Montag, 9. November 2020

Transparenz?

In seiner montäglichen Kolumne bei Monday in the Vatican kommentiert A. Gagliarducci den Umgang des amtierenden Pontifex mit den aktuellen Problemen ders Hl. Stuhls und der Kurie -auch anhand des Transparenzversprechens von Papst Franziskus.
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"PAPST FRANZISKUS, IST DAS WIRKLICH TRANSPARENZ?" 

Wir wissen immer noch nicht, ob die 5 Vatican-Mitarbeiter, die während der Untersuchung wg. des Erwerbs einer Londoner Luxusimmobilie suspendiert wurden, Anklage erhoben wird oder nicht. Alles scheint nach einem Jahr nach den spektakulären Durchsuchungen und Beschlagnahmen beim Staatssekretariat und der Finanzaufsicht zum Stillsatnd gekommen zu sein. Andererseits sind die Vaticanmitarbeiter suspendiert worden oder haben ihren Job verloren oder wurden versetzt. Diese Unsicherheit ist merkwürdig - wenn man bedenkt, daß es genug Zeit für eine Voruntersuchung gab. 

Das ist jedoch nicht die einzige Situation im Vatican, die in der Schwebe ist. Die Freigabe des McCarrick-Berichts ist vor langer Zeit versprochen worden und er wird jetzt am 10. November veröffentlicht, 2 Jahre nach der Zusage.  Für diejenigen, die sich nicht an den Fall erinnern- McCarrick ist der emeritierte Erzbischof von Washington, ein Kardinal, den Papst Franziskus in den Laienstand zurück versetzt hat, nachdem das Mißbrauchs-Netzwerk (sowohl sexuellen als auch Machtmißbrauchs) des Erzbishofs bekannt wurde. McCarricks Netzwerk hatte in den Spitzenrängen viele Komplizen, die davon  wußten und nicht darüber sprachen. McCarrick hatte viele Unterstützer im Vatican: McCarrick genoß de facto hohes Ansehen- bis er in Ungnade fiel. 

Kardinal Angelo Beccius Fall ist ebenfalls in der Schwebe. Kardinal Becciu hat erlebt, wie sein Leben sich innerhalb von 20 Minuten aus dem Nichts heraus veränderte: der Papst forderte ihn auf, als Präfekt der Heiligsporechungskongregation zurückzutreten und auf seine Rechte als Kardinal zu verzichten. Kardinal Becciu wurde auch seines Amtes als Delegierter des Papstes beim Malteser Orden enthoben. Die Gründe, die den Papst dazu bewogen haben, Becciu diese Forderungen zu stellen sind offiziell unbekannt. Es ist sogar unklar, ob es eine Untersuchung gegen Kardinal Becciu gibt oder nicht. 

Immer häufiger hat Papst Franziskus sein Engagement in der Korruptionsbekämpfung unterstrichen, Er hat das kürzlich in einem Interview wiederholt. das er in letzter Zeit der italienischen Nachrtichtenagentur ADNKronos gegeben hat.

Papst Franziskus hat immer sein klares Engagement für Transparenz betont, sowohl bei finanziellen Belangen als auch beim Thema sexuellen Mißbrauchs Minderjähriger.

Der Papst hat als persönlicher Garant  für alle juristischen Angelegenheiten und Entscheidungen agiert. 

Vor dem Vatileaks-Prozess von 2015 hat der Papst darüber am Ende eines Angelus gesprochen und gesagt, daß er bereits von Informationen wisse, die in den Medien erscheinen und daß er bereits an Maßnahmen dagegen arbeite. 



Nach seiner Chile-Reise 2017 - und den Beweisstücken, die über die Vertuschung von Mißbrauch durch Bischof Barrios auftauchten, hat Papst Franziskus zweimal alle Chilenischen Bischöfe einberufen und am Ende sind sie alle zurückgetreten,. Als Konsequenz berief Papst im Februar 2017 ein Gipfeltreffen über den Mißbrauch in den Vatican ein. Bei diesem Treffen wurden drei Entscheidungen getroffen, eine davon war die Reform des Papst-Geheimnisses.

Während der Untersuchung zum Erwerb der Immobilie in der Londoner Sloane-Avenue durch das Staatssekretariat beschloss Papst Franziskus in diesem Jahr die Eröffnungsrede bei der Zeremonie der Eröffnung des juristischen Jahres im Vatican selber zu halten, Das war eine präzedenzlose Entscheidung, die klar werden ließ, daß der Papst nicht nur über die Tatsachen und Vorgänge informiert war, sondern daß er auch an ihnen beteiligt war. 

Früher im Oktober hatte der Prozess über das vaticanische Vorseminar begonnen. Papst Franziskus hatte die Eröffnung dieses Prozesses gewollt. Die Deadline zur Verfolgung der Vorwürfe kam näher und deshalb intervenierte Papst Franziskus im Juli 2019 persönlich, um die Kriminalprozessordnung des Vaticans zu refomieren. Vor der Revision durch Papst Franziskus, konnte eine angebliche Tat nur innerhalb eines Jahres nach Begehung und nur auf Antrag der mißbrauchten Person verfolgt werden. 

Obwohl der Papst die Dinge persönlich in die Hand nahm und als Garant handelt, gibt es viele Schatten und ungeklärte Situationen. Pater Juan Antonio Guerrero Alves, Präfekt des Wirtschaftssekretariates, sagte, daß das Ziel sei, den Vatican zu einem "Gläsernen Haus" zu machen. Pater Guerrero bezog sich dabei auf finanzielle Themen, aber nicht nur. Papst Franziskus selbst hat oft von Parrhesia gesprochen - die Kunst der freien Kommunikation. Und Freiheit setzt Transparenz voraus. 

Es gibt jedoch viele unbeantwortete Fragen-weil der Papst- gemäß seines Vorrechts- allein handelt, ohne irgendjemandem rechenschaftspflichtig zu sein. 

Es gibt viele offene Fragen. Zuallererst die nach der finanziellen Lage. 

In einer Notiz hat der Rechtsanwalt von Msgr. Mauro Carlino, einem der fünf Vatican-Mitarbeiter. die während der Untersuchung zur Sloane-Avenue suspendiert wurden, erklärt, daß Papst Franziskus nicht nur von der Finanztransaktion wußte, sondern ihr auch zugestimmt hatte. Außerdem stellte der Anwalt auch fest, daß das IOR gesagt habe, es sei in der Lage die Transaktion zu unterstützen. Zur gleichen Zeit berichtete das IOR über den Vorgang und pflasterte den Weg für die Untersuchung. 

Warum kam es- wenn der Papst von der finanziellen Operation wußte- zu der Suspendierung? Wenn es Korruption gab, warum gab es dann bisher keine Ermittlung? Wenn es keine Korruption gab, warum durften dann die Personen, gegen die ermittelt wurde, nicht in ihre Ämter zurückkehren- anstatt daß man sich vor dem Prozesss von ihnen trennte? 

Ein anderes Thema betrifft Erzbischof Gustavo Zanchetta. Papst Franziskus hat ihn aus Argentinien einberufen, um Assessor bei der APSA zu werden - ein ad hoc für ihn geschaffenes Amt. Er war vom Dienst suspendiert worden und verpflichtet nach Argentinien zurückzukehren, wo er bei einem Gerichtsverfahren wg. angeblichen Mißbrauchs vernommen wurde. Danach kehrte Zanchetta in den Vatican zurück, wo er jetzt arbeitet. Zu Recht gilt er bis zum Beweis des Gegenteils als unschuldig. Warum aber wurde dieses Prinzip nicht bei anderen Fällen angewandt? 

Fr. Guerrero hat über das "Haus aus Glas" gesprochen- als er in einem Interview mit Vatican News die Bilanz des Hl. Stuhls präsentierte. Die Bilanzen waren seit 2015 nicht mehr veröffentlicht worden., In der Vergangenheit wurden sie immer zusammen mit der Bilanz des Vatican-Staates veröffentlicht.  Diesesmal war es nur die Bilanz der Kurie. Warum? Und warum wurde die Bilanz nicht in einer Pressekonferenz des Pressesaals des Hl. Stuhls präsentiert, damit jeder Fragen dazu stellen konnte? So war es zu der Zeit als Kardinal Sebastiani Präsident der Präfektur für Wirtschaftliche Angelegeheiten gewesen war. 

Und weiter- warum ist jetzt seit Jahren der Jahresbericht des IOR nicht mehr vom Pressebüro des Hl. Stuhls vorgestellt worden und warum 2019 nicht der Bericht der AIF- wie es in den vorherigen Jahren war? 

Es scheint so, daß die päpstliche Kommunikation ein gut definiertes Narrativ befördern soll, das einige Defizite des Vaticans herunterspielen soll. Weil es keine Gelegenheit zum Dialog gibt, kann niemand die kritischen Bereiche bemerken oder ansprechen. Gleichzeitig gibt es aber keinen Platz für ein abweichendes Narrativ.

Es gibt jedoch Hinweise, daß die Dinge anders liegen, als sie wahrgenommen werden. Bischof Nunzio Galantino, Präsident der APSA hat am 31. Oktober der Zeitung der CEI ein Interview gegeben, in dem er einige interessante Details lieferte. Bischof Galantino möchte die Idee betonen, daß Investitionen jetzt koordiniert werden, daß es Kontrollen und eine neue Mentalität gibt, was bedeutet, daß die Dinge sich geändert haben. 

Bischof Galantino spricht jedoch speziell über die Sloane-Avenue. Er erklärt, daß die Schließung des Fonds und die Auszahlung eines der Makler- Gianluigi Torzi- die Kontrolle des Vaticans über dieses Eigentum wiederherstellen sollte. Diese neue Operation hat Sinn, weil sie die Profite steigert. 

Das bedeutet am Ende, daß das Staatssekretariat daran gearbeitet hat, die Investition zu schützen. Daß Torzi ausbezahlt wurde, weil es einen vorbestehenden Vertrag gab und daß der Staatssekretär diesen Vertrag kündigte, um die Kontrolle über die Immobilie wieder zu erlangen. 

Das ist bemerkenswert, weil es von jemandem kommt, der Seite an Seite mit dem Papst arbeitet.  Wiederum- wenn das die Tatsachen sind, warum finden dann am Ende die Untersuchungen statt und warum sind sie noch nicht beendet?

Tatsache ist, daß über einige öffentlichen Äußerungen hinaus, der Vatican unter Papst Franziskus kein Tempel der Transparenz und der Parrhesie geworden ist. Es ist für Papst Franziskus legitim, so zu agieren. Es ist jedoch verblüffend, daß das Narrativ um ihn herum etwas anderes zeigt. Papst Franziskus hat oft gezeigt, daß er zur Zentralisierung neigt- nicht zur Dezentralisierung. Das hat er sowohl bei sakralen als auch bei profanen Themen getan. Und er tut es noch."

Quelle: Monday in the Vatican, A. Gagliarducci
 

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