vaticannews veröffentlicht den Text der Katechese des Hl. Vaters bei der heutigen Generalaudienz. Hier geht´s zum Original: klicken
"WORTLAUT DER KATECHESE VON PAPST LEO XIV BEI DER GENERALAUDIENZ"
Brüder und Schwestern,
guten Tag und herzlich willkommen!
Die Konzilskonstitution „Gaudium et spes“ (GS) widmet das erste Kapitel der Würde des Menschen und betont, dass diese die Grundlage und Voraussetzung ist für „jene Werte, die heute besonders in Geltung sind“, die jedoch die Verbindung zu ihrem „göttlichen Ursprung“ nicht verlieren dürfen, um sich möglichen Verzerrungen durch die „Verderbtheit des menschlichen Herzens“ zu entziehen (GS, 11)
Der Weg, der es ermöglicht hat, die wesentlichen Merkmale und Grundrechte der Würde des Menschen hervorzuheben, steht sicherlich für einige der bedeutendsten Seiten der Menschheitsgeschichte. Dennoch ist der Weg, den zu gehen es gilt, noch nicht am Ende und muss alte wie neue Widersprüche angehen, die seine vollständige Verwirklichung behindern.
Die Kirche bietet klar ihren Beitrag an, indem sie daran erinnert, dass die Menschenwürde aus dem Wesen der Person selbst entspringt. Ich hatte Gelegenheit, dies auch in der jüngsten Enzyklika ,Magnifica humanitas` zu bekräftigen: „Jeder Mensch ist von Gott erdacht und gewollt, um in Gemeinschaft mit Ihm, mit den anderen und mit der Schöpfung zu treten. Seine Würde hängt nicht von seinen Fähigkeiten, seinem Reichtum oder der Position ab, die er einnimmt, noch von den richtigen oder falschen Entscheidungen, die er trifft, vielmehr ist sie ein Geschenk, das ihm vorausgeht und ihn übersteigt, und Ausdruck der nie endenden Liebe Gottes ist“ (Nr. 50).
Die unendliche Würde des Menschen gründet sich also in seiner Identität als Geschöpf, das „nach dem Bild Gottes“ geschaffen wurde, fähig, seinen Schöpfer zu erkennen und zu lieben –ein Plan und ein Geschenk der Liebe, die über die anderen geschaffenen Realitäten hinausgeht, die seiner Obhut anvertraut sind, um sie „in Verherrlichung Gottes zu beherrschen und zu nutzen“ (GS, 12).
Im Glauben können wir die letzte Grundlage der Würde des Menschen begreifen, da der Sohn, „in der Offenbarung des Geheimnisses des Vaters und seiner Liebe dem Menschen den Menschen selbst voll kund macht und ihm seine höchste Berufung erschließt“ (Nr. 22).
Menschsein heißt immer Beziehung, Gemeinschaft und Teilhabe mit Gott und den anderen; es ist also eine kindliche Beziehung zu Gott, dem Vater, und eine geschwisterliche Beziehung zu Christus und zu allen Menschen. Das schließt selbstbezogene Verschlossenheit aus. Ein Mensch zu sein bedeutet, sich selbst als ein Geschenk zu begreifen, das es mit anderen zu teilen gilt, und das durch Aufnahme, in Gegenseitigkeit und im Dienst wächst und reift.
Die Würde des Menschen liegt in der Verantwortung eines jeden Einzelnen; zugleich erfordert sie aber auch Solidarität und gegenseitige Fürsorge, um die zahlreichen Verfälschungen und Manipulationen zu überwinden, die bis heute die Wahrnehmung dieser Würde verzerren und ihre Verwirklichung behindern. Tatsächlich ist aufgrund der Entscheidungen, die im Laufe der Geschichte gegen seine Würde getroffen wurden, der Mensch auch heute noch „in sich selbst zwiespältig“, und „deshalb stellt sich das ganze Leben der Menschen, das einzelne wie das kollektive, als Kampf dar, und zwar als einen dramatischen, zwischen Gut und Böse, zwischen Licht und Finsternis“.
Dieser zerbrechliche und begrenzte Zustand kann jedoch mit Hoffnung betrachtet werden, denn „der Herr selbst ist gekommen, um den Menschen zu befreien und zu stärken, indem er ihn innerlich erneuerte und ‚den Fürsten dieser Welt` (Joh 12,31) hinauswarf, der ihn in der Knechtschaft der Sünde festhielt“ (GS, 13).
Die Konstitution „Gaudium et spes“ bekräftigt zudem, dass die Menschenwürde die gesamte Person umfasst und daher dualistische Sichtweisen überwunden werden müssen: Der Mensch ist „in Leib und Seele einer“. Die Reduzierung des Körpers auf ein „Objekt“, über das man willkürlich verfügen kann, ist stets eine Verleugnung der Menschenwürde: „Das leibliche Leben darf also der Mensch nicht geringachten“, und man muss „seinen Leib als von Gott geschaffen und zur Auferweckung am Jüngsten Tage bestimmt“ betrachten, wobei darauf zu achten ist, dass er nicht zum Sklaven der „bösen Neigungen seines Herzen“ (GS, 14) wird, da wir alle von der Sünde gezeichnet sind.
Schließlich gibt es drei besonders bedeutende Ausdrucksformen der Würde des Menschen, die „Gaudium et spes“ nennt: Die Intelligenz, die den Menschen zu einem unersättlichen Sucher der Wahrheit macht (Nr. 15); das Gewissen, durch das er seinem Leben Einheit und Sinn verleiht (Nr. 16); und die Freiheit, die ihn zum verantwortungsbewussten Akteur seiner eigenen Entscheidungen macht (Nr. 17). Es sind Dimensionen, die eng miteinander verknüpft sind: Im Gewissen wird die Wahrheit als solche erkannt, und die Freiheit kann sie als ihre Grundlage und Möglichkeit spüren. Der Heilige Geist, der in Christus Leben schenkt, macht uns frei und versichert uns stets unserer Würde als Kinder Gottes, er befreit uns von Angst und führt uns zum endgültigen Ziel: Jenem Leben in Fülle jenseits des Todes, das Christus uns versprochen hat:
Nur in Ihm findet das Geheimnis des Menschen wahres Licht, von Ihm erhalten wir Erleuchtung über das Geheimnis des Leids und des Todes, und mit Ihm gehen wir der Auferstehung entgegen.
Liebe Brüder und Schwestern, geschaffen nach dem Ebenbild Gottes, durch Christus und im Hinblick auf Ihn, haben wir eine einzigartige und unauslöschliche Würde empfangen. Setzen wir uns dafür ein, diese Würde stets zu fördern und zu verteidigen - mit dem Licht und der Kraft des Evangeliums."
Quelle: vaticannews