Sonntag, 11. Juni 2017

149 Jahre

Rino Camillieri bespricht für La Nuova Bussola Quotidiana ein neues Buch, einen Roman, über das Turiner Grabtuch, genauer gesagt, über die fehlenden 149 Jahre in seiner sonst wohldokumentierten Geschichte.
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                      "DIE 149 FEHLENDEN JAHRE DES GRABTUCHS"

"Bei den Historikern gilt als anerkannt, daß das "Mandylion von Edessa" nichts anderes ist als das Grabtuch, das so zusammengefaltet war, daß nur das Antlitz Christi sichtbar wurde. Seit jeher als  "nicht von Menschenhand gemacht" verehrt, wurde das Bildnis 944 feierlich nach Konstantinopel, die Hauptstadt des Byzantinischen Reiches, getragen.  Dort blieb es bis 1204, danach verliert sich jede Spur.
In jenem Jahr spielte sich der berüchtigte Kreuzzug ab, der nie bei den Hl. Stätten ankam, sondern sich in Komplizenschaft mit Venedig gegen Byzanz wandte und es plünderte.

Das Grabtuch tauchte erst in der Mitte des 14. Jahrhunderts wieder auf- in Händen des französischen Ritters Geoffroy de Charny, der dafür in Lirey in der Diözese von Troyes eine Kirche bauen ließ. 1453 brachte die letzte Nachfahrin des Ritters, Marguerite de Charny, das Grabtuch nach Genf. Hier wurden "ostensione" -Zurschaustellungen- organisiert (d.h. es wurde in der Öffentlichkeit gezeigt, damit die Gläubigen es verehren konnten). Das Grabtuch wechselte den Besitzer und gelangte in den Besitz von Ludwig von Savoyen, der es in seinen Domänen ausstellte: 1478 in Pinerolo und 1494 in Vercelli.

In Chambery, der Hauptstadt des Herzogtums Savoyen, wurde das Grabtuch in der Schlosskapelle (Chapelle du Saint-Suaire)  aufbewahrt. 1506 approbierte Papst Julius II die "Missa Sanctissimae Sindonis" und legte deren Tag auf den 4. Mai fest.
1532 wurde das Tuch während eines schweren Brandes beschädigt, und wurde 2 Jahre später von den Clarissinnen wiederhergestellt.
Bei der Invasion 1536 zwangen die Franhzosen die Savoyer zur Flucht; Die nahmen das Grabtuch mit sich, das dann in Mailand ausgestellt wurde.
1578 legte Carlo Borromeo, um Gott für das Ende der Pest in Mailand zu danken, das Gelübde ab, zu Fuß nach Chambery zu pilgern, um das Grabtuch zu verehren.

Um die Reise abzukürzen, brachte Herzog Emanuele Filiberto das Grabtuch nach Turin. 1694 wurde im Turiner Dom die Guarini-Kapelle gebaut, um es aufzubewahren. Seither befindet sich das Grabtuch dort. Es verließ diesen Ort erst 1706 (und gelangte nach Genua) um sich der französischen Belagerung zu entziehen und 1939 kam es nach Montevergine in Avellino um dem II.Weltkrieg zu entgehen.




Die Geschichte des Grabtuchs ist so von Anfang an (Auferstehung Christi) bis 1204 rekonstruiert. Dann wieder von 1353 bis heute. Fehlen eineinhalb Jahrhunderte, um genau zu sein, 149 Jahre, die zwischen diesen beiden Daten liegen. Das Geheimnis um "die fehlende Zeit" wird für die Historiker bleiben. Nur die Phantasie konnte die Leere füllen.
Der Erste, der es versuchte, war der Regisseur Pupi Avati mit einem Roman "Die Ritter, die es unternahmen" (nach dem Avati 2000 einen Film machte). Darin stellt der Autor sich vor, daß das Grabtuch während dieser gesamten Zeit in Händen der Templer war). Diese wurden im gegen sie von Philipp dem Schönen anberaumten Prozess wegen Häresie auch beschuldigt, einen Götzen anzubeten- Baphomet.
Einige haben vermutet, daß "der Kopf" dieses Götzen nichts anderes war, als das Antlitz auf dem zusammengefalteten Grabtuch.

Dann fragte sich ein anderer -vielleicht noch suggestiverer Roman- was aus dem Grabtuch während der "verlorenen Jahre" passiert ist. Die Autorin Ada Grossi ist im Gegensatz zu Avati eine Expertin: Forscherin auf dem Gebiet der Geschichte des Mittelalters, Paleographin und Forscherin zu genau diesem Grabtuch. Ihr Werk trägt deshalb den Titel: "149 Jahre. Die Augen, die auf das Grabtuch sehen" (Meravigli)

Das Abenteuer beginnt inmitten der Plünderung von Konstantinopel. Ein junger Venizianer, Giovanni, rettet die Byzantinerin Sophia vor der Vergewaltigung, indem er dem Vergewaltiger eine Tache wegnimmt. In der Tasche ist das Grabtuch, von dem man nicht weiß, wie er sich seiner bemächtigt hatte. Die beiden finden Hilfe bei einer Gruppe von Templern, die nach Europa zurück kehren. Der Roman folgt dann Schritt für Schritt der Route, und beschreibt jede Etappe, als ob die Autorin auf die Karte des Orients im Jahr 1204 schaute.

Sehr genau ist dann die Rekonstruktion und-ein weiteres mal- die Beschreibung der Templer. Als das Schicksal die beiden Jugendlichen (die sich in der Zwischenzeit verliebt und geheiratet haben) -endet sie in einem muslimischen Harem. Und die Persönlichkeiten, die dann weitermachen, haben alle wirklich gelebt. Und nicht nur das.
Jedes Kapitel ist datiert und wenn die Handlung sich auf muslimischen Territorium abspielt, wird der muslimische Kalender benutzt,
Überspringen wir einige Kapitel: es wird der Sohn des Paares sein, der die Spur des Grabtuchs verfolgt und ein Manuskript entschlüsseln läßt.
Mit detaillierten Passagen, die es auch bei Dan Brown gibt.
Der im Gegensatz zu Grossi kein Anhänger der Arbeit ist. Gute Lektüre!

Quelle; Rino Camillieri, La Nuova Bussola Quotidiana


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