thema des Synoden-Konsens konzentrierte.
In einem Interview, das er dem belgischen Magazin "Tertio" gab, sagte der Papst, daß alles, was in Amoris Laetitia geschrieben sei, die Zustimmung von 2/3 der Bischöfe erhalten habe, die an der Synode teilnahmen.
Aber das ist nicht so und diese Tatsache kann man feststellen wenn man die Abstimmungsergebnislisten für die Propositionen ansieht, die jedes Schlussdokument einer Synode enthält.
Papst Franziskus wollte die Abstimmungsergebnisse zu diesen Vorschlägen veröffentlicht sehen, weil er wollte. daß auch diese Propositionen, die die 2/3 Zustimmung der Synode nicht erreicht hatten in das Schlußdokument eingefügt würden.

Diese Entscheidung des Papstes stieß ein von Kardinal Giuseppe Bertori, Erzbischof von Florenz, am Ende der Synode 2012 formuliertes Prinzip um, während er die Schlußpropositionen präsentierte, die die Basis für die von Papst Benedikt formulierte postsynodale Exhortation bilden sollten: "Der Unterschied zwischen Demokratie und Kirche "- sagte er- " ist, daß die Demokratie nach einem Konsens zwischen Mehrheit und einer Opposition sucht, was einen Konflikt einschließt. Aber die Kirche sucht nach Kommunion."

Aber das Prinzip der Kommunion geht verloren, wenn die Debatte mit säkularen Begriffen geführt wird. Und viele der aktuellen Diskussionen werden von einer säkularen Basis aus geführt - unabhängig davon welche Partei beteiligt ist. Es ist z.B, ein säkularer Gesichtspunkt festzustellen, daß die die Verteidiger der Lehre meistens aus dem reichen Westen kommen und daß sie die Bedürfnisse die dem chaotischen Leben der Ärmsten und Ausgegrenztesten der Erde entstammen nicht in Betracht ziehen.
Es ist ein säkularer Gesichtspunkt zu bemerken, daß es Ideale in der Kirchenlehre gibt, die für viele unerreichbar sind und daß das Kirchenrecht so sich den falschen Urteilen und dem falschen Verhalten der Menschen anpassen müsse. Es ist ein säkularer Gesichtspunkt über die Kirchenlehre in Worten der Inklusion und nicht mit den Worten des Evangeliums zu sprechen.

Man könnte einwenden, daß Diplomatie und Sozialarbeit säkular sind und daß die Kirche immer an beiden Fronten zu finden war. Aber die Kirche ist gerufen "in der Welt zu sein" und nicht "von der Welt"
Sie ist Teil von Strukturen, arbeitet für das Allgemeinwohl, nimmt an Treffen innerhalb der säkularen teil. Es ist die Mentalität die nicht weltlich sein sollte.

Die Debatte in der Kirche heute ist tatsächlich völlig auf die politische Seite transponiert worden. Der Papst wird gepriesen, wenn er starke Standpunkte zu Wirtschaftsthemen einnimmt, aber es gibt kein Lob, wenn er über "heiße" Themen spricht.Von diesem politischen Standpunkt aus, ist die Kirche aufgefordert in der Welt präsenter zu sein, während gleichzeitig eine Art Demokratie innerhalb der Kirche gefördert wird, als ob alles sich verändern sollte und nichts - einschließlich der Lehre - für immer sei.

Es sind viele Kräfte in die Debatte verwickelt und sie sind daran gewöhnt, säkulare Begriffe zu benutzen. Diese Kräfte existieren auch innerhalb der Katholischen Kirche. Es ist ein alter Fehler, der als "Laienklerikalismus" beschrieben werden kann. Ein Priester, ein Bischof wird als Autorität  auf seinem Gebiet betrachtet - und sieht sich selbst so - und er muß wie eine Autorität behandelt werden.
Aber die Tatsache, daß er einen Dienst ausübt ist völlig aus dem Blickfeld verschwunden.

Andererseits sagt Papst Franziskus immer, daß er dem Bischofsamt mehr Gewicht geben will und es gibt viele Hinweise auf diesen Vorsatz, Von "Evangelii Gaudium" zum Motu Proprio "Mitis Iudex Dominus Iesus" hat Papst Franziskus wiederholt auf seinen Wunsch den Ortsbischöfen mehr Verantwortung zu übertragen, hingewiesen - bis zu dem Punkt, ihnen sogar einige der Kompetenzen, die bei der Römischen Kurie oder einer zentralen Körperschaft der Kirche liegen, zu übertragen.

Erzbischof Charles J. Chaput von Philadelphia hat den Wunsch von Papst Franziskus richtig interpretiert. er hat an beiden Teilen der Synode teilgenommen und ihre Agenden in die Richtlinien, die er für seine Diözese entwickelte übertragen.
Nichtsdestoweniger wurden diese Leitlinien angegriffen,  weil sie als "konservativ" angesehen wurden, während eine ähnliche Initiative des Bischofs von San Diego nicht attackiert wurde. Am Ende verrät diese Diskussion immer die Versuchung, mit zweierlei verschiedenen Gewichten und Maßen zu urteilen.

Für die Ortsbischöfe ist Platz neue Verantwortung zu übernehmen, die Synoden-Agenda der katholischen Tradition folgend anzuwenden, eine Katechese auszuarbeiten, die sie für die Beste halten. Das ist es, was er will, sagt der Papst.

Sogar in diesem Fall - jedoch - ist es eine Frage der Sprache. Der Papst wird fast als eine Art "General" angesehen, dem jeder gehorchen muß und nicht als Vikar Christi, der seine Bischofswürde mit anderen Bischöfen teilt. Der Sinn für Geschichte ist verloren gegangen, Konsistorien, Synoden, das Kardinalskollegium sind immer Ausdruck der kollegialen Aktivitäten des Papstes gewesen. Das ist das größte Dilemma des katholischen Glaubens, die Kirche  ist gefangen zwischen "säkularer " Freimaurerpropaganda und tendiert zur Protestantisierung.  Die beste Hoffnung für das kommende Jahr ist wahrscheinlich diese: einen nichtsäkularen Weg zu finden um in der  Kirche Kirchenthemen zu diskutieren."

Quelle: MondayVatican, A. Gagliarducci



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