Dienstag, 11. Juli 2017

Marco Tosatti durchleuchtet die Personalpolitik und die Machtspiele des aktuellen Pontifikates

Marco Tosatti analysiert und kommentiert in First Things die Macht-und Personalpolitik von Papst Franziskus, die jedenfalls in jüngerer Zeit präzedenzlos ist. Macchiavelli hat wie es aussieht in Oltretevere gelehrige Schüler gefunden, die -wie sie sagen- im Namen der Barmherzigkeit agieren.
Hier geht´s zum Original:   klicken


                             "DIE MACHT DES PAPSTES"

Papst Franziskus wurde wegen einer Aufgabe gewählt: eine institutionelle Reform des Vaticans durchzuführen. Die Reform erweist sich als schwierig. Franziskus scheint daraus ein Ziel mit geringerer Priorität gemacht zu haben. Weder die Korruption noch die Ineffektivität der Kurie haben ihn unzwischen daran gehindert, andere, in seinen Augen dringendere Ziele zu verfolgen. um an sein Ziel zu kommen, 
Wenn er seine Ziele erreichen will, umgeht Franziskus die Kurie schlicht und einfach immer öfter -zum Besseren und zum Schlechteren.  
In vier Jahren Pontifikat hat Franziskus ein perfekt persönliches Régime installiert (einige würden sagen: autokratisch) nach menschlichem Erinnern präzedenzlos.
Die Päpste sind sicher immer -zumindest theoretisch absolute Monarchen gewesen; aber im Lauf des vergangenen Jahrhunderts  haben sie generell ein empfindliches System aus Gleich-und Gegengewicht respektiert.
In diesem System -von Paul VI zu seiner vollendeten Form gebracht - bewertete der Papst die Ratschläge der Kardinäle bevor er eine Entscheidung traf. Papst Franziskus hat dieses Instrument eines feinen Uhrwerks praktisch zerstückelt - und übt seither eine  Macht aus, wie sie bei seinen fünf oder sechs unmittelbaren Vorgängern nicht bekannt war.

Die Geschichte dieses Umbruchs des Heiligen Stuhls beginnt schon am Abend der Wahl von Franziskus. Vor seinem Pontifikat ist Jorge Mario Bergoglio nie lange in Rom gewesen und hatte von der Zentralregierung der Kirche also nur indirekte Kenntnis.
Aber er hatte Fabiàn Pedacchio geschickt, der heute sein Privatsekretär ist, um in der Kurie zu arbeiten, wo er Augen und Ohren seines Chefs sein sollte.
Er hat sich auch bemüht, sich einige gute Freunde im Kardinalskollegium zu machen.

Aber die Informationen, die er diesen Quellen entnahm, konnte aber keinesfalls eine persönliche Erfahrung ersetzen. Diese Frustration erklärt, warum Bergoglio direkt vor dem Konklave von 2013 mehrere Treffen mit den Mitgliedern der spanischen Sektion des Staatssekretariates hatte.
Bergoglio war damals der Favorit von Kardinal Achille Silvestrini, Mitglied der St. Gallen-Gruppe, auch Mafia genannt, - und Kardinal Danneels, einem anderen Mitglied der Gruppe, die zunächst gegründet worden war, um nach dem Tod Johannes Pauls II einen "Progressisten" an die Macht zu bringen.
Im Verlauf der Treffen haben seine spanischen Informanten Bergoglio eine detailliertere und erschöpfendere Sicht der Kurie gegeben als die, die er zuvor erhalten hatte - eine Information, die sich sofort nach der Wahl als nützlich erwies.





Man konnte vorhersehen, welches Franziskus´ erste Handlung sein würde. Im Vatican ist der rechte Arm des Papstes der Staatssekretär. Er erfreut sich eines riesigen Einflusses bis zu dem Punkt, daß diese Macht von den Kardinälen im Konklave stark kritisiert wurde. Wenig später - nach seinem Machtantritt - hat Franziskus Kardinal Tarcisio Bertone, den Staatssekretär Benedikts XVI durch Erzbischof Pietro Parolin, einen progressistischen, der Silvestrini-Bewegung verbundenen Nuntius ersetzt.

So mächtig der Staatssekretär auch geworden ist, es gibt im Vatican mindestens noch zwei andere Ämter, die die volle Aufmerksamkeit eines neuen Papstes verdienen. Das erste ist das des Präfekten der Kleruskongregation, der nicht nur die Priester kontrolliert sondern auch alle Seminare der Welt. Im Augenblick der Wahl von Franziskus war es der sehr erfahrene Kardinal Mauro Piacenza, der an der Spitze dieser Kongregation stand. Franziskus entließ ihn abrupt und ohne Erklärung und ernannte an seiner Stelle einen anderen Nuntius, Beniamino Stella.
Gut informierte Quellen im Umfeld des Vaticans berichten, daß Stella in jedes Amt Getreue gesetzt hat, die ihn wissen lassen, wer dem neuen Regime positiv gegenüber steht und wer nicht. 

Franziskus interessierte sich dann für die Apostolische Signatur und fatalerweise auch für Kardinal Burke. Die Signatur ist der Oberste Gerichtshof des Hl. Stuhls und hat in jedem Konflikt zwischen Priestern und Ordensleuten mit demVatican das letzte Wort.
Burke ist ein uneingschränkt respektierter Experte in dieser Materie und war deshalb immer sehr unabhängig. Aber er erlitt das selbe Schicksal wie Piacenza: er wurde summarisch entlassen und durch einen alten Diplomaten ersetzt,  in diesem speziellen Fall den sehr leutseligen Dominique Mamberti, den "Außenminister" des Hl. Stuhls.

Franziskus hätte sicher sehr gern die Köpfe mindestens zweier Kongregationen ausgetauscht, der von Kardinal Müller geleiteten Glaubenskongregation und der vom kanadischen Kardinal Ouellet geführten Bischofskongregation.
Aus Gründen, die zu komplex sind, um sie hier zu erklären, konnte er das nicht tun.
Als Ausgleich hat er eine neue Technik angewandt, um diese Kardinäle ihrer Macht zu berauben, die gleiche Methode, die er - mit leichten Abwandlungen - auch benutzt hat, um die Liturgiekongregation zu isolieren und zu unterminieren, in der auch Kardinal Sarah - obwohl von ihm ernannt - zu unabhängig ist.

Worin besteht diese neue Technik? Betrachten wir den Fall der Bischofskongregation. Es ergibt sich, daß einer der subalternen Mitarbeiter dieser Kongregation, ein brasilianischer Priester mit Namen Ilson de Jesus Montanari, seit langem eine freundschaftliche Beziehung mit Fabiàn Pedacchio, dem Privatsekretär des Papstes unterhielt. Plötzlich ernannte Franziskus Montanari zum Sekretär der Kongregation: so konnte Montanari Ouellet überwachen und den Papst über seine Aktivitäten auf dem Laufenden halten.

Als die Kongregation kurze Zeit später ihre Generalversammlung abhielt, um über neue Bischofsernennungen zu diskutieren und abzustimmen, wurden für die Ernennung eines neuen Weihbischofs für eine kanadische Diözese drei Namen genannt.  Kardinal Ouellet selbst erklärte, daß der erste sehr gut sei, der zweite auch, daß er aber mit dem dritten (den er persönlich kannte) seine Probleme habe.
Weil der progressistische Flügel der Kongregation den Dritten unterstützte, folgte eine Debatte und es wurde keine Entscheidung getroffen.
Am nächsten Tag besuchte Fabiàn Pedacchio die Kongregation und erklärte, daß der Papst den dritten Kandidaten ausgewählt habe und versetzte so Kardinal Ouellet in eine sehr unkomfortable Position.

Auf Anraten Stellas nominierte Franzikus auch einen neuen Untersekretär für die Glaubenkongregation. Rückblickend erscheint diese Ernennung nutzlos, weil der Papst sich auf jede Weise darauf versteift, theologische Ratschläge der Kongregation zu ignorieren. So hatte Franziskus der Kongregation eine erste Fassung von Amoris Laetitia übergeben, Müller hatte sie mit 200 Korrekturen und Einsprüchen zurück gegeben. Er hat nie eine Antwort bekommen und seine Vorschläge wurden schlicht und einfach ignoriert.

Danach gab es die Affäre um die drei Priester. Vor einigen Monaten erhielt Müller aus dem Staatssekretariat einen Brief, der ihn aufforderte drei zu seinen Mitarbeitern gehörende Priester zu entlassen.  Er zögerte, weil es gute Priester und gute Mitarbeiter waren. Aber dem ersten folgte ein zweiter Brief. Müller bat dann um eine Audienz beim Papst und - nachdem er eine gewisse Zeit lang warten mußte (was an sich schon ungewöhnlich war, außer für einen Papst, der es vorzieht, den Chefs seiner Dikasterien nicht zu begegnen),  er fragte nach dem Grund für die Entlassung.
Franziskus´ Antwort hat nicht ihresgleichen: "Ich bin der Papst und ich muß vor niemandem meine Entscheidungen rechtfertigen. Ich habe gesagt, sie müssen gehen und sie müssen gehen." Dann stand er auf, streckte die Hand aus, ohne anzuzeigen, daß die Audienz beendet sein.
Müller war sehr verstört.  Es scheint möglich, daß auch er  noch dieses Jahr entlassen und durch Kardinal Schönborn ersetzt wird. (Text vom 29. Juni 2017, 2 Tage vor der Ersetzung Müllers durch P. Ladaria Ferrer).

Ein neuer, der an der Macht befindlichen Partei treuer Untersekretär, wurde auch für die Liturgiekongregation ernannt. Aber da hat Franziskus einen zusätzlichen Schritt unternommen: ohne Kardinal Sarah zu informieren, hat er eine Spezialkommission ernannt, damit beauftragt die sogenannte "Ökumenische Messe" zu studieren, die Katholiken und Protestanten gemeinsam feiern könnten.
Offizielle ignoriert Kardinal Sarah immer noch die Aktivitäten der Kommission, die unabhängig und in direkter Beziehung zum Papst arbeitet.

Vor kurzem kamen Gerüchte auf, die sich um eine andere Kommission drehen, auch sie unter direkter Supervision des Papstes und mit der Aufgabe betraut, im Licht von Amoris Laetitia die mögliche Widerrufung der Enzyklika "Humanae Vitae" zu studieren.
Erzbischof Vincenzo Paglia, Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben hat vor kurzem der Katholischen Nachrichtenagentur erklärt," Es gibt keine päpstliche Kommission für ein Neulesen oder eine Neuinterpretation von Humanae Vitae . Dennoch werden wir positiv alle Initiativen erwarten, wie die von Professor Marengo vom Institut Johannes Paul II, die den Text studieren und unter dem Blickwinkel des 50. Jahrestages seiner Veröffentlichung vertiefen wollen."  Paglia scheint gleichzeitig Ja und Nein zu sagen.

Weil dieser Papst nach Art eines Diktators regiert, das Gesetz der Kurie - wie er es tut - überschreitend - kann es sein, daß es wirklich keine offizielle Kommission gibt. Es kann sein, daß es einige Experten gibt - wie Marengo - die die Arbeit radikaler Veränderungen von Grund auf vorbereiten, die der Papst dann persönlich verkünden wird."

Quelle: Marco Tosatti, FirstThings

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen