Dienstag, 28. April 2020

Fernsehmessen...Theater oder nicht?

Sandro Magister kommentiert bei Settimo Cielo die Problematik von Fernseh-und online-Messen
unabhängig vom shut-down wegen der aktuellen Covid-19-Pandemie.
Hier geht´s zum Original:  klicken 

"SEIN ODER NICHTSEIN" DIE KAPITALE FRAGE ZU DEN MESSEN IM FERNSEHEN" 

"Die Diskussion wird seit einiger Zeit geführt, aber die Predigt vom 12. April, in der Papst Franziskus seine Zustimmung zur Fernsehübertragung seiner Morgen-Messen in Santa Marta zurück gezogen hat, hat sie ans Licht gebracht.

In dieser Predigt, sagte der Papst, daß "das nicht die Kirche ist" - wenn sie von der Wirklichkeit zum Virtuellen übergeht. Es ist eine "gnostische" Kirche ohne Menschen und ohne Sakramente.

In diesem " j´accuse" von Franziskus ist etwas Widersprüchliches, genau während einer dieser Fernseh-Messen ausgesprochen. Man weiß, daß am Beginn des Pontifikates sowohl die Übertragung der Morgenmesse als auch die Veröffentlichung ihrer kompletten Video.und Audio-Aufzeichnungen verweigerte. Aber seit dem März-Verbot der öffentlichen Messen in Italien und im Vatican wegen der Corona-Virus-Pandemie hat er erlaubt, sie auszustrahlen. Und es wird erwartet, daß er- wenn der Bann im Mai endet- die Messen weiterhin im Fernsehen ausstrahlen läßt, dann wieder mit der Anwesenheit von Menschen.

Aber die Frage in einer digitalen Gesellschaft, die jetzt offen ist, ist- was würde passieren, wenn sogar die Messe "culmen et fons" des Kirchenlebens. in irgendeiner online-Cloud enden würden? Wenn aus einem Event ein Spektakel würde? Aus Wirklichkeit Theater?

Das ist eine Frage, die die Kirchenväter auf eigen Weise angingen, wie Leonardo Lugaresi, ein Gelehrter der ersten christlichen Jahrhunderte und Patrologe in seinem Brief (s.u.)  zeigt.

Aber es ist eine Frage, die heute wichtiger ist denn je.

"DIE MESSE IST EIN GESCHEHEN, KEINE VORSTELLUNG" 
von Leonardo Lugaresi

Lieber Magister,
Sie haben ein Problem von vitaler Bedeutung für die katholische Kirche angesprochen- das der "Fernseh-Messen" - eine Diskussion von großem Interesse, zu der ich einen kleinen Beitrag leisten möchte, vom Gesichtspunkt von jemandem aus, der lange die Urteile der alten Kirche im Hinblick auf die Welt der Unterhaltung studiert hat.



Im Konzept der Väter werden Theater- oder vergleichbare Vorstellungen durch die paradoxe Anwesenheit  einer "Fülle" emotionaler Kräfte und dem Fehlen eine "realen" Substanz  charakterisiert.

Spektakel- haben in der Tat die Macht. die Zuschauer zu erregen und sie manchmal in einen exaltierten Zustand zu bringen (man könnte an gewisse Exzesse bei Sport-Fans oder die intensiven Emotionen denken, die ein Publikum in Anwesenheit eine besonders starken Theatervorstellung ergreifen kann) aber andererseits sind sie ihrer Natur nach "fake" in dem Sinne, daß sie keine reale Substanz haben oder- wenn man das vorzieht- sie gehören zu einer ganz anderen Realität, die sich vom normalen Leben der Menschen unterscheidet, -wie gezeigt- und das ist ein essentielles Argument der Kirchenväter- wegen der Unmöglichkeit einer wirklichen Beziehung zwischen dem Zuschauer und dem Darsteller.

In dieser Hinsicht stellt Augustinus- in einer berühmten Passage aus Band III der "Confessiones" eine sehr aktuelle Überlegung an, wenn er feststellt, daß "der Mensch im Theater leiden will, indem er traurige und tragische Ereignisse betrachtet, die er aber selber nicht erleiden möchte."

Als Zuschauer eine Sorge zu teilen- und dabei Vergnügen zu empfinden, scheint de facto für Augustinus eine "mirabilis insania" zu sein, eine erstaunliche Verrücktheit, weil im wirklichen Leben angesichts menschlichen Elends die einzige richtige Antwort Barmherzigkeit und nicht das Vergnügen des Genusses -und der Ausdruck für Barmherzigkeit ist "beistehen", Hilfe, nicht "schauen und Betrachtung".

"Aber was ist" fragt Augustinus" die Barmherzigkeit [die man fühlt] angesichts der Fiktion im Theater? Der Zuschauer wird nicht gezwungen zuzuschauen, sondern lediglich Mitleid zu haben und man schätzt den Schauspieler dieser Szenen umso mehr, je mehr man leidet. Und wenn menschliches Unglück entweder zeitlich oder in die Vorstellung entrückt auf diese Art dargestellt wird, daß der Zuschauer nicht leidet, geht er verärgert weg und protestiert, aber wenn er leidet, bleibt er aufmerksam und weint vor Freude. "("Confessiones" III, 2,2)

Den Schauspieler, der auf der Bühne "leidet" zu retten, wäre offensichtlich absurd, Das Einzige, was wir tun können, was wir als Zuschauer institutionell tun müssen, ist "die Emotion zu genießen, die dieses Leiden in uns auslöst. Aber das ist genau das, was wir jeden Tag tun, wenn wir die Welt im Fernsehen betrachten. Auf diese Weise versorgt Augustinus uns mit einem guten Kriterium um die Logik der Unterhaltungsvorstellung vom richtigen Leben zu unterscheiden. Und das ist das Kriterium für eine verantwortungsvolle  Beziehung.

Was hat das alles mit im Fernsehen übertragenen Messen zu tun? Meiner Meinung nach viel, wenn wir unsere Aufmerksamkeit zuerst auf alles das richten, was die Messe ihrem Wesen nach ist, ein Ereignis und keine Vorstellung.

Genauer gesagt, ist die Messe das Ereignis par excellence "das wahre Opfer des Leibes und des Blutes des Herrn Jesus Christus". Jede Messe macht de facto"das Opfer gegenwärtig, das Christus dem Vater am Kreuz gebracht hat- ein für alle mal zum Wohl der Menschheit. [...]
Das Opfer am und das Opfer der Eucharistie sind ein und das selbe Opfer." (Kompendium des Katechismus der katholischen Kirche, Nr. 280)

Jetzt erfordert ein Ereignis Teilnahme, nicht die Anwesenheit von Zuschauern. Um daran teilzunehmen, muß man zu der Zeit und an dem Ort anwesend sein, wo es passiert, weil es sonst keine wirkliche Beziehung dazu gibt. Und um präsent zu sein, muß man mit dem Körper da sein.
Daran muß man heute erinnern- in einem kulturellen Kontext, in dem die Einheit des spirituell-körperlichen Menschen zunehmend durch unsere Gewöhnung an ausschließlich virtuelle Orte und Beziehungen in Frage gestellt wird.

Die Darstellung eines Ereignisses in den Medien zieht- unabhängig von den Absichten derer, die sie durchführen - wie auch vom benutzten Format- eine Verschiebung ins Showbusiness nach sich- die in großem Ausmaß mit den Natur des Ereignisses unverträglich ist, Ohne näher auf den dramatischen Ort einzugehen, an dem es stattfindet, also ohne sich auf Zeit und Ort einzulassen, die es definiert, bleibt man immer zu großen Teilen Zuschauer.

Man denke nur, um ein Beispiel von vielen zu geben, an die Tatsache, daß jedes Ereignis definitionsgemäß einzigartig und unwiederholbar. Die Hunderttausende von Messen, die jeden Tag rund um die Welt gefeiert werden, sind keine Wiederholungen eine Prototyps , sondern jede von ihnen stellt die Aktualisierung des einen Opfers Christi dar, das ein für alle mal stattfindet. Die Logik der Medienwiedergabe ist dagegen die von Wiederholbarkeit und Serialisierung: in dieser Perspektive gibt es keinen wirkliche

Unterschied zwischen der Teilnahme an einer live-.Messe oder einer aufgezeichneten.

Die Väter des II. vaticanischen Konzils haben es richtig gesehen, als sie die "actuosa participatio" der Gläubigen als eines der Hauptziele der Reform der Liturgie gefördert haben.

Aber unglücklicherweise ein Großteil postkonziliarer Liturgiker dieses Ziel mißverstanden und preisgegeben-indem sie es mit einer Einladung zum liturgischen Aktivismus verwechselten, d.h. zur Förderung eines menschlichen "Protagonismus" im "Werk Gottes". Und jetzt, Jahrzehnte nach einer falschen Betonung der Dimension der "Gemeinschaft" der Messe, ist die kirchliche Antwort auf die
Gesundheitsrisiken des Corona-Virus, eine Art von spöttischer Heterogonie
In einer Art spöttischer Heterogonie von Zielen, die Menschen effektiv aus der Liturgie auszuschließen und sie zu einem Fernsehpublikum herabzustufen, das sich von religiösen Emotionen ernährt.

Die von Zuhause aus verfolgte Messe kann sicher eine nützliche Frömmigkeitsübung sein-anderen gleichwertig- aber es wäre für den katholischen Glauben fatal, wenn das den die Teilnahme an den Sakramenten überlagern oder damit verwechselt würde, in der Vergangenheit waren Kirchenautoritäten für diese Unterscheidung sehr aufmerksam und wäre es heute nicht weniger.

Der geneigte Leser, der Ihnen aus England geschrieben hat und fünf Beispiele für "Messen aus der Ferne" gab, die ein Vorbild für eine zukünftige online-Liturgie sein könnten, hat -glaube ich- mit typisch britischer Empirie ein jetzt bei Katholiken weltweit verbreitetes Gefühl beschrieben.

Es ist nicht wichtig, wie Sie bereits eingewandt haben, daß die ersten drei Beispiele ziemlich irrelevant sind, weil in ihnen die Einheit von Zeit und Ort des Ereignisses nicht aufgehoben ist, sondern nur an besondere Bedingungen angepaßt ist und das vierte stellt einfach eine Situation dar, in der man zwischen ein bißchen Mühe oder Bequemlichkeit wählen muß.

Vielleicht wurde eine neue pseudo-liturgische Praxis schon etabliert worden. " (....)

Quelle: Settimo Cielo, S. Magister

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