Mittwoch, 3. Mai 2017

Was ein Ägypter und islamischer Intellektueller über den Besuch von Papst Franziskus in der Al-Azhar-Universität denkt

Loula Lahham hat nach dem Besuch des Papstes in Ägypten, den Islamgelehrten Islam Béheiri für Asia News interviewt.
Hier geht´s zum Original:  klicken

"PAPST: DIE VERSÄUMTE GELEGENHEIT BEI AL AZHAR"  SAGT DER ISLAMGELEHRTE ISLAM BEHEIRI (DER SICH BZGL DER KREUZZÜGE IRRT)


"Islam Béheiri ist ein islamischer Intellektueller, der seit kurzem aus dem Gefängnis gekommen ist,
nachdem er von der ägyptischen Justiz zu einer Haftstrafe verurteilt worden war, weil er Al-Azhar, 
die wichtigste muslimische Instanz der Welt, kritisiert hatte.
Die Worte, die er zuvor geäußert hatte, wurden als Diffamierung des Islam angesehen.
Er wurde zu 5 Jahren Gefängnis verurteilt, die dann auf 1 Jahr reduziert wurden. 
Schließlich - im vergangenen Dezember - kam das Amnestie-Dekret des Präsidenten - das zur vorzeitigen
Entlassung führte und in der Folge hat Béheiri seine Tätigkeit als Kritiker und Gelehrter wieder aufge-
nommen. Behéiri hat viele Appelle zur Reform des religiösen Diskurses und für eine neue Interpreta-
tion der klassischen Bücher der islamischen Jurisprudenz lanciert.
Texte, die seiner Meinung nach, in einigen Passagen eine wahre Hymne auf die Gewalt sind.

Im Verlauf unseres Gespräches wollte er seine eigene Lesart des Interviews anbieten, das der Groß-
Imam Amad Al-Tayeb vor Papst Franziskus - im Zusammenhang mit der von der Islamischen
Universität veranstalteten Internationalen Friedenskonferenz am vergangenen 28. April gegeben hat.


Hier folgt das Interview mit Islam Behéiri:

Was denken Sie über den Besuch von Papst Franziskus, der mehrmals einen Zusammenhang 
zwischen Gewalt und Islam und Gewalt abgelehnt hat? 

"Es war eine große Ehre für uns, daß der Papst nach Ägypten gekommen ist. Er hat hier und zuvor 
viel von Ägypten gesprochen, und hat sein Beileid für alle erlittenen Verluste ausgedrückt.
Meiner Meinung nach stellt er perfekt die Lehren des Christentums dar, wie Toleranz, und wollte 
nicht die wahren Gründe für Gewalt auf dem Boden von Religion ansprechen. 
Er versucht tatsächlich, eine neue Seite aufzuschlagen und einen Neuanfang mit den Repräsentanten 
des Islam zu beginnen.
Diese sogenannte "Friedenskonferenz"  hatte auf globaler Ebene einen enormen Erfolg bei den Medien, wird aber in der Realität der Dinge nichts ändern.
Es gibt nichts Spezifisches für den Kampf gegen den Terrorismus. 
Wenn sie sich einbilden, daß der Terrorismus auf religiöser  Basis auch nur einen Schritt rückwärts 
macht, sind sie Träumer. Es ist noch zu früh.
Keiner will sich diesen Ideologien entgegen stellen und so wird Daesh [arab. Synonym für ISIS] mit
seinen Aktionen fortfahren."




In seiner Rede hat der Groß-Imam von Al-Azhar erklärt, daß es keine logische Rechtfertigung 
für die Gewalt gibt. außer der postmodernen Ideologie und der Wunsch einiger Mächtiger 
Waffen zu verkaufen. Das sind für ihn die einzigen Gründe für die Gewalt. 
Was denken Sie darüber?

"Was er gesagt hat, hat keinen Sinn. Wenn es so wäre. hätte der Islamische Staat das postmoderne
Denken gefördert. Das ist nicht mal eine Möglichkeit. Meine persönliche Recherche hat mich nie 
dazu gebracht, zu denken, daß Daesh eine postmoderne Ideologie hat oder z.B. eine existentialistische Überzeugung. Das ist als ob einer sagt, daß tagsüber die Sonne überhaupt nicht scheint.
Was den Waffenhandel angeht, bin ich einfach verblüfft.
Ich verstehe nicht, wie der Scheich von Al-Azhar so etwas sagen konnte. Wenn er glaubt, daß der 
Terrorismus nur dem Waffenhandel zu verdanken ist, befinden wir uns einem schweren Problem
gegenüber:  die Person, die berufen ist, als erstes den religiösen Terrorismus zu bekämpfen, nicht
einmal die Gründe für seine Existenz kennt.
Ganz Ägypten sollte das Problem angehen, weil Al-Azhar zuallererst eine staatliche Insitution ist.
Und ich erinnere daran, daß wenn die Ursache für den Terrorismus das postmoderne Denken und
der Waffenhandel sind, leben wir in einer Traumwelt.
Es gibt tatsächlich Texte unserer Jurisprudenz, die der Gewalt huldigen. Wir sehen Menschen, die
die sich in die Luft sprengen, weil sie diesse Texte gelesen haben, die ihnen carte blanche geben,
jeden zu töten - aus dem einfachen Grund - daß sie einen unerschütterlichen Glauben haben, auf
Grund dessen, sie Gott etwas Gutes tun, indem sie viel anderen Personen zusammen mit sich
selbst töten oder verletzen.
Hier handelt es sich nicht nur um Waffenhandel. Ich lade die ägyptische Regierung ein, die
Ansichten des Scheichs Al-Tayeb minutiös zu untersuchen. Weil, wenn das seine Definition von
Terrorismus ist, und  wenn das Ursache und Konsequenz sind, kann-áuf Grund seines Denkens -
der Staat niemals in der Lage sein, der Gewalt ein Ende zu setzen."

Der Groß-Imam hat außerdem von den Religionskriegen gesprochen und von der Tatsache, 
daß es sie immer bei allen Religionen gegeben hat. Er hat die Kreuzzüge und die Weltkriege 
erwähnt...

"Es steht in keinem Geschichtsbuch, daß die Kreuzzüge religiöse Ursachen gehabt hätten. Es
handelte sich um ausschließlich politische Gründe. Außerdem hat Papst Johannes Paul II sich 1994
im Namen Europas entschuldigt. Und die Weltkriege hatten keinerlei religiöse Dimension -
Ich weiß nicht, ob der Scheich sich dessen bewußt ist oder nicht, aber in den Büchern, die in seinem
Institut gelehrt werden,  gibt es keine andere Interpretation als das Loblied der Gewalt.
Und diese Interpretation ist - unglücklicherweise - nicht völlig falsch.
Ich könnte auch hinzufügen, daß das Problem nicht unsere falsche Interpretation der Texte ist .
Der Terrorismus ist direkt mit der Lehre unserer Texte verbunden, mit seinem natürlichen und
logischen Verstehen, das seine Wurzeln vor tausend Jahren hat.
Ich wünschte so sehr, daß der Scheich sich dafür entschuldigte, was die Muslime im Mittelalter und
in der Neuzeit getan haben."

Was wollen Sie damit sagen? Was sollte er genau tun? 

"Ich verlange von Al-zhar, daß sie aufhören der Welt Bücher zu zeigen, die im Mittelalter
geschrieben wurden, die sie verkaufen, als seien sie das Erbe des wahren Islams. Weil das ,
was in diesen Büchern geschrieben steht das ist, buchstabengetreu und bis zum letzten Komma -
was Daesh in die Tat umsetzt."

In seiner Rede hat der Groß-Imam die postmodernen Interpretationen verurteilt, die 
experimentelle Philosophie und die spirituelle Leere, die diese verursachen. Sind Sie mit 
diesem Punkt einverstanden?

"Ich denke, daß der Scheich von Al-Azhar seine Worte in dieser Rede schlecht gewählt hat.
Er sollte vor allem die Gründe für den Terrorismus verstehen, um ihn bekämpfen zu können.
Diese Friedenskonferenz  wird nirgendwohin führen. Sie ist eine ziemlich weit von der Realität
entfernte Komödie."

Der Groß-Imam möchte keine neuen Interpretationen zulassen, aber gleichzeitig lädt er dazu 
ein, "die Bilder der Religionen zu reinigen." Ist das kein Widerspruch?

"Sicher widerspricht er sich. Wenn er für das, was geschieht ein Heilmittel möchte, hätte er auf
die gehört, die ihn dazu eingeladen haben, diese Texte noch einmal zu lesen und zu sagen, daß das,
was darin geschrieben steht, nicht der Wahrheit entspricht. Diese Imame von früher haben unsere
Art die Dinge zu sehen, getrübt, sie haben seit 1400 Jahren gegen den Islam gesündigt. Sie haben
schlecht gehandelt an unserem Volk und auch an den Beziehungen des Islam mit den anderen
Religionen. Der Scheich will nichts von neuen Interpretationen hören. Er bekämpft sie verbissen
und führt Prozesse gegen die, die das wollen. In Wirklichkeit ist er eine Quelle ewigen Widerspruchs.
In einer an denWesten gerichteten Erklärung hat er behauptet, daß der Islam nicht zu Ermordung
von Apostaten einlädt.
Aber in Ägypten erlaubt er sich, zu sagen, daß der Islam dazu ermutigt, das zu tun."


Quelle: Asia News, L. Lahham

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