Samstag, 3. Januar 2026

Über die Rolle der Musik bei der Mission der Jesuiten in Amerika

Massimo Scapin berichtet bei OnePeterFive über die Rolle, die die Kompositionen des Jesuiten Domenico Zipoli (1689 - 1726) in der Mission der jesuitischen Niederlassungen in Südamerika  gespielt hat. Hier geht´s zum Original:  klicken

AMERIKANISCHES BAROCK FÜR DIE INDIANER AMERIKAS

Vor dreihundert Jahren, am 2. Januar 1726, starb Domenico Zipoli an Tuberkulose. Als einer der bedeutendsten Komponisten seiner Zeit war er der berühmteste Musiker unter den Jesuiten und eine zentrale Figur im Musikleben der Reduktionen von Argentinien, Paraguay und Bolivien.

Geboren 37 Jahre zuvor in Prato, einer Stadt nur 13 Kilometer nordwestlich von Florenz, stammte Zipoli aus einfachen Verhältnissen. Seine frühe Ausbildung erhielt er vor Ort, später setzte er seine musikalischen Studien in Florenz, Rom und Bologna bei namhaften Meistern wie Alessandro Scarlatti (†1725) und Bernardo Pasquini (†1710) fort. In Rom begann er eine vielversprechende Karriere, trat der angesehenen Kongregation der Musiker von Santa Cecilia bei und komponierte bedeutende Oratorien, darunter Sant’Antonio di Padova ( 1712) und Santa Caterina Vergine e Martire (1714).

Sein bedeutendstes Vermächtnis ist jedoch die Sonate d' intavolatura per organo e cembalo (1716), eine Sammlung, die ihm den Ruf als „Nachfolger Frescobaldis und letzter Vertreter der großen italienischen Orgeltradition“ einbrachte.  Das herausragende Stück der Sammlung, die Pastorale , ist ein Meisterwerk chromatischer Nuancen und ausdrucksvoller Feinheit


            

Die zeitgenössische musikwissenschaftliche Forschung sieht Zipoli als Erben Girolamo Frescobaldis (†1643), des bedeutendsten Organisten und Komponisten von Tasteninstrumenten des 17. Jahrhunderts. Zipoli wandte sich jedoch bewusst von Frescobaldis komplexem Kontrapunktstil ab und wählte stattdessen einen dialogischeren, lyrischeren und transparenteren Ansatz. Seine Kompositionen zeichnen sich durch Anmut und Klarheit aus – Eigenschaften, die den liturgischen und pädagogischen Bedürfnissen der Missionen ideal entsprachen.

Im größeren Kontext der Reducciones – die von 1609 bis 1767 florierten – spielte die Musik eine grundlegende Rolle. Diese Missionssiedlungen waren Teil der großen Vision der Jesuiten, das Volk der Guaraní durch kulturelles Eintauchen und Bildung zu evangelisieren. Sie gründeten Schulen, Werkstätten und Musikhochschulen; Kinder lernten von klein auf zu singen, Instrumente zu spielen und an Gottesdiensten und Festen teilzunehmen. Musik begleitete sogar die landwirtschaftliche Arbeit und verband so den Alltag mit spiritueller Harmonie.

Diese musikalische Blüte blieb in Europa nicht unbemerkt. In Annus qui (Nr. 5) vom 17. Februar 1749 – dem ersten päpstlichen Dokument, das sich speziell der geistlichen Musik widmete – schrieb Papst Benedikt XIV.:

Tatsächlich hat sich der Gebrauch von polyphonem oder figürlichem Gesang und Musikinstrumenten in Messen, Vespern und anderen kirchlichen Feierlichkeiten so weit entwickelt, dass er sogar Paraguay erreicht hat. Da die neuen Gläubigen Amerikas eine besonders ausgeprägte natürliche Veranlagung zum polyphonen Gesang und zu den Klängen der Orgel besitzen und sich die musikalischen Stücke leicht einprägen, nutzten die Missionare diese Gelegenheit, um die Seelen der Gläubigen durch frommen Gesang zum christlichen Glauben zu führen. So sehr, dass heute kaum noch Unterschiede – weder im Gesang noch im Klang – zwischen den Messen und Vespern unserer und ihrer Länder bestehen.

Zipolis Beitrag gilt als kreativer Höhepunkt jesuitischer Musikproduktion in Südamerika. Seine in Córdoba weit verbreiteten Kompositionen sind in Abschriften erhalten, deren Werktreue zum Original mitunter Fragen aufwirft. Seine amerikanischen Werke bewahren zwar ihren barocken Charakter, spiegeln aber lokale Anpassungen wider: Der Mangel an Bassstimmen veranlasste ihn, für dreistimmige Chöre (Sopran, Alt und Tenor) zu schreiben und sowohl Harmonien als auch Melodien zu vereinfachen. Auch Anklänge an die italienische komische Oper treten zutage, verschmelzen mit einheimischen Empfindungen und formen einen unverwechselbaren Hybridstil – den sogenannten amerikanischen Barock . Diese stilistische Verschmelzung legte den Grundstein für die „música culta criolla“ , die auch nach der Vertreibung der Jesuiten fortbestand.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für diese kulturelle Synthese ist das sakrale Drama San Ignacio de Loyola , das auf dem Leben des Jesuitengründers und seiner Verbundenheit mit dem heiligen Franz Xaver basiert.

            

Obwohl das Werk in der barocken Operntradition verwurzelt und in kastilischem Spanisch gesungen wird, offenbart es einen tiefgreifenden lokalen Einfluss. Seine Struktur ist bewusst schlicht gehalten, mit symbolischen Figuren und einer klar strukturierten Handlung, die auf maximale Verständlichkeit abzielt. Besonders hervorzuheben sind der Paralleltext in der heute ausgestorbenen Sprache Chiquitano – die dem indigenen Publikum verständlich war – und die Figur des Vermittlers Torribio, die den interkulturellen Anspruch der Oper verdeutlichen.

San Ignacio , ein Werk, das von indigenen Schauspielern selbst aufgeführt werden sollte, nimmt in der Geschichte der Missionsoper eine Sonderstellung ein: Es diente der Katechese und zugleich als Ausdruck kultureller Selbstbestimmung und kulturellen Selbstverwirklichung. In einer Zeit, in der die Aktivitäten der Jesuiten in Europa zunehmend kritisch beäugt wurden, mag das Werk auch als implizite Verteidigung gedient haben – indem es aufzeigte, wie die „Indien“ zu einem fruchtbaren Boden für eine neue, autonome und lebendige Kultur werden konnten."

Quelle: M. Scapin, OnePeterFive

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