Mittwoch, 22. Mai 2019

Wenn Proselytismus zur fixen Idee wird.

Sandro Magister kommentiert bei Settimo Cielo den erneuten Rückgriff von Papst Franziskus auf seine-wie es scheint- fixe Idee vom Proselytismus.
Hier geht´s zum Original:  klicken

"PROSELYTISMUS - DAS GESPENST VON PAPST FRANZISKUS"
"In der Titelgebung für die Rede, die Papst Franziskus am 20. Mai im Päpstlichen Institut für Auswärtige Mission gehalten hat, hat "Vatican News", das offizielle digitale Bulletin des Hl. Stuhls seine zigste, unvermeidliche Breitseite gegen den "Proselytismus" unterstrichen.

Im Text, den Franziskus vorlas. wurde er nicht erwähnt, aber der Papst konnte nicht widerstehen, aus dem Stegreif diesen Zusatz zu machen:
"Es besteht die Gefahr, daß er wieder auftaucht, -er scheint überholt, aber er taucht wieder auf: daß Evangelisierung mit Proselytismus verwechselt wird. Nein. Evangelisierung ist Zeugnis für Jesus Christus. den toten und auferstandenen. Er ist es, der hinein zieht. Deshalb wächst die Kirche durch Anziehungskraft, nicht durch Proselytismus, wie Benedikt XVI sagte. Aber diese Verwechslung ist bis zu einem gewissen Grad aus einem politisch-wirtschaftlichen Konzept von Evangelisierung entstanden, das nicht länger Evangelisierung ist. Dann die Gegenwart, die konkrete Gegenwart, durch die Sie fragen, warum du so bist. Und dann verkündest du Jesus Christus. Es ist nicht das Suchen nach neuen Mitgliedern für diese "Katholische Gesellschaft, nein, es bedeutet Jesus zu zeigen: daß er sich in meiner Person zeigt, in meinem Verhalten; und mit meinem Leben, daß räume für Jesus öffnet. Das ist Evangelisieren. Und das ist es, was unserer Gründern in ihren Herzen hatten."

Dann fügte Franziskus-wieder aus dem Stegreif- hinzu:
"Erlauben Sie mir dazu den letzten Abschnitt von "Evangelii Nuntiandi" zu empfehlen. Sie wissen das "Evangelii Nuntiandi" das größte pastorale postkonziliare Dokument ist: es ist noch jung, gilt noch und hat seine Kraft nicht verloren. Im letzten Abschnitt, in dem es beschreibt, wie einer, der evangelisiert, sein sollte, spricht es von der Freude des Evangelisierens. Wenn der Hl. Paul VI von den Sünden des Evangelisierenden spricht; die letzten 4 oder 5 Abschnitte. Lesen Sie es gut, denken Sie an die Freude, die uns das bereitet."

In diesen beiden Zusätzen ist nichts Überraschendes. Sowohl die Kritik am Proselytismus als auch der Lobpreis von "Evangelii Nuntiandi" sind das Mantra von Jorge Mario Bergoglio- jedesmal wenn er von Mission spricht.
Aber es ist das "warum und das wie" für dieses zweifache Insistieren, die schwer zu verstehen sind.





ZUM PROSELYTISMUS
Wenn Franziskus mit Proselytismus das bis zum Äußersten betriebene Bemühen meint, erzwungen, gemessen an der Zahl der Neugetauften, ist es ein Geheimnis von wo er die Überzeugung gewonnen hat, daß es eine wahre Gefahr für die Katholische Kirche ist, "wenn das heute wieder auftaucht."

Weil- wenn es eine unbestreitbare 
Realität in der Kirche des letzten halben Jahrhunderts gibt, dann nicht die eines Exzesses sondern des Zusammenbruchs des missionarischen Eifers. 

Es ist der Zusammenbruch, der Paul VI, Johannes Paul II und Benedikt XVI wohlbekannt war, die auf unterschiedliche Weise versuchten, dem entgegen zu wirken und die Kirche zu ihrer wahren Mission zurück zu rufen, zuerst -u.a. -durch die Einberufung einer Synode für die Evangelisierung und der nachfolgenden apostolischen Exhortation "Evangelii Nuntiandi" von 1975, dann mit der Enzyklika von 1990  Redemptoris Missio"  als drittes -2007 mit Doktrinale Anmerkung zu einigen Aspekten der Evangelisierung"” und einer weiteren Synode für die Evangelisierung. 
Ohne daß diese ihre Appelle begeistert in Empfang genommen worden wären, außer durch die Vitalität einiger junger Kirchen in Afrika und Asien oder -im Westen- in einigen isolierten Gebieten, die in der Lage waren, den authentischen Missionsimpuls zu bewahren. Darunter kein anderes als das Päpstliche Institut für Auswärtige Missionen, das vor 3 Tagen vom Papst in Audienz empfangen wurde. 
Ein Mitglied dieses Institutes war Fr. Piero Gheddo (1929-2017) dem Johannes Paul II, die Formulierung der Enzyklika "Redemptoris Missio" anvertraute und der davor sogar schon zu den Hauptautoren des Missions-Dekretes "Ad Gentes" des II. VAticanischen Konzils gehört hatte. 

Aber im Gegensatz zu seinen Vorgängern und auf der Grundlage einer entgegengesetzten Interpretation der Missions-Erfahrung der Kirche in den letzten Jahrzehnten, scheint Franziskus bei der Mission bremsen zu wollen. 

Im Grunde will er ein stille "Zeugnis" durch das eigene Leben, das eigene Verhalten und zuerst der Nächstenliebe für den Christlichen Glauben. Und erst nach dem Zeugnis ermutigt er nach eventuell entstandenen Fragen zur Verkündigung Jesu. Aber ohne diesen zweiten Schritt je zu erklären und statt dessen jedesmal auf die erste, für Franziskus- einzige gesunder Alternative auf den viel beklagten Proselytismus hinzuweisen- komplettiert durch Zitate aus Papst Pauls VI "Evangelii Nuntiandi" laut dem Urteil des aktuellen Papstes- das "größte pastorale Dokument der Post-Konzil-Zeit".

ZU "EVANGELII NUNTIANDI"
Dennoch -sogar Franziskus´ häufiger Rückgriff auf dieses Dokument von Paul VI führt zu Widersprüchen. Weil wahr ist, daß Paul VI dem stillen Zeugnis des Lebens eine primordiale Bedeutung beimißt, in der Hoffnung, daß das Gemüter und Herzen berührt und Hoffnungen erweckt. 
Aber unmittelbar danach schreibt er: 
"Trotz alledem bliebt das immer unzureichend , weil sich auf Dauer selbst das beste Zeugnis als unwirksam erweisen wird,  wenn es nicht erklärt, gerechtfertigt wird, was Petrus immer "die Antwort bereit zu haben" nannte "für Menschen, die euch nach dem Grund für die Hoffnung fragen, die ihr alle habt"  und die durch eine klare und unmißverständliche Verkündigung des Herrn Jesus verständlich gemacht wird. Die Frohe Botschaft- verkündet durch Zeugnis oder Leben muß früher oder später durch das Wort des Lebens verkündet werden. Es gibt keine wahre Evangelisierung, wenn der Name, die Lehre, das Leben, die Versprechen, das Königreich und das Mysterium von Jesus von Nazareth, dem Sohn Gottes, nicht verkündet wird."

Und das ist nicht alles. Weil Verkündigung nicht ausreicht- fährt Paul VI fort- wenn sie nicht "ein echtes Festhalten an dem so Empfangenen erweckt" ein Festhalten an der Kirche und den Wunsch , selbst ein Evangelisierer zu werden. "Zeugnis, ausdrückliche Verkündigung, inneres Festhalten, Eintreten in die Gemeinschaft, Annahme von Zeichen, apostolische Initiative: "alles das ist für Paul VI der "komplexe Vorgang" der Evangelisierung. 

Franziskus geht über das alles systematisch hinweg. Und sogar in einem Appell an die Missionare des Päpstlichen Institutes für Auswärtige Missionen - die in den letzten Paragraphen von "Evangelii Nuntiandi" nachzulesen sind, erscheinen die Warnungen Pauls VI gegen "die Sünden der Evangelisierer" widersprüchlich.

Liest man z.B. noch einmal Sektion 80 der Exhortation, sieht man, daß Paul VI genau das Denken brandmarkt, das den meisten Unterstützern des aktuellen Pontifikates eigen ist, und das in der Tat jede Art missionarische Impulse lähmt: 
"Man hört zu oft, daß -mit verschiedenen Worten- gesagt wird, daß das Aufdrängen einer Wahrheit, und sei es die des Evangeliums oder die der Erlösung- nur eine Verletzung der Religionsfreiheit sein kann. Außerdem- so wird hinzugefügt- warum das Evangelium verkünden, wenn die ganze Welt durch Aufrichtigkeit des Herzens gerettet wird? Wir wissen, daß die Welt und die Geschichte mit der "Saat des Wortes" angefüllt sind; ist es also keine Illusion, das Evangelium dahin zu bringen, wo es im Keim schon existiert, den der Herr selbst schon ausgesät hat?" 

Und wieder in Sektion 78 gegen bestimmte einfache Domestizierungen der Glaubenswahrheiten: 
"Der Prediger des Evangeliums soll ein Mensch sein, der sogar zum Preis persönlichen Verzichts und Leidens immer die Wahrheit sucht, die er den anderen weitergeben muß. Er verrät oder verbirgt die Wahrheit nie aus dem Wunsch den Menschen zu gefallen, weder um zu erstaunen oder zu schockieren, noch um der Originalität willen oder aus dem Wunsch, Eindruck zu machen. Er weist die Wahrheit nicht zurück. Er verdunkelt die offenbarte Wahrheit nicht, weil er zu eitel ist, sie zu suchen oder um des eigenen Komforts willen oder aus Angst." 

Quelle: Settimo Cielo, Sandro Magister

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