Dienstag, 14. März 2017

Sandro Magister: "Katholischer und Päpstlicher Antijudaismus...."

Sandro Magister hat sich des Protestschreibens von Rabbi Laras gegen das die Tora und den jüdischen Glauben herabsetzende Programm der Italienischen Biblistenkonferenz angenommen und hat seine Gedanken dazu bei Settimo Cielo veröffentlicht.
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"KATHOLISCHER UND PÄPSTLICHER ANTIJUDAISMUS. RABBI LARAS LÖST DEN ALARM AUS"

"Israel, das Volk eines eifersüchtigen Gottes. Konsistenz und Unklarheiten einer elitären Religion."
Schon von diesem Titel der Konferenz geht ein Luftzug aus, der gegenüber den Juden und dem Judentum keineswegs freundlich ist.

Aber wenn man den Originaltext der Präsentation liest, findet man sogar Schlimmeres: "Wenn man von sich selbst als von einem Volk denkt, das auf eine elitäre Weise zu einer einzigartiger Gottheit gehört, hat man sicher ein Gefühl von Überlegenheit der eigenen Religion, das zu Intoleranz, Fundamentalismus und Absolutismus führt, nicht nur gegenüber anderen Völkern sondern auch zur Selbstzerstörung, denn man muß sich fragen, bis zu welchem Ausmaß die göttliche Eifersucht die gewählte Freiheit der Wahl verbrennt oder nicht."

Und dennoch war das der ursprüngliche Titel und Präsentation einer Konferenz , die die Italienische Bibel-Vereinigung für den 11.- 16. September in Venedig geplant hat.

Die Statuten der ABI (Assoziazione Biblica Italiana) sind von der Italienischen Bischofskonferenz approbiert worden und ihre Mitglieder umfassen mehr als 800 Professoren und Gelehrte der Biblischen Schriften, katholisch und nichtkatholisch,
Unter den Sprechern bei der Konferenz im September ist der leitende Biblizist an der Päpstlichen Gregoriana-Universität, der belgische Jesuit Jean-Louis Ska, ein Spezialist für den Pentateuch, hebräisch Torah, die ersten fünf Bücher der Bibel. Allerdings ist kein jüdischer Gelehrter eingeladen worden, zu sprechen.

Aber die Rabbiner konnten nicht still bleiben, Und sie haben sich selbst mit einem Brief  an die ABI hörbar gemacht, der von einem ihrer maßgebendsten Repräsentanten unterschrieben wurde, Giuseppe Laras, worüber als Erster Giulio Meotti am 10. März in Il Foglio berichtete.

Ein ausführlicher Auszug des Briefes wird weiter unten wiedergegeben. Doch zunächst einige Bemerkungen :

"Wenn Rabbi Laras über "Marcionismus", der jetzt mit größerem Nachdruck aufscheint, bezieht er sich auf die Denkschule des griechischen Theologen Marcion aus dem 2. Jahrhundert, die bis heute den eifersüchtigen, legalistischen, kriegerischen Gott des Alten Testaments dem guten, barmherzigen, friedlichen Gott des Neuen Testamentes gegenüber stellt und die Jüdischen Gläubigen des ersten und die Christlichen Gläubigen des letzteren.

Nicht nur das. Laras, an den man sich noch wegen seiner Dialoge mit Kardinal Carlo Maria Martini erinnert- bezieht sich auf Papst Franziskus als einen, der dieses Gegensatz weiter vorantreibt.




Und in der Tat ist er nicht das erste mal, daß maßgebende Repräsentanten des Italienischen Judentums- wie der Oberrabbiner von Rom, Ricardo Di Segni- Franziskus wegen des verzerrte Gebrauchs des Terminus "Pharisäer" oder seinen Vergleich mit Moses, um seine Gegner zu diskreditieren.

Das tat Franziskus z.B. in der Schlussrede bei der Bischofssynode, als er gegen die Hartherzigen, die sich oft hinter der Kirchenlehre oder guten Absichten verstecken, um auf dem Stuhl Mose zu sitzen um manchmal mit Überlegenheit und Oberflächlichkeit über schwierige Fälle zu urteilen," ohne darauf zu achten, daß er sich selbst widersprach, weil eine der Neuerungen, die der Papst in die Kirchenpraxis einführen wollte, war die Wiederherstellung der Scheidung, die von niemand anderem als Moses erlaubt und dagegen dann von Jesus verboten wurde.

Aber jetzt ist Rabbi Laras dran:

"Liebe Freunde,
[...] ich habe gelesen, gemeinsam mit meinen geschätzten Rabbiner-Kollegen und Prof. David Meghnagi, dem Kulturkommissar der UCE [Union der Italienischen Jüdischen Gemeinden] das Programm für die im September 2017 geplante ABI-Konferenz gelesen.

Ich bin- und das ist ein Euphemismus- sehr verärgert und verbittert! [...]

Was natürlich -ganz unabhängig von allem, einschließlich möglicher zukünftiger Entschuldigungen, Zurücknahme und zukünftigen Überdenkens- verdächtig aufscheint, sind einige beunruhigende Tatsachen, die manche von uns schon seit einiger Zeit in der Luft spüren und über die es eine gründliche Introspektion auf Katholischer Seite geben sollte:

1. eine Unterströmung-die durch den jetzigen Text etwas manifester wird- von Groll, Intoleranz und Verdruß auf christlicher Seite gegenüber dem Judentum.

2. ein mehr oder weniger großes Mißtrauen gegenüber der Bibel und eine daraus folgende Minimalisierung der jüdisch-biblischen Wurzeln des Judentums.

3. ein mehr oder weniger latenter "Marcionismus", der jetzt in pseudo-wissenschaftlicher Form präsentiert wird, der sich heute auf Ethik und Politik fokussiert.

4. das Umarmen des Islams, das umso stärker wird, als die Christliche Seite kritischer gegenüber dem Judentum, jetzt sogar einschließlich der Bibel und der biblischen Theologie.

5. die Wiederaufnahme der alten Polarisierung zwischen Moral und Theologie der Hebräischen Bibel, sowie des Pharisäertums und Jesus von Nazareth und den Evangelien.

Ich weiß sehr gut, daß die offiziellen Dokumente der Katholischen Kirche so betrachtet werden, daß sie einen point of no return erreicht haben. Welche Schande, daß ihnen jetzt auf täglicher Basis die Predigten des Papstes widersprechen, der genau die alten, tief verwurzelten Strukturen und ihre Ausrücke benutzt, und so den Inhalt der zuvor erwähnten Dokumente auflöst.

Man muß nur an das Gesetz von "ein Auge für ein Auge" denken, das vor kurzem vom Papst nachlässig und falsch beschworen wurde, durch das -so wie es in Jahrtausenden interpretiert wurde- die Rache durch Wiedergutmachung ersetzt wurde, indem die schuldige Partei etwas, was wir jetzt Schadensersatz nennen würden- zahlen muß -sowohl für physische als auch psychologische Schäden.
Und alles das, viele Jahrhunderte bevor das hochzivilisierte (christliche?) Europa diese Themen anging. War das Argument dessen, was das Gesetz "ein Auge für ein Auge" genannt wird, nicht vielleicht durch die Jahrhunderte ein Schlachtross des Anti-Judaismus auf Christlicher Seite, mit einer klar definierten eigenen Geschichte?"

Mit größtem Mißbehagen und Sorge beobachte ich, daß dieses ABI-Programm substantiell eine Niederlage für die Voraussetzungen und den Inhalt des Jüdisch-Christlichen Dialogs, der seit einiger Zeit traurigerweise zu Staub und heißer Luft reduziert wurde.

Persönlich stelle ich mit Bestürzung fest, daß Männer wie Martini und ihr Lehramt in Bezug aus Israel im Herzen der Katholischen Kirche augenscheinlich ein Meteor war, der nicht akzeptiert wurde,  gleich was über sie gesagt worden ist.

Schließlich macht es traurig (sogar sehr), daß die, die Widerspruch, Verblüffung, Sorgen äußern und Ärger über Programme und Titel, die so gemacht sind (oder vielleicht sogar nur vorgeschlagen werden) immer Juden sein müssen, die so auf die undankbare und hochgradig unerfreuliche Aufgabe als "Dialog-Polizist" zu agieren reduziert werden und nicht statt dessen Christliche Stimmen mit Autorität, die sich geradewegs und viel früher mit einem kühnen und freien "nein"  hören lassen sollten."

Ein herzliches Schalom,

Rabbi Prof. Giuseppe Laras

Rabbi Laras Brief an die ABI wurde von "Überlegungen" ergänzt, die verschiedene Teile des Konferenzprogramms intensiv kritisieren.

Es folgen die Schlußfolgerungen

Ob die Sache zu einer wohlgeplanten Strategie gehört oder eine Frage der Anwendung kurzlebiger Gedanken  die sich in der Luft vermehren - finden wir uns einer potentiell giftigen Mischung von zwei wiederauflebenden Formen von Antisemitismus gegenüber, der von der Katholischen Kirche oder bedeutenden Teilen gefördert werden.

1. Als Grund für die Instabilität im Mittleren Osten und deswegen in der Welt, wird Israel angesehen.

2. Als Hintergrund von Fundamentalismus und eines monotheistischen Absolutismus wird die Torah angesehen, mit Rückwirkungen sogar auf den armen Islam (ein archetypischer, symbolischer, ethischer und religiöser Vorwurf).

Deshalb sind wir abscheulich, entbehrlich und opferbar. Das würde eine Hypothese der Befriedung zwischen Christenheit und Islam erlauben und die die Idenfikation des gemeinsamen Problems, oder eher nicht. Und diese mal wurde ein nobler Stiefvater gefunden, die Bibel, und ein Bote sind keine anderen als die Biblizisten.

Diese Strategie [....] kombiniert mit einem zuckergußbedeckten Atheismus scheint mit dem aktuellen weitverbreiteten Verständnis von Jesus Christus zusammen zu passen:

    - vor einiger Zeit haben sie aufgehört über den "Jesus des Christlichen Glaubens" (Oder Trinität,    zweifältiger Natur etc.) zu sprechen, weil das vom augenblicklichen Fühlen sehr weit entfernt ist.

 - die vermeiden es über den historischen Jesus zu sprechen (Martini und Ratzinger wurden beide auf  verschiedene Weise nicht akzeptiert), weil sie unvermeidlich über den Jüdischen Jesus  spechen  müßten und das ist für sie heute in politischer Hinsicht problematisch.

 - sie sprechen über Jesus als einen "Morallehrer", offensichtlich im Konflikt mit den Juden seiner  Zeit und ihrer Moral: "ethischer Marcionismus" (und die Reduzierung des Glaubens auf die Ethik ist  genau eine Form des Atheismus)




Am 10. März hat die ABI den Original-Präsentationstext für die Konferenz von ihrer website entfernt, deren Programm nichtsdestoweniger bestätigt bleibt.
Und danach hat sie den Titel ein bißchen herunter moduliert, der jetzt "Das Volk eines eifersüchtigen Gottes" (Ex. 34:14), Konsistenz und Ambivalenzen des Alten Israels."

Quelle: Sandro Magister, Settimo Cielo 

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