Freitag, 24. März 2017

Aus der Missionsgeschichte der Jesuiten. Der Papst als Historiker- oder Schuster bleib bei deinen Leisten...?

Bronwen Catherine McShea, Historikerin mit Schwerpunkt frühe Neuzeit, hat sich mit Papst Franziskus´ vielleicht etwas verinfachenden Thesen zur Mission und den Missionaren just dieser Zeit auseinander gesetzt und kommentiert sie bei bei "First Things"
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           "PAPST FRANZISKUS ALS HISTORIKER"
Während eines freundschaftlichen Treffens mit einer ökumenischen Delegation aus Finnland am 19. Januar hat Papst Franziskus seinen Einsatz für eine Wiedervereinigung mit den Lutherischen Christen unterstrichen, in dem er eine historische These über den großen deutschen Reformator aufstellte:

"Das Ziel Martin Luthers vor 500 Jahren war, die Kirche zu erneuern, nicht sie zu spalten."

Einen Tag oder so vorher, begann in Rom das Gerücht die Runde zu machen, daß der Vatican den 500. Jahrestag der 95 Thesen Luthers durch eine spezielle Briefmarke ehren wolle.
Und davor-im vergangenen Herbst- pries der Papst Luther dafür, die Aufmerksamkeit der Kirche auf die Zentralität der Hl.Schrift zurückgeleitet zu haben und die folgende Trennung zwischen Katholiken und Lutheranern nicht auf das, was der Reformator selbst getan hatte, zurückzuführen, sondern auf jene von uns, die "in uns selbst verschlossen sind aus Angst oder Unsicherheit im Hinblick auf den Glauben, den andere mit einem anderen Akzent und einer anderen Sprache bekennen."

Der kürzliche Exkurs des Papstes in die Geschichte der frühen Neuzeit hat ihn nicht nur in das Deutschland der Reformation geführt, sondern auch nach China und Indien in den Tagen der ersten Jesuiten-Mission.
Am 24. Oktober- bei einem ausführlichen Gespräch mit den Delegierten der 36. Vollversammlung der SJ hat unser erster jesuitischer Papst das Bestreben des modernen Katholizismus, die indigenen Kulturen zu schützen mit dem eurozentrischen, imperialistischen Charakter der Kolonialzeit-Kirche verglichen und behauptet, daß während wenige Jesuiten-Missionare des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts durch den Hl. Geist klar verstanden hätten, "daß das Evangelium bei den heidnischen Völkern inkulturiert werden müsse", und diese Missionare die Ausnahme von der Regel waren:

"Denken Sie z,B. an die Erfahrung von Matteo Ricci und Roberto de Nobili. Sie waren Pioniere, aber  eine hegemoniale Wahrnehmung des Römischen Zentralismus hat dieses Experiment beendet und  unterbrochen. Er kam einem Dialog zuvor, in dem Kulturen respektiert wurden. Und das passierte,  weil sie soziale Gebräuche mit einer religiösen Hermeneutik interpretierten Respekt für die  Toten....wurde mit Götzenanbetung verwechselt."

Erst vor kurzem schlug Franziskus vor, die Kirchenführer sollten zu einem "größeren Bewußtsein ...für indigene Völker kommen, um Ausdruck und Kultur jedes von ihnen zu unterstützen."

Als Christ des 21. Jahrhunderts applaudiere ich und bete um Erfolg für die fortgesetzten Bemühungen des Papstes, von Lutheranern, Katholiken und anderen, die Jesus Christus bekennen, sich um die Wiedervereinigung im Geist des Gebetes und der Wahrheit zu bemühen.
Ich teile auch die Sorgen des Papstes, daß die christliche Evangelisierung die reichen, diversen Kulturen hüten und stärken sollten, besonders angesichts des oft brutalen Vorgehens der Globalisierung.

Aber als Historikerin, mit besonderem Schwerpunkt für die Welt der Frühen Moderne, die von Luther und den frühen Jesuiten-Missionaren bewohnt wurde, zucke ich bei den historischen Formulierungen des Papstes zusammen.
Sie werden den Hauptakteuren und den beteiligten Faktoren nicht gerecht. Sie instrumentalisieren die Geschichte eher, als daß sie eine rezeptive Haltung gegenüber den Lehren aus der Geschichte einnehmen, um die Agenda des aktuellen Augenblicks voran zu bringen. 
Während solche Äußerungen harmlos wären, wären sie in einer meiner Einführungsvorlseungen vorgekommen, erfordern sie eine respektvolle Kritik, wenn sie von einem Mann geäußert werden, der den Titel und das Siegel des Summus Pontifex der Universalen Kirche trägt.



Untersuchen wir zunächst die Behauptung des Papstes über seine Mit-Jesuiten Ricci und Nobili.

Ricci, der von 1552 bis 1610 lebte, schloss sich als junger Mann den Jesuiten in Rom an und erarbeitete einen Weg der kulturellen Anpassung der Missionsarbeit in der späten Ming-Dynastie in China.
Nach Jahren kulturellen Eintauchens und einem Apostolat des "Versuchs und Irrtums" kleidete er sich und sprach wie ein Schüler Konfuzius´ und wurde dann 1601 als erster Europäer in der Verbotenen Stadt des Kaisers Wanli, im Herzen Pekings, empfangen.

Nobili, ebenfalls Italiener, aber eine Generation jünger als Ricci, lebte von 1577 bis 1656 und verfolgte einen gleichen adaptierenden Zugang der Missionsarbeit.
Er widmete seine Laufbahn dem hinduistischen Indien und lebte vorwiegend in Madurai, im heutigen südindischen Staat Tamil Nadu.
Der Grad, in dem Nobili die Traditionen, Kleidung und Lebensstil der elitären Brahmanenkaste der Region übernahm war sogar für seine Jesuitenbrüder der Zeit ein Skandal, besonders wegen seines Hauptzieles: einen soziales Standbein für seine Mission zu errichten, um die Eliten in und rund um Madurai für die christliche Lehre zu erreichen und von ihnen nicht wegen seines Fremdseins und besonders seine Verbindung zu den armen Menschen der niedrigen Kasten gemieden zu werden.

Im Gegensatz dazu akzeptierten andere Katholische Missionare in der Gegend dieses Ausgeschlossenwerden durch die elitäre hinduistische Gesellschaft als Preis dafür, den Gekreuzigten Christus und das "Gesegnet sind die Armen" in diesem Teil der Welt predigen zu können.

Das ist zuallererst ein Anachronismus des Papstes diesen Jesuiten gegenüber- ganz zu schweigen vom Hl. Paulus- diesen Jesuiten ein Projekt der "Inkulturation" als Inkulturation zuzuordnen, besonders entlang der klaren Linien, die Franziskus zieht, die nicht vor Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden.
Obwohl man sicher Ähnlichkeiten und Wurzeln sehen kann, waren Gelehrte, die die Projekte Riccis und Nobilis ausführlich studierten, zu vorsichtig, um ihnen das missionarische Rahmenwerk des 20. Jahrhunderts zuzuordnen. 
Francis X. Clooney, SJ, z.B. hat betont, daß während Nobili, brahmanische Kleidung, Sitten und Sprachnormen der Kommunikation mit den Hindu-Eliten annahm, er wenn es um die Doktrin ging, einen festen Thomistischen und Tridentinischen Standpunkt (manche würden eurozentristisch) einnahm, in seinem Verständnis der "Unveränderlichen Wahrheit" die er dann- sozusagen- in ein hinduistisches Gewand kleidete.

Problematischer ist da jedoch die Bemerkung des Hl. Vaters, daß Riccis und Nobilis missionarische Pioniermethoden dem "hegemonialen Konzept des Römischen Zentralismus " zuwider laufe und die begleitende Hast, offen in Orientierung und Perspektive, "römisch" ausgerichteter europäischer Missionare, religiöse Bedeutung und Idolatrie auf das kulturell Neue und Andere zu projizieren.

Hier scheint der Papst zu glauben, und will daß andere glauben, das das wahre Projekt des Hl. Geistes die Inkulturation ernsthaft durch die Ära der sog.China-und Malabar-Kontroverse vereitelt worden sei.
Nach Klagen anderer Missionsorden (auch Jesuiten) und ausgedehnten Diskussionen in Europa über das, was in der Chinesischen und Indischen Kultur von den christlichen Missionen toleriert werden könne, haben mehrere Päpste des frühen 18. Jahrhunderts den "anpassenden Zugang" formell beschnitten: Papst Clemens XI schloss 1715 in seiner Bulle Ex Illa Die einige seit langem bestehende Jesuiten-Einrichtungen in China und sein Nachfolger, Papst Clemens XII erlegte den Indischen Missionen in einem Brief von 1734 Restriktionen auf. 
Gleich, wer und was in dieser Kontroverse mehr dem Willen des Hl. Geistes entsprach - etwas was über den Horizont der Historiker hinausgeht- enthüllt schon eine oberflächliche Untersuchung der Individuen, Ereignisse und des fraglichen Kontextes die Tendenz, einen "hegemonialen Buhmann" des "römischen Zentralismus" für das, was sich entwickelte, zu beschuldigen.

Um damit zu beginnen, es war dem Rom der Post-Renaissance zu verdanken, das mit neuem Eifer gegenüber seiner eigenen, alten heidnischen Vergangenheit neugierig und versöhnlich gegenüber trat, daß italienische, im Collegio Romano (heutige Gregoriana) ausgebildete Jesuiten solche pionierhaften Zugänge zur Missionsarbeit schufen. 
Es war in dieser speziellen historischen Kultur des Roms der Renaissance, daß diese Jesuiten durch intensives humanistisches Studium der klassischen Sprachen, Literatur und Geschichte, ein Training das ihnen fundamentale intellektuelle Modelle und Methoden für das späterer Studium der Chinesischen und Indischen Sprachen und gelehrte Diskurse lieferte, vorbereitet waren.

Es ist weder ein Zufall, daß humanistische Jesuitische Lehrer Ricci und Nobili zu dem abenteuerlichen, entdeckungsorientierten Weg ermutigten- zu einer Zeit, als wenige westliche Menschen - oder sehr wenige weltweit- den Abgrund der unbestreitbaren sprachlichen und kulturellen Differenz, der in  Riccis jahrelanger Reise nach Peking oder Nobilis unwahrscheinlichem Weg nach Madurai lag, ermessen konnten.

Außerdem spielte Rom eine ambivalente- nicht einseitig feindselige- Rolle, die zu den Entscheidungen der beiden Clemens führte, die manchmal die Missionare auf den Spuren von Ricci und Nobili mitten in der stridenten Opposition zu anderen Teilen der Kirche, begleitete.
Papst Paul V, autorisierte 1615- 1616 die Jesuiten in China, sowohl die Bibel ins Mandarin zu übersetzen als auch den Hut der konfuzianisches Gelehrten zu tragen, während sie die Messe lasen.

Spätere Päpste würden dann tatsächlich gegen Einrichtungen der Jesuiten vorgehen, die als kultische Verehrung der Ahnen und andere Praktiken, die als Aberglauben oder Idolatrie gesehen wurden (und das trotz der Proteste, der Jesuiten, die überzeugt gewesen sein mögen. daß diese Riten rein soziale Bedeutung für die konfuzianische Eliten hatten)
Was die Indische Mission angeht, waren die Hauptkritiker Nobilis zu seinen Lebzeiten andere Jesuiten im Land- Jesuiten aus Portugal, nicht Italien. und der Portugiesische Erzbischof von Goa, Cristóvao de Sa Lisboa.
Der Erzbischof von Goa wurde in Wirklichkeit mehr von der portugieischen Krone als vom Vatican gelenkt, der gerade versuchte, ein zentrlaisilierte Führung seiner Überseemissionen zu erreichen und sie der Kontrolle der europäischen imperialen Monarchien zu entziehen, indem er die Kongregation "Propaganda fidei" gründete.

Papst Gregor XV erlaubte einige der umstrittenen Praktiken Nobilis - wie z.B. eine bestimmte Kleidung zu tragen oder an rituellen Bädern teilzunehmen- gegen den Wunsch dieser Kritiker- aber unter der Bedingung, daß Nobili ihre Trennung von der Verehrung von Hindu-Gottheiten in Hindu-Tempeln zusicherte.
Später-während der heftigsten und intensivsten Ära der Malabar-Riten-Kontroverse
fuhr ein Jesuit ( Grund für die Seligsprechung und ev. Heiligsprechung von Fr. Joao de Brito-einem Jesuiten, der Nobilis Arbeitsweg weiterführte, einer der den tamilischen Namen Arul Anandar angenommen hatte und ein strenger Veganer wurde- kam in Rom -unter besonderer Zustimmung Papst Benedikts XIV 
Und Clemens XII selbst, in Folge auf seinen Brief von 1734, versuchte die Wirkung dieses Briefes auf die Madurai-Mission abzuschwächen, indem er einigen Jesuiten erlaubte, Brahmanische Eliten weiter zu betreuen, trotz seiner Sorge, daß die Annahme des Kastenwesens die Christliche Sichtweise des Menschen verletzte.

Fortsetzung folgt.....

Quelle: First Things, B.C. McShea

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