Vaticannews veröffentlicht den Wortlaut der Rede, die Papst Leo XIV heute Nachmittag in der Katholischen Universität von Zentralafrika in Yaoundé gehalten hat. Hier geht´s zum Original: klicken
"WORTLAUT: PAPST LEO XIV IN DER KATHOLISCHEN UNIVERSITÄT IN KAMERUN"
die sechste Ansprache des Kamerun-Besuchs der Afrikareise von Papst Leo XIV.. Er hielt sie diesen Freitagabend (17.4.2026) beim Besuch der Katholischen Universität Zentralafrikas in Kameruns Hauptstadt Yaoundé. Wir dokumentieren die Rede in vollen Wortlaut und offizieller Übersetzung auf Deutsch.
Herr Großkanzler, liebe Mitbrüder im Bischofsamt,
Herr Rektor, verehrte Mitglieder des Lehrkörpers,
liebe Studentinnen und Studenten,
sehr geehrte Autoritäten,
meine Damen und Herren!
Es ist mir eine große Freude, euch in dieser Katholischen Universität Zentralafrikas zu begegnen, an diesem Ort der Exzellenz für die Forschung, die Wissensvermittlung und die Bildung vieler junger Menschen. Den akademischen Verantwortlichen spreche ich meinen Dank für ihren herzlichen Empfang und für ihr unermüdliches Engagement im Dienst der Bildung aus. Dass diese Einrichtung, die 1989 von der Vereinigung der Bischofskonferenzen Zentralafrikas gegründet wurde, zu einem Leuchtturm geworden ist, welcher der Kirche und Afrika bei ihrer Suche nach der Wahrheit und bei der Förderung von Gerechtigkeit und Solidarität zugutekommt, ist ein Grund zur Hoffnung.
Heute ist es mehr denn je nötig, dass die Universitäten – und erst recht die katholischen Hochschulen – zu echten Lebens- und Forschungsgemeinschaften werden, die die Studenten und Dozenten in eine Gemeinschaft des Wissens einführen, die dazu dient »gemeinsam die Erfahrung der Freude der Wahrheit zu machen und ihre Bedeutung sowie die praktischen Auswirkungen gründlich zu untersuchen. Das, was das Evangelium und die Lehre der Kirche heute fördern sollen – und zwar in großzügiger und offener Synergie mit allen positiven Instanzen, die das Wachstum eines universalen menschlichen Bewusstseins nähren –, ist eine wahre Kultur der Begegnung, ja eine Kultur der Begegnung zwischen allen echten und vitalen Kulturen dank einem gegenseitigen Austausch der je eigenen Gaben in jenem lichtvollen Raum, den die Liebe Gottes allen seinen Geschöpfen eröffnet. Wie Papst Benedikt XVI. betont hat, ist die Wahrheit […] „lógos“, der „diá-logos“ schafft und damit Austausch und Gemeinschaft bewirkt« (Franziskus, Apostolische Konstitution Veritatis gaudium, 4b).
„Während nämlich viele Menschen weltweit ihre spirituellen und ethischen Orientierungspunkte zu verlieren scheinen und in Individualismus, Äußerlichkeiten und Heuchelei ihre Freiheit verlieren, ist die Universität par excellence ein Ort der Freundschaft und der Zusammenarbeit, der Innerlichkeit und der Reflexion“
In ihren Anfängen im Mittelalter gaben ihr ihre Gründer als Ziel die Wahrheit vor. Auch heute sind Dozenten und Studenten aufgerufen, sich die gemeinsame Suche nach der Wahrheit als Ziel und zugleich als Lebensstil vorzunehmen, da, wie der heilige John Henry Newman schrieb, »sich in Gott alle wahren Grundsätze erfüllen, alle Phänomene konvergieren nach ihm hin « (vgl. Hl. J.H. Newman, The Idea of a University, II, 3).
Andererseits ist das, was Newman kindly light nannte, also »das Licht des Glaubens, da es ja mit der Wahrheit der Liebe vereint ist, nicht etwa fern von der materiellen Welt, denn die Liebe wird immer in Leib und Seele gelebt. Das Licht des Glaubens ist ein inkarniertes Licht, das von dem leuchtenden Leben Jesu ausgeht. Es erleuchtet auch die Materie, baut auf ihre Ordnung und erkennt, dass sich in ihr ein Weg der Harmonie und des immer umfassenderen Verstehens öffnet. So erwächst dem Blick der Wissenschaft ein Nutzen aus dem Glauben: Dieser lädt den Wissenschaftler ein, für die Wirklichkeit in all ihrem unerschöpflichen Reichtum offen zu bleiben. Der Glaube ruft das kritische Bewusstsein wach, insofern er die Forschung daran hindert, sich in ihren Formeln zu gefallen, und ihr zu begreifen hilft, dass die Natur diese immer übersteigt. Indem er zum Staunen angesichts des Geheimnisses der Schöpfung einlädt, weitet der Glaube die Horizonte der Vernunft, um die Welt, die sich der wissenschaftlichen Forschung erschließt, besser zu durchleuchten« (Franziskus, Enzyklika Lumen fidei, 34).
„Das Licht des Glaubens ist ein inkarniertes Licht, das von dem leuchtenden Leben Jesu ausgeht. Es erleuchtet auch die Materie, baut auf ihre Ordnung und erkennt, dass sich in ihr ein Weg der Harmonie und des immer umfassenderen Verstehens öffnet“
Meine Lieben, Afrika kann einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, die allzu engen Horizonte einer Menschheit zu erweitern, der es schwerfällt zu hoffen. Auf eurem großartigen Kontinent ist die Forschung in besonderer Weise herausgefordert, sich interdisziplinären, internationalen und interkulturellen Perspektiven zu öffnen. Und heute müssen wir dringend über den Glauben innerhalb der kulturellen Kontexte und aktuellen Herausforderungen nachdenken, um seine Schönheit und Glaubwürdigkeit in den verschiedenen Zusammenhängen hervortreten zu lassen, insbesondere in denen, die am stärksten von Ungerechtigkeit, Ungleichheit, Konflikten sowie materiellem und spirituellem Verfall geprägt sind.
„Afrika kann einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, die allzu engen Horizonte einer Menschheit zu erweitern, der es schwerfällt zu hoffen. Auf eurem großartigen Kontinent ist die Forschung in besonderer Weise herausgefordert, sich interdisziplinären, internationalen und interkulturellen Perspektiven zu öffnen“
Die Bedeutung einer Nation lässt sich nicht allein anhand des Reichtums ihrer natürlichen Ressourcen oder des materiellen Wohlstands ihrer Institutionen bemessen. Tatsächlich kann keine Gesellschaft gedeihen, wenn sie sich nicht auf redliche Gewissen gründet, die zur Wahrheit erzogen wurden. In diesem Sinne erinnert euch das Motto eurer Universität »Im Dienst der Wahrheit und der Gerechtigkeit« daran, dass das menschliche Gewissen – verstanden als das innere Heiligtum, in dem sich Männer und Frauen von der Stimme Gottes ansprechen lassen – der Boden ist, auf dem die rechten, soliden Fundamente jeder Gesellschaft errichtet werden können. Freie Gewissen zu formen, die von einer heiligen Unruhe erfüllt sind, ist die Voraussetzung dafür, dass der christliche Glaube als ein zutiefst menschliches Angebot erscheint, das in der Lage ist, das Leben der Einzelnen und der Gesellschaft zu verwandeln, in Bezug auf die Dramen und die Nöte unserer Zeit prophetische Veränderungen in Gang zu setzen und zu einer immer weitergehenden, nie an ein Ende kommenden Suche nach Gott zu ermutigen.
„Heute müssen wir dringend über den Glauben innerhalb der kulturellen Kontexte und aktuellen Herausforderungen nachdenken, um seine Schönheit und Glaubwürdigkeit in den verschiedenen Zusammenhängen hervortreten zu lassen, insbesondere in denen, die am stärksten von Ungerechtigkeit, Ungleichheit, Konflikten sowie materiellem und spirituellem Verfall geprägt sind“
Es ist tatsächlich das Gewissen, wo sich das moralische Urteilsvermögen entwickelt, mit dem wir in Freiheit nach dem suchen, was wahr und recht ist. Wenn man sich um ein gebildetes und redliches Gewissen bemüht, dann wird es zur Quelle eines kohärenten Handelns werden, das auf das Gute, die Gerechtigkeit und den Frieden ausgerichtet ist.
„In Freiheit nach dem suchen, was wahr und recht ist. Wenn man sich um ein gebildetes und redliches Gewissen bemüht, dann wird es zur Quelle eines kohärenten Handelns werden, das auf das Gute, die Gerechtigkeit und den Frieden ausgerichtet ist“
In den heutigen Gesellschaften, und somit auch in Kamerun, ist eine Erosion der moralischen Bezugspunkte zu beobachten, die einst das Leben der Gemeinschaft prägten. Das führt dazu, dass man heute bestimmte Verhaltensweisen, die einmal als inakzeptabel galten, leichtfertig billigt. Diese Entwicklung lässt sich zum Teil mit gesellschaftlichen Veränderungen, wirtschaftlichen Zwängen und politischen Dynamiken erklären, die das individuelle und gemeinschaftliche Verhalten beeinflussen. Die Christen und ganz besonders die jungen afrikanischen Katholiken dürfen keine Angst vor den „neuen Dingen” haben. Gerade eure Universität kann Pioniere eines neuen Humanismus im Kontext der digitalen Revolution heranbilden, von der der afrikanische Kontinent nicht nur die faszinierenden Aspekte, sondern auch die dunkle Seite kennt, wie etwa die ökologischen und sozialen Schäden, die durch die hektische Suche nach Rohstoffen und Seltenen Erden verursacht werden. Schaut nicht weg: Dies ist ein Dienst an der Wahrheit und an der gesamten Menschheit. Ohne diese mühsame Bildungsarbeit wird die passive Anpassung an die vorherrschenden Denkweisen als Kompetenz und der Verlust von Freiheit als Fortschritt missverstanden werden.