Sonntag, 12. März 2017

"Der Teufel erweist sich als Schriftkenner"


Zur  Versuchungsgeschichte Jesu, speziell zur zweiten Versuchung, in der der Teufel die Hl. Schrift zitiert (Psalm 91, 11f) hat Papst Benedikt XVI Erhellendes geschrieben, das wir hier zitieren möchten.

"Der Teufel erweist sich als Schriftkenner, der den Psalm genau zu zitieren weiß, das ganze Gespräch der zweiten Versuchung erscheint förmlich wie das Streitgespräch zweier Schriftgelehrter. Der Teufel tritt als Theologe auf, bemerkt Joachim Gnilka dazu.

Wladimir Solowjew hat dieses Motiv in seiner "Kurzen Erzählung von Antichrist" aufgenommen: der Antichrist empfängt von der Universität Tübingen den Ehrendoktor der Theologie, er ist ein großer Bibelgelehrter.(.....)
Die Interpretation der Bibel kann effektiv ein Instrument des Antichrist werden . Das sagt uns nicht erst Solowjew, das ist die innere Aussage der Versuchungsgeschichte selbst. Aus scheinbaren Ergebnissen der wissenschaftlichen Exegese sind die schlimmsten Bücher der Zerstörung der Gestalt  geflochen Jesu, der Demontage des Glaubens geflochten worden.

Heute wird die Bibel weithin dem Maßstab des sogenannten modernen Weltbildes unterworfen, dessen Grunddogma es ist, daß Gott in der Geschichte gar nicht handeln kann- daß also alles, was Gott betrifft, in den Bereich des Subjektiven zu verlegen sei. Dann spricht die Bibel nicht mehr von Gott,dem lebendigen Gott, sondern dann sprechen nur noch wir selber und bestimmen, was Gott tun kann und war wir wollen oder sollen. 
Und der Antichrist sagt uns dann mit der Gebärde hoher Wissenschaftlichkeit, daß eine Exegese, die die Bibel im Glauben an den lebendigen Gott liest und ihm selbst dabei zuhört, Fundamentalismus sei, nur seine Exegese, die angeblich rein wissenschaftliche, in der Gott selbst nichts zu sagen hat, sei auf der Höhe der Zeit.
Das theologische Streitgespräch zwischen Jesus und dem Teufel ist ein alle Zeiten betreffender Disput um die rechte Schriftauslegung , deren grundlegende hermeneutische Frage die Frage nach dem Gottesbild ist. Der Streit um die Auslegung ist letztlich ein Streit darum, wer Gott ist.
Dieses Ringen um das Gottesbild (....) entscheidet sich aber konkret am Bild Christi. Ist er, der ohne weltliche Macht geblieben ist, wirklich der Sohn des lebendigen Gottes?"

Benedikt kehrt dann zur Versuchungsgeschichte und der zweiten Versuchung zurück:

"Der Punkt um den es geht, erscheint in der Antwort Jesu (Mt. 4,7) , die wiederum dem Deuteronomium (6,16) entnommen ist: "Du sollst den Herrn, Deinen Gott, nicht versuchen!"
Das ist im Deuteronomium eine Anspielung auf die Geschichte, wie Israel vor Durst in der Wüste umzukommen drohte. Es kommt zu einer Rebellion gegen Mose, die zu einer Rebellion gegen Gott wird, Gott muß zeigen, daß er Gott ist. Diese Rebellion gegen Gott wird in der Bibel so beschrieben:
"Sie stellten den Herrn auf die Probe, indem sie sagten: Ist der Herr in unserer Mitte oder nicht? (Ex 17,7)
Es geht also um das, was schon angeklungen war: Gott muß sich dem Experiment stellen. (....)
Wenn er jetzt den in Psalm 91 zugesagten Schutz nicht gewährt, dann ist er eben nicht Gott. Dann hat er sein eigenes Wort und sich selbst falsifiziert.

Die ganze große Frage, wie man Gott  erkennen kann und wie man ihn nicht erkennen kann, wie der Mensch zu Gott stehen und wie er ihn verlieren kann, steht hier vor uns. Der Hochmut, der Gott zum Objekt machen und ihm Laborbedingungen auferlegen will, kann Gott nicht finden.
Denn er setzt bereits voraus, daß wir Gott als Gott leugnen, weil wir uns übr ihn stellen. (...)
Wer so denkt, macht sich selbst zu Gott und erniedrigt dabei nicht nur Gott sondern die Welt und sich selber."

Quelle. Joseph Ratzinger, Jesus von Nazareth, S. 64-66





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