Sonntag, 10. Mai 2020

Ist die Corona-Pandemie eine Strafe Gottes? Ein theologischer Disput

Sandro Magister gibt bei Settimo Cielo Ausschnitte der Antwort wieder, die der Jesuit David Neuhaus in "La Civiltà Cattolica" auf die von einigen Theologen aufgeworfene Frage gibt, ob man die Corona-Pandemie als Strafe Gottes betrachten kann. Abschließend fügt er die von Kardinal Sarah vorgeschlagenen Lesungen in Zeiten einer Pandemie an.
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"IST DAS VIRUS EINE STRAFE GOTTES? "LA CIVILTÁ CATTOLICÀ SAGT NEIN" 
"Untergangspropheten" so nennt und verwirft La Civiltà Cattolica, die Zeitschrift der Römischen Jesuiten, die gedruckt wird, wenn der Papst sie gesehen und zugestimmt hat, jene Katholiken, die behaupten, daß die Corona-Virus-Pandemie "eine Strafe des wegen der sündigen Welt zornigen Gottes ist."

Das hat sie in ihrer letzten Ausgabe mit der Unterschrift eines erstrangigen Jesuiten, David M. Neuhaus, Professor am Päpstlichen Bibelinstitut in Jerusalem getan. der als jüdischer Bürger Israels geboren wurde und in seiner Jugend vom Jüdischen Glauben zum Katholizismus konvertierte.

Neuhaus erwähnt keine Namen. Aber es ist klar, daß er u.a. Erzbischof Carlo M, Viganò und Professor Roberto De Mattei im Fadenkreuz hat.

Vor allem- so schreibt Neuhaus- sind da zwei Bibelstellen die die Befürworter einer Strafe Gottes "für ihre Verwendung und Anwendung verbiegen."

Die erste ist Kapitel 24 des Zweiten Buches Samuel entnommen. Und das ist die Geschichte der Pest, mit der Gott das Volk Israel bestrafte- wegen des von König David begangenen Fehlers, der eine Volkszählung anordnete, mit dem Ziel das Volk, das Gott gehörte, als sein eigenes zu betrachten,

Obwohl David bereute, wird gesagt, daß "der Herr Israel die Pest von diesem Morgen bis zu einer bestimmten Zeit schickte". Von Dan bis Beersheba starben 70.000 Menschen. Und erst als der Todesengel seine Hand über Jerusalem ausstreckte, sagte der Herr zum Engel "Genug jetzt! Zieh Deine Hand zurück."


In der Tat, das biblische Bild des Engels, der sein Schwert in die Scheide steckt, ist von der Christlichen Kunst übernommen worden, die es wiederholt bei der Darstellung der Beendigung einer Pest verwendet hat. Z.B: in Rom, auf der Spitze von Castel Sant´Angelo.

Aber für Neuhaus ist es falsch, sich in dieser Sache an den Buchstaben zu halten. Jeder, der daraus geschlossen hat, daß die Pest oder andere Plagen ein göttliches Instrument der Strafe ist, "würde den Text verzerrt interpretieren und sowohl seinen historischen als auch erzählerischen Kontext, die Absicht des Autors sowie die zugrunde liegende theologische Botschaft ignorieren. "

Das Narrativ der Volkszählung - erklärt Neuhaus- ist tatsächlich Teil einer langen Geschichte, die beim Einzug ins Gelobte Land beginnt, im Buch Josua, und dann ohne Unterbrechung bis zur Zerstörung Jerusalems und des Tempels weitergeht. Diese ausführliche, um das 6. Jahrhundert vor Christus geschriebene Saga ist die literarische Frucht eines Autors oder einer Schule von Autoren, die die Gelehrten die "Deuteronomisten" nennen. Das brennende Problem der Zeit war das Meditieren über die Katastrophe der Zerstörung des Tempels, den Salomo gebaut hatte und der Stadt Jerusalem mit dem folgenden Exil in Babylon. Kurz gesagt, die Frage, die der Text beantwortet ist: Wie ist es möglich, daß Gott Josua das Land gab und es dann durch die Invasion der Babylonier wieder verloren wurde.?

"Die ganze deuteronomistische Tradition wurde im Kontext der Zerstörung geschrieben, alles war verloren. Die Menschen mußten ihre eigene Geschichte neu lesen, die Verantwortung für sie übernehmen und bei Gott um Vergebung bitten. Die biblische Seite zielt nicht darauf ab, die Pest als göttliche Strafe zu bestätigen, sondern eher als die Notwendigkeit für das Volk- wie für David-  seine Verantwortung für die Ereignisse zu übernehmen, die zum Exil führten.

"Natürlich gibt es auch beim sich ständig entwickelnden Verstehen von Gott und der Schrift immer noch eine religiöse Mentalität, die dazu neigt, als erste Ursache alles auf Gott zu beziehen, jede Widrigkeit mit einer Sünde zu verbinden, die von Einzelnen oder anderen begangen wurden. Nach der folgenden "Korrektur" durch die prophetischen Texte- z.B. Hesekiel-nach denen jeder nur für seine eigenen Sünden bezahlt, wird es Jesus sein, der dieser religiösen Logik einer strengen Abhängigkeit zwischen Schuld und Bestrafung wie im Fall vom Turm von Schiloach und dem des blindgeborenen Mannes widerspricht.
Jesus spricht über den Einsturz des Turms von Schiloach  im Lukas-Evangelium Kap.13 " Oder meint ihr, jene achtzehn auf die der Turm von Schiloach stürzte und sie erschlug, seien schuldiger gewesen als alle anderen Bewohner von Jerusalem? Nein, ich sage euch, wenn ihr nicht umkehrt, werdet ihr alle auf dieselbe Weise umkommen."
Während die Heilung des blindgeborenen Mannes in Kapitel 9 des Johannes-Evangeliums erzählt wird, wo die Jünger Jesus fragen "Rabbi, wer hat gesündigt, er oder seine Eltern, daß er blind geboren wurde?" Und Jesus antwortet "Weder er noch seine Eltzern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden", das ist genau das Heilen des Einen, der das Licht der Welt ist."

Die zweite biblische Passage, die Neuhaus den Händen der "Propheten des Untergangs" entwinden möchte, ist nicht dem Alten sondern dem Neuen Testament entnommen. Es ist Kapitel 16 der Offenbarung, wo eine himmlische Stimme 7 Engeln befiehlt "Geht und gießt die sieben Schalen des Zorns Gottes auf die Erde" was Seuchen, Feuer, Blut, Dunkelheit und andere schreckliche Nöte bedeutet.

Sollte man auch aus diesem Text eine "göttliche Strafe für eine Welt ohne Glauben" ableiten?"

Nein antwortet Neuhaus. Der Text sollte im Kontext gelesen werden. "Im Buch der Offenbarung -wie darüber hinaus in den apokalyptischen Prophezeiungen des Alten Testaments sind drei Elemente miteinander verwoben: Unterscheidung, Klarheit der Vision und Antwort."

Die Unterscheidung "bezeichnet die Kräfte, die sich in dieser Welt formiert haben und was auf dem Spiel steht, wenn man sich an die Seite Gottes stellt."

Klarheit des Sehens basiert auf dem tiefen Glauben, daß Christus die Schlacht schon gewonnen hat und er am Ende das Böse besiegen wird, auch wenn der Kampf lange dauern wird."

Und die Antwort "resultiert nicht in einer trostlosen Untergangsprophezeiung. Dagegen hängt alles andere davon ab, wie die Gläubigen jetzt ihr Leben im Licht des Bewußtseins, daß Christus am Ende der Sieger sein wird, ändern. Sie müssen aktiv Zeugnis ablegen und die Welt entschieden ändern. Es ist ein Aufruf zum Handeln, zum Aufbau des Königreichs beizutragen durch die Nachahmung Jesu, einem sanftmütigen Lamm, das für die Erlösung der Welt geopfert wurde."

Zum Abschluss seines Artikels schreibt Neuhaus:

"In unseren Zeiten erinnert uns die Offenbarung daran, daß die Kirche dazu berufen ist, nicht der herrschenden Kultur zu folgen- aus Angst vor Anschuldigungen, Beschränkungen und Isolation. Wenn die Welt eine Vision der Zukunft, die auf Angst aufgebaut ist, anbietet, muß die Kirche dagegen- von der Bibel und dem Buch der Offenbarung, das sie abschließt, eine andere Perspektive anbieten- inspiriert und gegründet durch die Sicherheit der Frohen Botschaft vom Sieg Christi.
Wenn alles dunkel erscheint, ist der Jünger Jesu dazu berufen, die Sicherheit auszustrahlen, daß die Zeit der Dunkelheit begrenz ist, daß Gott kommen wird und daß die Kirche gerufen ist, durch Gebet und Zeugnis auf dieses Kommen vorzubereiten. Das bedeutet, daß unser Lesen des Wortes Gottes in der Bibel in eine Botschaft von Gottes Evangelium übersetzt werden muß, die zu Umkehr der Welt in der Krise aufruft, nicht in ein moralischer Urteil oder eine Untergangs-Prophezeiung,. [...] Es gibt ein Thema, das von Anfang bis Ende die Christliche Bibel durchzieht: Gott hat nicht zugelassen, läßt nicht zu und wird nie zulassen, daß Sünde, Dunkelheit und Tod obsiegen."

Der volle Text des Artikels von Fr. David M. Neuhaus in  “La Civiltà Cattolica” vom Mai 2020 
Die Seite aus dem zweiten Buch Samuel mit der Geschichte von der Pest, die dem Volk Israel von Gott auferlegt wird, die Fr. Neuhaus kommentiert, stellt im Missale des Alten Ritus die erste Lesung aus der Missa pro vitanda mortalitate dar. 

Aber diese Messe erscheint im aktuell gebräuchklichen Missale nicht mehr. Auch findet man dort die Passage aus 2 Samuel 24 nicht mehr.

In den Rubriken für die Messe "in Zeiten einer Pandemie", die Kardinal Sarah am 30. März im Zusammenhang mit der Ausbreitung des Corona-virus verteilt hat, sind die vorgeschlagenen Lesungen die Klagen 3:17-26 ("Es ist gut in Stille auf die Erlösung durch den Herrn zu warten"), Römer 8:31b -39 ("Weder der Tod noch das Leben kann uns von der Liebe Gottes trennen) und Markus 4:35-41 ("Wer ist es, dem sogar der Wind und das Meer gehorchen?")"

Quelle: Settimo Cielo, S.Magister 



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