Mittwoch, 15. März 2017

"Liturgie, der letzte Widerstand"

Sandro Magister veröffentlicht einen Kommentar von Professor Pietro De Marco zu den derzeitigen Denkprozessen um die Liturgie aus einem Kompentenz-Gewirr in der Kurie heraus, bei denen nur einer außen vor bleibt: der Präfekt der Liturgie-Kongregation, Kardinal R. Sarah und den historischen Hintergrund für die Fehlentwicklungen der Liturgie und der Liturgischen Texte.
Hier geht´s zum Original bei Settimo Cieloklicken

                "LITURGIE. DER LETZTE "WIDERSTAND"
    EIN KOMMENTAR VON PROFESSOR DE MARCO"

Zwei Monate nachdem die Neuigkeiten am 11. Januar in Settimo Cielo veröffentlicht wurden, hat die fragliche Vaticanische Kongregation, die Liturgie-Kongregation, deren Präfekt Kardinal Sarah ist, sie immer noch nicht bestätigt oder dementiert.
Die Neuigkeiten betreffen die mit Zustimmung von Papst Franziskus zu von einer Kommission bereits fertig gestellten Ausgabe, die darauf zielt die Kriterien für die Übersetzung liturgischer Texte vom Latein in die modernen Sprachen up-zu-daten, die 2001 durch die InstruktionLiturgiam Authenticam,” von Johannes Paul II als Korrektiv für die Unordnung gewollt, die vorher das weniger maßgebende aber einflußreiche Dokument "Comme le prévoit" vom Januar 1969 ausgelöst hatte..
Zu der Zeit pries Roche diese Übersetzung, während andere Liturgisten kritisierten, daß sie zu wörtlich und zu "sakral" waren. Aber heute ist er der Erste, der sie im Namen einer "dynamischen" Beziehung zwischen den übersetzten Texten und dem Original und einer größeren kreativen Freiheit verändern will, die den verschiedenen Bischofskonferenzen gewährt werden soll.
Zu den Mitgliedern der neuen Kommission gehören auch Silvano Maggioni. der Untersekretär der Liturgie-Kongregation und Andrea Grillo, Professor am Päpstlichen Athenäum St. Anselm. beide- aber besonders Ersterer- sehr kritisch gegenüber den Kriterien von "Liturgiam Authenticam"
Im Hinblick auf das alles, scheint Kardinal Sarah völlig ins Abseits gestellt worden zu sein. Wiederholt gedemütigt, findet er sich dabei wieder, Büros und Männern vorzusitzen, die gegen ihn arbeiten.
Aber die Frage, die auf dem Spiel steht, ist wichtiger, als es aussieht. Zu einer Zeit, in der de facto das Lehramt unsicher oder abwesend ist, sind es gerade die liturgischen Texte. die die Tradition der Kirche in Fülle weitergeben. Und deshalb geht es beim erkennbaren "Widerstand" um die Treue zu diesen Texten.
Hier folgt, was Professor Pietro De Marco am Ende seines Kommentars zur postkonziliaren Entwicklung der Liturgie schreibt.
Der Kommentar faßt ein sehr viel ausführliches Gespräch zusammen, an dem er Ende August 2016 in Assisi bei der jährlichen Studienwoche der Vereinigung der Liturgie-Professoren teilnahm.



"DIE LITURGISCHE BEWEGUNG ALS PROBLEM UND ALS CHANCE"
von Pietro De Marco
1. Rom war beim Schutz des authentischen Konzils und nicht der Konzil-Projektion der theologischen Intelligenzia sehr aufmerksam- und das war seine Größe während sehr schwieriger
Jahrzehnte.
Bereits im September 1965 am Ende des II. Vaticanums, fühlte Paul VI die Pflicht, seine Angst wegen der Eucharistischen Doktrin und Anbetung auszudrücken. In der Enzyklika "Mysterium Fidei" klagte er, daß in "Sprache und Schrift Meinungen zu privat gefeierten Messen  oder zum Dogma der Transsubstantiation verbreitet werden, die die Gemüter der Gläubigen verstörten und bei ihnen zu nicht geringem Maß Verwirrung über Glaubensdinge auslösten, gerade als ob es ganz richtig sei, daß jeder die  Doktrin nehmen könnte, die von der Kirche definiert worden ist".
Weniger als drei Jahre später, im Mai 1968, anläßlich der Veröffentlichung der neuen Eucharistischen Gebete war es eben dieses "Concilium" , das für die liturgische Reform eingesetzt wurde, die einem breiten theologischen Revisionismus nachgab, in seinem von seinem Präsidenten Kardinal Benno Gut und seinem Sekretär Annibale Bugnini unterschriebenen Rundschreiben wurde die Theologie der Eucharistischen Anaphora festgestellt (§2, 2-3)

"Das Anaphora (Wiederholungen am Satzanfang) sind ein Ausdrucksmittel um die Erzählung der Handlungen und Worte, die in der Institution der Eucharistie ausgedrückt werden, zu unterstreichen. Aber weil die Wiederholungen die Jesus machte, ein an den Vater gerichtetes Bittgebet sind: macht er dieses wirkungsvoll,  heiligt das Brot und den Wein, was praktisch bedeutet, daß er sie zu Leib und Blut Christi macht."

Es muß  schwer gewesen sein, in einem offiziellen Dokument ein so niedriges Niveau Eucharistischer Theologie zu erreichen, zugunsten von Gemeinplätzen über das Gedenken, die Arten der Wiedergabe in der Exegese und das verdeckte Leugnen des konsekrierendes Wertes der Einsetzungsformel zugunsten der Epiklese, die ihr vorangeht.

Den antiliturgische Gipfel sollte die Instruktion "Comme le prevoît" von Januar 1969 zu den Kriterien der Übersetzung des Missale erreichen; sie ging sogar so weit, in Instruktion 5 festzustellen, daß ein liturgischer Text ein "Medium der gesprochenen Kommunikation ist. "Er ist vor allem anderen ein Zeichen, das von den Sinnen wahrgenommen und vom Menschen genutzt wird, um miteinander zu kommunizieren."

Trotz des berichtigenden Ausdrücke (aber für Gläubige....) berichtet die Formulierung von dem, was das Ritual sein könnte, und stellt infolgedessen die allgemeinen Grundsätze der Lehre der Liturgietheologie unter die Regeln einer pragmatischen Philosophie der Sprache (wer spricht, wie man spricht, zu wem man spricht).

Durch diese Verdrehungen wurde die gesamte pastorale Praxis der sog. Dialog-Messe zum System erhoben: der Ausdruck selbst ist fehlgeleitet, weil sie keine Angelegenheit eines Priester-Leute "Dialogs" ist, sondern eine "actio liturgica", die notwendigerweise an Gott adressiert ist.

Die ganze Zelebrationsrichtung "versus populum"- ohne jede Begründung in der Geschichte der Theologie- gehört zu diesem Klima, mit der desorientierenden Wirkung, die davon ausgingen.
De facto wurde die mystagogisch- anbetende Achse- nach der und durch die Christus sich dem Vater zuwendend feiert-und der Priester mit ihm- annulliert.

2. Es ist der Mühe wert, einen näheren Blick auf die Situation des theologischen Intellekts am Ende der 60-er Jahre und seinen Einfluss auf die liturgische Reform zu werfen.
An der Basis war offensichtlich ein Ungleichgewicht zwischen dem rituell-mystagogischen und sakramentalen "per se", das durch die besten Köpfe der liturgischen Bewegung einerseits und das Verlangen nach Teilnahme der Gläubigen auf der anderen Seite gefördert wurde, ein Ungleichgewicht das bereits die Konstitution "Sancrosanctum Concilium" schwächt.

Aber in jenen Jahren verlangte die Katholische Intelligentia -auch wenn sie es nie ausdrücklich tat- viel mehr.
Sie verlangte, daß Theologie durch Handlungen zu konkretisieren sei,in Analogie zur Philosophie der Praxis von Marx bis Dewey. Die Liturgie war für viele in der liturgischen Bewegung diese Handlung. Das Ritual wird als etwas gedacht, das eine eigene Wahrheit und Wirkung von selber schafft, indem es ein "menschliches " Ritual ist.
Um das Bild des Post-Konzils zu verschärfen und zu verwirren, kam dann die Tatsache hinzu, daß die "tätige Mitwirkung" der Gläubigen am Ritual das "Gepäck" der 60-er und 70-er Jahre mit sich trägt.  Eine anthropozentrische und säkularistische Dynamik, die durch das Prestige von Karl Rahner noch gefördert, aber autonom in französischsprachigen Kreisen kultiviert wurde, herrschte über die rituell-mystagogische Auffassung, die den Menschen heiligt und transzendiert, und allein die Liturgie "zur Quelle und zum Gipfel" des Christlichen Lebens machen kann.

Das war der Zusammenbruch der großen liturgischen Theologie der 1930-er Jahre von Odo Casel, Dietrich von Hildebrand und Romano Guardini selbst.

Mit dem Fall des ideologischen Klimas nach den 60-er Jahren unterlag die kirchliche Sensibilität und Theologie -von der Fundamentaltheologie-bis zur Pastoral einer Wendung vom Pragmatismus zur Hermeneutik, von den realistischen und materialistischen Konzeptionen des Evnageliums zu einer negativen Theologie, von politischer Militanz "zur relationalen Authentizität".

Die liturgisch-pastorale Praxis paßte sich leicht an. Liturgiker arbeiteten sowohl autonom als auch zusammen mit der Theologie, aber die Erforschung -mal philosophisch-linguistisch, mal anthropologisch,- wurde jetzt . aber sehr viel weniger ausgedehnt- neo-personalistisch und konnte die schiefe Ebene nicht meiden: den Verlust der Realität des sakramentalen  Moments und seiner übernatürlichen Realität als solcher.
Pädagogisch-pastorales Engagement und die Schwächung der Christologie, Ecclesiologie und des Kanonischen Rechts erlauben heute, alles auf formative "Spontaneität" und in gewissen Maße auf ein Selbstmachen des Christen und der Gemeinschaft zu beschränken. So ist die Erfahrung der Messe zu einer geselligen Teilnahme mit einer begegnung geworden, die festlich ist, statt eines Festes. Die Liturgie wird den Gemeindefesten angeglichen.

Zu diesem Bild gehört auch die häufig anzutreffende Trostlosigkeit der "neuen Kirchen", die nicht so sehr als "Haus Gottes" gedacht sind, sondern als Orte für verschiedene Zwecke und deshalb ohne eigene Bedeutung. Eine teure Leere, in der die "actio liturgica" buchstäblich  am falschen Platz und desorientiert ist. 

3. Wie kann es eine Erholung geben- gegen den Fluss des menschlich-göttlichen, königlichen-und kosmischen Verstehens der Liturgie in einer Zeit, in der Christologie und Mariologie nach den Paradigmen vermenschlicht werden, die emotional, relational. leidenschaftlich, undurchdringlich sind für die Glorie und den Sieg des Kreuzes? Zu einer Zeit des wohlwollenden Nihilismus und der "Falsifikation des Guten?"
Es ist machbar.
Tatsächlich können Liturgie und liturgische Pädagogik - wenn sie wollen- immer noch den kompletten Corpus der Göttlichen Offenbarung weitergeben, das richtig verstanden, in der Lex Orandi enthalten ist, und deshalb nicht nach "Comme le prevoît" sondern rigoros nach "Liturgiam Authenticam"  (2001) übersetzt wurde, die realitisch mehr als 30 Jahre von Aktionen und Irrtümern bewertete.

Die "lex orandi" ist nicht nur eine Formel. Sie ist ein komplettes Doktrin-Werk, es ist die Tradition, die heute in den liturgischen Texten klar und präzise ist, viel mehr als in der Theologie und sogar im jüngsten hierarchischen Lehramt. 
Es geht nicht darum,  entspannende oder ekstatische Versammlungen einzurichten, oder theatralische Neuigkeiten einzuführen, sondern sich auf die nachweisliche Widerstandsfähigkeit der in den Missalen, den Brevieren überlieferten Offenbarung, die in verantwortungsvollen Feiern verkündet und realisiert werden, zu stützen.

Die Spannung zwischen dem "per se" des Rituals und seinem "geteilten" Ausdruck erfordert rigorose theologische Lösungen, aus denen allein mit Sicherheit die praktischen-pastoralen Lösungen kommen können. Es gibt keinen anderen Ausweg. Was zu zwei Ratschlägen führt:

1. ohne sicheren Glauben in das "Mysterion" als Substanz und an das Symbol als eine Epiphanie , das intellektuell und empfindungsmäßig mit den spirituellen Sinnen ist, für das Darüber als eines Transzendierens, ist jede theologische Herausforderung wie "vom Ethischen zum Symbolischen" schon Anfang an verloren.

2. Man sollte nicht auf irgendeine Hoffnung auf eine neue Generation Christlicher Wahrheit vertrauen, die das Ritual als kreative Immanenz -ohne "logos" versteht. Der Göttliche "logos" besteht von selber fort, vor und nach der "actio". Die Liturgie würde nach der Katechese so zu einem weiteren Opfer  der "aktivistischen" Tendenz der praktischen Theologie.

Die Liturgie-Bewegung deshalb als Problem und "Chance".

Quelle: Professor De Marco, S. Magister, Settimo Cielo

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