Donnerstag, 11. Februar 2016

Die Emotionen haben mich gelähmt....

Die Vaticanista der italienischen Nachrichtenagentur ANSA, Giovanna Chirri, die die Nachricht von der Demission Benedettos als Erste um die Welt schickte, erzählt bei "La Famiglia Christiana" wie sie die Rücktrittserklärung am 11.2.2013 erlebte.
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"DIE GEFÜHLE HABEN MICH GELÄHMT: DIE JOURNALISTIN, DIE DIE NACHRICHT WEITERGAB ERZÄHLT."

Es war ihre Blitzmeldung von 11:46, die dann am 11.2. 2013 durch die Agenturen um die Welt ging. Giovanna Chirri ist die Vaticanista der ANSA. die der Welt den Rücktritt Benedikts verkündete; Joseph Ratzinger hatte auf das Petrinische Amt verzichtet. Hier ihr Bericht:

"Der 11. Februar war im Vatican ein Festtag wegen des Jahrestages der Lateranverträge. Papst Ratzinger hielt ein Konsistorium zur Kanonisierung einiger Heiliger ab, unter ihnen die hochverehrten Märtyrer von Otranto in Apulien. Der Pressesaal hat einen Festtagsterminplan und wir waren kaum eingetreten, als um 11.00 auf dem Monitor die Bilder des Papstes, von Kardinal Angelo Amato und Msgr. Guido Pozzo erscheinen, vor ihnen zahlreiche der in Rom anwesenden Kardinäle. Der Kardinalpräfekt der Kongregation für Heiligsprechungen spricht lange, in Lateinisch- dann ist es an Benedetto, der den 12. Mai als Datum der Heiligsprechung der Märtyrer von Otranto verkündet. Ich höre "duodecim" und schreibe die Nachricht von der Kanonisierung, schicke sie an mein desk ab und füge das "reloc" Apulien hinzu.

Obwohl das Konsistorium an dieser Stelle beendet sein müßte, bleibt der Papst sitzen und beginnt -immer lateinisch- von einem weißen Blatt abzulesen, das er in der Hand hält.
Er sagt sofort zwei Dinge, daß er die Kardinäle nicht nur wegen der Heiligsprechungsdekrete zusammengerufen habe sondern daß er "etwas für die Kirche Wichtiges zu sagen habe" und daß er alt geworden sei,  "ingravescente aetate" .
Bei diesen Worten war es, als griffe eine Hand mir an den Hals und blase einen Ballon in meinem Kopf auf: 

"Ingravescentem aetatem" war das Dokument, mit dem Paul VI den über-80jährigen Kardinälen das Recht aberkannte, den Papst zu wählen, es sind Worte für die Pensionierung.

Benedikt XVI spricht weiter in seinem Latein, das für mich glücklicherweise sehr viel verständlicher klingt als das von Kardinal Amato, er spricht lange , er sagt, er habe nicht mehr die Kraft um das Schiff Petri in einer immer schnelleren Welt zu lenken. Er erklärt, daß er in seinem Gewissen beschlossen hat,  das Amt zu verlassen und daß die Kardinäle ein Konklave abhalten müßten, um einen Nachfolger zu wählen und legt den Beginn der Sedisvakanz auf den 28. Februar um 20:00 fest.

Ich höre, aber es ist, als ob ich nicht höre, mir bleibt die Luft weg, und die Beine zittern mir beim Sitzen, ich kann sie auch nicht mit den Hände ruhig halten. Im Vatican, wo anscheinend alle an etwas anderes zu denken haben, antwortet mir keiner.


Ich bin Beute eines Gefühls des Terrors, so wie ich es noch nie im meinem Leben hatte. Inzwischen hat Papa Ratzinger seine Rede beendet. Einige der Anwesenden sind entgeistert, Msgr.Guido Pozzo neben ihm scheint versteinert, verschiedene Purpurträger haben einen starren Blick und starre Gesichtsmuskeln.
In die irreale Stille hinein sagt der Dekan des Kardinalskollegiums, Angelo Sodano, auf Italienisch, daß "diese Nachricht uns trifft wie ein Blitz aus heiterem Himmel."

                   

Ich habe verstanden- sage ich, um mich zu vergewissern- daß der Papst zurückgetreten ist.
Ich schreibe die Notiz, telefoniere in die Redaktion und sage zur Kollegin Chefredakteurin, daß der Papst zurückgetreten ist , ich erkläre ihr, daß er es in Latein gesagt hat und weil ein Papst niemals von Rücktritt sondern von Verzicht auf das Pontifikat spricht,
Mir scheint, daß -als sie "Latein"  hört, die Kollegin etwas unsicher wird, aber sie glaubt mir und wir beginnen den Text der Nachricht zu bewerten.

Während wir aufgeregt miteinander sprechen, ruft auf der Leitung der Sala Stampa Pressesprecher Pater Lombardi an, er hat meine Anfrage gefunden und ruft netterweise zurück.
"Pater Federico -frage ich ihn- habe ich das richtig verstanden? Ist der Papst zurückgetreten?" "Das haben Sie richtig verstanden-sagt er mir in heiteren, festen Ton, er verläßt uns am 28. Februar."
Mit diesem Zitat "attackiere" ich das Telefon und sag-glaube ich- ohne zu grüßen zur Kollegin "wir können es senden" und wenige Sekunden später die Blitzmeldung auf der website von ANSA und wird in allerkürzester Zeit von den anderen großen internationalen Agenturen weiterverbreitet.

An diesem Punkt breche ich in Schluchzen aus. Zwischen einzelnen Schluchzern schreibe ich einige weitere Details auf, z.B. darüber wie es zu dieser Meldung kam, über die Worte Kardinal Sodanos,ein bißchen was über die Atmosphäre und die Gesichter der Kardinäle. Ich weine und schreibe, dann sende ich ein Tweet von meinem account "Vaticanista fuori moda" "B16 ist zurückgetreten. Er verläßt das Pontifikat am 28. 2."
Ich ziehe die Ungenauigkeit angesichts der Tatsache vor, daß ein Papst nicht zurücktritt sondern auf sein Amt verzichtet, oder weil in diesem Fall Ungenauigkeit sofort verständliche Kommunikation bedeutet.

Der Direktor ruft an um mir Bravo zu sagen und ich entschuldige mich dafür, geweint zu haben. Sie haben mich gelehrt , daß ein Journalist weder applaudiert  noch pfeift, ganz zu schweigen davon zu weinen. Der Direktor ist mehr mitfühlend und widerspricht nicht, ich rechtfertige mich in meinem Herzen: es waren schreckliche Momente-sowohl auf menschlicher als auch auf beruflicher Ebene und Benedetto XVI ist ein Papst, den ich liebe,
Der Pressesaal hat begonnen sich zu füllen-wie zu den großen Ereignissen- weil Pater Lombardi per SMS verkündet hat, es werde ein briefing geben.
Im Schockzustand gehe ich in die ANSA-Box neben dem Raum des Briefings und setze mich hin. Da nähert sich eine Kollegin von Radio Vatican, hält mir das Mikrophon vor´s Gesicht und sagt:"Giovanna, Sie waren die Erste die der Welt die Nachricht vom Amtsverzicht Benedettos übermittelt hat, können Sie in wenigen Worten eine Bilanz dieses Pontifikates ziehen?"

Ich sammle meine Gedanken und bringe einige vollkommen sinnvolle heraus. Als die Kollegin mir dankt und weggeht, realisiere ich, was sie gesagt hat: ich war die Erste in der Welt, die die Nachricht des Rücktritts verbreitet hat. Was ich da erlebt habe, können -glaube ich- nur die Vaticanisten der Agenturen verstehen: wir leben in der Angst vor "Der Meldung" (....)die für uns der Tod des Papstes ist, Angst die nie dazu veranlaßt hat, sich den ersten Papst, der nach 600 Jahren zurücktritt, vorzustellen.
Ich glaube, ich habe es eher mit dem Bauch als mit dem Kopf verstanden, und sicher hat mein Bauch mir dabei geholfen: das Gefühl einer Hand, die mich am Hals packt, war identisch mit dem, das ich als junge Vaticanista hatte, wenn ich mitten in der Nacht aufwachte, mit der Angst den Tod des Papstes verpaßt zu haben oder die "coccodrilli" ( Nachruf) nicht fertig zu haben oder den Umschlag mit den coccodrilli verloren zu haben."

Quelle: La Famiglia Cristiana, Giovanna  Chirri

                                                        








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