Montag, 18. Juni 2012

Kinder einst und heute, oder die armen, armen Kleinen

Heut traf ich die Leiterin des örtlichen Kindergartens, die mir voller Stolz erzählte, dass sie auf dem Weg zu einem Treffen aller Leiterinnen der örtlichen katholischen Kindergärten mit einem offiziellen Fliewatüt vom Ordinariat wäre um dort die Leitlinien für ihre Arbeit zu erarbeiten.
Das kam so ernsthaft heraus, so im Brustton der Überzeugung, dass ich einfach lachen musste.
Darauf eröffnete sie mir, dass ich ja keine Ahnung hätte, wie toll dieser Kindergarten mittlerweile geworden wäre. Sie hätten jetzt eine musikalische Ausrichtung in Zusammenarbeit mit dem städtischen Orchester und sonstigen Koryphäen und Musik sei ja sooooooo tolllll.
Irgendwie hatte ich meinen Revolutzigen und zitierte Wilhelm Busch mit "Musik wird als störend oft empfunden, weil sie mit Geräusch verbunden!"
Nee ernsthaft. Ich tue mir seit fast 20 Jahren lauter Kindergarten und Grundschule Aufführungen an, die all unter künstlerisch wertvoll, wahnsinnig toll, pädagogisch wertvoll und furchtbar wichtig für das Kind verkauft werden, und mittlerweile hasse ich das nur noch.



Es wird auch von Jahr zu Jahr schlimmer, weil es irgendwie immer mehr nicht einfach nur Spaß und Freud bringen darf, sondern den Modulen des kindergärtlichen  Bildungsplans und den Vorgaben der  Komission für zeitgenössische antidiskriminierende gendergerechte inner- und außerkirchlicher Verkündigung in den Bildungseinrichtungen in kirchlicher und nichtkirchlicher Trägerschaft, entsprechen muss
Nix gegen Kunst, aber so ein Orchester von Oberstüflern oder auch Aufführungen der örtlicher Musik und Singschule, sind schon was anderes!
Ich habe auch nix gegen herumhüpfende und singende Kindergartenkinder auf irgendwelchen Gemeindesaal Bühnen, aber dieser tierische Ernst, den kann ich nicht mehr ab.
Um die Sache zu toppen und wohl auch um mich zu überzeugen, meinte die Dame dann, ja eigentlich fingen sie ja mit ihrem Kindergarten viel zu spät an. Man müsse schon mit einem Jahr anfangen, wenn das was werden solle mit der Musik.
Darauf erinnerte ich sie daran, (wir kennen uns gut), wie schlimm sie das in ihrer Kindheit empfunden hätte, dass sie immer Klavier üben musste und die anderen spielen durften.
Sie war aber noch auf ihr "anfangen mit der musikalischen Bildung, wenn die Kurzen ein Jahr sind" fixiert und eröffnete mir, dass sich mit einem Jahr  irgendwelche Synapsen im kindlischen Hirn  bildeten und deshalb da vieles hineingelegt werden könne.
Ich erklärte ihr dann, dass ich der Ansicht wäre, das so ein Kind ne Menge lernen müsse, auf Töpfchen gehen und überhaupt gehen, sehen und hören, richtig essen und immer wieder alles mit dem Wachstum abstimmen, dass also der liebe Gott die Synapsen sich bilden lassen würde nicht für die Bildung, sondern für das Leben.
Darauf meinte ich, was da heutzutage ablaufe, das sei ja keine Kindheit mehr, das sei ja ein Drill wie man sich die schlechte alte Zeit vorstellt.
Interessanterweise hat sich Thermometer heute auch dazu geäußert.
Meines Erachtens steckt hinter der flächendeckenden Begeisterung ausgebildeter Pädagogen und -Innen für früh und spätkindlische Bildung und Betreuung rund um die Uhr, die nackige Angst um den Arbeitsplatz, weil wie sagte eine Zuhörerin unseres Gesprächs, die uns beide auch schon lange kennt, am Ende:
"mach dir nix draus, weißt du, die muss ihren Kindergarten konkurrenzfähig halten, es gibt ja immer weniger Kinder!"
Tja sagte ich, auf die Methode gibt es aber auch nicht mehr.
Ich verkneif mir jetzt auf das hinzuweisen, was Lebensrechtsgruppen schon seit Jahrzehnten sagen!


Kommentare:

  1. Na ja das mit der Musik und den Synapsen habe ich letztens irgendwo wieder ganz ander gelesen: Da haben nämlich irgendwelche schlauen Leute festgestellt, dass es ganz wichtig und richtig sei, im Alter noch ein Instrument zu lernen, weil das das Gehirn in Bewegung hält und vor Alzheimer und Demenz schützt....
    Tja auch die Musiklehrer müssen sich der Zeit und den "veränderten Marktbedingungen" anpassen.

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  2. Vor allem aber ist wissenschaftlich erwiesen- mit belastbaren Resultaten- daß die Herausnahme von 1-jährigen aus der Familie und die Übergabe an Fremde- wie nett, motiviert, liebevoll ( und das dürften trotz gegenteiliger Beteuerungen die wenigsten sein) die auch sei, schweren Stress bedeutet ( massive Ausschüttung des Stresshormons Cortisol), der für die gesunde Entwicklung nicht ohne Folgen bleibt. Jeder weiß eigentlich, daß der Mensch als unreife Frühgeburt auf die Welt kommt und deshalb noch einer mehrjährigen "Brutpflege" bedarf- aber das interessiert ja unsere von Wirtschaftsinteressen geleitete Gesellschaft, die eh schon für ihre Kinderfeindlichkeit berüchtigit ist, keinen Deut.
    Abgesehen davon, woher denn all die hochqualifizierten Arbeitsplätze für die Mamas kommen sollen- haben wir die Kinder doch längst durch narzistische dauerinfantile Erwachsene ersetzt die sich Spielzeug kaufen, sich wie Kinder benehmen und sich durch Kinder in ihrem Neverland eh nur bedroht fühlen.
    Und was die musikalische Frühesterziehung angeht: wer soll später all diesen stümpernden Amateuren zuhören,die so produziert werden, wo sind denn die klassische Musik hörenden Massen?

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  3. Wenn man bei google heute eingibt "Wir haben es überlebt", findet man viele Beschreibungen von Kindheiten aus den 60ern, die sich alle mehr oder weniger ähneln.
    Willkürlich rausgegriffen aus den vielen, ist der hier:
    www.sackstark.info/?p=781

    Was hatten wir's gut damals ..

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