Donnerstag, 7. Juli 2016

Basis-Tips für die Lektüre von Amoris Laetitia

Sandro Magister hat die Bedenken von Kardinal Ennio Antonelli und seinen Wunsch nach autorisierten Richtlinien angesichts der Ungereimtheiten von Amoris Laetitia bei www.chiesa veröffentlicht. Hier geht´s zum Original:    klicken

        "AMORIS LAETITIA: BASIS-TIPS UM DEN WEG NICHT ZU VERLIEREN"
Sie werden von Kardinal Ennio Antonelli formuliert, der auch nach "weiteren Richtlinien" seitens kompetenter Autoritäten  bittet, "um Risiken und Mißbrauch sowohl bei den Hirten als auch bei den Gläubigen vorzubeugen."
         
Der von Kardinal Ennio Antonelli als Kommentar zur postsynodalen apostolischen Exhortation  "Amoris Laetitia"geschriebene Text zirkulierte einige Wochen, zunächst ohne Aufsehen zu erregen.

Kardinal Antonelli, 79, ist eine Autorität auf diesem Gebiet. Für 5 Jahre war er Präsident des Päpstlichen Rates für die Familie und hat auch große pastorale Erfahrung gesammelt. Er war Erzbischof zuerst in Perugia und dann in Florenz- außerdem 6 Jahre lang Sekretär der Italienischen Bischofskonferenz. Er besitzt eine gründliche theologische Bildung und gehört zur Fokolare-Bewegung,
Und trotz dieser Verdienste wurde er von Papst Franziskus nicht eingeladen, an der Familien-Synode teilzunehmen-weder an der ersten noch an der zweiten.

Aber das hat ihn nicht daran gehindert, aktiv an der Diskussion teilzunehmen- speziell in einem im Juni vergangenen Jahres veröffentlichten Büchlein, das wir in diesem Artikel bei www.chiesa ausführlich zitiert haben:

"Synode. Kardinal Antonelli’s Zweifacher Alarmschrei!"




Vor einem Jahr hatte der Kardinal Angst, daß die "Eucharistische Kommunion für die wiederverheirateten Geschiedenen und die in Kohabitation Lebenden schnell allgemeine Praxis werden würde" mit dem Resultat "dass es nicht länger viel Sinn machen würde, von der Unauflöslichkeit der Ehe zu sprechen und die Feier des Ehesakramentes würde praktisch keinen Sinn mehr machen."

Heute, nach der Veröffentlichung von "Amoris Laetitia" sieht er diese Angst nicht zerstreut. Aber sie
scheint ihm nicht unüberwindbar, "wenn man Amoris Laetitia" -so schreibt er- "aufmerksam und weise anwendet- fähig, Licht auf ihre dunklen Passagen zu werfen, und besser noch, wenn das mit Hilfe kommender weiterer Richtlinien seitens der kompetenten Autorität geschieht."

Wie es schon vor einem Jahr geschah, wird auch dieser Text von Kardinal Antonelli die Gestalt eines kurzen Buches annehmen, das bei Ares in Italien veröffentlicht werden wird.
Hier ist eine Vorschau auf einige Passagen daraus. Von besonderem Interesse sind die Ratschläge die in der Schlußfolgerung den Beichtvätern bzgl. des Zugangs zur Kommunion  für wiederverheiratete Geschiedene gibt.

"ZWISCHEN REGELN UND AUSNAHMEN, EIN SCHWIERIGES GLEICHGEWICHT"
von Ennio Antonelli

"Amoris Laetitia ist von den Hirten, Theologen und von Medienprofis unterschiedlich interpretiert worden. Diese Frage erhebt sich angesichts der traditionelle Doktrin und Praxis- insbesondere im Hinblick auf Familiaris Consortio von Johannes Paul II : ist da Kontinuität, Bruch oder Erneuerung in Kontiuität?
(....)

Die Lehre der objektiven Wahrheit in "Amoris Laetitia" bleibt die aller Zeiten. Sie wird jedoch im Hintergrund gehalten, als eine Voraussetzung. In den Vordergrund wird die individuelle Moral gestellt, das Gewissen  mit seiner inneren Disposition, seiner persönlichen Verantwortung.
Deshalb ist es nicht möglich, allgemeine Regeln zu formulieren: man kann nur zur "verantwortungsvollen persönlichen und pastoralen Unterscheidung der besonderen Fälle (300) ermutigen."

In der Vergangenheit, im Zeitalter des Christentums, wurde alle Aufmerksamkeit auf die objektive moralische Wahrheit gelegt, auf die allgemeinen Gesetze. Jeder, der den Normen nicht folgte, wurde als schwer schuldig betrachtet. Das war eine allgemeine, ruhig geteilte Überzeugung.
Die Geschiedenen in zweiter Ehe verursachten einen Skandal, weil sie die Unauflöslichkeit der Ehe gefährdeten. Deshalb wurden sie als öffentliche Sünder von der kirchlichen Gemeinschaft marginalisiert.

Kürzlicher- im Zeitalter der Säkularisierung und der sexuellen Revolution haben viele die Lehre der Kirche zu Ehe und Sexualität nicht mehr verstanden. Es ist eine weit verbreitete Meinung, daß einvernehmliche sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen auch außerhalb der Ehe legitim sind. Man kann annehmen, daß einige Menschen in einer objektiv irregulären Situation leben, ohne volle subjektive Verantwortung. Das erklärt, warum Johannes Paul II es als angemessen angesehen hat, die wiederverheirateten Geschiedenen zu ermutigen, mehr am vollen Leben der Kirche teilzunehmen und der Barmherzigkeit Gottes auf andere Weise zu begegnen- als in der sakramentalen Versöhnung und der Eucharistie (Reconciliatio et Poenitentia. 34), es sei denn sie befolgten sexuelle Abstinenz.

Papst Franziskus geht im kulturellen Kontext weiter fortgeschrittener Säkularisierung und Pansexualismus sogar noch weiter, aber entlang der selben Linien. Ohne die objektive Wahrheit zu verschweigen, konzentriert er die Aufmerksamkeit auf die subjektive Verantwortung, die manchmal vermindert oder ausgeschlossen werden kann, (....) Die Lehre ist zuständig, wenn es um die Normen geht: die individuellen Fälle erfordern eine Beurteilung im Licht der Normen und der Lehre (79, 304)

Dieser dynamische Prozess kann von Faktoren beeinflußt werden, die die Zurechenbarkeit der irregulären menschlichen Handlung vermindern oder auslöschen.(302). Sie kann am Ende auf dreierlei Weise vermindert werden: Unkenntnis der Norm, Nichtverstehen der auf dem Spiel stehenden Werte, Hindernisse, die als Gelegenheit für neue Sünden angesehen werden (301).
Dieses Rahmenwerk unterscheidet sich nicht von der Tradition: es ist immer gesagt worden, daß das Begehen einer Todsünde nicht nur eine schwerwiegende Tat (schwere objektive Abweichung) sondern auch das volle Bewußtsein und die freiwillige Zustimmung erfordert. (Katechismus des Hl. Pius X)
Das Neue bei "Amoris Laetitia" liegt in der Breite der Anwendung , die dem Prinzip der Gradualität
in der spirituellen und pastoralen Beurteilung des individuellen Falles gewährt wird. 
Die Absicht ist, ein attraktiveres und überzeugenderes kirchliches Zeugnis für das Evangelium von der göttlichen Barmherzigkeit abzugeben, die spirituell verwundeten Menschen zu trösten und so gut wie möglich, die Saat des Guten, die man in ihnen findet, zu vergrößern und zu entwickeln.

In Anbetracht der Dynamik der Beurteilung zieht Papst Franziskus die Möglichkeit einer fortschreitenden und vollständigeren Integration der Personen in irregulären Situationen ins Kirchenleben in Betracht, damit sie die Schönheit der Kirche immer mehr erleben können-und nicht nur wissen- wie schön es ist, Kirche zu sein. Nach einer angemessenen pastoralen Beurteilung können sie mit verschiedenen Aufgaben, von denen sie bisher ausgeschlossen waren, betraut werden- müssen dabei allerdings jede Möglichkeit zum Skandal vermeiden (299).

Die persönliche und pastorale Beurteilung individueller Fälle würde anerkennen, daß der Grad der Verantwortlichkeit nicht in allen Fällen gleich ist, Die Konsequenz oder Effekte einer Regel müssen nicht notwendigerweise immer gleich sein, (300) nicht einmal im Hinblick auf die Sakramentale Disziplin, weil die Differenzierung in einer bestimmten Situation erkennen kann, daß keine schwere Schuld besteht (Fußnote 336). Wegen bestimmter Formen der Voraussetzungen und  mildernder Umstände, die in einer objektiven Situation der Sünde-eine Person als subjektiv nicht schuldig erkennen lassen, - kann ein Mensch in der Gnade Gottes leben, lieben und wachsen in einem Leben in Gnade und Caritas, während ihm die Kirche dabei hilft."(305)

Der Papst öffnet deshalb die Möglichkeit zur Zulasssung zur sakramentalen Versöhnung und zur eucharistischen Kommunion. Aber das ist Sache eines hypothetischen, generellen und nebensächlichen Vorschlags.

Der Papst ist sich bewußt, daß man, bewegt man sich auf diesem Weg vorwärts, Risiken eingeht: "ich verstehe jene, die eine rigorosere pastorale Betreuung vorziehen, die keinen Raum für Verwirrung zuläßt. Aber ich glaube ernsthaft, daß Jesus eine Kirche will, die für die Güte aufmerksam ist, die der Hl. Geist inmitten der menschlichen Schwäche aussät, eine Mutter, die während sie ihre objektive Lehre klar ausdrückt, immer das Gute tut - so gut sie kann, sogar wenn bei diesem Prozess ihre Schuhe durch den Straßenstaub schmutzig werden."(308)
Risiken und Mißbrauch sind vorhersehbar-sowohl durch Hirten als auch durch Gläubige, wegen der Konfusion zwischen  subjekiver Verantwortung und objektiver Wahrheit, zwischen dem Gesetz der Gradualität und der Gradualität des Gesetzes,dem moralischen Relativismus und der Situationsethik, der Bewertung von Scheidung und neuen Verbindungen als legitim , der Desintensivierung der Ehevorbereitung, Demotivierung der getrennt lebenden Gläubigen, Zugang zur Eucharistie ohne die nötige Voraussetzung, Schwierigkeiten und Verblüffung der Priester bei der Beurteilung Unsicherheit und Angst unter den Gläubigen.

Es gibt die Notwendigkeit für weitere Richtlinien von Seiten der kompetenten Autorität zugunsten einer vorsichtigen Umsetzung (....) Die Zulassung zur eucharistischen Kommunion erfordert normalerweise die sichtbare vollkommene Kommunion mit der Kirche. Sie kann nicht als allgemeine Regel gewährt werden, solange die irreguläre Situation objektiv weiter besteht, was auch immer die subjektiven Umstände sein mögen (u.a. ist das die Disziplin, die bei den ökumenischen Beziehungen mit nichtkatholischen Christen angewendet wird). Nichtsdestoweniger sind Ausnahmen möglich und -wie man gesehen hat- zeigt der Papst, daß er willens ist, sie in einigen Fällen zuzulassen (300, 305, Fußnoten 336, 351)

Offensichtlich ist die Doktrin immer noch gültig, daß jede tödliche Sünde einen von der eucharistischen Kommunion ausschließt - wofür die ganze Tradition Zeugnis ablegt (....) Papst Franziskus betont den sozialen Charakter der Diskriminierung der Armen, die Teil der Sünde ist, die mit der Eucharistie unvereinbar ist -so wie sie durch den Hl,Paulus verurteilt wird, aber er will sicher nicht leugnen, daß alle Todsünden ein Hindernis darstellen, um die Eucharistie würdig zu empfangen, weshalb Umkehr und sakramentale Versöhnung nötig sind, (....)

Für Paare in irregulärer Situation ist die angemessene Änderung die Überwindung ihrer Lage, zumindest der feste Vorsatz zur Enthaltung, auch falls er wegen der menschlichen Schwäche rückfällig werden würde (Fußnote 334) Wenn dieser Vorsatz fehlt, ist es ziemlich schwer. andere Zeichen einer guten subjektiven Disposition zu erkennen und eines Lebens in der Gnade Gottes, die ausreichend sicher sind. Dennoch kann man eine ausreichende Wahrscheinlichkeit zumindest in manchen Fällen erlangen (298,303)

In Erwartung weiterer autorisierter Richtlinien, will ich versuchen mit großem Zögern, einen Weg für das Vorgehen im forum internum für die schwierigen Fälle auszudenken, bei denen kein klarer Beschluß zur sexuellen Enthaltsamkeit erkennbar ist.


Der Beichtvater könnte einer geschiedenen wiederverheirateten Person begegnen, die wirklich ernsthaft und intensiv an Jesus Christus glaubt, ein Leben führt, das großzügig und fähig ist, zu Opfern, die anerkennt, daß ihre Beziehung nicht mit der evangelischen Norm korrespondiert aber dennoch behauptet, daß sie wegen der Schwierigkeiten sündigt. die sie hindern, die sexuelle Abstinenz zu wahren. Seinerseits empfängt sie der Beichtvater herzlich und mit Respekt, hört ihr wohlwollend zu, versucht die verschiedenen Aspekte dieser Person zu erwägen. Mehr noch, er hilft ihr, ihre Voraussetzungen zu verbessern, so daß sie Vergebung erlangen kann, er respektiert ihr Gewissen, erinnert sie aber an ihre Verantwortung vor Gott, dem einzigen, der in die Herzen sehen kann, er ermahnt sie, daß ihre sexuelle Beziehung im Gegensatz zum Evangelium und der Lehre der Kirche steht, fordert sie auf, zu beten und anzustreben Schritt für Schritt mit der Gnade des Hl. Geistes  die sexuelle Abstinenz zu erreichen. Schließlich - wenn der Büßer obwohl man neue Rückfälle vorhersehen kann, seinen Willen zeigt, Schritte in die richtige Richtung zu unternehmen, gibt ihm der Beichtvater die Absolution und erlaubt ihm, die Kommunion zu empfangen, ohne einen Skandal zu verursachen (wohl an einem Ort, wo er nicht bekannt ist, wie es schon bei den wiederverheirateten Geschiedenen, die abstinent leben geschieht). Auf alle Fälle muß der Priester sich an die Richtlinien des Bischofs halten.

Der Priester ist berufen, ein schwieriges Gleichgewicht zu halten. Einerseits muß er bezeugen, daß Barmherzigkeit im Herzen des Evangeliums steht (311) und daß die Kirche -wie Jesus- Sünder willkommen heißt und die Wunden des Lebens heilt. Andererseits muß er die Kommunion der Kirche mit Christus sichtbar aufrecht halten, die im gläubigen Predigen des Evangeliums durchscheint, in der authentischen Feier der Sakramente, korrekter kanonischer Disziplin, dem keuschen Leben seiner Gläubigen, und muß er besonders die Evangelisierungsmission der christlichen Familie stärken, berufen, die Schönheit der christlichen ehelichen Liebe auszustrahlen, der einen, gläubigen, fruchtbaren und unauflöslichen."  (Gaudium er Spes 48)


Quelle: www.chiesa, Sandro Magister, Kardinal E. Antonelli

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen