Freitag, 25. August 2017

Droht eine "theologische Atombombe" das gesamte Gebäude der Moraltheologie zum Einsturz zu bringen? Amoris Laetitia und kein Ende?

Rorate Caeli hat einen Essay von Prof. Josef Seifert zu den logischen Folgen einiger Aussagen in Amoris Laetitia veröffentlicht.
Hier geht´s zum Original:  klicken

" JOSEF SEIFERT: DROHT PURE LOGIK DIE GESAMTE MORAL DOKTRIN DER KATHOLISCHEN KIRCHE ZU ZERSTÖREN?"

Die  Frage im Titel dieses Textes ist an Papst Franziskus und an alle Katholischen Kardinäle, Bischöfe, Philosophen und Theologen gerichtet. Sie handelt von einem dubium über die rein logische Konsequenz einer Behauptung in Amoris Laetitis und endet mit einer Bitte an Papst Franziskus, zumindest eine Äußerung in AL zurückzunehmen, wenn die Frage in diesem kleinen Text zustimmend beantwortet werden muß und wenn man von dieser Behauptung in AL allein durch reine Logik- auf offensichtlichen Prämissen beruhend- die Zerstörung der gesamten Katholischen Moral-Lehre ableiten kann. Im Stile Sokrates´  überläßt der Text es Papst Franziskus und anderen Lesern, auf die Titel-Frage zu antworten und nach ihren eigenen Antworten zu handeln.

Amoris Laetitia hat zweifelsohne große Unsicherheit geschaffen und in der Katholischen Welt einander widersprechende Interpretationen hervorgerufen. Ich möchte diese ganze Kontroverse hier nicht präsentieren oder den Standpunkt, den ich hier schon in früheren Artikeln verteidigt habe, weiterentwickeln. Ich könnte das immer noch in einer Antwort auf kritische Kommentare tun, die ich von meinem persönlichen Freund Buttiglione bekommen habe, mit dem ich sonst bei fast allen anderen philosophischen und anderen Themen übereinstimme.

Es gibt aber eine einzelne Behauptung in AL, die nichts mit der Anerkennung der Rechte des subjektiven Gewissens zu tun hat, auf das sich Rocco Buttiglione bezieht und mit der er die volle Übereinstimmung zwischen dem moralischen Lehramt des Hl. Johannes Paul II und Papst Franziskus zu zeigen versucht- gegen Robert Spaemann und andere, die einen klaren Bruch zwischen beiden feststellen.
Buttiglione argumentiert, daß angesichts ihrer gegenteiligen Lehre zur sakramentalen Disziplin Papst Johannes Paul II Recht hat, wenn man nur den objektiven Inhalt menschlicher Taten betrachtet, während Papst Franziskus Recht hat, wenn man -nach ausreichender Differenzierung- den subjektiven Faktoren und fehlenden Vorbedingungen für Todsünden (fehlende Kenntnis und Schwäche des freien Willens) ihre eigene Rolle und Anerkennung zukommen läßt.

Weil Gott sicher nicht an mangelnder ethischer Erkenntnis, einem irrenden  Gewissen, oder an Willensschwäche leidet, ist es nicht so, daß der Text "das Recht der menschlichen Persönlichkeit" verteidigt-wie Buttiglione behauptet- sondern er scheint klar zu bestätigen, daß diese in sich falschen und objektiv schwer sündigen Taten- wie Buttiglione zugibt- von Gott erlaubt oder sogar objektiv geboten werden können.

Wenn es wirklich das ist, was AL behauptet, dann betrifft der ganz Alarm über die direkten Aussagen von AL zu Veränderungen der sakramentalen Disziplin ( Zulassung von Ehebrechern -nach einer gebotenen Zeit der Unterscheidung, aktiven Homosexuellen und anderen Paaren in ähnlichen Situationen zu den Sakramenten der Beichte und der Eucharistie und - logisch- zur Taufe, Firmung und Ehe, ohne ihren Willen ihr Leben zu ändern und in völliger sexueller Enthaltsamkeit zu leben. was Papst Johannes Paul II in Familiaris Consortio  von Paaren in derartigen irregulätren Situationen verlangte) nur die Spitze eines Eisbergs, den schwachen Beginn einer Lawine oder die ersten Gebäude, die durch eine theologische Atombombe zerstört werden, die droht, das gesamte moralische Gebäude der 10 Gebote und der Katholischen Morallehre einzureißen.

In diesem gegenwärtigen Beitrag will ich nicht behaupten, daß das der Fall ist. Im Gegenteil, ich überlasse es zur Gänze dem Papst oder jedem Leser, die Frage zu beantworten, ob hier zumindest eine Aussage in AL ist, deren Konsequenz die Zerstörung der gesamten Katholischen Morallehre ist oder nicht.
Und ich muß zugeben, daß was ich über die Kommission lese, die zusammen gerufen wurde, um Humanae Vitae "erneut zu prüfen" eine Enzyklika, die-wie später "Veritatis Splendor" Jahrzehnten ethischer und moral-theologischer Debatten ein Ende bereitete-die Titel-Frage meines Beitrags zur Ursache extremer Besorgnis bei mir hat werden lassen.

Lesen wir den endgültigen Text (AL 303), der von Papst Franziskus auf den Fall von Ehebrechern oder anderen "irregulären Paaren" angewandt wird, die sich entscheiden, die Forderungen der Enzyklika Familiaris Consortio des Hl. Johannes Paul II an solche irregulären Paare nicht zu befolgen.




Papst Johannes Paul II fordert diese Paare auf, sich entweder ganz zu trennen oder, wenn das unmöglich ist, sich völlig sexueller Beziehungen zu enthalten, während aber Papst Franziskus feststellt:
    Dennoch kann das Gewissen mehr tun, als anzuerkennen, daß eine gegebene Situation nicht mit
    den Geboten des Evangeliums übereinstimmt. Es kann auch ehrlich und ernsthaft anerkennen, was     bisher die großzügigste Antwort ist, die man Gott geben kann (Relatio Finalis 2015. 85) und dazu       kommen, mit gewisser moralischer Sicherheit zu sehen. was Gott selbst in der konkreten                     Komplexität der eigenen Grenzen verlangt, die noch nicht ganz dem objektiven Ideal entspricht.
    (AL 303).

Sowohl aus dem vorhergegangenen als auch dem späteren Kontext  geht klar hervor, daß dieser "Wille Gottes" sich darauf bezieht, weiterhin in dem zu leben, was objektiv eine schwere Sünde ist.
z.B. AL 298, Fußnote 329.

    "In solchen Situationen weisen viele Leute, die die Möglichkeit wie "Bruder und Schwester"                 zusammenzuleben kennen und akzeptieren, die die Kirche ihnen anbietet, darauf hin, daß wenn           der bestimmte Ausdruck von Intimität fehlt, es häufig passiert, daß die Treue gefährdet ist und             das Wohl der Kinder leidet."

In Gaudium et Spes, 51, dem das letzte Zitat entnommen ist. wird dieser Gedanke als ungültiger Einwand gegen das moralische Gebot behandelt, niemals Ehebruch zu begehen oder einen Akt der Empfängnisverhütung.
In AL wird es im oben erklärten Sinn benutzt, als Rechtfertigung, sogar bekannt, als dem objektiven Willen Gottes entsprechend, weiterhin objektiv schwere Sünden zu begehen.

Mit anderen Worten- außer den objektiven Zustand schwerer Sünde euphemistisch als "noch nicht ganz nach dem objektiven Ideal" zu nennen, sagt AL, daß wir mit "einer gewissen moralischen Sicherheit" wissen können, daß Gott selbst uns auffordert, in sich falsche Handlungen zu begehen- wie Ehebruch oder aktive Homosexualität.
Ich frage: kann reine Logik unter dieser Voraussetzung dabei versagen, uns die Frage zu stellen:

      Wenn nur ein Fall einer in sich unmoralischen Handlung erlaubt sein kann oder sogar von                   Gott gewollt- muß das dann nicht für alle "in sich falschen" Handlungen gelten? Wenn es wahr           ist, daß Gott wollen kann, daß ein ehebrecherisches Paar weiterhin im Ehebruch lebt. sollte dann         das Gebot "Du sollst nicht ehebrechen" nicht neu formuliert werden:" Wenn deine Situation nicht       das kleinere Übel ist, dann begehe ihn nicht. Wenn sie das ist, lebe ihn weiterhin."?

Müssen dann nicht die anderen 9 Gebote, Humanae Vitae, Evangelium Vitae und alle früheren, gegenwärtigen und zukünftigen Kirchendokumente, Dogmen oder Konzile, die die Existenz in sich schlechter Handlungen lehren, fallen?
Ist es dann nicht mehr in sich falsch, Kontrazeptive zu benutzen und ist nicht Humanae Vitae im Irrtum, wenn sie unmißverständlich feststellt, daß Empfängnisverhütung niemals und in keiner Situation moralisch gerechtfertigt sein kann, geschweige denn von Gott befohlen?

Muß dann nicht- um damit anzufangen- die Kommission, die Papst Franziskus für Humanae Vitae einberufen hat, feststellen, daß Empfängnisverhütung in manchen Situationen gut sein kann oder sogar vorgeschrieben und von Gott gewollt? Können dann nicht auch Abtreibungen - wie Msgr. Fisichella, der damalige Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, behauptete in einigen Fällen gerechtfertigt und das sein, was Gott selbst fordert-innerhalb der Komplexität der eigenen Grenzen- noch nicht ganz im objektiven Ideal?

Muß dann nicht aus purer Logik Euthanasie, Selbstmord, oder Beihilfe dazu, Lügen, Diebstahl, Meineid, Leugnen und Verrat Christi, wie der des Hl. Petrus, oder Mord, unter bestimmten Umständen und nach ordentlicher "Differenzierung"  gut und lobenswert sein, wegen der Komplexität einer konkreten Situation (oder wegen des Fehlens ethischer Erkenntnisse oder Willensstärke)
Kann dann Gott nicht auch verlangen, daß ein Sizilianer, der sich verpflichtet fühlt, die unschuldigen Mitglieder einer Familie auszulöschen, deren Oberhaupt ein Mitglied seiner eigenen Familie ermordet hat und dessen Bruder vier Familien umbringen würde, wenn er nicht einen ermordet, mit dem Morden weitermacht, weil diese Tat unter diesen Bedingungen ist "was Gott selbst verlangt -innerhalb der Komplexität der eigenen Grenzen- noch nicht ganz im objektiven Ideal?"
Fordert die reine Logik nicht, daß wir diese Konsequenzen aus den Vorschlägen von Papst Franziskus ziehen?

Wenn aber die Titel-Frage dieses Textes zustimmend beantwortet werden muß, wie ich persönlich glaube- scheint die rein logische Konsequenz aus dieser einen Aussage von Amoris Laetitia die gesamte Morallehre der Kirche zu zerstören. Sollte das nicht der Fall sein, muß sie deshalb von Papst Franziskus selbst zurückgezogen und verurteilt werden, dem zweifellos vor einer solchen Konsequenz graut. die- wenn die Titel-Frage positiv beantwortet werden muß- eiserne und kühle Logik aus der zitierten Äußerung von Papst Franziskus unfehlbar ziehen muß?


Deshalb möchte ich unseren obersten spirituellen Vater auf Erden, den "süßen Christus auf Erden" -wie die Hl. Caterina von Siena einen der Päpste nannte, unter dessen Regierung sie lebte, während sie ihn heftig kritisierte (wenn Papst Franziskus mit diesen logischen Schlußfolgerungen einverstanden ist und der Titelfrage dieses Essays mit ja antwortet) bitten, die erwähnte Aussage zurückzuziehen.
Wenn ihre logischen Konsequenzen mit eisernen Stringenz zu nichts anderem führen, als zur völligen Zerstörung der Morallehre der Katholischen Kirche, sollte dann der "süße Christus auf Erden" nicht eine eigene Behauptung zurückziehen?
Wenn die erwähnte These mit logischer Konsequenz dazu führt, daß geleugnet wird, daß es überhaupt in sich schlechte Handlungen gibt, die unter allen Umständen und in allen Situationen falsch sind und wenn diese Behauptung nach Familiaris Consortio und Veritatis Splendor auch Humanae Vitae und viele andere feierliche Lehren der Kirche niederreißt- sollte sie dann nicht wiederrufen werden?

Gibt es nicht nachgewiesenermaßen solche Akte, die immer intrinsisch schlecht sind, wie es andere Handungen gibt, die immer intrinsisch gut sind, gerechtfertigt und von Gott gewollt? (Siehe Johannes Paul II "Veritatis Splendor", siehe auch Josef Seifert "The Splendor of Truth und Intrinsically Immoral Acts II:  A Philosophical Defense of the Rjection of Proportionalism and Consequentialism in ‘Veritatis Splendor’.” In: Studia Philosophiae Christianae UKSW 51 (2015) 3, 7-37.) 

Und solle nicht jeder Kardinal und Bischof, jeder Priester, Mönch oder jede geweihte Jungfrau und jeder Laie in der Kirche allerlebhaftetes Interesse daran haben und diesen leidenschafltichen Appell eines demütigen Laien, eines einfachen Philosophie-Professors- u.a. für Logik- unterschreiben? 

Quelle: rorate caeli, Prof. J. Seifert


Josef Seifert ist Gründungsrektor der Internationalen Akademie für Philosophie im Fürstentum Liechtenstein, Lehrstuhlinhaber des Dietrich-von-Hildebrand-Lehrstuhls für Realistsiche Phänomenologie am den IAP-IFES, Granada, Spanien und von Papst Johanne Paul II als ordentliches  (lebenslanges) Mitglied der Päpstlichen Akademie für das Leben (eine Aufgabe, die 2016 mit der Entlassung aller Akademiemitglieder durch Papst Franziskus und seiner Nichtwiederwahl als Mitglied einer 2017 von Grund auf veränderten Akademie)

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen