Sonntag, 5. März 2017

"CANTATE DOMINO CANTICUM NOVUM"

Sandro Magister stellt bei Settimo Cielo  die heute vom Vatican veröffentlichte Erklärung zum derzeitigen Zustand der Sakralmusik in der Kirche vor.
Hier geht´s zum Original:  klicken

"SAKRALMUSIK. EIN APPELL DAS HÖREN ZU ERNEUERN. AN DIE SCHWERHÖRIGEN"

"Heute am 5. März begehen wir den 50. Jahrestag von "Musicam Sacram", des letzten großen Dokumentes zu diesem Thema, das 1967 gemeinsam von Kardinal Giacomo Lercaro, Erzbischof von Bologna und dem Präsidenten des Rates für die Implementierung der Konzilskonstitution zur Liturgie und Kardinal Arcadio Larraonas, Präfekt der Liturgiekongregation unterschrieben, mit der Zustimmung Pauls VI.


                                                musica
                        
                               
Und jetzt zeichnet die heute veröffentlichte, weltweit verteilte Erklärung einen Überblick über den derzeitigen Stand der sakralen Musik in der Kirche-ein halbes Jahrhundert nach jenem Dokument, einen Überblick, der unausweichlich kritisch ist und in der Folge acht Vorschläge für eine Änderung zum Besseren anbietet.

Das Statement ist von zwei namhaften Musikologen angestoßen worden, dem Italiener Aurelio Profiri, Direktor des Internationalen Magazins "Altare Dei" das in Macao und Hong Kong  herausgegeben wird und Autor von Büchern und Aufsätzen zur Sakralen Musik und Liturgie, und dem Amerikaner Peter A. Kwasniewski, Professor für Theologie und Philosophie und Chorleiter im Wyoming Catholic College.
Ihnen haben sich sogleich mehr als 200 Experten auf dem Feld der liturgischen Musik aus aller Welt angeschlossen. Die Liste der Unterschriften ist zusammen mit dem kompletten Text der Erklärung in sechs Sprachen auf der von Porfiri geleiteten web-site zu finden:    Altare Dei
                            “CANTATE DOMINO CANTICUM NOVUM”
"Eine Stellungnahme zur gegenwärtigen Lage der Kirchenmusik Wir, die Unterzeichneten – Kirchenmusiker, Seelsorger, Wissenschaftler und Freunde der Kirchenmusik –, unterbreiten diese Stellungnahme, die unsere große Liebe zum Schatz der Kirche, zur liturgischen Musik, zum Ausdruck bringt sowie unsere tiefe Besorgnis angesichts ihrer verzweifelten gegenwärtigen Lage, katholischen Gläubigen in aller Welt. Vorwort Cantate Domino canticum novum, cantate Domino omnis terra (Psalm 96): Dieser Gesang zur Ehre Gottes hallte die gesamte Geschichte der Christenheit hindurch, von den ersten Anfängen bis in unsere Tage, in unseren Kirchen wider. 



Die Heilige Schrift und die heilige Tradition zeugen gleichermaßen von einer großen Liebe für die Schönheit und Kraft der Musik in der Anbetung des allmächtigen Gottes. Der Schatz der Kirchenmusik wurde in der katholischen Kirche von ihren Heiligen, Theologen, Päpsten und gläubigen Laien immer gehegt und gepflegt. Eine solche Liebe und Praxis der Musik ist in der gesamten christlichen Literatur wie auch in vielen Dokumenten bezeugt, die verschiedene Päpste im Laufe der Geschichte der Kirchenmusik gewidmet haben, angefangen von Docta sanctorum patrum (1324) von Johannes XXII. über Benedikts XIV. Annus qui (1749) bis hin zum Motu Proprio Tra le sollecitudini (1903) von Pius X., Musicae sacrae disciplina (1955) von Pius XII. und dem Chirograph Johannes Pauls II. zur Kirchenmusik aus dem Jahre 2003 u. a. m. 
Diese reiche Dokumentation drängt uns, die Bedeutung und die Rolle der Musik in der Liturgie sehr ernst zu nehmen. 
Diese Dringlichkeit bezieht sich auf den tiefen Zusammenhang, der zwischen der Liturgie und ihrer Musik besteht – ein Zusammenhang, der in zweierlei Richtung besteht: Eine gute Liturgie ermöglicht herrliche Kirchenmusik; ein niedriges Niveau der Kirchenmusik wirkt sich indes sehr verhängnisvoll auch auf die Liturgie aus. 
Ebenso darf man die Bedeutung der Kirchenmusik für die Ökumene nicht vergessen, eingedenk der Tatsache, dass andere christliche Bekenntnisse wie die Anglikaner, Lutheraner und die orthodoxen Kirchen des Ostens der geistlichen Musik in ihrer Bedeutung und Würde eine hohe Wertschätzung angedeihen lassen, wie ihre eigenen sorgsam gehüteten kirchenmusikalischen „Schätze“ bezeugen. 
Wir werden nun Zeugen eines wichtigen Meilensteins, des 50. Jahrestages der Verkündung der Instruktion Musicam sacram vom 5. März 1967 unter dem Pontifikat des Seligen Paul VI. Wenn wir dieses Dokument heute nochmals lesen, können wir nicht umhin, der via dolorosa zu gedenken, welche die liturgische Musik in den Jahrzehnten nach der Liturgiekonstitution Sacrosanctum concilium beschritten hat. 
Was damals, um das Jahr 1967 herum, in einigen Interessengruppen der Kirche in Wirklichkeit geschah, stand alles andere als im Einklang mit Sacrosanctum concilium oder mit Musicam sacram. 
Bestimmte Ideen, die niemals Eingang in die Konzilsdokumente gefunden hatten, wurden mit Nachdruck in die Praxis umgesetzt, manchmal mit einem Mangel an Wachsamkeit vonseiten des Klerus und der kirchlichen Hierarchie. In manchen Ländern wurde der Schatz der Kirchenmusik, den das Konzil zu bewahren auftrug, nicht nur nicht bewahrt, sondern sogar bekämpft – und dies im eindeutigen Widerspruch zum Konzil, das klar zum Ausdruck gebracht hatte: „Die überlieferte Musik der Gesamtkirche stellt einen Reichtum von unschätzbarem Wert dar, ausgezeichnet unter allen übrigen künstlerischen Ausdrucksformen vor allem deshalb, weil sie als der mit dem Wort verbundene gottesdienstliche Gesang einen notwendigen und integrierenden Bestandteil der feierlichen Liturgie ausmacht. 
In der Tat haben sowohl die Heilige Schrift wie die heiligen Väter den gottesdienstlichen Gesängen hohes Lob gespendet; desgleichen die römischen Päpste, die in der neueren Zeit im Gefolge des heiligen Pius X. die dienende Aufgabe der Kirchenmusik im Gottesdienst mit größerer Eindringlichkeit herausgestellt haben. 

So wird denn die Kirchenmusik um so heiliger sein, je enger sie mit der liturgischen Handlung verbunden ist, sei es, daß sie das Gebet inniger zum Ausdruck bringt oder die Einmütigkeit fördert, sei es, daß sie die heiligen Riten mit größerer Feierlichkeit umgibt. Dabei billigt die Kirche alle Formen wahrer Kunst, welche die erforderlichen Eigenschaften besitzen, und läßt sie zur Liturgie zu“ (Sacrosanctum concilium, Nr. 112). 
Die gegenwärtige Lage Im Lichte des so oft ausgedrückten Sensus ecclesiae können wir nicht umhin, über den gegenwärtigen Zustand der Kirchenmusik besorgt zu sein, der nichts weniger als katastrophal ist und bei dem Missbräuche im Bereich der liturgischen Musik nun fast eher die Regel als die Ausnahme sind. 
Wir wollen hier einige der Faktoren zusammenfassen, die zur gegenwärtigen beklagenswerten Lage der Kirchenmusik wie auch der Liturgie beitragen: 

1. Es ist der Sinn für die „musikalische Gestalt der Liturgie“ verloren gegangen, welche bedeutet, dass die Musik ein untrennbarer Bestandteil des eigentlichen Wesens der Liturgie als öffentliche, formale, feierliche Gottesverehrung darstellt. 
Wir singen nicht bloß in der Messe, sondern wir singen die Messe. Von daher sollten – wie Musicam sacram selbst anmahnt – die Teile des Priesters in denjenigen Tönen gesungen werden, die im Messbuch angegeben sind, und die Antworten des Kirchenvolkes darauf dem entsprechend erfolgen. Der Gesang der ordentlichen Teile der Messe im gregorianischen Choral oder in von ihm inspirierten Melodien sollte gefördert werden und die Gesänge des Propriums der hl. Messe denjenigen Ehrenplatz in ihr einnehmen, der ihnen nach ihrer historischen Bedeutung, liturgischen Funktion und theologischen Tiefe auch zukommt. 
Ähnliches gilt ebenso für das Singen des Stundengebets. Es offenbart die Untugend „liturgischer Trägheit“, wenn man sich weigert, die Liturgie zu singen, oder wenn man Gebrauchsmusik anstelle von geistlicher Musik verwendet, wenn man es versäumt, sich selbst oder andere über die Tradition und die Wünsche der Kirche aufzuklären, wenn man nur wenig oder gar keine Mittel und Wege für den Aufbau eines liturgischen Musikprogramms findet. 

2. Dieser Verlust des liturgischen und theologischen Verständnisses geht Hand in Hand mit einer breiten Akzeptanz des Säkularismus. Die weltliche Popmusik hat zu einer Entheiligung der Liturgie beigetragen, während der Säkularismus des gewinnorientierten Kommerzes den örtlichen Pfarreien vermehrt die Einführung von mittelmäßigen Liedsammlungen auferlegt hat. 
Dies hat einen Anthropozentrismus in der Liturgie befördert, der ihr eigentliches Wesen zu untergraben droht. In weiten Teilen der Kirche gibt es heute einen falschen Zugang zur Kultur, den man als „Netzwerk von Beziehungen“ betrachten kann. In der gegenwärtigen Lage der Kirchenmusik (und der Liturgie selbst, weil diese beiden untrennbar miteinander verflochten sind) haben wir die Verbindung zu unserer Vergangenheit gekappt und versucht an eine Zukunft anzuknüpfen, die ohne ihre Vergangenheit keinerlei Bedeutung hat. 
Heute wird die Kirche, statt ihre kulturellen Reichtümer aktiv zur Evangelisierung einzusetzen, selbst von einer vorherrschenden weltlichen Kultur – geboren aus dem Widerspruch zum Christentum – benutzt, um den Sinn für die Anbetung auszuhöhlen, die im Zentrum des christlichen Glaubens steht. In seiner Predigt zum Fronleichnamsfest am 4. Juni 2015 sprach Papst Franziskus von dem „Staunen der Kirche angesichts dieser Wirklichkeit [der allerheiligsten Eucharistie]“, einem „Staunen, das stets die Betrachtung, die Anbetung und die Erinnerung nährt“. Wo sind in vielen unserer Kirchen weltweit dieser Sinn für die Betrachtung, diese Anbetung und dieses Staunen angesichts des Geheimnisses der Eucharistie geblieben? 
Sie sind verloren gegangen, weil wir uns im Zustand einer Art geistigen Alzheimers befinden, einer Krankheit, die uns unsere geistigen, theologischen, künstlerischen, musikalischen und kulturellen Erinnerungen raubt. 
Es wurde gesagt, dass wir die Kultur eines jeden Volkes in die Liturgie mit einbringen sollen. Dies kann richtig sein, wenn es recht verstanden wird, nicht jedoch in dem Sinne, dass die Liturgie (und die Musik) zu dem Ort werden, an dem wir einer weltlichen Kultur huldigen. Sie sind der Ort, wo die Kultur, jede Kultur, auf eine andere Ebene gebracht und gereinigt wird. 

3. Es gibt Gruppen in der Kirche, die eine „Erneuerung“ vorantreiben, die nicht die Lehre der Kirche widerspiegelt, sondern eher ihrer eigenen Agenda, ihrer Weltsicht und ihren Interessen dient. 
Diese Gruppen haben Mitglieder in führenden Schlüsselpositionen, von wo aus sie ihre Pläne, ihre Vorstellung von Kultur und die Art und Weise in die Praxis umsetzen, wie wir uns mit aktuellen Problemen auseinandersetzen sollen. 
In einigen Ländern haben mächtige Lobbys zum De-facto-Austausch des Bestands an Kirchenmusik, der den Richtlinien des Zweiten Vatikanischen Konzils entsprach, durch ein minderwertiges Musikrepertoire beigetragen. 
Und so sind wir am Ende bei unserem derzeitigen sowohl musikalisch als auch textlich niedrigen Niveau einer neuen liturgischen Musik angelangt. Dies ist verständlich, wenn man bedenkt, dass nichts von bleibendem Wert von einem Mangel an Ausbildung und Erfahrung herrühren kann, vor allem, wenn die Menschen die klugen Richtlinien der kirchlichen Tradition vernachlässigen: „Aus diesen Gründen galt der gregorianische Gesang stets als höchstes Vorbild der Kirchenmusik, so daß man mit Recht das allgemeine Gesetz aufstellen kann: Eine Kirchenkomposition ist um so heiliger und liturgischer, je mehr sie sich in Verlauf, Eingebung und Geschmack der gregorianischen Melodik nähert; und sie ist umso weniger des Gotteshauses würdig, als sie sich von diesem höchsten Vorbild entfernt“ (Pius X., Tra le sollecitudini, Nr. 3).
Heute wird dieses „höchste Vorbild“ oft verworfen, wenn nicht gar verachtet. D
Das gesamte Lehramt der Kirche erinnert uns an die Wichtigkeit, an diesem Vorbild festzuhalten, nicht als Art und Weise, die Kreativität einzuschränken, sondern als Fundament, auf dem Inspiration gedeihen kann. Wenn wir möchten, dass die Menschen Jesus suchen, dann müssen wir sein Haus mit dem Besten ausstatten, was die Kirche zu bieten hat. 
Wir werden die Menschen nicht in unser Haus, die Kirche, einladen, um ihnen ein Nebenprodukt von Popmusik und moderner Kunst anzubieten, wenn sie solche viel besser außerhalb der Kirche finden können. Die Liturgie ist ein limen, eine Schwelle, die uns erlaubt, aus unserem Alltagsleben zur Anbetung der Engel zu schreiten: Et ídeo cum Angelis et Archángelis, cum Thronis et Dominatiónibus, cumque omni milítia cæléstis exércitus, hymnum glóriæ tuæ cánimus, sine fine dicéntes ... 

4. Diese Geringschätzung des gregorianischen Chorals wie des traditionellen Musikrepertoires verweist auf ein viel größeres Problem, nämlich das der Geringschätzung der Tradition überhaupt. Sacrosanctum concilium lehrt, dass das musikalische und künstlerische Erbe der Kirche geachtet und wertgeschätzt werden soll, weil es die Verkörperung von Jahrhunderten der Anbetung und des Gebets sowie des höchsten Ausdrucks menschlicher Kreativität und Spiritualität ist. 
Es hat einmal eine Zeit gegeben, als die Kirche nicht jeder letzten Mode hinterherlief, sondern selbst Schöpferin und Vermittlerin von Kultur war. Der Mangel an Einsatz für die Tradition hat die Kirche auf einen unsicheren und verschlungenen Abweg gebracht. 
Die versuchte Trennung der Lehre des Zweiten Vatikanischen Konzils von früheren Lehren der Kirche ist eine Sackgasse, und der einzige Weg, der daraus führt, ist die Hermeneutik der Kontinuität, die Papst Emeritus Benedikt XVI. befürwortet hat. 
Die Wiederherstellung der Einheit, Integrität und Harmonie der katholischen Lehre ist die Voraussetzung für die Wiederherstellung sowohl der Liturgie als auch ihrer Musik in ihrer edlen Erhabenheit. 
Auch Papst Franziskus lehrte uns in seiner ersten Enzyklika: „Die Kenntnis unserer selbst ist nur möglich, wenn wir an einem größeren Gedächtnis teilhaben“ (Lumen fidei, Nr. 38). 

5. Eine weitere Ursache für den Verfall der Kirchenmusik ist der Klerikalismus, der Missbrauch von Amt und Stellung der Kleriker. 
Ein in der großen Tradition liturgischer Musik schlecht ausgebildeter Klerus trifft weiterhin Personalentscheidungen und bestimmt Richtlinien, die gegen den wahren Geist der Liturgie und die in unserer Zeit immer wieder geforderte Erneuerung der Kirchenmusik verstoßen. 
Mehr als häufig widersprechen sie im Namen eines angeblichen „Konzilsgeistes“ den Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils. Darüber hinaus haben Mitglieder des Klerus – vor allem in Ländern mit altem christlichen Erbe – Zugang zu Positionen, die Laien nicht zur Verfügung stehen, während Laienmusiker durchaus in der Lage wären, der Kirche eine gleiche oder bessere professionelle Dienstleistung anzubieten. (....)"


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Quelle: Settimo Cielo, Sandro Magister



Kommentare:

  1. Der Link zum pdf funktioniert leider nicht!

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    1. Danke für den Hinweis. Ist repariert. Der Link stand weiter oben schon mal richtig. Aber so ist es besser!

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