Freitag, 17. Mai 2019

Jesus und die Pharisäer in jüdischer und christlicher Sicht

Sandro Magister kommentiert bei Settimo Cielo die Rede, die Amy-Jill Levine, Mitarbeiterin von "Donna Chiesa Mondo", in der päpstlichen Universität Gregoriana zum Thema "Jesus und die Pharisäer" gehalten hat-, den Gebrauch, den Papst Franziskus vom Wort "Pharisäer" macht und die verpaßte Gelegenheit den zu korrigieren.
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"EINE BESONDERE JÜDISCHE FRAU, DIE PHARISÄER UND EINE VON PAPST FRANZISKUS VERPASSTE GUTE GELEGENHEIT" 

"Trotz des Fortschritts in den historischen Untersuchungen zu den Pharisäern, wird in der ganzen Christlichen Welt damit fortgefahren, in den Predigten, diese Jüdischen Lehrer als xenophob, elitär, legalistisch, Geldliebhaber und moralische Heuchler darzustellen. Außerdem bedeutet Pharisäer allgemeine "Jude" , weil viele Juden und Christen die Pharisäer als Verfolger des rabbinischen Judentums betrachten. Deshalb tun Christen, wenn sie den Begriff "Pharisäer" verwenden, um den Klerikalismus zu verurteilen, nichts anderes als das Vorurteil gegenüber Juden zu verstärken."

So hat Amy-Jill Levine, ein jüdische Amerikanerin von der Vanderbilt-Universität, ihre Rede begonnen, die sie am 9. Mai in Rom in der Päpstlichen Gregoriana-Universität gehalten hat, bei einer Konferenz, die dem Thema "Jesus und die Pharisäer. Eine multidisziplinäre Neuwertung" gewidmet war.

Aber wer -frei heraus gesagt- benutzt den Begriff "Pharisäer", um den "Klerikalismus im kirchlichen Kontext" zu verurteilen, wenn nicht Papst Franziskus selbst?

Das Schöne daran ist, daß seit diesem Mai, die Autorin dieses Hiebs gegen den Papst Mitglied des neuen Führungskomitées von "Donne Chiesa Mondo" , der monatlichen Beilage des "L´ Osservatore Romano", der offiziellen Zeitung des Hl. Stuhls, ist.

Wer ist Amy-Jill Levine? Sie berichtet anläßlich einer ebenfalls an der Gregoriana vorangegangenen Konferenz in einer funkelnden autobiographischen Notiz im Osservatore Romano vom 5. Mai über sich selbst.





Und am 9. Mai ist Papst Franziskus ihr persönlich begegnet, als er die Teilnehmer der Konferenz über die Pharisäer empfing. Anstatt die von Expertenhand für diese Gelegenheit vorbereitete Rede zu halten, zog des Papst es vor- und das sagte er auch- alle Teilnehmer -einen nach dem anderen-einzeln  zu begrüßen.

Diese Rede- wenn gehalten- hätte Franziskus zum ersten mal erlaubt, öffentlich den Gebrauch zu korrigieren, den er oft vom Begriff "Pharisäer" macht, um seine Gegner innerhalb der Kirche anzugreifen und als rigide, heuchlerisch, gierig, wortklauberisch und eitel zu disqualifizieren.

Die Juden haben offensichtlich diesen Gebrauch des Begriffs "Pharisäer" durch den Papst nie gemocht. Bis zu dem Punkt, daß Riccardo Di Segni, der römische Ober-Rabbiner, nach einer Audienz am 27. April 2015 sagte, er habe Franziskus seine Einwände präsentiert und auch erklärt warum,  und der habe "meine Beobachtungen zur Kenntnis genommen."

Auch danach -hat Franziskus nie aufgehört, das Pharisäertum als Waffe gegen seine Widersacher einzusetzen, besonders in seinen morgendlichen Predigten in Santa Marta, wie z.B. in denen vom 16. und 28. Oktober 2018.

Während es dagegen im Neuen Testament nicht nur einen polemischen Konflikt zwischen Jesus und den Pharisäern gibt. Da ist Wertschätzung für führende Pharisäer wie Gamaliel und Nicodemus. Da sind Pharisäer, von denen Jesus selber sagt, daß sie "dem Königreich Gottes nahe sind" , weil sie dem Gebot der Liebe zu Gott und dem Nächsten den Vorrang geben.

Alles das wurde in der Rede, die von Papst Franziskus ungehalten blieb, vollständig erklärt- zusammen mit einer folgenden Korrektur des negativen Stereotyps, das immer noch mit den Pharisäern assoziiert wird.

Aber zurück zu Amy-Jill Levine- es folgen einige Passagen aus ihrem am 5. Mai im "l´Osservatore Romano" veröffentlichten Selbstporträt. Eine Persönlichkeit, die man in Auge behalten sollte, angesichts der Rolle, die sie jetzt im neuen Management von "Donne Chiesa Mondo" spielt.

"EINE JÜDISCHE FRAU, DIE ALS KIND IN DIE MESSE GING"
Ich bin eine jüdische Frau, die mehr als ein halbes Jahrhundert damit verbracht hat, das Neue Testament zu studieren. Meine Situation unterschiedet sich von der der Christen, die das Alte Testament lehren: das Alte Testament ist Teil der Kirchen-Bibel; das Neue Testament gehört nicht zu den Schriften der Synagoge [,....]

Ich studiere nicht nur die Schrift eines anderen, ich schreibe auch über den Herrn eines anderen. Da ist sowohl ein immenses Privileg als auch eine immense Verantwortung. Auch wenn ich Jesus nicht anbete, faszinieren mich seine Lehren als Gelehrte und inspirieren mich persönlich als Jüdin, die ihrer Tradition treu ist.

Um zu erklären, was ich tue und wie ich es tue, muß ich erklären, warum ich es tue, d.h. warum ich- als Jüdin- seit meiner Kindheit im Weinberg des Neuen Testaments gearbeitet habe.

Als ich in den frühen 60-er Jahren in einer portugiesischen katholischen Nachbarschaft in Massachusetts aufgewachsen bin, haben meine Freunde mich immer in die Kirche mitgenommen. An der Messe teilzunehmen war für mich, wie an den Gottesdiensten in der Synagoge: die Leute saßen auf Bänken, während Männer in langen Gewändern eine Sprache sprachen- die Priester Latein, die Rabbiner und Kantoren Hebräisch- die ich überhaupt nicht verstanden habe. [...]

Meine Eltern sagten mir, daß das Christentum- was die Römisch Katholische Religion bedeutete- wie das Judentum sei: wir beteten den selben Gott an, Den, der Himmel und Erde machte; wir wertschätzten die selben Bücher -wie Genesis und Isaiah ; wir rezitierten die Psalmen. Sie sagten mir auch, daß die Christen Jesus folgten, einem Juden. [...]

Schließlich - als Heranwachsende- las ich das Neue Testament. [...] Ich habe zwei Tatsachen verstanden, die mein akademisches Leben charakterisiert haben: erstens- daß wir diejenigen sind, die wählen, wie sie lesen, und zweitens, daß das Neue Testament jüdische Geschichte ist. [...]

Was meine Studien begleitete, waren deshalb Hermeneutik und Geschichte.[...] Das bedeutet die falschen und negativen Stereotypen zu korrigieren, die einige Christen von Juden haben. Wenn wir das Judentum Judäas, Galiläas und der Diaspora falsch kennzeichnen, verstehen wir auch Jesus und Paulus nicht. Schlechte Geschichtskenntnisse führen zu schlechter Theologie und schlechte Theologie verletzt jeden.

Wie müssen die falschen und negativen Stereotypen, die manche Juden vom Christentum haben ausrotten. Diese Arbeit muß von beiden Seiten gemacht werden.

Als Erforscherin des Neuen Testaments bin ich daran interessiert, wie die Evangelien die jüdische Tradition beschreiben und wie diese Tradition darin endet die von christlichen Übersetzern dargestellt wird. Diese Studien machen mich zu einer besseren Jüdin; besser über Jüdische Geschichte informiert und eher in der Lage, Interpretationen zu korrigieren, die historisch ungenau sind und kaum der Pastoral getreu.

Zu allererst sind die Evangelien eine außerordentliche Quelle für jüdische Frauen.[...] Die übliche Lehre, daß  Jesus ein misogynes Judentum verwarf, das Frauen unterdrückte, ist falsch, Die Frauen folgten Jesus nicht, weil sie durch das Judentum unterdrückt wurden; sie taten das, wegen seiner Botschaft vom Himmlischen Königreich, seiner Heilungen und Lehren, seiner neuen Familie, in der alle Mutter oder Bruder oder Schwester sind.

An zweiter Stelle -erinnern uns die Evangelien an die Vielfältigkeit jüdischer Ansichten im 1. Jahrhundert, eine Vielfalt, die durch äußere Quellen, wie den jüdischen Historiker Josephus Flavius und den jüdischen Philosophen Philo, den Rollen vom Toten Meer, den Pseudepigraphen und sogar der Archäologie bestätigt werden. In solchen Quellen finden wird verschiedene Gesichtspunkte über Ehe und Zölibat, Schicksal und freien Willen, Himmel und Hölle, die Auferstehung des Leibes und die Unsterblichkeit der Seele, Zusammengehen mit dem Römischen Imperium und Widerstand dagegen.

An dritter Stelle respektiere ich die Belehrungen Jesu zutiefst, wie die Lehren, die Moses auf dem Berg Sinai empfing, zu verstehen sind. Jesus folgt nicht nur der Torah, sondern vertieft ihre Lehren. Zusätzlich zum Gebot gegen Mord, verbietet er Ärger; zusätzlich zum Gebot gegen Ehebruch, verbietet er Lüsternheit. Diese Lehren sind das, was die rabbinische Tradition "einen Zaun um die Torah bauen" nennt, was bedeutet, sie vor Verletzungen zu schützen.[...]

Sogar wenn Jesus Schmähworte gegen andere Juden spricht, wie in Matthäus 23 mit seinem Refrain "weh euch, ihr Schriftgelehrten und Phariäser" klingt das für mich sehr jüdisch. Es klingt wie Amos und Jeremiah; es klingt auch wie meiner Mutter, die sich ab und zu über Entscheidungen der Vorsitzenden der Synagoge beklagte. Die Juden haben eine lange Geschichte der "tochecha" - des Tadelns, basierend auf Leviticus 19:17: "Trag gegen deinen Bruder nicht Hass in deinem Herzen, weise deinen nächsten freimütig zurecht, damit du nicht seinetwegen Schuld auf dich lädst."
Die folgenden Verse sind berühmt "liebe deinen Nächsten wie dich selbst."
Dennoch habe ich auch festgestellt, daß wenn die Worte Jesu an andere Juden aus ihrem historischen Kontext genommen wird und in den Kanon der Kirche der Heiden stellt, werden die Worte Jesu Worte über die Juden und prophetische Reden können wie Antisemitismus klingen,. Deshalb ist der historische Kontext so wichtig.

Viertens liebe ich die Gleichnisse [...] Die Gleichnisse Jesu beschuldigen und amüsieren, sie provozieren und unterhalten, das ist die beste Form des Lehrens, es ist ien jüdische Form und Jesus wendet sie auf brillante Weise an, Und außerdem  helfen die Gleichnisse mir neue Intuitionen für mein Schrieben zu finden. Der gute Samariter bezieht sich auf das Zweite Buch der Chroniken 28;
der Verlorene Sohn läßt mich Kain, Ismael und Esau neu überdenken.

An fünfter Stelle sind die Berichte über wunderbare Empfängnis, die Stimme Gottes, die vom Himmel kommt und die Auferstehung kommen aus dem Judaismus des 1, Jahrhunderts . In diesem Zusammenhang ist sogar der wunderbare Johannes-Prolog -"An Anfang war das Wort, das Wort war bei Gott und das Wort war Gott" sehr jüdisch. Eher als die christologischen Lehren als heidnisches Eindringen zu betrachten, sollten wir Juden erkennen, wie diese Lehren für manche Juden des 1. Jahrhunderts eine Bedeutung hatten.

Aber was für einige Juden des 1. Jahrhunderts noch eine Bedeutung hatte, hatte das für die Juden vier Jahrhunderte später nicht mehr. Unsere Traditionen bewegten sich auseinander als Juden und Christen unsere eigene Praxis und unseren eigenen Glauben entwickelten. [...] Das ist in Ordnung. Wir werden uns bis zum Kommen -oder wenn Sie das vorziehen der Wiederkunft- des Messias nicht über alles einigen können. Aber bis dahin würden wir gut daran tun, einer dem anderen mit unseren Ohren zuzuhören. Durch das Lernen kommt Verstehen ind mit dem Verstehen Respekt.

Wenn Christen die Genesis oder Jesajah oder die Psalmen lesen, sehen sie in diesen Texten Dinge, die ich als Jude nicht sehe. Wenn ich die selben Texte durch die rabbinische Brille lese, sehe ich Dinge, die meine christlichen Freunde nicht sehen. "

Quelle: Settimo Cielo, S. Magister

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