Donnerstag, 4. Juni 2020

Romano Guardini über die Frage nach dem Einzelnen und der Technik Teil 2

Neulich habe ich mir anhand einer Originalaufnahme eines kurzen Vortrags von Romano Guardini Gedanken über ihn gemacht und wollte das nun fortsetzen.
Guardini scheint von der Position seiner umfassenden Bildung die Probleme unserer Zeit aufziehen zu sehen, ähnlich wie man manchmal von weitem die Probleme einer Bergwanderung sehen kann, die den gerade Wandernden so gar nicht klar sind. Man sieht von unten manchmal besser wo die Schluchten und Felsvorsprünge sind, als wie wenn man auf dem Weg ist.
Deshalb  und auch das erscheint mir wichtig, sehr wichtig sogar, verstand sich Guardini nicht als einer der meinte den drohenden Verhängnissen ausweichen zu können durch Glorifizierung der Vergangenheit und sozusagen Einfrieren eines Status quo, von dem jeder eigentlich weiß, dass auch der so seine Malheurs hat.
Guardini sah die Zukunft mit Sorge und er sah gleichzeitig dass je höher einer oder man steigt umso tiefer kann man fallen, oder biblisch ausgedrückt, "wem viel gegeben wird, von dem wird auch viel abverlangt"
Und was er auch sah war und ist, dass wir da durch müssen, dass wir dem was kommt nicht ausweichen können indem wir, wie die Amish einfach alles ablehnen was nach dem 18 Jhd geschaffen wurde (wobei ich mal irgendwo gelesen habe, dass das Bild das sich unsereins von den Amish macht verkehrt ist, die haben zwar keine Autos, aber durchaus Kunstdünger und Herbizide, wenn auch in geringem Maße).
Eigentlich sieht er die Zeit die heraufdräunt  so, dass der Mensch zwar gewaltige Sachen  mit der Natur machen kann, eine gewaltige Machtfülle hat, wer wollte das leugnen?
Verhagelte Petersilie? Bei uns doch nicht! selbst im grünen Umland des grünen Stuttgarts sind die Hagelflieger unterwegs und die Funktionswäsche erlaubt es uns vergnügt im Regen zu joggen ohne sicher zu sein am nächsten Tag hustend und schnupfend auf der Nase zu liegen.
In  meiner Kindheit bekamen wir, beim Schlittenfahren garantiert über kurz oder lang nasse Füße, entweder vom durchdringenden Schnee oder durch die in den Gummistiefel schwitzenden Füße, heute mit diesen Goretex Materialien geschieht genau das nicht usw. usw. usw.
Wir können wirklich viel, aber so sagt Guardini es besteht die Gefahr dass wir, also die Menschen anundfürsich nicht die Macht über ihre Macht haben und damit geschieht das, was die Bibel als Götzendienst beschreibt.

Das war, so sagt es die Schrift, nämlich der Versuch das Werk seiner Hände anzubeten, aber auch der Versuch das Werk der eigenen Hände zu besänftigen. Götzendienst oder sagen wir es neutraler heidnische Religiosität hat ja immer  dieses Bestreben das Gute herbeizubringen, das Böse fernzuhalten oder gar sich nutzbar zu machen und das alles aus eigener Kraft, indem man die richtigen Rituale richtig ausführt, indem man den Fetisch korrekt herstellt, indem man die Tempel und die dortigen Opfer richtig macht, inderm man die Mondphasen beachtet und den jeweiligen Sternenhimmel akkurat und zutreffend interpretiert! Und wer wollte es leugnen? all das findet sich auch bei uns und nein es ist keine katholischen Spezialität. die Orthodoxen sind da mindestens genauso gut und wer denkt der Protestantismus sie davon frei, der unterhalte sich mal über das Thema "Wäschewaschen, weil die Kinder die Kotzerei haben am Karfreitag!"
Und leider ist es so, dass die Leute die sich über solcherlei Dinge erhaben fühlen und den reinen Glauben propagieren der am Freitag Schnitzel speist und Sonntags fastet nun ja auch daraus entwickeln sich über kurz oder lang eben Rituale die meinen aus eigenem Tun Gott dazu bringen zu können so und so zu tun und ja es gibt genug Bibelstellen die genau das suggerieren!
Man blase einfach mal den Staub von der Schrift und lese das AT! das ist voll von rituellen Vorschriften, und auch und wenn man modern da einiges zu retten versucht, indem man auf den Gesundheitsaspekt, also die Hygiene  oder soziologische Begründungen hinweist, so bleibt es erweckt den Anschein dass Gott selber wolle, dass der Mensch durch rituelles Tun das Gute zwinge und das Böse banne.
Nur finden sich in der Schrift und auch schon im AT genug Stellen die genau das wieder realtiveren.

Das Opfer, das Gott gefällt, ist ein zerknirschter Geist, / ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen. heißt es im 51. Psalm und
und schon im AT soll der Prophet Jeremia dem Volk das Folgende sagen:

Denn ich habe euren Vätern des Tages, da ich sie aus Ägyptenland führte, weder gesagt noch geboten von Brandopfer und anderen Opfern; 23sondern dies gebot ich ihnen und sprach: Gehorchet meinem Wort, so will ich euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein; und wandelt auf allen Wegen, die ich euch gebiete, auf daß es euch wohl gehe.

Es scheint mir auch hier um meine alte These zu gehen, dass die Dinge überstiegen werden müssen, man muss darüber hinaus, und um über etwas hinaus zu gelangen muss man, notgedrungen erstmal dorthin und dann auch da durch laufen oder fahren. wie man sich am Beispiel einer Bergwanderung leicht mit einem Bild erklären kann

Nun scheint es Guardini nicht um die Wiederkehr solcher Arten von Rückfällen ins Heidnische zu gehen, dass also die Gefahr von denen ausginge die jedem eine wundertätige Medaille aufdrängen wollen, oder dem Streit um Worte von denen die neuere Kirchengeschichte voll ist, auch und wenn es mich zumindest immer an das Wort "Wir verbringen unsere Tage wie ein Geschwätz" erinnert, so sieht Guardini die Gefahr des wiederaufgelebten Heidentums nicht im Gebrauch von Räucherstäbchen oder Kräutertees sondern darin dass man das Gute herbeizwingen, das Böse bannen bzw in Dienst nehmen können durch eigene Kraft und das richtige, korrekte Tun und Handeln und das drückt er so aus:

Die Wildnis in ihrer ersten Form ist bezwungen: die unmittelbare Natur gehorcht. Sie kehrt aber innerhalb der Kultur selbst wieder, und ihr Element ist eben das, was die erste Wildnis bezwungen hat: die Macht selbst.
In dieser zweiten Wildnis haben sich alle Abgründe der Urzeit wieder geöffnet. Alles wuchernde und erwürgende Wachstum der Wälder dringt wieder vor. Alle Ungeheuer der Einöden, alle Schrecken der Finsternis sind wieder da. Der Mensch steht wieder vor dem Chaos; und das ist um so furchtbarer, als die meisten es gar nicht sehen, weil überall wissenschaftlich gebildete Leute reden, Maschinen laufen und Behörden funktionieren. (
Zitat aus "Das Ende der Neuzeit")

Man kann diesem Befund leider, immer noch, einfach zustimmen, und besonders originell ist er auch nicht, auch ein Erich Kästner teilt ihn, drückt es allerdings im Gedicht "Die Entwicklung der Menschheit!" sehr humoristisch aus.

Für das folgende finde ich leider die Quelle nicht mehr, muss es also aus dem Gedächtnis zitieren, aber mit erscheint der Gedanke seit jeher faszinierend und hilfreich,
Guardini ist Kulturpessimist er ist das nicht weil er es ist, sondern weil er scharf sieht und gelehrt ist, er ist sowas wie ein Abendrot einer untergehenden Zeit und weiß es auch, er sieht das Neue heraufziehen und sieht dass sich in dem neuen das da kommt, lange vorbereitete Brüche, lange unter der Tünche verborgene Mängel und lange schon erfolgende Schwächung des des Willens die Ehre Gottes zu suchen und zu leben sozusagen nun durchbrechen.
Und dennoch sagt er: Gott und seine Verheißungen bleiben, seine Selbstoffenbarung in Christus bleibt und auch die kommende Zeit wird sich der Frage aller Zeiten stellen müssen sich willentlich für oder gegen Christus zu entscheiden.
Und es wird auch in der kommenden Zeit, wie in allen Zeiten auf die ankommen, die sich willentlich für Christus entscheiden, diese werden, da auch die kommende Zeit Gottes Zeit ist, das was kommt prägen im Sinne Christi und das ist das entscheidende nun: wir, die wir noch vom Alten herkommen wir werden es nicht sein, es werden die sein, die fest in der neuen Zeit stehen. Soweit Guardini.
Und darin besteht die christliche Hoffnung, allem was wir täglich beklagen können und wo wir uns fragen, wo wir noch hingehen können, zum Trotz.

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