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Donnerstag, 1. Oktober 2026

Papst Leo XIV auf der Place de la Concorde

 Roberto de Mattei kommentiert bei Corrispondenza Romana die Frankreichreise des Hl. Vaters.       Hier geht´s zum Original.  kliken

         "LEO XIV UND DIE PLACE DE LA CONCORDE"

Die Apostolische Reise von Leo XIV. nach Frankreich vom 25. bis 28. September 2026 erwies sich als ein Publikumserfolg, der selbst den Papst überraschte. Frankreich ist nämlich eines jener europäischen Länder, in denen sich ein aggressiver Säkularismus besonders stark manifestiert. Kurz vor dem Besuch des Papstes erschien ein fundierter Bericht des European Centre for Law and Justice (ECLJ) mit dem Titel *Souffrances et espérance de l’Église en France* (Leiden und Hoffnung der Kirche in Frankreich). Der von Grégor Puppinck und Constance Avenel erstellte Text dokumentiert den massiven Druck, den der laizistische Staat in den Bereichen Familie, Bildung, Gesundheitswesen und Bioethik ausübt. Hinzu kommen Gewalttaten gegen Kirchen, Wallfahrtsorte und Gläubige. Am 4. März 2024 hatte Frankreich als erstes Land der Welt das Recht auf Abtreibung in der Verfassung verankert, und am 19. August 2026 wurde im Amtsblatt ein neues Gesetz veröffentlicht, das assistierten Suizid und Euthanasie zulässt. Als Reaktion darauf gewinnen unabhängige katholische Schulen zunehmend an Bedeutung, die Zahl der Taufen steigt, und immer mehr junge Menschen nehmen an großen Wallfahrten wie jener nach Chartres teil. In diesem Jahr gab es in Frankreich 21.386 neue Taufen – 20 Prozent mehr als im Vorjahr –, darunter 8.152 Jugendliche und 13.234 Erwachsene, vorwiegend junge Menschen. „Ich bin erstaunt über die Zahl der Menschen, die wieder an die Schwelle des Glaubens zurückkehren“, sagte der Papst bei seinem Treffen am Institut Catholique am Morgen des 26. September.      

Der Höhepunkt der Papstreise war die am Nachmittag des 26. auf der Place de la Concorde – im Herzen von Paris – gefeierte Messe, vor einer riesigen Menschenmenge, die auf 800.000 Personen geschätzt wurde. Ein Ereignis von symbolischer Bedeutung angesichts dessen, wofür dieser Platz einst stand

Die Place de la Concorde, 1755 von dem Architekten Ange-Jacques Gabriel entworfen, hieß ursprünglich Place Louis XV. Die Französische Revolution veränderte die Geschichte dieses Ortes für immer. Der große Platz wurde zum Hauptschauplatz der Hinrichtungen durch die Jakobiner und 1792 in Place de la Révolution umbenannt. Die Guillotine verwandelte die Todesstrafe in ein Schauspiel, bei dem die Republik ihre Macht demonstrierte, alle „Feinde des Volkes“ zu vernichten. Am 21. Januar 1793 wurde dort Ludwig XVI. enthauptet, am 16. Oktober desselben Jahres Königin Marie-Antoinette. Das Verbrechen Ludwigs XVI. bestand darin, ein König zu sein. Was vom Revolutionstribunal zum Tode verurteilt wurde, war nicht der Mensch, sondern die monarchische Institution, die er verkörperte. Der Platz, der einst zur Verherrlichung der ältesten katholischen Monarchie Europas konzipiert worden war, wurde so zum Ort ihrer symbolischen Vernichtung. „Allein schon der Titel ‚König‘“, so verkündete Robespierre, „zieht die Geißeln des Krieges über die erschütterte Nation.“ Doch auch Robespierre wurde – nach Danton – im Jahr 1794 auf der Place de la Concorde guillotiniert: Die Revolution fraß erbarmungslos ihre eigenen Kinder:


In seiner am 17. Juni 1793 im Konsistorium gehaltenen Ansprache *Quare lacrymae* sprach Pius VI. Ludwig XVI. „den Ruhm des Martyriums“ zu. Er fragte: „Wer könnte jemals daran zweifeln, dass jener König aus Hass gegen den Glauben und aus Verachtung für die Dogmen des Katholizismus hingerichtet wurde?“ Ursache für den Prozess und die Verurteilung des französischen Monarchen waren, wie Pius VI. in seiner Rede darlegte, die „gottlosen Ideologien“ „verderbter Philosophen“ – der Wortführer der Aufklärung. Bereits zu Beginn seines Pontifikats hatte der Papst in der Bulle *Inscrutabile Divinae* vom 25. Dezember 1775 gegenüber dem christlichen Volk und dessen Hirten seine Besorgnis darüber geäußert, dass „aufgewühlte und rasende Männer, getrieben von einer unbändigen Sucht nach Neuerungen, nicht davor zurückschrecken, die Grundlagen der vernunftbegabten Natur selbst anzugreifen, und sogar versuchen – wenn sie es könnten –, diese zu untergraben“. Das wichtigste revolutionäre Instrument war die Flut von Büchern, die von aufklärerischen Ideen geprägt waren und Frankreich seit der Regierungszeit Ludwigs XV. überschwemmt hatten. Daher ermahnte Pius VI. die französischen Bischöfe mit den Worten: „Schafft das Übel aus eurer Mitte; das heißt: Bemüht euch mit großer Entschlossenheit und Sorgfalt darum, all diese vergifteten Bücher aus eurer Herde zu entfernen.“

Die Aufklärung ist eine entscheidende Phase jenes ideologischen Prozesses, der von der humanistischen und protestantischen Revolution in weniger als fünf Jahrhunderten zur kommunistischen Revolution geführt hat. Lenin schrieb: „Wir werden wahrscheinlich […] dem Rat folgen müssen, den Engels einst den deutschen Sozialisten gab, nämlich die französischen aufklärerischen und atheistischen Schriften des 18. Jahrhunderts zu übersetzen und unter den Massen zu verbreiten“ (*Über die Religion*, Edizioni Rinascita, Rom 1950, 2. Aufl., S. 17).  Doch wenn es wahr ist, dass die Revolution ihre Irrtümer ständig erneuern muss, so kann eine authentische katholische Reaktion nicht anders, als jene Irrtümer weiterhin zu bekämpfen, die sich in der Welt ausgebreitet haben und leider auch in das Innere der Kirche eingedrungen sind. Selbst Leo XIV. schien die historische Bedeutung der Aufklärung zu verkennen, als er sie in seiner Rede im Élysée-Palast am 25. September als„eine Etappe, die der Welt wichtige Errungenschaften im Bereich der Menschenrechte gebracht hat“, bezeichnete. Und doch hielt der Papst am darauffolgenden Tag, vor dem Zusammentreffen mit der Synodalversammlung, im Garten neben dem *Institut Catholique* zum Gebet inne – vor der Gedenktafel mit der Inschrift „Hic ceciderunt“ (Hier fielen sie); dort hatten im September 1792 etwa 115 Priester und Bischöfe das Martyrium erlitten, weil sie sich geweigert hatten, ihrer Treue zum Stuhl Petri abzuschwören. Die Henker dieser Glaubenszeugen – die später von der Kirche seliggesprochen wurden – waren durchdrungen von jener aufklärerischen Ideologie, die darauf abzielte, die christlichen Wurzeln der Gesellschaft auszurotten. Das am 10. November 1793 in der Kathedrale Notre-Dame gefeierte Fest der Göttin der Vernunft markierte den Höhepunkt der von der „Philosophie der Aufklärung“ angestrebten Entchristlichung. Daher erinnerte Pius XI. in seiner Ansprache vom 17. Oktober 1926 anlässlich der Seligsprechung der Märtyrer der Septembermassaker an „die Erschütterung der öffentlichen Ordnung, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts in Frankreich ihren Ursprung nahm, alles – ob Heilig oder Profan – hinwegraffte und nicht nur gegen den König und den Adel, sondern vor allem gegen die Kirche und ihre Diener wütete. Höchst ruchlose Männer, die sich widerrechtlich der Macht bemächtigt hatten und den Hass, der sie gegen die Kirche antrieb, unter dem Deckmantel der Philosophie verbargen, versuchten mit aller Kraft, den christlichen Namen gänzlich auszulöschen.“

Auf seiner Reise forderte Leo XIV. „die Achtung der Menschenwürde sowie der Grundrechte und -freiheiten, die aus der menschlichen Natur hervorgehen“ (Rede im Élysée-Palast vom 25. September). Doch die Leugnung der Existenz einer menschlichen Natur – der Quelle der Rechte und Pflichten des Menschen – wurde von der Aufklärung theoretisch begründet und fand ihren Ausdruck in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789. Deren Artikel 4 definiert Freiheit als die Möglichkeit, „alles zu tun, was anderen nicht schadet“; Artikel 5 fügt hinzu, dass das Gesetz nur Handlungen untersagen darf, die der Gesellschaft schaden. Genügt es jedoch für die moralische Güte einer Handlung, dass sie anderen nicht schadet – ganz ohne Bezug auf ein Naturgesetz, das über dem menschlichen Willen steht? Wer bestimmt, was anderen schadet? Wird Freiheit lediglich als Wahlmöglichkeit verstanden und nicht als die Fähigkeit, das Gute zu wählen, so erscheinen die in der menschlichen Natur verankerten Grenzen schließlich als Hindernisse, die beseitigt werden müssen; an ihre Stelle tritt der Anspruch des Menschen, selbst zu bestimmen – und anderen aufzuerlegen –, was als das Wohl der Gesellschaft gilt. So geschah es während der Französischen Revolution, und so geschieht es im Frankreich Emmanuel Macrons, der sich auf jenes Gründungsereignis beruft.

„Niemand“, bekräftigte Leo XIV. am 27. September in Lourdes, „hat jemals das Recht, auf der Grundlage von Laboralgorithmen über das Leben eines bestimmten Embryos oder eines bestimmten älteren Menschen zu entscheiden.“ Dieses Recht entspringt den vergifteten Quellen der Aufklärung; ihr stellen wir die Worte desselben Papstes Leo auf der Place de la Concorde entgegen: „Wenn ich euch hier versammelt sehe, liebe Brüder und Schwestern, Erben einer langen und schönen heiligen Geschichte in Frankreich, so sage ich euch: Schöpft eurerseits aus jener Quelle, die das durchbohrte Herz Jesu ist.“

Quelle: R.d.Mattei, Corrispondenza Romana

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