Freitag, 20. Januar 2017

"Niemand hat das Recht, seine eigene Kirchengeschichte zu erfinden."

George Weigelbedeutender Senior Fellow des Washington D.C. Zentrums für Ethik und Öffentliche Ordnung, wo er den William E. Simon-Lehrstuhl für Katholische  Studien inne hat, hat einen sehr lesenswerten und wichtigen Artikel über die Versuche zur Fälschung der Kirchengeschichte aus ideologischen Gründen und im Rahmen des sich in der Kirche anbahnenden Schismas geschrieben, der bei "First Things" veröffentlicht wurde.  
Hier geht´s zum Original:  klicken


                            "GEFÄLSCHTE GESCHICHTE"

"Als er über öffentliche politische Debatten sprach, sagte Daniel Patrick Moynihan den berühmten Ausspruch , daß während jeder das Recht auf seine Meinung hat, niemand ein Recht auf seine eigene Fakten hat. Etwas Ähnliches könnte man über die heutigen Diskussionen innerhalb der Kirche sagen: jeder hat das Recht auf eine eigene Meinung über den Zustand des Katholizismus 2017, aber niemand hat das Recht, seine eigene Kirchengeschichte zu erfinden.

Ich dachte an Moynihans Regel, als ich den Beitrag des britischen Schriftstellers Paul Valley vom 17. Dezember im Guardian las. Darin argumentiert der Autor einer wichtigen Papst-Franziskus-Biographie, daß der Papst " das Kardinalskollegium regelmäßig mit eher gemäßigten Hirten als mit doktrinären Ideologen auffüll."
Das ist natürlich eine journalistische Standardtour. Es ist aber auch gefälschte Geschichte.

Das kann leicht durch eine Konsultation des Annuario Pontificio, des Vaticanischen Jahrbuches nachgeprüft werden. Dort- auf den Seiten, die dem Kardinalskollegium gewidmet sind, kann man diese Namen in der Reihenfolge ihrer Kardinalsjahre finden:
Roger Etchegaray, Godfrid Danneels, Thomas S. Williams, Paul Poupard, Achille Silvestrini, Angelo Sodano, Roger Mahony, Jaime Ortega, WIlliam Keeler, Dario Castrillón Hoyos, Dionigi Tettamanzi, Christoph Schönborn, Giovanni B. Re, Walter Kasper, Theodore McCarrick, Óscar Rodríguez Maradiaga, Cláudio Hummes, Cormac Murphy-O’Connor, Karl Lehmann, Renato Martino, Tarcisio Bertone, Peter Turkson, Franc Rodé, Leonardo Sandri, Giovanni Lajolo, Seán Brady, Oswald Gracias, Odilo Scherer, Francesco Monterisi, Kurt Koch, Gianfranco Ravasi, Reinhard Marx, Francesco Coccopalmerio, João Braz de Aviz, Domenico Calcagno, Rainer Maria Woelki, Béchara Boutros Raï, und Luis Antonio Tagle.

Ich möchte nicht rüde erscheinen, aber jeder, der sich vorstellt, daß irgendeiner dieser Männer ein "doktrinaler Ideologe" ist hat seinen Anspruch ein glaubwürdiger Vaticanist zu sein verspielt.
Jeder einzelne von ihnen wurde von Johannes Paul II oder Benedikt XVI zum Kardinal ernannt. Jeder. Einzelne.

Darüber hinaus waren die Kardinäle Danneels, Kasper, Lehmann und Murphy O´Connor unter den Hauptförderern Kardinal Jorge Mario Bergolgios im Präkonklave von 2013.
Nachdem das Konklave Bergolgio zum Papst gewählt hatte, berief der neue Pontifex sofort die Kardinäle Rodriguez Maradiaga, Gracias und Marx in seinen Kardinalsrat, ein päpstliches Küchenkabinett für die Kurienreform. Die Kardinäle Braz de Aviz, Calcagno, Coccopalmerio, Hummes, Koch, und Schönborn haben bisher wichtige Rollen im Pontifikat gespielt und Kardinal Tagle ist auf jeder "Großen Erwähnungsliste"  der zukünftigen Papabile.

Und um es noch einmal-appassionato e fortissimo-zu wiederholen: jeder dieser Männer ist von Johannes Paul II oder Benedikt XVI kreiert worden.

Geschichte in zwei scharf kontrastierende Perioden zu teilen, macht gelegentlich Sinn. 
Da kommen einem die USA vor und nach dem Bürgerkrieg in den Sinn; vor dieser großen Sintflut sagten die Leute "die USA sind..."  danach "die USA ist....".
Japan vor und nach dem II. Weltkrieg ist ein anderes Beispiel,wo eine strikte Zweiteilung keine Simplifizierung bedeutet.
Aber solche Beispiele sind selten. 
Polen erlebt heute eine Periode innenpolitischen Streits, der auffallend den Debatten des Landes über seine Identität in den 20-er und 30-er Jahren ähnelt.
Frankreich ficht auf gewisse Weise innere Debatten aus, die 1789 begannen. Geschichte ist viel organischer und in Entwicklung und sehr viel weniger linear als die künstliche Teilung der menschlichen Geschichte in zweigeteilte entgegen gesetzte Perioden suggeriert.

Das ist besonders für die Kirche wahr. Wir sind viel zu sehr daran gewöhnt zu denken, daß das II.Vaticanische Konzil eine Art kirchlichen Grand Canyons war, der zwei vollkommen verschiedene Perioden der Kirchengeschichte trennte.
Dennoch ist die am nach der Bibel am zweithäufigsten zitierte Quelle der Dokumente des II. Vaticanischen Konzils ist das Lehramt von Papst Pius XII, dessen reformierende Enzykliken in den Mittvierzigern, die Dynamik beschleunigten, die das Konzil zwischen 1962 und 1965 formten.
In der Tat ist das II. Vaticanum ohne die Päpste Leo XIII (1878-1903), Pius X (1903-1914), Benedict XV (1914-1922), Pius XI (1922-1939), und Pius XII (1939-1958) undenkbar.

Darüber hinaus ist der Gedanke, daß die Pontifikate Johannes Pauls II und Benedikts XVI intellektuell steril waren einfach lächerlich. Sie waren die Jahre der Theologie des Leibes, der großen Enzykliken  Redemptor Hominis, Dives in Misericordia, Veritatis Splendor, Redemptoris Missio, und Centesimus Annus und die bemerkenswerten "September-Reden" Benedikts XVI in Regensburg. NewYork, London und Berlin. Zwischen 1978 und 2013 wurde der Kirche ein reicher Corpus päpstlicher Lehren,- intellektuell kühn und evangelisch fruchtbar- gegeben.

Man tut Papst Franziskus keinen Gefallen, seine beiden Vorgänger als starre Ideologen herabzusetzen. Das ist auch Geschichtsfälschung."

Quelle: First Things , George Weigel

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