die Papst Leo XIV in der Basilika San Pietro in Ciel d´Oro gehalten hat -im Wortlaut, veröffentlicht von vaticannews.
"PAVIA: DIE PREDIGT IM WORTLAUT"
"Exzellenz, liebe Brüder im Bischofsamt,liebe Priester und Diakone,
liebe Ordenschristen und Seminaristen,
Mitbrüder des Augustinerordens,
liebe Brüder und Schwestern!
Ich bin froh, hier in eurer Mitte zu sein, und danke dem Bischof, Corrado Sanguineti, und Pater Pater Joseph L. Farrell, dem Generalprior der Augustiner, für die Worte des Willkommens, die sie an mich gerichtet haben. Ich freue mich über das, was ich über diese Kirche von Pavia gehört habe: Eine Gemeinschaft mit langer Tradition, die in der Stadt und in der Region lebendig und präsent bleibt, die die Zeichen der Zeit und ihre Herausforderungen im Blick behält, ohne sich von den Mühen, dem säkularisierten Umfeld und den Schwierigkeiten bei der Weitergabe des Glaubens entmutigen zu lassen.
Um den Mut nicht zu verlieren, bedarf es eines Blicks, der vom Geist des Glaubens beseelt ist. Dieser hilft, die Wirklichkeit tiefer zu deuten, als es auf den ersten Blick scheint, und nicht in eine negative, pessimistische Haltung abzugleiten, die unfähig ist, neues Leben hervorzubringen. Der Blick, der von uns gefordert wird – und den der Heilige Geist uns schenkt –, ist vielmehr der Blick Jesu. Inmitten von Schwierigkeiten und Unverständnis sieht Er die vorausschauende Hand des Vaters in den Lilien des Feldes und den Vögeln des Himmels (vgl. Mt 6,28-29); Er nährt die Hoffnung im kleinen, wachsenden Senfkorn (vgl. Mk 4,30-33) und lädt uns ein, unsere Augen zu erheben und auf die Felder zu blicken, die schon weiß sind zur Ernte (vgl. Joh 4,35). Im Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium hat uns Papst Franziskus zu einer solchen geistlichen Lesung der Wirklichkeit aufgerufen, indem er sagte:
„Unser Glaube ist herausgefordert, den Wein zu ahnen, in den das Wasser verwandelt werden kann, und den Weizen zu entdecken, der inmitten des Unkrauts wächst“
„Der Blick des Glaubens ist fähig, das Licht zu erkennen, das der Heilige Geist immer inmitten der Dunkelheit verbreitet […]. Unser Glaube ist herausgefordert, den Wein zu ahnen, in den das Wasser verwandelt werden kann, und den Weizen zu entdecken, der inmitten des Unkrauts wächst“ (Nr. 84).
Erleuchtet von der Hoffnung des Evangeliums und inspiriert von dem, was uns der Apostel Petrus in der Lesung gesagt hat (vgl. 1 Petr 2,4-10) – der die Jünger des Herrn „lebendige Steine“ nennt –, wollen wir uns fragen: Wie können wir heute, hier in Pavia, eine lebendige Kirche sein?
Die erste Weisung des Apostels ist wesentlich: Bleibt vereint mit Christus, dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, von Gott aber auserwählt wurde. Christus ist das Fundament des geistlichen Bauwerks, er ist der Eckstein, der als Grundlage für unseren kirchlichen Weg, für unser pastorales Handeln und für die Evangelisierung gelegt wurde (vgl. V. 4–5)."
Dieses In-Christus-erbaut-Werden und In-Christus-Bauen bewahrt uns vor der Gefahr, uns in zweitrangigen Dingen zu verlieren und aufzureiben – Dingen, die vielleicht gut sind, aber nicht das Wesentliche betreffen. Natürlich sind wir gerufen, Realisten zu sein, und wir wissen, dass es in den Pfarrgemeinden und im Leben einer Diözese viele dringende Aufgaben und Verpflichtungen gibt, die Präsenz und vielfältige Aktivitäten erfordern. Es geht jedoch darum, alles auf die Mitte zurückzuführen, immer vom Eckstein aus zu bauen und zu verhindern, dass unser Handeln verzettelt, rein egozentrisch oder nur auf unsere eigenen Anstrengungen ausgerichtet ist. Da Christus die Mitte ist, schöpfen wir alle aus dieser einen Quelle und stellen unseren Einsatz unter die Unterscheidung, die aus seinem Licht und seinem Wort hervorgeht. Auf diese Weise lassen wir eine Kirche wachsen, in der man gemeinsam unterwegs ist, die fähig ist, sich zu erneuern, ohne sich zu spalten, und in der sich alle als Brüder und Schwestern erkennen und mit Freude im Dienst des Reiches Gottes arbeiten.
„Weil Christus die Mitte ist, schöpfen wir alle aus dieser einen Quelle und stellen unseren Einsatz unter die Unterscheidung, die aus seinem Licht und seinem Wort hervorgeht“
Dies impliziert das, was euer Bischof eingangs erwähnte: Wir müssen lernen, christliche Gemeinschaften zu sein, die auf das Wesentliche ausgerichtet sind, selbst wenn dies den Verzicht auf manche Strukturen und manche Sicherheiten der Vergangenheit bedeuten sollte. Das Wesentliche ist das Leben mit Christus, und die Verbreitung seines Evangeliums ist das, was uns am Herzen liegen muss.
Vor allem den Priestern, die bisweilen unter einer inneren Zerrissenheit und unter Müdigkeit angesichts der vielfältigen Aufgaben leiden können, empfehle ich: Kehrt immer wieder zur Mitte zurück, bringt alles in der Beziehung zum Herrn zur Einheit, und entdeckt in Ihm die Freude der priesterlichen Bruderschaft und der gemeinsamen pastoralen Arbeit mit den Laien. Und das empfehle ich auch den Ordensfrauen und Ordensmännern, die oft die Mühe kennen, das Charisma, dem sie angehören, zeitgemäß zu leben, aber immer wieder neu von Christus aufbrechen müssen und die empfangenen Talente sowohl mit anderen Ordensgemeinschaften als auch mit der gesamten Diözesankirche teilen müssen.
„An Christus, dem Eckstein, festzuhalten, ermöglicht es uns auch, den heutigen Problemen bei der Weitergabe des Glaubens und der religiösen Praxis zu begegnen“
An Christus, dem Eckstein, festzuhalten, ermöglicht es uns auch, den heutigen Problemen bei der Weitergabe des Glaubens und der religiösen Praxis zu begegnen. In einer Zeit, in der viele Menschen den Sinn für das Geistliche verloren zu haben scheinen oder aus verschiedenen Gründen das Angebot des christlichen Glaubens für ihr Leben nicht mehr als attraktiv empfinden, sind wir vor allem dazu aufgerufen, die Botschaft des Evangeliums zu verkünden – eine freudige und befreiende Botschaft von Jesus Christus, die die Schönheit des Glaubens für unser Leben und für unsere Gesellschaft zum Vorschein bringt. Es besteht heute mehr denn je die Notwendigkeit, Menschen bei der Entdeckung oder Wiederentdeckung des Glaubens zu begleiten. Daher gilt es, den Kern des Evangeliums zu verkünden, das heißt Jesus, der uns in seiner Menschwerdung, seinem Tod und seiner Auferstehung das Geheimnis Gottes und zugleich das Geheimnis offenbart, das wir selbst sind. „Eine Seelsorge im missionarischen Aufbruch [...] konzentriert sich auf das Wesentliche, auf das, was schöner, größer, anziehender und gleichzeitig notwendiger ist“ (Evangelii gaudium, 35).
In diesem Zusammenhang strahlt die Gestalt des heiligen Augustinus in besonderem Glanz. Sein Denken, die Geschichte seiner Bekehrung und seine Spiritualität erinnern uns an den Wert und den Vorrang der Innerlichkeit: ,Geh nicht hinaus, sondern kehre in dich selbst ein; im inneren Menschen wohnt die Wahrheit.` (De vera religione, 39,72).