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Montag, 22. April 2024

Über den Regierungsstil von Papst Franziskus

In seiner heutigen Kolumne für Monday at the Vatican befasst sich Andrea Gagliarducci nicht zum ersten mal mit dem Regierungsstil und den Entscheidungen von Papst Franziskus. 
Hier geht ´s zum Original:  klicken

"PAPST FRANZISKUS, EINE REGIERUNG DIE NOCH DECHIFFRIERT WERDEN MUSS" 

Msgr. Alberto Perlasca -Verdächtiger und Hauptzeuge der Anklage im jüngsten Finanz-"Sloane Ave“ Maxi-Prozess im Vatikan, ist erneut zusätzlicher Staatsanwalt der Apostolischen Signatur. Der Vatikan muss die Nachricht noch bestätigen, die zunächst auf der italienischen Klatschseite Dagospia als Indiskretion erschien. Reporter haben die Nachricht jedoch bestätigt und der Vatikan hat die Berichte nicht dementiert.

Wenn Sie sich das Annuario Pontificio ansehen – das Who is Who? des Vaticans – erscheint Perlascas Name im Index. Allerdings gibt es auf keiner Seite oder an keiner Stelle einen Hinweis auf ihn. Angesichts der Tatsache, daß das Jahrbuch am 31. Dezember 2023 endet, ist offensichtlich, da die Entscheidung, ihn wieder einzusetzen, später, nämlich im Jahr 2024, fiel.

Um das nicht über zu bewerten- wen interessiert das?

Nun, gegen Perlasca wurde zunächst ermittelt, dann wurde er Hauptzeuge im Vatikan-Prozess über die Verwaltung der Gelder des Staatssekretariats, an der unter anderem Kardinal Angelo Becciu beteiligt war. Der stand weder vor Gericht, noch wurde er verurteilt, aber er ist suspendiert worden; er war sogar in seine Heimatdiözese zurückgekehrt, bevor er wieder im Vatikan leben durfte, im Domus Sanctae Marthae, wo auch Papst Franziskus wohnt.

Perlascas Aussage war der Schlüssel zu den Anklagen im Prozess. Das ist wichtig, denn es stellte sich heraus, daß Perlascas bei seinen Aussagen irgendwie von seiner Freundin Genoveffa Ciferri geleitet wurde, einer italienischen Sicherheitsberaterin (und weltlichen Franziskanerin), die seit vielen Jahren mit Perlasca befreundet ist. Ciferri wiederum erhielt Ratschläge von einer "höheren Instanz“, die sich später als Francesca Immacolata Chaouqui (bekannt durch VatiLeaks 2.0) entpuppte. Während des Prozesses machte Perlasca widersprüchliche Aussagen. So sehr, daß einige seiner Aussagen sogar als Meineid betrachtet wurden. Während der Ermittlungen wurde er auf eine Art und Weise verhört, die viele als unorthodox empfanden. Es ist unklar, wie seine Aussagen als glaubwürdig angesehen werden konnten.

Der Prozess der ersten Instanz endete am 16. Dezember, mehrere Urteile mussten noch geklärt werden. Dazu müssen wir die gesamten juristischen Beweggründe kennen, die – hoffentlich – Aufschluss darüber geben, wie die Richter einige seltsame Gegensätze zusammengefügt haben. Wir müssen auch die Berufungs-Erklärungen aller Beteiligten einsehen, darunter auch die des Staatsanwaltes, der mit den Urteilen in ihrer jetzigen Form nicht zufrieden ist. Tatsächlich ist niemand glücklich, außer vielleicht das Staatssekretariat des Vaticans.

Auch wenn die Urteile noch nicht rechtskräftig sind, sind einige Prozessbeteiligte, wie etwa Fabrizio Tirabassi, bereits aus dem Päpstlichen Jahrbuch gestrichen worden (als ob das Urteil bereits gesprochen und rechtskräftig wäre). Das gilt nicht für Monsignore Perlasca, gegen den nicht ermittelt und der nicht verurteilt wurde.

Perlascas Wiedereinsetzung, die vertraulich und ohne offizielle Kommunikation erfolgte, muss also noch entschlüsselt werden.

Sie kann zum Beispiel bedeuten, daß Papst Franziskus beschlossen hat, die Sichtweise des Staatsanwalts des Vaticans zu der Angelegenheit zu übernehmen und die Dinge daher zum Status quo zurückzuführen, wobei Perlasca in etwa die Position einnimmt, die er vor Beginn dieser ganzen Angelegenheit innehatte, und sogar bevor er zum Administrator im Staatssekretariat ernannt wurde. Es kann auch bedeuten, daß der Papst diejenigen, gegen die nicht offiziell ermittelt wird, nicht in den Prozess einbeziehen will. Es kann aber auch bedeuten, daß der Papst ein barmherziges Gesicht zeigen möchte

Das kann man -wie immer- nicht wissen, weil es wie üblich keine offiziellen Mitteilungen, sondern nur Gerüchte und informelle Bestätigungen der Gerüchte gibt. Es wäre nicht das erste Mal, daß der Vatikan einige Monsignori mit einer komplizierten Vergangenheit wieder einsetzt. Allerdings wäre es das erste Mal, daß während eines Prozesses, an dem der Heilige Stuhl beteiligt ist, eine Wiedereinsetzung eines Monsignores erfolgt, der seinen Standpunkt geändert und sein früheres Amt angegriffen hat, während Anschuldigungen gegen eben diesen Monsignore vorliegen, die noch gründlicher geklärt werden müssen .

Es muss erwähnt werden, da es sich bei diesen Vorwürfen nicht um strafrechtliche Vorwürfe, sondern um interne Verfahrensvorwürfe gehandelt hat. Insbesondere Erzbischof Edgar Pena Parra, Substitut des Staatssekretariats, hat in seinem Memorandum für den Prozess eine zutreffende "Perlasca-Methode“ hervorgehoben, eine Art Druck oder moralische Überredung, die auf Vorgesetzte ausgeübt wird, um entweder die vorgeschlagenen Finanzoperationen zu akzeptieren oder vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden.

Während des Prozesses wurde festgestellt, daß Perlasca Verträge ohne die Genehmigung seines Vorgesetzten unterzeichnete und sogar die Verhandlungen über die Übertragung der Verwaltung der berühmten Londoner Immobilie von einem Makler auf einen anderen ohne einen Anwalt des Heiligen Stuhls geleitet hat.

Vor diesem Hintergrund nehmen die Zweifel am Vorgehen des Papstes und am Prozess zu. Der Papst änderte unter anderem noch während des Prozesses die Prozessregeln, entschied wenige Tage vor der Urteilsverkündung über die Vergütung der Befürworter der Justiz und des Tribunals und mischte sich in die Angelegenheiten um die Londoner Immobilie ein, obwohl er -als er das tat- nichts darüber wusste. Diese ganzen Widersprüche machen es schwierig, die Entscheidungen von Papst Franziskus zu entschlüsseln.

Der Prozess ist nur ein besonders herausrageendes Beispiel für eine sehr verworrene Gesamtsituation. Von der Wiederaufnahme des Missbrauchsfalls im Zusammenhang mit dem Kleinen Seminar des Vatikans bis zur Wiederaufnahme des Falles des Missbrauchs-Priesters Mario Inzoli, von der Richtungsänderung im Chile-Fall bis zur Verteidigung von Erzbischof Zanchetta, der während seiner Amtszeit als APSA-Gutachter in Rom blieb, in Argentinien angeklagt und erst dann in sein Heimatland zurückgeschickt wurde, als die Anschuldigungen gegen ihn nicht mehr gestoppt werden konnten, um nur einige zu nennen.

Das führt zu einer umfassenderen Frage über den gesamten Ansatz von Papst Franziskus für die Regierung der Kirche. Wenn sich alles auf die Stimmungen und Ideen des Papstes konzentriert, wie können dann die Entscheidungen des Papstes als ausgewogen, unparteiisch und zum Wohle der Kirche und nicht im Namen der persönlichen Meinung des Papstes angesehen werden?

Der Fall von Monsignore Perlasca wirft diese Fragen leider nur noch einmal auf, im Wissen, dass es darauf keine Antwort geben wird.

Man kann darauf wetten, daß jemand es irgendwann als Geste der Barmherzigkeit lesen möchte. Die Einladung an Kardinal Becciu, an Konsistorien und Messen teilzunehmen, während gegen ihn ermittelt wurde und er vor Gericht stand, wurde ebenfalls als Geste der Barmherzigkeit aufgefasst, obwohl er als Kardinal auf Wunsch des Papstes zum Rücktritt gezwungen und seiner Privilegien beraubt wurde.

Sogar die mögliche Entscheidung, Erzbischof Georg Gänswein, den früheren Sekretär von Benedikt XVI., zum Apostolischen Nuntius zu ernennen, wird als Geste der Barmherzigkeit beschrieben. Diese Indiskretionen sickerten durch, nachdem der Papst Erzbischof Gänswein und seine Entscheidungen in den Voraus-Vorstellungen seines Interview-Buches unfreundlich beschrieben hatte.

Aber ist es wahre Gnade, wenn die betroffenen und in Ungnade gefallenen Menschen trotzdem nicht rehabilitiert werden? Ist es wahre Gnade, wenn der Papst, nachdem er sehr hart vorgegangen ist und die Glaubwürdigkeit eines Menschen öffentlich zerstört hat, ihn wieder in einer Randposition einsetzt?

Auch das sind brennende Fragen.

Letztendlich entsprachen die im Vatikan durchgeführten Finanzmaximierungsverfahren dem Stil der persönlichen Herrschaft von Franziskus. Das Regieren muss trotz allem und jedem weitergeführt werden – und persönliche Entscheidungen müssen immer verteidigt werden. Das ist es, was der Papst tut.

Papst Franziskus gilt als Peronist. Es gab eine breite Debatte zu diesem Thema. Manche Leute – darunter auch Papst Franziskus – sagen "peronistisch“ und denken an eine Ideologie. Peronismus ist jedoch eher ein Modus Gubernandi. Wir sehen es bei der Arbeit."

Quelle: A. Gagliarducci, Monday at the Vatican

 

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