Montag, 24. April 2017

Aggiornamento und Anpassung an die säkulare Welt oder die Benedikt-Option?

In seiner wöchentlichen Kolumne für Monday in the Vatican beschäftigt sich A. Gagliarducci heute mit der "Benedikt-Option" als einer möglichen Antwort auf den Kulturwandel, der die Katholische Kirche zunehmend bedroht und die in Gegensatz zum Aggiornamento à la Franziskus steht.
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  "PAPST FRANZISKUS UND DIE "BENEDIKT OPTION"
"Vielleicht liegt ein Weg auf das Pontifikat von Papst Franziskus zu schauen nur in einer Frage: wie soll man den Kulturwandel unserer Zeit angehen? Das war die Hauptfrage bei der Generalkongregtation 2013 - dem Präkonklave-Treffen der Kardinäle - und sie steht wahscheinlich an der Basis von Papst Franziskus´gesamten Pontifikat.

Dass die Frage wichtig ist, wird durch die Tatsache bewiesen, daß dieses Thema dann noch einmal in der Angelsächsischen Welt nach der Veröffentlichung des Buches "Die Benedikt-Option" von Rod Dreher gestellt wurde. Um es (sehr stark)  zusammenzufassen: Dreher sagt, "daß die Christen in dieser postchristlichen Zivilisation auf den Hl. Benedikt von Nursia als Lebensmodell schauen sollten". Genau so wie der Hl. Benedikt eine kleine Gemeinschaft um sich sammelte und von dort aus eine neue Zivilisation startete, sollten die Christen es heute machen.

Dreher schaut auf die kleine Gemeinde wie sie vom Philosophen Alasdair McIntyre  formuliert wurde, McIntyre hatte dabei die Kreativität der Mönche des 6. Jahrhunderts im Auge als Antidot gegen das Zunehmen des postchristlichen Gesellschaft. Und er unterstreicht, daß diese Wahl der kleinen Gemeinde auf der immer größer werdenden Zahl der kleinen Gemeinden unserer Zeit beruht.

Die Diskussion zeigt, daß es ein Problem ist, das zu Herzen geht. So sehr, daß es Schreiber gab, die die "Benedikt-Option" vor möglichen Fehlinterpretationen gab, während Bischof Richard Barron, der in den USA sehr beliebte Weihbischof von Los Angeles, dieses Thema durch die Linse der Pflicht der Christen und besonders der Katholiken zu einer Christlichen Identität, die für unsere Zeit ein essentielles Thema ist.

Jedenfalls war das Thema auch eine der Fragen um dieses Pontifikat. Am Ende könnte man sagen, daß das gesamte Pontifikat von Papst Franziskus versucht die Frage "wie kann man in einer sich ändernden Welt evangelisieren"?

Diese Frage - stellte man sich auch beim Treffen der Kardinäle, kurz bevor Papst Franziskus gewählt wurde - und es war klar, daß auch sie nach einer Änderung der Lesart suchten, um die Kirche aus dem Sumpf des negativen Narrativs bzgl. der Kirche, das die Medien durchzog. Die Frage hängt nach 4 Jahren dieses Ponifikates immer noch in der Luft - trotz Papst Franziskus.

Spricht die Benedikt-Option Papst Franziskus an? Schaut man auf die Hauptthemen dieses Pontifikates kann man sich verschiedene Wege vorstellen, diese Frage zu beantworten.

Zuerst im Hinblick auf die Regierung. Offensichtlich erfordert der Kulturwandel von Papst Franziskus, daß Männer in Schlüsselpositionen Macht haben. Daher die Entscheidung des Papstes, Erzbischof Victor Fernandez, sofort zum Rektor der Katholischen Universität von Buenos Aires zu bestellen, dessen Ernennung auf diesen Posten Kardinal Bergoglio damals gegen den Widerstand des Vaticans verteidigt hatte.





Daher auch die Einrichtung eines Kardinalsrates, geschneidert nach der Generalkurie des Jesuiten-Ordens, so daß Leute, die von außerhalb des Vaticans kommen, mit Erfahrungen, die aus ihren örtlichen Diözesen stammen, in der Lage sind politische Beiträge zu erbringen.

Daher auch die Entscheidung Lorenzo Baldisseri zum Kardinal zu kreieren, nachdem er ihn zum Generalsekretär der Bischofssynode ernannt hatte, um so die für die Synodalität wichtigen Themen zu betonen. Dieses Synodalitäts-Thema wurde dann durch die Ernennung von Fabio Fabene zum Untersekretär des Synodensekretariates weiter gestärkt.

Daher- noch einmal - die Entscheidung Bischöfe zu Kardinälen zu kreieren, deren Sitze nicht traditionell an ein Kardinalat gebunden sind, sondern die eher Persönlichkeiten sind, die mehr die Denkweise von Papst Franziskus repräsentieren, d.h. Leute, die den Gedanken einer Kirche vertreten, die an den Rändern weit offen ist und die Brücken bauen will.

Daher - schließlich - Franziskus´ Entschluss eine präzendenzlose Zahl von Weihbischöfen für die Diözese Rom zu ernennen - es gibt neun plus den Generalvikar - und das Vicariat so zu gestalten, daß jeder Bischof eine spezielle Aufgabe hat. Dieser Beschluß wird vielleicht den Weg für eine kleine Reform des Vicariates pflastern, um herauszustellen, daß der Papst tatsächlich der Bischof von Rom ist.

Papst Franziskus´ zweite Antwort auf die Evangelisierungsfrage betrifft die Themen. Um einen Vergleich anzustellen, das Pontifikat des Hl. Johannes Paul II war durch das Thema der Identität und des christlichen Primats gekennzeichnet. Benedikt XVI konzentrierte sich auf die Suche nach Gott als Konsequenz der Suche nach der Wahrheit. Papst Franziskus zieht es vor, sich auf die Sprache zu konzentrieren, indem er Ausdrücke benutzt, die der säkularen Kultur näher stehen - wie im Fall der "Kultur der Begegnung"  wie er glaubte, daß der andere nur durch persönliches Näherkommen vom Christlichen Glauben angezogen würde.

Mit Papst Franziskus ist das Kirchenvokabular mit Ausdrücken aufgeladen worden, die der säkularen und der säkularisierten kulturellen Welt angehören: Kultur der Begegnung, nachhaltige Entwicklung - später dann zu "integrale menschliche Entwicklung" christianisiert (was dennoch ein soziologischer Terminus bleibt), die Pflicht zu beschützen (ein in der Diplomatie gebräuchlicher Ausdruck), Brüderlichkeit, Gewaltlosigkeit.

Das ist die Art, wie Jesuiten immer evangelisiert haben. Sie haben ein Vokabular benutzt, das nicht Teil der katholischen Tradition ist, um die Menschen zur katholischen Tradition anzuziehen. Am Ende versucht Franziskus, die Sprache der Welt zu sprechen, sogar wenn er damit riskiert, innerhalb der Katholischen Kirche einen Aufruhr zu verursachen.

Papst Franziskus´ dritte Antwort wird durch die Kriterien seiner Apsotolischen Reisen illustriert. Während seine Vorgänger dahin reisten, wo der Glaube gefestigt werden mußte, wo ihre Anwesenheit nötig war, um den Katholiken zu helfen, versucht Papst Franziskus dahin zu gehen, wo Gott gebraucht wird, mit dem Endziel eher zu Nichtchristen zu sprechen als zu Christen.
Das schließt fast die stille Zustimmung dazu ein, in einer postchristlichen Welt zu leben und die Notwendigkeit in dieser Welt zu überleben, nicht indem man sich ihr entgegenstellt, sondern indem man sich mit ihr verbündet.

Die Apostolischen Reisen werden aus vielen Gründen zunehmend als ökumenisch charakterisiert.
So wird er z.B. bei seiner Reise nach Ägypten vom 27. - 28. April den Patriarchen Bartholomäus treffen, der zu der Konferenz eingeladen wurde, bei der Papst Franziskus seine Abschlussrede halten wird. Der Anglikanische Primas, Justin Welby, sollte bei dem erhofften Besuch von Papst Franziskus im Südsudan anwesend sein. der voraussichtlich am 15. Oktober stattfinden wird - mit einem möglichen Abstecher nach Nairobi am 14. Oktober, der dem Papst ermöglichen soll, kurze Zeit in einem Land zu verweilen, das im Krieg ist..

Papst Franziskus´ vierte Antwort wird von seinem Theologie-Modell geliefert. Während seines Pontifikates scheint die Theologie ein sekundäres Thema zu sein. Seine gemeinsame Erklärung mit Patriarch Kyrill in Kuba im Februar 2016 war eine "pastorale" Erklärung, so wünschte der Papst sie zu beschreiben. Sein Ökumenismus wird nicht durch die theologische Suche nach Einheit charakterisiert, sondern eher durch eine pragmatische Einheit, die bereits durch die Ökumene des Blutes und die Ökumene des Gebetes erreicht wurde.
Dialog zwischen den Religionen basiert auf der gemeinsamen Suche nach Frieden und anderen gemeinsamen Zielen, weil - wie Franziskus es beim Treffen mit dem Groß-Imam von Al-Azhar al Tayeb formulierte - "das Treffen die Botschaft ist".
Auch der Kurienreform fehlt die theologische Diskussion, während es sehr wohl strukturell-organisatorische Diskussionen gibt.

Am Ende können wir also sehen, daß die Antwort von Papst Franziskus nicht die "Benedikt-Option" ist. Es geht seiner Antwort nicht darum, eine kreative Minderheit zu sein. Es geht eher darum,  mit der kreativen Mehrheit verbunden zu sein, um neuen Raum für die Evangelisierung zu schaffen.

Es war fast logisch, daß die Zugehensweise von Papst Franziskus willkommene Nahrung für jene Bewegungen war. die immer daran gearbeitet haben. die Kirche zu säkularisieren. Und es war eine natürliche Konsequenz, daß diese theologischen Bewegungen, die die Periode prägten, die unmittelbar auf das II. Vaticanum folgte, an die Arbeit zurückgekehrt sind.

Die Botschaft zum Welttag des Friedens, die der Gewaltlosigkeit gewidmet war, stellte eine Art Wendepunkt dar. Es ist jetzt ein Jahr her, seit die Gewaltlosigkeit auf breiter Basis im Vatican diskutiert wird, mit dem offen erklärten Ziel, die Lehre vom gerechten Krieg zu ändern.
Gewaltlosigkeit stand im Zentrum einer von Pax Christi und dem damaligen Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden organisierten Konferenz vor einem Jahr, und sie war eines der Themen, das während des jährlichen interreligiösen Treffens von Sant´ Egidio in Assisi im vergangenen September, an dem Papst Franziskus teilnahm.

Es gab auch ein gegenseitiges Überdenken des Referenzpunktes. Das Thema Gewaltlosigkeit führte zu einer immer größeren Wertschätzung von Martin Luther King. Man dachte, daß Papst Franziskus während seiner Reise nach Washington im September 2015 einen Umweg machen würde um ihn am Martin-Luther-King-Memorial zu ehren. Bischof Edward Braxton von Belleville hat während der vor kurzem abgehaltenen Konferenz zu Populorum Progressio im Vatican über Martin Luther King gesprochen. Als Experte für Rassenthemen, der stolz auf sein afrikanisches Erbe ist, gehört Bischof Braxton zu den Namen, die genannt werden. wenn es um die Position des Sekretärs des Dikasteriums für Integrale Menschliche Entwicklung geht.

Das ist ein Beispiel dafür, wie der Vatican sich ändert wie die Welt sich verändert. Papst Franziskus geht die Evangelisierung an, wie Jesuiten das tun: am Apostolat arbeiten. die Sprache der neuen Welt sprechen. Es ist aber wichtig, daß während Franziskus die Kirche in diese Richtung steuert, die Benedikt-Option immer noch diskutiert wird. Und es ist auch wichtig, daß die Erfahrung der kreativen Minorität sich zunehmend ausbreitet - in einer Kirche die immer mehr angegriffen wird.

Quelle: Monday in the Vatican, A. Gagliarducci 

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