Montag, 16. Januar 2017

Vittorio Messori zum Luther-Jahr und dem Umgang des Vaticans mit dem Reformator und der Reformation bei diesem Anlaß.

Vittorio Messori teilt seinen Lesern bei Il Timone was er von den Feiern zum Reformationsjubläum, Martin Luther, dem Umgang des Vaticans mit beidem und anderen Themen- die die aktuelle Situation der Kirche betreffen. Dabei macht er einen kleinen ebenso interessanten wie amüsanten Exkurs zum Zusammenhang zwischen Reformation und Vegetarismus 
Hier geht´s zu einer Seite, die den Messori-Text verlinkt hat :  klicken  (der Original-Link wurde inzwischen gelöscht)
                          "KINDERGARTEN, JANUAR 2017"
Ich halte die Zeitschrift "Bolaffi" (die älteste und größte der Briefmarkenagentur) in Händen, in der die Briefmarken notiert werden, die im laufenden Jahr herausgegeben werden. Ich sehe die Seite, die der Vatican-Post gewidmet ist, auf der eine Ausgabe angekündigt wird, "die erstaunt", wie der Verfasser des Textes schreibt, nicht weniger als eine Briefmarke des Hl. Stuhls, die den 500. Jahrestag des Reformationsbeginns feiert. Offensichtlich ist das Bild, das auf diesem kleinen Papierquadrat des Vaticans zu sehen ist, das Martin Luthers.
Wenn die Laien von Bolaffi sich wundern, was andererseits den Katholiken nicht passiert, die wissen, wie Papst Bergoglio nach Schweden fliegen wollte (wo u.a. die zwangsweise Einführung des Luthertums aus rein ökonomischen Gründen, um die Hände auf das Kircheneigentum legen zu können, brutal gegen das Volk - und viele Märtyrer schuf) - also nach Schweden fliegen wollte um "den Mut" jenes Bruders zu, der es wagte, die unwürdige Kirche des 16. Jahrhunderts in Frage zu stellen. Uns überrascht deshalb nichts mehr. Was aber Bruder Martin angeht: ich finde eine kurze und unvollständige Auswahl der Ausdrücke, die jener " verdienstvollen Reformator" in seinen Schriften für den Römischen Pontifex bereit hielt. Er nannte ihn also "Schwein, Antichrist, Scherer der Herden, Blutvergießer, Wolf, Hund, Verdreher der Hl. Schrift, böser und perverser Lästerer, Gegner Christi, Verzerrer Christi, Kreuziger des Herrn, Teufel, Satan, Sakrileg, Ignorant, Muse der Prostitution, Autor aller Gottlosigkeit, Blasphemist, Heuchler, Meister des Betrugs und der Hochstapelei , Schurke, Pestbringer, Korrupter." Man könnte diese sympathische Litanei fortsetzen...
Es ist wichtig festzustellen, daß Luther sich mit dieser Kaskade von Beleidigungen und Flüchen (wie er selbst erklärte) nicht nur auf die verhaßten Päpste bezog, die zu seiner Zeit regierten sondern auf alle - die in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft den Papststuhl besetzten.  Und dennoch wurde Franziskus in Schweden von den Höchsten Repräsentanten, die von der lutherischen Gemeinde übrig geblieben sind, mit großer Herzlichkeit empfangen. Jener Gemeinschaft, die die Beleidigungen ihres Gründers nie widerrufen hat. Große Heuchelei also von Seiten derer, die Luther als Gottgesandten betrachten, die jedes seiner Worte nicht nur ernst nehmen sondern verehren. 
Welche Wahrheit konnte in den Feiern für einen Papst bei den Nachfolgern dessen gefunden werden, der nie genug Verletzendes finden konnte, um ihn zu beleidigen? Und welche Art authentisches Christentum konnte man bei diesen Festlichkeiten feiern, angesichts dessen, daß Heuchelei für Christus zu den Todsünden gehört?"
À propos Luther. Dieser hat mehrmals verkündet "die Vernunft steht dem Glauben direkt entgegen, deshalb muß man auf sie verzichten. Bei den Gläubigen muß man sie töten und begraben." Daraufhin wurde die Apologetik als blasphemisch verboten, weil sie versuchte, Glauben und Vernunft zu versöhnen.
Hier die ironische Antwort des katholischen Konvertiten vom Protestantismus, Jacques Maritain: "Luther hat so der Menschheit eine große Freiheit gegeben. Er hat uns von allem befreit: der Intelligenz und der Reflektion. Er hat uns von dieser ermüdenden unaufhörlichen Notwendigkeit nachzudenken befreit. Vor allem vor der Notwendigkeit logisch zu denken."


Nach dem Abitur und bevor ich mich in der Universität einschreiben konnte, habe ich auf eine Zeitungsannonce geantwortet und bekam eine positive Antwort so ging ich für einige Monate zum Lido von Venedig : nicht als Tourist, sondern als Aushilfe für den Concierge einer viel von Kino-Leuten besuchten Pension, die während des berühmten Filmfestivals überfüllt war und deshalb zeitweilig Aushilfskräfte brauchte. Ich wurde angenommen weil ich einige Sprachen kannte, eine unerläßliche Sache angesichts dessen, daß die Gäste fast alle Ausländer waren. 
Unter den ersten Dingen, die der diensthabende Portier mir beibrachte, war den Gästen, die zum ersten mal kamen, die Frage zu stellen: "Vegetarier?" Wenn die Antwort ja war, sollte ich hinzufügen: "Streng vegetarisch?" , also "vegan" zu essen, wie man heute sagen würde. Und das, um der Küche Instruktionen zu geben, weil zur Pension auch ein Restaurant gehörte. Als ich begann diese Frage zu stellen, war ich überrascht über die Zahl der Ja die ich als Antwort bekam, während unter uns der Vegetarismus bizarr, etwas exzentrisch erschien und der radikale, vegane unbekannt war, so daß wir nicht einmal den Namen kannten. 
Ich habe festgestellt, daß unter der strengen Vegetariern, den Ernährungsjakobinern, auch einige Engländer waren, aber der Großteil kam aus Deutschland und den Skandinavischen Ländern. Also aus den Ländern. die seit Jahrhunderten Lutheraner gewesen und es immer noch waren, jedenfalls offiziell.
Weit entfernt von religiösen Problemen, wie ich damals war, wurde mir das Paradoxon nicht bewußt. Erst in der Folge habe ich die Flüche entdeckt, die Luther gegen das monastische Leben ausgestoßen hatte, in dem er viele Jahre gelebt hatte. Unter den Dingen, die ihn am meisten erzürnten, war das was in der Sprache der Mönche "Buße" genannt wurde: das Fasten und die vegetarische Kost.
Eine Kost, die in seinem Konvent der Augustiner strenger Observanz tägliche Praxis war - und das war zu viel für ihn. Er befreite sich von dieser Gewohnheit und nannte den Verzicht auf Fleisch "unmenschlich", nicht nur für die Mönche sondern auch für jeden Gläubigen.
Kaum hatte er die Macht, eine neue Kirche zu schaffen, war unter seinen ersten Maßnahmen, aus dem Kalender die Fastenzeiten der und Abstinenz zu entfernen.
So wie er eine Nonne heiratete um - wie er sagte- "dem Teufel zu trotzen, der die Keuschheit erfunden und sie den Mönchen -durch sein Instrument den römischen Papst - aufgezwungen hat" , und so aß er Würste und Gebratenes und ließ sich besonders in der Hl. Woche große Beefsteaks servieren.
Ist es also nicht kurios, daß der Vegetarismus in den Ländern entstanden und fast zu einem, Massenphänomen geworden ist, in denen immer und allgemein Fleisch zu essen, wenn auch nicht Vorschrift, so doch eine religiöse Ermahnung war. Länder, in denen u.a. das Fasten als Mittel zu Gesundheit aber auch Ästhetik neu entdeckt wurde, das vom sächsischen Bruder so sehr gehaßt wurde?
À propos die Deutschen - ich habe bei Friedrich Hölderlin, Dichter, kein Theologe, Protestant, kein Katholik, eine überraschende Überlegung gefunden: "Der Abdruck des Göttlichen ist die Katholische Eucharistie: das Größte (Gott selbst) in das Kleinste einzuschließen, in das unmaßgebliche Gewicht der konsekrierten Hostie." 
Ein anderer Dichter, diesmal ein Franzose, Charles Péguy, der hauptsächlich im vorigen Jahrhundert geschrieben hat, aber der Zeit voraus war: "Der Modernismus mit seiner Obsession für den Dialog gibt vor, daß wir aufhören sollten zu glauben, um den Gesprächspartner, der nicht glaubt, nicht zu verletzen." Und jetzt ein Amerikaner, der französisch schrieb, ein Konvertit vom Protestantismus zum Katholizismus, Julien Green, zu einem Gesprächspartner, einem Agnostiker: "Du willst Wunder. Aber was anderes ist Ihre Gleichgültigkeit gegenüber der Religion, die das ist, was für dein Leben und deine Ewigkeit entscheidend ist?"
(.......)
Quelle: Il Timone, Vittorio Messori

Inzwischen sind auch die ersten Entwürfe der Briefmarke aufgetaucht, die wir unseren Lesern nicht vorenthalten wollen:



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen