Vaticanews veröffentlicht den Text der Predigt, die Papst Leo XIV während der Hl. Messe in der Arena von Salina gehalten hat. Hier geht´s zum Original: klicken
WORTLAUT DER PREDIGT
"Liebe Brüder und Schwestern,"
"Gott liebt uns immer als Erster. Die Schönheit des Meeres, dieser Insel und eurer Gesichter ist ein Widerschein seiner ungeschuldeten Initiative: Die Liebe geht uns voraus, umgibt uns und versammelt uns. Ich bin dem Herrn dafür dankbar, dass ich euch besuchen darf – auf den Spuren von Papst Franziskus, der am 8. Juli 2013 auf seiner ersten Reise als Nachfolger Petri nach Lampedusa kommen wollte.
Die Apostel haben, wie ihr wisst, das Mittelmeer befahren und die Gastfreundschaft der Bewohner seiner Inseln und Küsten erlebt, wo seit Jahrtausenden verschiedene Zivilisationen aufeinandertreffen. Das Evangelium findet dort Widerhall, wo Völker zusammenkommen, Menschen einander aufgeschlossen begegnen, ihre Lebensgeschichten sich verflechten und verschiedene Kulturen sich untereinander austauschen. Es verstummt hingegen dort, wo jeder sich selbst zu einer Insel macht, wo Kontakt gemieden und Austausch unterbrochen wird. In diesem Sinne beschreibt das soeben verkündete Gleichnis vom barmherzigen Samariter eine Geschichte, die fortdauert (vgl. Lk 10,25-37) und die Enzyklika Fratelli tutti hat uns geholfen, sie vor dem Hintergrund der dramatischen historischen Umstände neu zu verstehen, in denen wir uns noch immer befinden. Das Wort Gottes ist immer für die Gegenwart bestimmt und führt uns in einen Dialog, aus dem wir verwandelt hervorgehen. Wie werden wir also auf die Liebe dessen antworten, der uns zuerst geliebt hat?
„Das Wort Gottes ist immer für die Gegenwart bestimmt und führt uns in einen Dialog, aus dem wir verwandelt hervorgehen. Wie werden wir also auf die Liebe dessen antworten, der uns zuerst geliebt hat?“
Meine Lieben, heute liegen Lampedusa und Linosa an einem Weg, der so gefährlich ist wie jener, der von Jerusalem nach Jericho hinabführte (vgl. V. 30). Hier habt ihr nicht nur einen, sondern Tausende von Menschen gesehen, die in die Hände von Räubern gefallen sind, welche ihnen alles wegnehmen, sie blutig schlagen, dann verschwinden und sie halbtot liegen lassen (vgl. Lk 10,30). Andere hat das Meer aufgenommen, jene, die es nicht geschafft haben, an das erhoffte Ziel zu gelangen. Doch wir spüren ihre Gegenwart, die uns nicht weniger beschäftigt als die derer, die an Land gekommen sind und unserer Aufmerksamkeit und Hilfe bedürfen. Denn vor allen intellektuellen Überlegungen und ideologischen Überzeugungen ruft die Begegnung mit denen, die ohne alles vor uns liegen, zur Nächstenliebe auf. Der Hebräerbrief sagt uns: »Denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib« (Hebr 13,3). Das ist der Kern des Gleichnisses im Evangelium: Zum Nächsten macht man sich, zum Nächsten wird man (vgl. Lk 10,36–37)!
„Ich bin gekommen, um euch Brüdern und Schwestern auf Lampedusa für die Nähe zu danken, die viele von euch bewusst gepflegt haben“
Ich bin gekommen, um euch Brüdern und Schwestern hier auf Lampedusa für die Nähe zu danken, die viele von euch bewusst gepflegt haben. Und wieder ist das Wunder des Mitgefühls geschehen – »er sah ihn und hatte Mitleid« (V. 33) –: jene innere Revolution, die das „Fühlen“ Gottes in uns zur Entfaltung bringt und unsere Gedanken, unser Herz und unser Leben weitet. Ich danke den Freiwilligen, den im Forum Lampedusa Solidale zusammengeschlossenen Vereinigungen, den zivilen Institutionen, der Küstenwache, den Bürgermeistern und den Verwaltungen, die im Laufe der Zeit aufeinander folgten; ich danke den Diakonen, den Priestern, den Ordensschwestern, den Ärzten, den Psychologen, den Erziehern; ich danke den Sicherheitskräften und all jenen, die sich – mit oder ohne die Gabe des Glaubens – dafür entschieden haben, gemeinsam zu lieben. Ja, denn bei euch hat sich die Liebe organisiert, jene Liebe, bei der das Mitgefühl – das den Bruder im Meer sieht – wie ein erster Schauer ist, wie der tiefe Ruf, das zu wagen, was ihr niemals für möglich gehalten hättet. Ich grüße die Migranten, die hier sind: Sie selbst haben auf ihrem Weg nicht nur Solidarität erlebt, sondern sie oft auch selbst gepflegt, als Arme, die den noch Ärmeren helfen. Danke, Brüder und Schwestern, denn es ist keineswegs selbstverständlich, dass ihr euch dem Nächsten zuwendet – das geschieht nicht automatisch.