Freitag, 25. September 2026
Die Predigt bei der Vesper in Notre Dame
veröffentlicht bei vaticannews
Liebe Brüder und Schwestern,
das Abendgebet versammelt uns an diesem Ort, der Paris seit Jahrhunderten mehr als jeder andere dazu einlädt, den Blick zum Himmel zu erheben. Sieben Jahre sind vergangen, seit die ganze Welt mit angehaltenem Atem miterlebte, wie die Kathedrale in Flammen stand. Auch damals hatten wir den Blick erhoben, bestürzt und im Bewusstsein der menschlichen Ohnmacht angesichts dieses unfassbaren Ereignisses. Diesen Schmerz empfanden nicht nur die Katholiken, nicht nur gläubige Menschen. In dieser dramatischen Stunde wurde uns bewusst, dass Notre-Dame mehr ist als nur ein Denkmal. Die gemeinsame Beteiligung am Wiederaufbau wie nun auch dieses prachtvolle Ergebnis zeigen, dass an diesem Ort das Herz eines Volkes schlägt, dass wir uns im Herzen einer Gesellschaft befinden, dass Vergangenheit und Zukunft einander umarmen, dass Himmel und Erde sich begegnen.
Es war mein Wunsch, dass die Begegnung mit euch an diesem für die Kirche in Frankreich so bedeutsamen Ort stattfindet. Es war mir eine Freude, als ich vorhin die Schwelle überschritten habe, so wie es täglich Tausende von Brüdern und Schwestern tun, die aus aller Welt hierherkommen. Gleich schon beim Betreten dieses Raumes begegnen wir einer Schönheit, die zu unserem unruhigen Herzen spricht und es zum Frieden ruft. Mit der Rückgabe dieses Ortes an die gesamte Menschheit wurde deutlich, wie jeder Besucher durch das, was er sieht, hört und empfindet, neue Kraft schöpfen kann. Die an der Restaurierung von Notre-Dame beteiligten öffentlichen, kirchlichen und privaten Institutionen haben so durch ihren jeweiligen Beitrag daran mitgewirkt, die kulturellen, existenziellen und spirituellen Dimensionen der Kathedrale neu zu erschließen. Die Kirche sah dabei ihre Aufgabe nicht nur in der Bewahrung, sondern auch in der Kreativität, und ließ die Tradition mit dem Mut derer lebendig werden, die Glauben haben und Hoffnung. Dafür möchte ich dem Erzbischof, seinen Mitarbeitern und der Diözesangemeinschaft von Paris danken, die zudem einen pastoralen Weg der Erstverkündigung und christlichen Initiation konzipiert haben, der allen zugänglich ist. Das Taufbecken, das sich als Segen und Einladung im Eingangsbereich befindet, ist ein Zeichen dafür.
Der Wiederaufbau der Kathedrale war der Anlass für eine Begegnung, die die Räume der Gastfreundschaft und Teilhabe über die Grenzen der kirchlichen Zugehörigkeit hinaus erweitert hat. Liebe Bischöfe, Priester, Diakone, Ordensleute und Seminaristen Frankreichs: Lasst euch von dem inspirieren, was hier geschehen ist! Stellt allem die Freude des Evangeliums (Evangelii gaudium) voran, d. h. jene missionarische Umkehr, die Papst Franziskus von seinem ersten Apostolischen Schreiben an bezeugt hat.
Im Galaterbrief haben wir gehört, warum wir keine Angst haben müssen: „Gott sandte seinen Sohn“ (vgl. Gal 4,4). Er hat ihn zu uns, in unsere Welt gesandt! Im paulinischen Text beschreibt das Verb ein reales, historisches Ereignis und nicht etwas Unwirkliches. Christen weichen der Komplexität nicht aus, denn Gott selbst hat sie berufen, seinem Sohn in eine Welt zu folgen, die bereits bewohnt ist, bereits in Bewegung ist, bereits geprägt ist vom Elend und von der Güte der Menschen. Der Kreuzweg offenbart zwar die Finsternis, die die Welt durchzieht, aber noch radikaler die Liebe Gottes, die über den Tod triumphiert.
Der kreuzförmige Grundriss der Kathedrale, in der Stein und Licht sich vereinen, erinnert an die Begegnung zwischen Erde und Himmel. Er nimmt die Ereignisse der Geschichte, die von menschlichen Freuden und Leiden durchwirkt ist, auf und ordnet sie. Er hält sie in einer symbolischen Dynamik zusammen, die aus verschiedenen Ausdrucksformen eine lebendige Sprache schafft, indem sie diese zu einer Einheit verbindet.
Liebe Freunde, aus der Menschwerdung – „Gott sandte seinen Sohn“ – ergibt sich die Identität der Kirche, die dazu berufen ist, stets „hinauszugehen“. Als Jünger Christi wisst ihr wohl, dass die christliche Gemeinschaft kein abgeschlossener Bereich ist, in den man sich zurückzieht, um sich vor der eigenen Zeit zu schützen. Im Gegenteil, sie möchte nach dem Vorbild der alten Kathedralen ein Ort sein, an dem alle Annahme, Respekt, Offenbarung und Sinn zuteilwird. Darin liegt die Kraft einer lebendigen Kirche: im Annehmen der Ränder, die sich bereits in ihrem Herzen befinden, der Fernen, die in Wirklichkeit schon nah sind, der Fremden, in denen Christus bereits an die Tür klopft.
Wenn Notre-Dame das Zeichen dieser Begegnung im Herzen von Paris ist, dann werden erst recht die anderen Städte und Regionen Frankreichs – selbst die entlegensten und ländlichsten – durch eine einfache und wohlwollende Sendung verwandelt werden, die auch dazu beiträgt, kulturelle Unterschiede zu überbrücken und die Wunden in unseren Gesellschaften zu heilen. Seid eine lebendige, facettenreiche und nahbare Kirche – von den Küsten des Nordens bis zum Mittelmeer, vom Landesinneren bis zu den Übersee-Departements. Das Fehlen materieller Mittel steht der Mission nicht im Wege, denn es ist die Gnade Gottes, die die innere Freiheit und die Einfachheit des Lebens fördert, so, dass sie den Stil des Evangeliums widerspiegeln. Setzt dabei voll Vertrauen auf die Sendung der Laien, die der lebendige Vorposten der Kirche an den Schnittstellen des Alltags sind.
Andererseits, liebe Brüder und Schwestern, dürfen wir nicht vergessen, dass der Zweck, zu dem dieses Gotteshaus – wie alle anderen Kirchen auch – errichtet wurde, das Gebet und der Lobpreis Gottes ist. Es ist der Ort, an dem die christliche Gemeinde die höchste Form des Gebets und des Lobpreises feiert, indem sie in der Eucharistie das Erlösungsopfer Christi erneuert. Die Kathedrale ist keine bewundernswerte Hülle aus Stein. Sie lebt in dem heiligen Geheimnis, das dort gefeiert wird. Ohne die Liturgie würde sie ihre Seele verlieren. Hier in Notre-Dame wird diese Wahrheit durch die Position des Altars in der Mitte des Raumes deutlich. So befindet sich die Gemeinde, die den Herrn preist, in der Mitte des Gebäudes, und die Besucher gehen, auch während der Feiern, um sie herum und beobachten sie. Die Kirche erscheint hier als das, was sie ist: ein lebendiger Organismus, eine gläubige Gemeinschaft, die im Lobpreis alles vereint, was ihr Kultur und Tradition überliefern. Sie ist ein Leib, der gerade mit dieser Feier einem jeden den Grund seines Daseins erschließt.
Heute leben wir mehr denn je in einer Zeit, der es an Fülle, Tiefe und Verheißungen zu mangeln scheint. Die edle Einfachheit des Gesangs, des Wortes und der liturgischen Gesten kann für viele ein Hoffnungsschimmer sein, eine Oase des Friedens in einer hypervernetzten und lauten Gesellschaft, in der man die Gegenwart des Urhebers der größten Liebe erfahren kann: »Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn« (Gal 4,4). Die Feier des liturgischen Jahres, der Sonntage und Festtage, macht uns auch zu Zeitgenossen Christi, die aufmerksam die verschiedenen Momente seines Lebens betrachten, das er dem Vater für die Welt hingegeben hat. Auf diese Weise werden wir auch sensibler und offener für die Zeichen der Zeit. Denn das gemeinschaftliche Hören auf die Heilige Schrift und das Gebet befähigen uns dazu, die geschichtlichen Ereignisse im Lichte Gottes zu sehen, indem sie uns unsere Verantwortung bewusster werden lassen; ungerechte Machtverhältnisse zu entlarven und die zarten Sprosse der Gerechtigkeit und des Friedens zu behüten. Es ist also die Hoffnung, die uns bewegt, und nicht die Resignation. Und daraus entstehen Bande größerer Geschwisterlichkeit, Netzwerke der Solidarität, die Frucht der gemeinschaftlichen Teilhabe am einzigen Opfer Christi sind.
An euch, die ihr täglich die Eucharistie feiert, richte ich die Bitte, darauf zu achten, dass die liturgischen Feiern stets in Würde und gebührender Weise begangen werden, auch dort, wo sich kleinere Gemeinschaften versammeln. Seid die bewussten Erben der Kirchenväter und Heiligen, die uns im Laufe der Jahrhunderte die tiefe Bedeutung und die Schönheit der Liturgie überliefert haben und dabei stets große Demut gegenüber dem gefeierten Geheimnis bezeugten. Das Zweite Vatikanische Konzil, dessen Reichtum Frankreich viel zu verdanken hat, hat dieses Erbe in herausragender Weise aufgegriffen und vertieft und dabei seine zentrale Rolle im kirchlichen Leben anerkannt (vgl. Sacrosanctum Concilium, 10). Daher ermahne ich euch alle, Bischöfe, Priester, Diakone und Ordensleute, eine echte Liebe zur Liturgie zu pflegen und Zeugen und Diener der prophetischen, priesterlichen und königlichen Berufung des ganzen Volkes Gottes zu sein.
Die Liturgie bleibt in dieser Hinsicht ein Spiegelbild des Lebens. Die eucharistische Freude setzt sich durch und breitet sich dort aus, wo man wieder zur Eintracht findet, wo die Würde wieder hergestellt wird, wo Autorität zum Dienst wird, wo die Freiheit wieder in Gang kommt. Das ist das größte Geschenk, das wir miteinander teilen können. Stellt also die Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri und mit der Kirche über eure persönlichen Befindlichkeiten, um die Einheit des Volkes Gottes zu pflegen. Gemeinsam werden wir ein prophetisches Zeichen dafür sein, dass eine versöhnte Welt möglich ist.
Liebe Bischöfe, Priester, Seminaristen und Ordensleute, die ihr berufen seid, Christus nachzufolgen, ich danke euch für eure Antwort und eure Treue zum Herrn. Vernachlässigt niemals diese vom Herrn gewollte Freundschaft, die im persönlichen Gebet, dem wesentlichen Fundament jeder Berufung, gepflegt werden muss. Wie Madeleine Delbrêl sagte: »Ohne das Gebet würden wir den Gott der Liebe nicht lieben. Wir wären vielleicht seine Diener, seine Kämpfer, ja sogar seine Jünger; aber wir wären weder die liebenden Kinder unseres Vaters noch die Freunde […] Jesu Christi« (Notre vie, Band XV. der Œuvres complètes, Nouvelle Cité 2017, S. 41). Pflegt also euer inneres Leben mit dem Herrn in der Schule der vielen Heiligen, die euch vorausgegangen sind, und schöpft dabei im stillen Gebet stets aus der Quelle der unendlichen Liebe Gottes. Eure Mission entspringt vor allem dieser innigen Beziehung zum Herrn, der dort auf euch wartet.
Im Herzen der Stadt ist die offene Kathedrale das Zeichen einer Gemeinschaft, die den Herrn preist und Gastfreundschaft nicht als gelegentliche Geste, sondern ihre Lebensform versteht, damit sich alle zu Hause fühlen können und in einer Welt im Wandel nicht länger unterdrückt oder an den Rand gedrängt werden. »Gott sandte seinen Sohn, geboren von einer Frau […] damit wir die Sohnschaft erlangen« (Gal 4,4-5). Und »bist du aber Sohn, dann auch Erbe« (Gal 4,7). Erben aus Gnade, liebe hier versammelte Brüder und Schwestern. Nun liegt es an einem jedem von euch, an dieser betenden und lebendigen Gemeinde, dieser Verheißung eine konkrete Gestalt und Stimme zu verleihen.
Liebe Hirten und Ordensleute Frankreichs, ihr seid berufen, die ersten Hüter dieses offenen Hauses zu sein, lebendige Steine einer Kirche, die hofft und die Zukunft nicht fürchtet. Diese Kathedrale ist wiedergeboren, damit ihr im Elan der Heiligkeit und eurer täglichen Mission mit ihr wiedergeboren werden könnt. Seid inmitten eures Volkes ein klarer Ausdruck der göttlichen Mutterschaft der Kirche Gottes, die durch das Zeugnis der Liebe Gottes die Menschheitsfamilie wiederaufbaut und heilt.
Erheben wir unseren Blick zur Statue der Jungfrau mit dem Kind aus dem 14. Jahrhundert, die vom Feuer verschont geblieben ist und nun erneut vor uns erstrahlt. Maria, die das Wort in ihrem Schoß bewahrt hat, bewahre euch in der Treue. Sie sei der Stern, der das Wirken der Kirche in Frankreich leitet. Heilige Maria, Unsere Liebe Frau von Paris und Mutter der Kirche, bitte für das französische Volk, stehe seinen Hirten bei und gehe stets an unserer Seite."
Quelle: vaticannews
Die Ansprache des Hl. Vaters im Wortlaut
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Herr Präsident,
verehrte Autoritäten und Mitglieder des Diplomatischen Korps,
meine Damen und Herren,
es ist mir eine große Freude, heute unter Ihnen zu sein. Ich bin Ihnen, Herr Präsident, insbesondere dankbar für die herzliche Einladung zu diesem Besuch in Frankreich und ich danke Ihnen für die Begrüßungsworte, die Sie soeben an mich gerichtet haben. Mit Ihnen grüße ich auch alle, die in diesem Land mit seinem reichen kulturellen und religiösen Erbe leben. Gemeinsam bilden sie ein Volk, in dem die Vielfalt der Herkünfte dazu beiträgt, das Zusammenleben und die Demokratie zu beleben und zu bereichern. Ich möchte Ihnen, Herr Präsident, meine Damen und Herren, ebenfalls versichern, dass Frankreich im Gebet des Papstes, der seine familiären Wurzeln in der Normandie und im Béarn nicht vergisst, sehr oft einen zentralen Platz einnimmt.
Kultureller, künstlerischer und geistiger Leuchtturm
Meine Reise nach Frankreich beginnt in der Hauptstadt Ihres Landes, Paris, die oft als die Ville lumière bezeichnet wird. Seit Jahrhunderten erstrahlt Frankreich als kultureller, künstlerischer und geistiger Leuchtturm, nicht nur in Europa, sondern weltweit. Mit seinen Kathedralschulen, Universitäten und Akademien – wichtigen Stätten der Wahrheitssuche – hat Frankreich stark dazu beigetragen, die Geistesbildung der Völker weit über seine Grenzen hinaus zu prägen. Die Geistesgröße außergewöhnlicher französischer Persönlichkeiten, die zugleich große Katholiken waren, macht deutlich, welche Bedeutung die Wissenschaften, die Künste, die Literatur und die Philosophie für das Wohl der Menschheit haben können, sofern sie auf die Suche nach dem Schönen, dem Guten und dem Wahren ausgerichtet sind, damit die Welt das Leben hat.
Das französische savoir-faire steht in vielen Bereichen für Exzellenz. Dies hat sich insbesondere bei den umfangreichen Restaurierungsarbeiten an der Kathedrale Notre-Dame de Paris auf bemerkenswerte Weise gezeigt, an denen von Beginn an zahlreiche private wie auch öffentliche Institutionen beteiligt waren und denen Sie, Herr Präsident, besondere Aufmerksamkeit geschenkt haben, wofür ich Ihnen danke. Mit Dankbarkeit grüße ich alle Handwerker und Gewerke, die daran mitgewirkt haben. Die kürzlich erfolgte Wiedereröffnung der Kathedrale für den Gottesdienst wie auch für die Besucher aus aller Welt ist nicht nur die Krönung einer technischen Leistung, sondern auch ein Sinnbild für eine wiedergewonnene Hoffnung, der Beweis dafür, dass das, was man für immer zerstört glaubte, dank der Zusammenarbeit aller wiedererstehen kann, und ein Zeugnis für die Einheit, die durch das gemeinsame Streben entstanden ist. Eine so großartige Leistung dürfte alle Akteure des politischen, gesellschaftlichen und religiösen Lebens des Landes neu anspornen, in einem Geist der Einheit und mit der Kraft einer lebendigen Hoffnung unermüdlich weiterzumachen.
Tiefe christliche Wurzeln
Frankreich ist auch ein Land mit tiefen christlichen Wurzeln. Seit dem heiligen Irenäus und der Taufe Chlodwigs hat sich die Seele Ihres Vaterlandes entfaltet, indem sie aus dem Christentum eine spirituelle, kulturelle, intellektuelle, künstlerische und missionarische Kraft schöpfte, die heute in der ganzen Welt ihren Widerschein findet. So blühte im Frankreich des 16. Jahrhunderts der Humanismus auf, der versuchte, das griechisch-römische Erbe und den christlichen Glauben zu verbinden. Auf die berühmten Denker der Renaissance und später des Grand Siècle folgten jene der Aufklärung, und Frankreich bescherte der Welt damals wahre Errungenschaften; darunter die Anerkennung der Menschenrechte, die in der Natur des Menschen verankert sind, insbesondere die Religionsfreiheit. Diese beständige Achtung der jedem Menschen innewohnenden Würde findet ihren Widerhall in Ihrem nationalen Wahlspruch. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind nicht bloß Worte, die auf den Giebeln Ihrer öffentlichen Gebäude zu lesen sind, sondern verweisen auf allgemeine ethische Ansprüche, die auch in der Botschaft des Evangeliums eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration und Erfüllung finden.
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die in dieser Stadt Paris verkündet wurde – und an deren Ausarbeitung der französische Jurist und Friedensnobelpreisträger René Cassin maßgeblich beteiligt war –, hatte zum Ziel, ein allgemeines Bewusstsein für die unveräußerliche Würde des Menschen zu schaffen. Der heilige Johannes Paul II., der dieses Dokument als »wahren Meilenstein auf dem Weg des moralischen Fortschritts der Menschheit« ansah, war sich bewusst, dass »jede Bedrohung der Menschenrechte, sei es im Bereich der materiellen, sei es im Bereich der geistigen Werte, gleich gefährlich für den Frieden ist, weil dieser sich immer auf den Menschen in seiner Ganzheit bezieht«.
Donnerstag, 24. September 2026
Amoris Laetitia & die Folgen...
Roberto de Mattei kommentiert bei Corrispondenza Romana das geplante Treffen der Oberhäupter der Katholischen Ostkirchen und der Vorsitzenden der Bischofskonferenzen mit Papst Leo im Vatikan. Hier geht´s zum Original: klicken
"DIE HÖCHSTEN BESTIMMUNGEN DES MENSCHEN"
Das angekündigte Treffen zwischen Papst Leo XIV., den Oberhäuptern der katholischen Ostkirchen sui iuris und den Präsidenten der Bischofskonferenzen findet vom 7. bis 14. Oktober 2026 im Vatikan statt. Die Veranstaltung wurde mit der Absicht konzipiert , „durch gegenseitiges Zuhören zu einer synodalen Entscheidung über die notwendigen Schritte zu gelangen, um das Evangelium heute den Familien im Lichte von Amoris Laetitia zu verkünden und dabei die Errungenschaften der Ortskirchen zu berücksichtigen .“
Zur Vorbereitung der Arbeit der Versammlung veröffentlichte das Generalsekretariat der Bischofssynode und des Dikasteriums für Laien, Familie und Leben am 6. Juli einen thematischen Leitfaden , der an die Ortskirchen versandt wurde. Der vierte Punkt des Textes mit dem Titel „ In den Schwierigkeiten des Lebens: Begleiten und Unterstützen. Familien in komplexen Situationen begleiten “ greift mit folgenden Worten das zentrale Thema des achten Kapitels des nachsynodalen Schreibens Amoris Laetitia auf : „ Welche Schritte wurden unternommen, um Menschen in schwierigen oder prekären Lebenslagen zu unterstützen? Welche Widerstände treten auf? Wie können wir christliche Gemeinschaften aufbauen, in denen sich Menschen, die Leid, Verlassenheit, Trennung und Scheidung erfahren haben, wirklich gehört, einbezogen und mitverantwortlich fühlen? Welche konkreten Erfahrungen zeigen schon heute das Antlitz einer Kirche, die zunehmend fähig ist zu Nähe, Unterscheidungsvermögen, Begleitung und Wertschätzung und die Einzelpersonen und Familien hilft, Vertrauen wiederzuentdecken, sich als Teil der Gemeinschaft zu erkennen und Gottes Barmherzigkeit zu erfahren? “
Gemäß dem Schreiben Amoris Laetitia vom 19. März 2016 muss die Kirche angesichts des Leids derer, deren Ehe gescheitert ist, seelsorgerisch tätig werden und sich als einladende und barmherzige Heimat erweisen. Doch wie weit kann diese Akzeptanz reichen? Ist es möglich, Menschen, die sich dauerhaft in einer objektiv schweren Sünde befinden, wie etwa Geschiedene und Wiederverheiratete, zu den Sakramenten zuzulassen, ohne gegen das natürliche und göttliche Recht zu verstoßen?
Amoris laetitia scheint diese Frage positiv zu beantworten, wenn es in Nr. 301 feststellt: „ Es ist nicht mehr möglich zu sagen, dass alle, die sich in einer sogenannten ‚irregulären‘ Situation befinden, im Zustand der Todsünde leben und der heiligmachenden Gnade beraubt sind .“ In Nr. 305 heißt es weiter: „ Aufgrund bedingter oder mildernder Umstände ist es möglich, dass man innerhalb einer objektiven Situation der Sünde – die subjektiv nicht oder nicht vollständig schuldig ist – in Gottes Gnade leben, lieben und sogar im Leben der Gnade und Liebe wachsen kann, indem man die Hilfe der Kirche zu diesem Zweck in Anspruch nimmt .“
Es stimmt, dass die katholische Moraltheologie stets zwischen der objektiven Schwere einer Tat und der vollen subjektiven Verantwortung des Täters unterschieden hat. Unwissenheit, Angst, Gewalt, tief verwurzelte Gewohnheiten und andere prägende Faktoren können die persönliche Verantwortung mindern. Doch das Problem, das Amoris Laetitia aufwirft , betrifft nicht allein das Urteil des individuellen Gewissens, das letztlich Gott obliegt. Es geht vielmehr um die Möglichkeit, die kluge Beurteilung eines Beichtvaters in eine kirchliche Praxis umzuwandeln, die jenen den Zugang zur Eucharistie ermöglicht, die öffentlich weiterhin in einem Zustand leben, der einem göttlichen Gebot widerspricht, ohne die Absicht zu haben, dieses aufzugeben.
Aus diesem Grund stellten vier Kardinäle – Raymond Leo Burke, Walter Brandmüller, Carlo Caffarra und Joachim Meisner – Papst Franziskus im Jahr 2016 fünf Dubia (Fragen) , in denen sie unter anderem fragten, ob es nach Amoris laetitia Nr. 301 noch möglich sei, zu behaupten, dass „ eine Person, die gewohnheitsmäßig im Widerspruch zu einem Gebot des Gesetzes Gottes lebt, wie etwa dem Verbot des Ehebruchs (vgl. Mt 19,3–9), sich objektiv in einer Situation schwerer gewohnheitsmäßiger Sünde befindet “. Weder diese Frage noch die anderen von den Kardinälen formulierten Dubia wurden jemals beantwortet.
Mittwoch, 23. September 2026
Audienz
Papst Leo XIV hat heute den sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer in Audienz empfangen.
Die Katechese
Vaticannews veröffentlicht den Wortlaut der Katechese des Hl. Vaters bei der heutigen Generalaudienz.
Hier geht´s zum Original: klicken
Liebe Brüder und Schwestern, guten Morgen und herzlich Willkommen!
Wenn wir unseren Weg durch die Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“ des Zweiten Vatikanischen Konzils fortsetzen, gelangen wir zum dritten Kapitel des ersten Teils, das einen ansprechenden Titel trägt: „das Menschliche Schaffen in der Welt“. Die grundlegende Frage lautet wie folgt: Welchen Wert hat das menschliche Handeln in der Welt und damit der technische, gesellschaftliche und wissenschaftliche Fortschritt? Wir können uns daran erinnern, dass weniger als vier Jahre nach Abschluss des Konzils, in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli 1969, der Mensch zum ersten Mal den Mond betrat.
Dienstag, 22. September 2026
Was der Apostolische Nuntius in Frankreich ankündigt...
Vaticannews berichtet über die Pläne des Hl. VAters, während seiner Frankreichreise, Katechumenen und Neugetaufte zu treffen. Hier geht´s zum Original: klicken
Unter dem Titel:
"FRANKREICH: DIE WACHSENDE NACHFRAGE NACH ERWACHSENENTAUFEN WECKT DAS INTERESSE DES PAPSTES"
beginnt der Artikel so - ZITAT
Immer mehr Erwachsene in Frankreich interessieren sich für die Taufe und den christlichen Glauben. Diese Entwicklung habe bei Papst Leo XIV. großes Interesse geweckt, berichtet der Apostolische Nuntius in Frankreich, Erzbischof Celestino Migliore. Bei seiner bevorstehenden Frankreichreise will der Papst deshalb besonders Katechumenen und Neugetauften begegnen.
Die wachsende Zahl junger Menschen und Erwachsener, die in Frankreich den Weg zum christlichen Glauben suchen, wird auch bei der bevorstehenden Reise von Papst Leo XIV. eine Rolle spielen. Der Papst wolle die französischen Christen in ihrem Glauben bestärken und dabei insbesondere Menschen begegnen, die sich auf die Taufe vorbereiten oder erst vor kurzem getauft wurden. Das sagte der Apostolische Nuntius in Frankreich, Erzbischof Celestino Migliore, im Gespräch mit der italienischen Nachrichtenagentur SIR. Die steigende Nachfrage nach der Erwachsenentaufe habe bei Leo XIV. „großes Interesse, Bewunderung und Ermutigung“ hervorgerufen." (...)
Quelle: sir, vaticannews
Montag, 21. September 2026
Heute vor 350 Jahren,
am 21. September 1676 wurde Kardinal Benedetto Odesccalchi zum Papst gewählt. Unter dem Namen Innozenz XI wurde er ein bedeutender Pontifex. Nicola Scapin berichtet bei OnePeterFive über sein Wirken. Hier geht´s zum Original: klicken
Die feierliche Krönung am 4. Oktober im Petersdom war ein Moment außergewöhnlicher musikalischer Pracht. Wie Stefano Gizzi anmerkt, erklang während des Fußkusses und der Schlüsselübergabe die majestätische Motette „ Tu es Petrus“ , vermutlich von Giovanni Pierluigi da Palestrina (†1594), durch den Dom. Den musikalischen Höhepunkt der Feier bildete die Motette „ In Diademate Capitis Aaron“ von Felice Anerio (†1614) während des Offertoriums , während der abschließende Segen von der Loggia aus durch Palestrinas fünfstimmige Polyphonie „ Corona aurea super caput ejus“ geweiht wurde.
Das Pontifikat Innozenz’ XI., das über zwölf Jahre währte, hinterließ einen unauslöschlichen Eindruck in der Kirche. Drei Jahrhunderte später, im Jahr 1956, feierte Papst Pius XII. (†1958) die Seligsprechung des in Como geborenen Papstes und hob in einer leidenschaftlichen Radioansprache aus Castel Gandolfo hervor, wie „die Heiligkeit Innozenz’ XI. unmittelbar nach seinem Tod nicht nur von den katholischen Gläubigen, sondern auch von vielen Nichtkatholiken verkündet wurde.“
Trotz dieses sofortigen Rufs der Heiligkeit verzögerten andere Erwägungen seinen Weg zum Altar, die erst durch sorgfältige historische Forschung endgültig geklärt wurden.
Pius XII. hob die Tugenden hervor, die Odescalchi auszeichneten : Demut, Askese und Hingabe an die Armen. „Er lebte in Einfachheit, fernab jeglichen Luxus, und in seiner Demut suchte er nie im Mittelpunkt zu stehen“, bemerkte der Papst. „Er liebte die Armen und half ihnen mit väterlicher Zärtlichkeit und schonte weder seine Kraft noch seinen Besitz.“
Neben seiner persönlichen Askese war Innozenz XI. ein unermüdlicher Reformer. Er arbeitete daran, die Römische Kurie effizienter und nüchterner zu gestalten, bekämpfte Vetternwirtschaft und ernannte Bischöfe von vorbildlicher Tugend. Pius XII. erinnerte sich an ihn als einen Papst, der „die Würde und Effizienz der Römischen Kurie wiederherstellen wollte, Vetternwirtschaft bekämpfte und würdige und vorbildliche Bischöfe auswählte“
.Seine Entschlossenheit zeigte sich auch im Umgang mit politischen Mächten, insbesondere mit Ludwig XIV. (†1715) von Frankreich. Innozenz XI. widersetzte sich mutig den Ansprüchen des Absolutismus: „Er wehrte sich entschieden gegen die Anmaßungen absoluter Macht, nicht aus Rebellion, sondern aus Treue zum von Christus empfangenen Auftrag.“
Welche Normalität?
In seiner heutigen Kolumne für Monday at the Vatican stellt A.Gagliarducci sich die Frage, welche Normalität Papst Leo XIV anstrebt. Hier geht´s zum Original: klicken
"LEO XIV, WELCHE NORMALITÄT?"
Die Nachricht, daß Leo XIV beschlossen hat, die von Papst Franziskus angeordnete Gehaltskürzung für die Kardinäle zurückzunehmen, hat eine größere symbolische Wirkung erzielt, als man annehmen konnte.
Während der Covid-19-Pandemie und der Wirtschaftskrise hat Papst Franziskus die Gehälter der Kardinäle, den sog. Kardinalsteller- gekürzt und das hat Schlagzeilen gemacht.
Leo XIV bringt die Normalität zurück und das kann in der Diskussion nur zu zwei Rückschlüssen führen, entweder hat der Papst die Dinge zur Normalität zurückgebracht, nachdem die Krisensituation zu Ende ist, oder er widerruft das vorangegangene Pontifikat und stellt die Privilegien der Kardinäle wieder her.
Diese beiden Interpretationen erklären jedoch wahrscheinlich nicht ganz, was heute passiert.
Leo XIV ist kein Mann radikaler Veränderungen und er will sich sicher nicht als der PApst positionieren, der die Kontinuität zu seinen Vorgängern, insbesondere seinem unmittelbaren Vorgänger, Franziskus, unterbrochen hat.
Aber er zeigt als ein Papst mit eigenem Pragmatismus, der es ihm erlaubt, bestimmte Maßnahmen "anzupassen".
Franziskus hat tatsächlich nicht nur die Gehälter der Kardinäle gekürzt. Er ordnete zudem an, dass alle für die ihnen aufgrund ihres Amtes zugewiesenen Wohnungen eine marktübliche Miete zahlen müssen – womit er unmissverständlich signalisierte, dass er den Kardinälen ihre Privilegien entziehen und – auch in ihren Lebensumständen – nah bei den Menschen bleiben wollte.
Obwohl diese Entscheidungen ein erhebliches Medienecho hervorriefen, offenbarten sie auch die Tendenz, die Führungskräfte der Kirche zu Sündenböcken für alle Übel zu machen.
Das vatikanische System wurde nämlich nicht geschaffen, um Einzelne zu bereichern oder Privilegien zu verteilen. Vielmehr sollte es allen, die im Vatikan arbeiten, ein würdevolles Leben ermöglichen. Die Gehälter im Vatikan sind nicht besonders hoch; das gilt auch für die Bezüge der Kardinäle.