Montag, 28. August 2017

Die neue "Ostpolitik" des Vaticans

A. Gagliarducci analysiert und kommentiert in  seiner wöcheneetlichen Kolumne "Monday in the Vatican" die neue (alte?) Ostpolitik des Vaticans - sowohl des Papstes als auch des Kardinalstaatssekretärs - jetzt aber gegenüber dem Moskauer Patriarchat und gegenüber Ländern wie China und Vietnam.
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"PAPST FRANZISKUS, SEINE OSTPOLITIK UND DAS THEMA GESCHICHTE"

Kardinal Pietro Parolin, Staatssekretär des Vaticans, ist vom 21. - 24. August nach Rußland gereist und alles ging den Berichten zufolge gut. Auf den ersten Blick scheint es zu früh zu sein, um über eine mögliche Reise von Papst Franziskus nach Moskau nachzudenken, während es wahrscheinlicher ist, daß wir ein zweites Treffen zwischen Papst Franziskus uns dem Russischen Patriarchen Kyrill sehen werdem- nach dem ersten-historischen Treffen zwischen einem Papst imd einem Moskauer Patriarchen, das am 12. Februar 2016 stattfand.

Ist die Reise ein Zeichen dafür, daß Papst Franziskus´ Diplomatie gegenüber Osteuropa Erfolg hat?

Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort. Eines der am weitesten entwickelten Themen rund um die Reise ist das der sogenannten Vaticanischen "Ostpolitik".
Ostpolitik beschreibt die Politik des Hl. Stuhls gegenüber den Ländern des Ostblocks jenseits des Eisernen Vorhangs. Ostpolitik war die Politik des Dialogs, die von Msgr. Agostino Casaroli in den 60-er Jahren entwickelt wurde, dem späteren Staatssekretär des Hl. Johannes Pauls II.

Die Ostpolitik ist in den Reihen des Vaticans stark kritisiert worden, besonders von den Kardinälen der Kirche des Schweigens, i.e. Kardinal Stefan Wyszynski, Primas von Polen, und vor allem Kardinal Jozef Mindszenty, Erzbischof von Budapest-Esztergom. Beide betrachteten die Politik des Hl. Stuhls als zu dialogbereit gegenüber den Ländern des Sowjet-Blocks.

Kardinal Mindszenty, der jahrelang in der US-Botschaft in Budapest leben mußte, um - nachdem er zuvor einer Farce von einem Prozess unterworfen worden war - der Verhaftung zu entgehen, starb im Exil. Kardinal Wyszynski sagte sogar einmal während einer Synode: "Homo Casaroliensis non sum", "ich bin kein Casaroli-Mann."



Bedenkt man, daß Kardinal Parolin unter Kardinal Casaroli ausgebildet wurde, wurde seine Ernennung zum Nuntius in Venezuela als Abkehr von der Vaticanischen Ostpolitik interpretiert.
Seine Rückkehr nach Rom und seine Art des Brückenbaus dann wiederum als Rückkehr der Ostpolitik, die-wie bei den Beziehungen zu China- in schwierigen Fällen anzuwenden ist.

Aber kann man die Diskussion darauf reduzieren, für oder gegen die Ostpolitik zu sein?

Wie immer während dieses Pontifikates, ist es bemerkenswert, zu notieren, daß die Diskussion praktisch auf politischer Ebene geführt wird. Kardinal Parolin wird in den Reihen der Kirche immer mehr Beachtung zuteil.

Seine Verteidiger haben aber auch die ins Visier genommen, die die diplomatischen Zugehensweise des Kardinals kritisieren und etikettiert sie als "klerikal". Denen, die dem Casaroli-Zugang, dem Parolin folgt - der Diplomatie ohne Glauben - widersprechen, antworten Parolins Verteidiger, daß beide, sowohl Parolin als auch Casaroli direkt durch ihre Berufung inspiriert worden sind.

Vielleicht ist es der Begriff Ostpolitik, der nicht funktioniert. Gian Maria Vian, Herausgeber der Vatican-Zeitung Osservatore Romano hat diesen Punkt in einem Beitrag hervorgehoben, den er für Agostino Casarolis Buch "Der Weitblick der Kirche" geschrieben hat.

Nach Vian ist der Begriff Ostpolitik "leicht und suggestiv" aber er ist nicht "der präziseste", weil er von der deutschen Politik der Öffnung gegenüber den Kommunistischen Ländern übernommen wurde.

Die Öffnung der Kirche begann früher.

Vian erklärt, "daß die Ursprünge des Handelns des hl. Stuhle gegenüber den Östlichen Ländern auf Benedikt XV zurückgehen. 1918  schickte Benedikt Achille Ratti nach Polen."
Rattis Mission fand einige Jahre statt, bevor 1923 eine anderer zukünftiger Papst, der junge Giovanni Battista Montini in der Warschauer Nuntiatur arbeitete. Der blieb dort nur einige Monate, wahrscheinlich aus gesundheitlichen Gründen."

Nachdem er von seiner Mission zurückgekehrt und zum Papst -mit dem Namen Pius XI- gewählt worden war, "versuchte Ratti mit den Sowjets unmögliche Verträge auszuhandeln - auch durch den Nuntius [Eugenio] Pacelli."

Pacelli sollte später zum Staatssekretär Piuis´XI ernannt und dann zu Papst Pius XII gewählt werden. Als Antikommunist - erzählt Vian - war Pius XII sehr pragmatisch angesichts der Bedrohung durch den Nationalsozialismus. Er bat die US-Bischöfe und die amerikanischen Katholiken, dem Bündnis ihres Landes mit der Sowjetunion nicht zu widersprechen. "Er benutze das IOR - mit abenteuerlichen Operationen, um mit vielen Millionen Dollars die US - Kriegsindustrie gegen Hitler und das Dritte Reich zu unterstützen."

So geschah es, daß "Pius XII zumindest ab 1944 zum Ziel wurde, als - auch von der Russischen Kirche unterstützte - Angriffe gegen den Papst gestartet wurden, mit dem Vorwurf "angesichts der Nazi-Verbrechen - bis zur Komplizenschaft - geschwiegen zu haben."
Das waren die Auswirkungen der Westpolitik der Sowjetunion - genährt aus Desinformationen.

Und so kommen wir zu Casarolis Ostpolitik. Casaroli wurde vom Hl. Johannes Paul II zum Staatssekretär ernannt. George Weigel bemerkte in seinem Buch "Das Ende und der Anfang", daß Johannes Paul die Bewegungen des Hl. Stuhls gegenüber den Ländern des Sowjet-Blocks direkt aus dem päpstlichen Apartamento steuerte.

Der Papst - so Weigel - war nicht so unerbittlich wie Kardinal Mindszenty,  aber auch nicht so ein "Kollaborationist" wie es Kardinal Casaroli war.

"Für Casaroli" bemerkte Zbingniew Brzezinski - wie in Weigels Buch zitiert - "war der Kommunismus eine Form der Macht, mit der man zusammenleben mußte. Für Johannes Paul II war der Kommunismus ein Übel, das nicht verhindert werden aber geschwächt werden konnte."

Heute haben wir eine andere Situation. Das Thema "Kommunismus als politische Macht" kann auf die meisten asiatischen Länder angewandt werden- vor allem China und Vietnam. Andererseits wird der Dialog des Hl. Stuhls mit den Ländern des früheren Ostblocks hauptsächlich als ökumenischer Dialog betrachtet.

So wie es Orthodoxe gab, die die Kampagne gegen Papst Pius XII unterstützen, gab es auch Orthodoxe, die gegen eine mögliche Kanonisierung Kardinal Aloizje Stepinacs von Zagreb, eines anderen Märtyrers der Kirche des Schweigens, protestieren. Papst Franziskus hat auf diese Kritiken durch die Einsetzung einer Kommission geantwortet, die zu keinem Ergebnis gekommen ist und bei der jeder bei seiner ursprünglichen Position blieb.
Wenn es zu den Beziehungen mit der Orthodoxen Welt kommt, ist die Geschichte ausschlaggebend.

Genauso politisch war das Zugehen des Moskauer Patriachates auf die Katholische Kirche.
Diese Annäherung wurde teilweise durch die von der Russisch Orthodoxen Hierarchie wahrgenommenen Notwendigkeit angeregt, den selben direkten Draht zum Hl. Stuhl zu haben, wie das Patriarchat Bartholomäus´ I von Konstantinopel - besonders im Hinblick auf die Pan-Orthodoxe Synode, die im Juni 2016 ohne Teilnahme des Moskauer Patriarchates stattfand.

Aber diese Annäherung wurde auch durch das russische Bedürfnis genährt, in diesen Zeiten diplomatischer Isolation einen internationalen Partner zu haben.

Es ist nicht überraschend, daß Präsident Putin während seines Treffens mit Kardinal Parolin - Parolin
seine Anerkennung für die Zusammenarbeit zwischen dem Moskauer Patriarchat und der Katholischen Kirche bei den großen Themen Säkularisation und Weltfrieden ausgedrückt hat: der Russische Präsident ist sich der außerordentlichen Rolle bewußt, die die Religionen bei der Formung der Öffentlichen Meinung haben.

Auch war es nicht überraschend, daß das Treffen einige Probleme ungelöst ließ. Es konnte nicht anders sein.

Fortsetzung folgt.....

Quelle: Monday in the Vatican, A: Gagiliarducci


  

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