vaticannews veröffentlicht den Wortlaut der Predigt, die Papst Leo bei der Gebetsvigil im Olympiastadion in Barcelona gehalten hat. Hier geht´s zum Original: klicken
"Wir dokumentieren die Predigt des Papstes bei der Gebetsvigil im Olympiastadion „Lluís Companys“ in Barcelona an diesem Dienstag im Wortlaut in der offiziellen deutschen Übersetzung"
WORTLAUT DER PREDIGT PAPST LEOS XIV BEI DER GEBETSVIGIL IN BARCELONA
"Wie Nikodemus sind auch wir Pilger in der Nacht. Dieses Bild aus dem Evangelium vermittelt uns vor allem eine Botschaft über den Lebensweg. Unser Weg, unsere Sehnsüchte und all das, was wir täglich erfahren und leben, in den Freuden und Niederlagen, in den Hoffnungen und Plänen, ist Ausdruck unserer ständigen Suche: Wir sind Bettler um Liebe, wir hungern und dürsten nach Wahrheit, wir suchen nach einem umfassenden Sinn, der uns tragen kann, uns ermutigt und uns hilft, das Geheimnis unseres Lebens zu verstehen. Während wir uns mit kleinen Schritten langsam vorantasten, sind wir aufgerufen, uns mit dem Halbschatten unseres eigenen Daseins zu konfrontieren: Uns fehlt die ganze Wahrheit, wir kennen weder das Geheimnis unserer selbst in seiner ganzen Tiefe, noch das wahre Gesicht der anderen. Es gelingt uns nicht immer, die verborgene Wahrheit der uns umgebenden Realität und der Ereignisse, die sich vor unseren Augen abspielen, zu begreifen. Wir suchen nach einem Licht, das uns den Weg erhellt.
Aber Nikodemus spricht auch vom Glaubensweg. Es handelt sich dabei nicht um einen Pfad, der parallel zum menschlichen Dasein verläuft; diese beiden Wege sind stets miteinander verflochten. Wie wir im Evangelium gehört haben, hat Gott die Welt so sehr geliebt, dass er uns seinen einzigen Sohn geschenkt hat und sich in ihm für immer mit unserem Fleisch vereint hat. Der Sohn ist immer vereint mit dem Vater und verbunden mit uns; so leben wir immer, wenn sich das Geheimnis unseres Lebens im Licht eines neuen Tages entfaltet, in allem, was wir sind und tun, in der Gegenwart Gottes und sind in seiner ewigen Umarmung geborgen: Unser Leben »ist mit Christus verborgen in Gott« (Kol 3,3). Und doch erleben wir manchmal die Nacht des Glaubens, die Schwierigkeit zu glauben, die Erschöpfung des Geistes, das Gefühl der Unzulänglichkeit angesichts des Rufes des Evangeliums, die Bitterkeit unserer Misserfolge und die Angst, unfähig zu sein.
Ein Ort des Segens
Brüder und Schwestern, Nikodemus lehrt uns, dass diese Nächte, die unser Leben, unseren Glaubensweg und die Geschichte, in der wir leben, begleiten, ein Ort des Segens sind, ein Raum der Wiedergeburt, ein Schoß, der stets neues Leben hervorbringt. Diese Nächte befreien uns und führen uns zurück zum Wesentlichen; sie nehmen uns die menschlichen und religiösen Masken weg, die wir tagsüber tragen, damit man uns nicht erkennt oder um ein Bild von uns zu vermitteln, das sich von dem unterscheidet, was wir wirklich sind; sie lassen uns entblößt dastehen, mit unseren Licht- und Schattenseiten und führen uns wieder zu der Demut zurück, uns mit Wahrhaftigkeit zu betrachten, jenseits der Anmaßung zu glauben, unser Weg sei bereits vollendet und wir weitergehen könnten, so als würden wir über alles, über alle und sogar über Gott genau Bescheid wissen.
Dieser „leere Raum“, den die Nacht schafft, kann auch unter der Form von Leid oder Unzufriedenheit, Enttäuschung oder Ungläubigkeit eine Gelegenheit sein, ein neues Leben zu empfangen, sich zu ändern und zu erneuern, damit man »von oben geboren wird«, wie Jesus zu Nikodemus sagt. Gott ist ja nicht gekommen, um die Welt mit ihrer Sünde und der Nacht ihrer Untreue zu richten, sondern er hat seinen Sohn gesandt, um sie zu retten, um der Welt das ewige Leben zu schenken.
Deshalb sind auch wir dazu aufgerufen, die „Nächte“ nicht zu verurteilen; weder die Nächte unseres Lebens, noch die der Kirche, noch die der uns umgebenden Gesellschaft. In der Nacht müssen wir uns stattdessen wie Nikodemus auf den Weg machen, weiterhin den Herrn befragen und uns dem Wehen des Heiligen Geistes öffnen, um die Nacht nicht mehr als Zeichen des Scheiterns, sondern als Beginn eines neuen Lebens anzunehmen.
Welche Nächte durchleben wir gerade?
Und wenn wir an unseren persönlichen Weg denken, aber auch an die Nächte unseres Weges als Kirche und an Spanien, seine Städte, seine alte und neue Armut, seine Gesellschaft und Kultur, können wir uns fragen: Welche Nächte durchleben wir gerade? Was wollen sie uns sagen? Wenn wir uns auf sie einlassen und mit Demut und ohne Vorurteile die Realität dessen betrachten, was wir sind: zu welchen Änderungen sind wir aufgerufen? Wo müssen wir uns erneuern, in welche Richtung wollen wir gehen, welche Gesellschaft wollen wir aufbauen?
Hören wir nicht auf zu suchen, uns Fragen zu stellen und im Dialog zu bleiben – mit Gott und untereinander –, auch inmitten der Nacht. Lasst uns gemeinsam in dem Glauben vorangehen, der die Vielfalt unserer Ideen und Empfindungen in Einklang bringt, um die Wahrheit zu suchen, die uns zum Gemeinwohl führt, damit dieses Land ein einladender Ort für alle wird, in dem jeder in seiner Würde als Mensch geachtet und so geliebt wird, wie er ist. Öffnen wir uns für die Gabe des Heiligen Geistes, suchen wir den Herrn wie Nikodemus und nehmen wir das Licht seines Evangeliums auf, in der Gewissheit, dass wir selbst ein neues Leben erfahren werden, eine segensreiche Gegenwart, eine selbstlose Liebe, die uns helfen wird, von der Nacht ins Licht zu gelangen. Denn Gott will, dass nichts verloren geht, und schon jetzt möchte er uns das ewige Leben schenken, um uns zu der Freude zu führen, die kein Ende hat:
Möge der Herr uns auf die Fürsprache der Jungfrau Maria hin gewähren, dass wir uns ihm öffnen und uns vom Wind seines Geistes aufrütteln lassen."
Quelle: vaticannews