Gudrun Sailer hat für vaticannews den Rektor der Anima, Michael Max zum soeben zuende gegangene Heilige Jahr interviewt. Hier geht´s zum Original: klicken
"DER REKTOR DER ANIMA MAX ZIEHT EINE POSITIVE BILANZ DES HEILIGEN JAHRES"
Am Anfang Skepsis, am Ende Dankbarkeit: Der Heilig-Jahr-Beauftragte der österreichischen Bischofskonferenz Michael Max zieht eine überaus positive Bilanz des zu Ende gehenden Heiligen Jahres. Besonders würdigt der Rektor der deutschsprachigen Kirche S. Maria dell’Anima im Gespräch mit uns die innere Haltung, mit der Pilgernde sich auf den Weg durch die Heiligen Pforten gemacht haben.
Michael Max, seit 725 Jahren gibt es in Rom Heilige Jahre, das aktuelle Jubiläum endet am 6. Jänner. Wie ist es aus Ihrer Sicht gelaufen?
Michael Max: Ich habe zum ersten Mal ein Heiliges Jahr in Rom erlebt und sage jetzt am Ende, dass ich sehr beeindruckt bin von diesem Heiligen Jahr. Ich hatte vorher von Papst Franziskus und den vorbereiteten Dokumenten ungefähr eine Ahnung bekommen, in welche Richtung es gehen würde, das große Thema Hoffnung, die erwarteten Pilgerzahlen, die organisatorischen Vorkehrungen, die Baustellen in der Stadt Rom. Da waren viele Fragen da. Ehrlicherweise war da am Beginn mehr Skepsis als Hoffnung, aber jetzt am Ende muss ich sagen: Ich bin unheimlich dankbar für diese Erfahrung und für die vielen Begegnungen, vor allem bei uns in der Anima, die das Heilige Jahr uns gebracht hat und nach wie vor bringt.
„Pilger der Hoffnung“ ist das Motto des Heiligen Jahres 2025, wie war diese Hoffnung für Sie erfahrbar in der Begegnung mit den Pilgern und Pilgerinnen?
Michael Max: Erwartet wurden Zahlen – so und so viele Millionen von Pilgern, von Konsumenten. Aber gekommen sind Menschen. Oft mit einem offenen, erwartungsvollen Herzen, das konnte man spüren, als Pilger und Pilgerinnen. Ihnen begegnen zu dürfen, ihre Fragen beantworten zu dürfen, mit ihnen Gottesdienst zu feiern, wenn sie als Chöre gekommen sind, ihnen singen zuzuhören, wenn sie als Jugendliche gekommen sind, ihnen in ihrer Begeisterung zuzuhören: Das war sehr anregend und positiv.
Sie haben unzählige Gruppen durch die Heiligen Pforten Roms begleitet. Wie präsent war den Gläubigen das Leitmotiv der Heiligen Jahre, Umkehr, Buße, Vergebung und Versöhnung?
Michael Max: Natürlich gibt es die ganze Bandbreite: gleichgültig, neugierig, erwartungsvoll, gut vorbereitet oder überrascht. Aber es ist mir öfter passiert als gedacht, dass auf der Pilgerstraße Via della Conciliazione die Spannung in der Gruppe steigt, mit den Gebeten und den Stationen, mit dem Zugehen auf den Petersdom. Das Durchgehen durch die Heilige Pforte ist immer ein bisschen gedrängt, aber man hat gespürt, es ist tatsächlich für die Menschen etwas Besonderes.
Hat sich das konkret auch in der Beichtpraxis niedergeschlagen?
Michael Max: Wir haben das in der Anima im Laufe dieses Heiligen Jahres schon gemerkt. Weil wir ein Priesterkolleg sind, können wir zu den Öffnungszeiten der Kirche permanent einen Beichtdienst anbieten. Und es sind viele gekommen, einige haben auch gesagt, ich war Jahrzehnte nicht mehr beichten und es ist gut, dass ich heute beichten gehen kann – denn morgen möchte ich durch die Heilige Pforte gehen. Dieser Zusammenhang war im Bewusstsein, vielleicht öfter als gedacht. Wie tief das geht, sei dahingestellt. Aber das ist immer so, wenn der Glaube verkündet wird. Ich denke, es sind viele ein bisschen anders nach Hause zurückgekehrt, als sie hergekommen sind.
Wäre nicht genau das die richtige Situation, zu Hause eine Art Nachbereitung von Heiligjahr-Romwallfahrten zu machen?
Michael Max: Das ist eine gute Frage. Wenn man auf die Theologie des Heiligen Jahres schaut, kommt man ja – ein wenig zugespitzt formuliert – tatsächlich zu dem Punkt: Das Heilige Jahr ist ja dazu da, die Buße ist vollbracht, die Sünden sind vergeben, auch die Sündenfolgen sind in Gottes großer Gnade letztlich gut aufgehoben. Das Heilige Jahr ist dazu da, keine Reste zu lassen. Dann ist nichts mehr offen, und ich kann neu anfangen. Aber die Frage ist berechtigt: Wie geht es dann weiter, wenn ich nach Hause komme? Wo wird das aufgefangen? Oder, wenn wir beim großen Thema der Hoffnung bleiben: Wenn ich eine Pilgerfahrt im Heiligen Jahr wirklich als etwas erfahren habe, das meine Hoffnung stärkt, wo wieder mehr vom Grundwasser des Glaubens in meinem Leben gehoben wird – wie geht es dann im Alltag zu Hause weiter? Das ist eine Grundfrage des Heiligen Jahres. Insofern haben Sie recht. Es ist wohl eine Frage jeder Pilgerfahrt, unabhängig davon, wohin man fährt und zu welcher Zeit: Wie das, was dort aufbricht, was an Gutem geschieht, was an motivierenden Impulsen gegeben wird, tatsächlich ein Leben weiterträgt und sich nachhaltig auswirkt.
Das Heilige Jahr 2000 hatte damals, vor 25 Jahren, eine gewisse auch politische Tragweite, wir erinnern an die großen Vergebungsbitten, an den Appell von Papst Johannes Paul II. zum Schuldenerlass. Solche Akzente haben diesmal eher gefehlt. War dieses Heilige Jahr von vornherein stärker nach innen gerichtet und weniger an die Welt?
Michael Max: Ich glaube, diese Beobachtung ist durchaus richtig. Vielleicht findet man einen Schlüssel dazu in der Ankündigungsbulle, die Papst Franziskus im Mai 2024 veröffentlicht hat. Wenn man sie genau liest, spricht Franziskus an einer Stelle von einem großen Bogen der Heiligen Jahre. Daraus lässt sich schließen, dass für ihn der Fokus nicht nur auf 2025 lag, nicht allein auf die Vorbereitung dieses Jahres oder auf eine politische Dimension. Er beginnt mit dem großen Heiligen Jahr 2000, dann haben wir 2016 das Heilige Jahr der Barmherzigkeit erlebt, jetzt 2025 das aktuelle Heilige Jahr. Und Franziskus schaut in dieser Ankündigungsbulle bereits auf das Jahr 2033 und sagt sinngemäß: Das wird wahrscheinlich das nächste große Datum sein – 2000 Jahre Erlösung. Wenn wir Papst Leo XIV. hören, hat auch er dieses kommende Heilige Jahr 2033 bereits in seiner Perspektive.
Das hängt natürlich stark von den jeweiligen Päpsten ab. Heilige Jahre sind in der Kirchengeschichte immer eng mit der Person des Papstes verbunden. 2000 war sicher stark geprägt von der Persönlichkeit Johannes Pauls II., der – innerlich beseelt – seine letzte Kraft darin gefunden hat, die Kirche über die Schwelle des dritten Jahrtausends zu führen. Er hat das selbst so formuliert. Franziskus war ein anderer Typ. Wir werden sehen, wie Leo XIV. mit 2033 umgehen wird.
Was war für Sie persönlich der Höhepunkt dieses Heiligen Jahres, und gab es vielleicht auch ein eher verborgenes Highlight?
Michael Max: Was mich in diesem Heiligen Jahr am meisten berührt hat und mich begleiten wird, waren im Februar und März die Abende am Sagrato vor der Petersbasilika, an denen wir den Rosenkranz für den im Krankenhaus liegenden Papst gebetet haben. Vielleicht, weil es etwas ganz Einfaches war. Menschen kommen zusammen, beten den Rosenkranz in dieser großartigen Kulisse des Petersplatzes, Abendstimmung, das Tageswerk ist vollbracht, und das hat Ruhe und Frieden gebracht. Menschen haben sich getroffen, für die man sonst Termine braucht oder Audienzen beantragen muss.
Ich erinnere mich an einen Abend, an dem mir Kardinal Prevost (der heutige Papst Leo XIV.) über den Weg gelaufen ist. Er war kurz zuvor bei uns in der Anima zu Besuch gewesen. Er fragte, wie es geht, wir haben über ein paar Termine gesprochen – ganz unkompliziert. Das bleibt natürlich besonders hängen, wenn man die weitere Geschichte kennt!
Was wünschen Sie Papst Leo XIV. persönlich für sein erstes volles Jahr als Papst?
Michael Max: Ich wünsche ihm, dass ihm die Freude an diesem Dienst erhalten bleibt, die er offensichtlich hat. Wenn man ihm bei Audienzen begegnet, auch bei kleineren, sieht man dieses Lächeln, diese Ausstrahlung. Die Begegnung mit den Menschen freut ihn sichtbar. Dieser Dienst ist sicher eine große Last und Herausforderung, aber man spürt eine tiefe, ehrliche Freude.
Ich wünsche ihm ein weiteres Aufbrechen in die Welt hinein, viele gelingende Reisen – ähnlich wie in die Türkei oder in den Libanon. Er spricht von Afrika, von Algerien, von Südamerika. Wahrscheinlich wird er irgendwann auch in die USA kommen. In diesen Reisen liegt viel Kraft für dieses Pontifikat.
Und ich wünsche ihm, dass er seinen Weg geht als Leo XIV., als Hirte der Kirche und Nachfolger des heiligen Petrus, im Dienst der Einheit – Einheit zu stiften, Einheit zu leben und uns allen gut voranzugehen."
Quelle: G. Sailer. vaticannews
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