Donnerstag, 23. Februar 2017

Krise der Kirche- eine Krise der Autorität?

Aldo Maria Valli stellt die Fakten um die derzeitige Lage in der Kirche dar, versucht sie zu erklären und macht sie an der Krise der Autorität -quer durch unsere Gesellschaften- fest. 
Hier geht´s zum Original, das wir bei BenoîtXVI-et-moi gefunden (merci!) haben: 
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"DIE KIRCHE, VERWIRRUNG UND KRISE DER AUTORITÄT. ORIENTIERUNGSHILFEN IM STURM."
"Was für eine Verwirrung! Heute enden Analysen und Diskussionen über die Kirche- welches auch ihr Autor sei, oft mit diesem Ausruf, gefolgt von einem untröstlichen Seufzer.
Und in der Tat, die Tatsachen scheinen das zu bestätigen.

Anonyme Plakate die sich gegen den römischen Pontifex wenden, Kämpfe um Macht (und Geld) in einer noblen und alten Institution wie dem Malteser Orden, Kardinäle, die an den Papst schreiben. um ihn zu bitten, auf Fragen zur Doktrin zu antworten. Und dann zwei Päpste, die einige Meter von einander entfernt im Vatican leben, ohne daß jemals die Gründe für den Rücktritt des Mannes ganz geklärt wurden, der heute nach einer Definition, die auch zu Dikussionen veranlaßt, "papa emeritus" genannt wird.
Und dann Kontroversen und Mißstimmungen unter den Kardinälen,  Bischöfen und Gläubigen über die Schlüsselaspeke und den Glauben besonders wegen eines päpstlichen Dokumentes, das trotz seines sympathischen Titels (Amoris Laetitia) zu einem Kriegsschauplatz geworden ist und für viele ein Grund -nicht zur Freude sondern der Verblüffung und der Trauer.
Und dann ein verwirrender, verteidigender Papst, der vor alle in Interviews und improvisierten Reden Positionen vertritt, die für manche nicht mit der Lehre der Kirche zu keineswegs sekundäreThemen übereinstimmen.

Und dann, die Reformen, die das Funktionieren der zentralen Leitung der Kirche verbessern sollten, aber Unzufriedenheit im Innern des Hl. Stuhls provozieren. Und dann noch Reihen von Katholiken, die das alles mit wachsender Orientierungslosigkeit, Traurigkeit und Verblüffung beobachten, beinahe vernichtet durch die Polemiken oder leidenschaftlich im Konflikt engagiert- in der Unterstützung der einen oder anderen Partei.

Wenn das Bild, das ich gerade gezeichnet habe, die Frucht der Vorstellung eins Schriftstellers wäre, müßte man ihm eine bemerkenswerte Phantasie zusprechen. Das Buch könnte den Titel "Geteilte Kirche" oder "Die Kirche im Sturm" haben. Tatsache ist, daß angesichts dessen, was wir sehen. selbst der erfindungsreichste Schriftsteller nur zugeben könnte, daß die Realität die Fiktion übertrifft.

Was man früher über die "Liberalen" sagte (daß wenn zwei von ihnen diskutieren, man mindestens drei verschiedene Meinungen erwarten mußte) kann jetzt über die Katholiken gesagt werden. Es gibt kein Argument, das in den Konflikten ausgespart wird. Und was für Konflikte! 

Wir wissen genau, daß von Anfang an in der Kirche die Debatten- oft mit Beleidigungen und Ressentiments gespickt- das tägliche Brot gewesen sind. Paulus (im Brief an die Galater) hat Petrus über die Schlüsselfragen der Zeit "ins Gesicht" widerstanden ( er ist ihn hart angegangen) - z.B. wie über das Verhalten gegenüber den Juden. Und was ist über die Kämpfe zwischen den Christen der ersten Jahrhunderte um die Trinität und das Verhältnis zwischen Vater und Sohn sagen?  Wie die leidenschaftlichen Kontroversen beim I.Vaticanischen Konzil zur päpstlichen Unfehlbarkeit vergessen und -um zu einer uns sehr viel näheren Zeit zu kommen- die um das II. Vaticanische Konzil entflammten und in den folgenden Jahren erlebten Debatten?

Wir haben die Tendenz, ans Christentum und besonders an den Katholizismus wie an einen dogmatischen-also in seiner Festigkeit stabilen Glauben zu denken. In Wirklichkeit ist das, was die Christliche Erfahrung charakterisiert, die Freiheit und als ihre Konsequenz die Würde, die dem Menschen als Ebenbild Gottes zuerkannt wird. Und die Freiheit bringt den Unterschied mit sich eingeschlossen der Form der Spannung.

Also nichts Neues unter der Sonne? Eines Teils ja und eines Teils nein.

Ein neues Element stellt wahrscheinlich die Form dar, in der wir kommunizieren. Die Verbreitung der neuen Medien hat die klassische Unterscheidung zwischen Quelle und Empfänger der Information eliminiert. Heute ist jeder zugleich Absender und Empfänger, alle interagieren und das immer schneller. Folge ist eine weniger als früher durchdachte Information, instinktiver und unmittelbarer und also auch konfliktreicher. Außerdem gibt es eine Mischung aus Idee und Bewertung, eine Überlappung, die in einem globalen Dorf entsteht, das häufig an einen Markt voller ununterscheidbarer Stimmen erinnert, wo es schwierig ist, zu sagen, wer die meisten oder wenigsten Werte hat und wo der, der am lautesten schreit, sich durchsetzt.





Seit langem von der Politik akzeptiert, hat die neue Art zu kommunizieren -weniger formell und weniger strukturiert als in der Vergangenheit- in gewisser Weise auch den Papst erreicht. Der, neben den klassischen Instrumenten (Enzykliken, Briefe, Predigten, verschiedenen Dokumenten) immer häufiger darauf zurückgreift-wie auf Interviews, Stegreif-Reden und alle Formen des direkten Kontaktes -ohne Vermittlung durch Institutionen und Gesprächspartner. Und deshalb eine Kommunikation, die- sogar im Fall des Papstes- dabei ist, immer weniger feierlich in der Form und oft auch weniger im Inhalt zu werden, weniger an Kriterien der Vorsicht gebunden und denen der Presse ähnlicher, improvisiert, an Impulse und Emotionen gebunden, an den Lärm, den ein bestimmter Fall auslöst.

Ein anderes neues Element (jedenfalls in der modernen Zeit) ist durch die Gegenwart der beiden lebenden Päpste  gegeben, die noch dazu sehr unterschiedlich voneinander sind. Obwohl der Papst, der nicht mehr regiert, sich sehr selten zeigt und noch weniger spricht, gibt es Katholiken, die nicht zögern, im Emeritus ihren Bezugspunkt zu sehen, der nach ihrem Dafürhalten aus dem Blickwinkel der Doktrin und Pastoral der Authentischere bleibt , und so ein Motiv für einen nicht immer offenen Konflikt aber dennoch für eine reale oder potentielle Spaltung liefert.

Man könnte dann endlos über die Situation der kirchlichen Bewegungen diskutieren und über ihre Führungsprobleme. mit der Folge, daß selbst in diesen früher kompakten Welten, jene die sich frei fühlen oder zumindest an eine Disziplin der Zugehörigkeit gebunden, zahlreicher sind.
Andere Elemente von Neuem könnte man in dem umgekehrt proportionalen Verhältnis zwischen dem Niveau von Inhalt und Aggressivität finden, aber in diesem Fall betrifft das Problem nicht nur die Kirche sondern die generelle intellektuelle Dekadenz.

Die Tatsache ist, daß, wenn man von der Doktrin, dem Lehramt, der Pastoral, der Kirchenpolitik, dem Predigen oder einem ganz anderen Aspekt des Kirchenlebens spricht, das erste Wort, das einem in den Mund kommt, um das Bild zu beschreiben, genau "Konfusion" ist.

Und hier kommen wir zum wirklichen Unterscheidungsmerkmal der aktuellen Realität. In der die Situation des chronischen Konfliktes und der Unsicherheit im Herzen der Kirche die Folge einer Krise der Autorität zu sein scheint.

Diese Krise- wie die intellektuelle Dekadenz betrifft sicher nicht nur die Kirche (denken wir an die Familie, die Schule, die politischen Institutionen), aber dort wo die Kirche betroffen ist, die Gemeinschaft, in der Autorität eine entscheidende Rolle spielt, trifft sie auf einschneidende Weise hervor.

Die Krise betrifft alle die, die eine verantwortungsvolle institutionelle und pastorale Rolle spielen: Kardinäle, Bischöfe, Priester. Aber es ist sicher, daß wir durch die Entwicklung oder die Regression der Figur des Papstes getroffen sind. In welchem Sinn? In dem Sinn, daß wenn auf der einen Seite der Papst nie so populär ( das ist angesichts des schwachen Besuches der sonntäglichen Angelus doch fraglich) war wie heute, er aber andererseits nie so ohne anerkannte und ohne substantielle Autorität? 
Die Stimme des Papstes, wie geschätzt sie auch sei- und die viele für die einzige halten, die eine gewisse Autorität hat- hat in der Praxis immer weniger Einfluss, sogar bei den Gläubigen.
Die Gründe sind zahlreich und beziehen sich zugleich auf die Art, in der der Papst seine Rolle verändert, seine Gestalt und seine Beziehung zur Welt und auf die in der Gesellschaft, in der Kultur und in den Sitten eingetretenen Veränderungen. 
An der ersten Front wohnen wir seit langem einer Desakralisierung der Figur des Papstes bei, einem Prozess, der es den Päpsten erlaubte, den Menschen und Völkern besser entgegen zu gehen, weit über das einzige katholische Publikum hinaus, was aber parallel dazu zu einer Verminderung der Anerkennung seiner Lehrfunktion führte. Während an der zweiten Front der Prozess der Säkularisierung  so weit gegangen ist, daß er auch den Papst selbst absorbiert und assimiliert hat, der dadurch eine Persönlichkeit wie alle anderen geworden ist, einer von denen, die die Aufmerksamkeit der Medien auf sich ziehen. Sicher- die Leute, die ihn hören und sehen, sind zahlreicher, aber die. die ihn als einen Führer sehen, dem man folgt sind weniger geworden.
Wir haben auch das Paradox eines sehr populären Papstes, dessen Vorschläge sehr schnell im Meer der vielen anderen Vorschläge verloren gehen. Zur Zeit Johannes Pauls II sagte man, daß die Leute dem Sänger applaudierten, aber nicht dem Lied (man liebte den Menschen Wojtyla aber nicht das, was er lehrte) - heute dagegen kann man sagen, daß viele sowohl dem Sänger als auch dem Lied applaudieren, aber daß sie es schnell vergessen, keine Konsequenzen daraus ziehen und keine echte Gefolgschaft bilden.

Angefangen -zumindest sichtbar-hat die Autoritätskrise des Papstes mit Johannes XXIII und ist durch die folgenden Pontifikate weiter gegangen, aber sie hat sich vielleicht nie zuvor mit der aktuellen Intensität manifestiert.

Das ist ein Phänomen, das jeder Papst zu begrenzen versucht hat. Johannes XXIII, der vielleicht, indem er das II.Vaticanische Konzil einberief, einen außerordentlichen Beitrag zur Krise leistete und sich selbst mit dem Papsttum in Frage stellte, begrenzte die Abnahme der Autorität durch sein Charisma. 
Johannes Paul II tat das selbe, auch wenn sein Charisma ein anderes war. Schwieriger war die Aufgabe für Paul VI, der nicht auf sein Charisma (jedenfalls nach dem Kanon der auf dem Bild beruhenden medialen Gesellschaft) zählen konnte, und der auf eine interne Reform setzte und versuchte, den Regierungsorganen eine größere Glaubwürdigkeit zu verleihen. Während die Waffe Benedikts XVI gegen die Autoritätskrise die theologische und philosophische Weisheit war, die ihm erlaubte, der zeitgenössischen Kultur entscheidende Fragen zu den großen Fragen -wie Wahrheit und Freiheit- zu stellen, aber die ihm nicht erlaubten, sich vor den Angriffen zu schützen, die immer aggressiver wurden und zum großen Teil auf Vorurteilen beruhten.
Heute- mit Franziskus- ist es nicht leicht, zu sagen, welches Instrument er benutzt, um der Krise der Autorität entgegen zu  treten. Dem Anschein nach benutzt er gar kein Instrument,  und ist selbst Teil einer Bemühung die auctoritas des Papstes zu reduzieren, durch einen noch entscheidenderen Impuls zur Desakralisierung. 
Wenn man aber näher hinschaut, sind alle symbolischen Entscheidungen, der unmittelbaren Wahrnehmung - in diesem Sinn (wie z.B. keinen auffälligen Habit anzulegen, normale Schuhe zu tragen, in einem Kleinwagen zu fahren, in Santa Marta zu wohnen und nicht im Apostolischen Palast, den Vatican zu verlassen um in römische Geschäfte zu gehen, sich zugänglich und ansprechbar zu zeigen) können auch als Versuch gelesen werden, die päpstliche auctoritas durch die humilitas zurückzugewinnen. Eine Strategie, die in einer nicht so sehr vom Wort als durch das Bild dominierten Welt ihre eigen Logik haben mag.

Wie es auch sei, in der Katholischen Gemeinschaft bleibt der Zustand der Konfusion. Der -in manchen Augenblicken- droht ein Verwirrtheitszustand zu werden. Wer befiehlt? Wem glauben? Auf wen sich stützen? Wem sich anvertrauen? Wem das Vertauen schenken?

Hätte der Katholik keine providentielle Vision des Lebens und wüßte nicht, daß der Geist weht, wo er will,  müßte er den Schauer der Leere und der Angst vor einem Chaos erleben, der den Triumph des Fürsten der Finsternis anzukündigen scheint, dessen, der das Böse durch die Spaltung vorantreibt, indem er immer neue Motive für Mißverständnisse und Konflikte unter die Menschen wirft. Die zunehmende Entropie, also alles, was ein Hindernis für eine klare und einheitliche Botschaft bildet, könnte ein Entmutigung mit sich bringen. Im Gegenteil  sieht der Glaubende in dieser Situation einen Test für die gesunde Ausübung der persönlichen Freiheit, im Sinn der Verantwortlichkeit, des Mutes und der Loyalität. In Augenblicken ist dieser Test schwierig aber der Gläubige hat für sich die Sicd er nicht allein ist und er hat das Bewußtsein, daß auctoritas das wichtige, einzige  ist, was zählt, und daß sie durch den ausgeübt wird, der nicht enttäuscht. Niemals.

Quelle: A.M.Valli,

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