Donnerstag, 14. Mai 2020

G. Weigel: Persönliche Erinnerungen an Papst Johannes Paul II

George Weigel zeichnet für First Things zum bevorstehenden 100. Geburtstag des Hl. Johannes Paul II aus seinen Erinnerungen ein bewegendes Porträt diese großen Papstes.
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"ZUM HUNDERTSTEN VON JOHANNES PAUL II"
Während die Welt und die Kirche auf den 100. Geburtstag Papst Johannes Pauls II am 18. Mai zugehen, wird ein Kaleidoskop von Erinnerungen mein Gebet und meine Überlegungen an diesem Tag formen.  Johannes Paul II an seinem Eßtisch, unersättlich neugierig und humorvoll; Johannes Paul II im Gebet, stöhnend vor dem Altar seiner Kapelle im Päpstlichen Apartment; Johannes Paul II der mir aus dem Papamobil zulachte, als ich die staubige Straße außerhalb von Camagüey, Cuba, entlang trottete und nach den Freunden suchte, die ich nach der Papstmesse im Januar 1998 zurückgelassen hatte; im Oktober 2003 Johannes Paul II - seine Züge durch M. Parkinson eingefroren, der langsam mit den Augen sprach "schau, was aus mir geworden ist..." 
Zwei Monate später, Johannes Paul II wieder in guter Form, der sich nach der kürzlichen Hochzeit meiner Tochter erkundigte und mich mit der Frage neckte. ob ich bereit sei, Nonno (Großvater) zu werden. Johannes Paul II, aufgebahrt in der Sala Clementina im Apostolischen Palast, seine Züge natürlich und ruhend, der die zerschlissenen Cordschuhe trug, die die traditionellen Papstmanager zum Wahnsinn getrieben hatten. 

Jedes dieser Bilder (und die anderen in meinen Erinnerungen an den Heiligen -die  "Lektionen der Hoffnung") hat einen besonderen persönlichen Widerhall. Zwei davon, denke ich, fangen an diesem Hundertsten Geburtstag das Wesen dieses Mannes für jeden ein. 




Es war im März 2000 und ich war mit NBC in Jerusalem, um die Pilgerreise des Papstes ins Hl. Land zu begleiten. Wochenlang hatte eine weltweite Kontroverse über den bevorstehenden Besuch des Papstes in Yad Vashem , der Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem getobt. Was würde er sagen? Was sollte er sagen? Was konnte er sagen? 


Ich fand es heraus, als ich zwei Tage vor dem Ereignis, an einem nieseligen Dienstag Abend  am Neuen Tor der Altstadt vorbeiging- zum Notre-Dame-Zentrum, wo die Päpstliche Delegation wohnte.
Da überließ mir ein freundlicher Kurienmitarbeiter eine Diskette mit den Texten der Reden und Predigten des Papstes während dieser Reise. Zurück in meinem Hotelzimmer widmetet ich mich sofort den für Yad Vashem vorbereiteten Sätzen. Als ich sie las, lief mit ein Schauer über den Rücken. 

In Yad Vashem selbst, am 23. März, verwandelte der Anblick des achtzigjährigen Papstes, im sitllen Gebet über die Ewige Flamme der Gedenkhalle gebeugt, schnell die Urteile und Spekulationen der Welt vor dem Besuch. Und dann kamen diese unvergeßlichen - und erstaunlich angemessenen Worte: "An diesem Platz der Erinnerungen, fühlen Geist, Herz und Seele das äußerste Bedürfnis nach Stille. Stille, um dem zurückflutenden Erinnerungen einen Sinn zu geben. Schweigen, weil es keine Worte gibt. die stark genug sind, die schreckliche Tragödie der Shoah zu beklagen." 

Einige Tage später erhielt ich einen Anruf von einem israelischen Freund, Menahem Milson, einem ehemaligen Soldaten und angesehenen Gelehrten, der in seinem Leben viel gesehen hatte. "Ich muss dir nur sagen", sagte er, "dass Arnona [seine Frau] und ich während des Besuchs des Papstes in Yad Vashem geweint haben. Das war Weisheit, Menschlichkeit und Integrität in Person. Es fehlte nichts. Mehr musste nicht gesagt werden. “

Die zweite symbolische Erinnerung an diese päpstliche Pilgerreise ist vom 26. März, als Johannes Paul langsam die große Promenade vor der Westmauer des Herodestempels entlangging, an der Mauer anhielt, den Kopf zum Gebet senkte und dann - wie Millionen von Pilgern vor ihm -  eine Fürbitte in einer der Spalten der Mauer hinterließ: "Gott unserer Väter, du hast Abraham und seine Nachkommen ausgewählt, um den Nationen Deinen Namen zu bringen; Wir sind zutiefst traurig über das Verhalten derer, das im Laufe der Geschichte dazu geführt haben, daß Deine Kinder leiden, und bitten Dich um Vergebung. Wir verpflichten uns zu einer echten Brüderlichkeit mit dem Volk des Bundes. Amen. Joannes Paulus PP. II."

Diese beiden Episoden geben uns den Schlüssel zum Verständnis von Papst Johannes Paul II. Er konnte Solidarität predigen, Solidarität verkörpern und die Menschen zu einer tieferen Solidarität aufrufen, weil er ein radikal bekehrter christlicher Jünger war: einer, der an die Tiefe seines Seins an diese Heilsgeschichte glaubte - die Geschichte der Selbstoffenbarung Gottes gegenüber dem Volk Israel und letztendlich an Jesus Christus - als die tiefste Wahrheit, die innere Wahrheit der Weltgeschichte. Johannes Paul II, der wahrscheinlich von mehr Menschen als jeder andere Mensch in der Geschichte persönlich gesehen wurde, konnte Millionen bewegen, weil die Gnade Gottes durch ihn hindurch schien und alle veredelte, die seine Helligkeit und seine Wärme berührten.

Das war der Schlüssel zur Wirkung von Johannes Paul II.: strahlender, auf Christus ausgerichteter Glaube."

Quelle: G. Weigel, Firsthings

  

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