Freitag, 8. Juli 2022

Neues vom Vatican-Prozess um die Londoner Immobilie

A. Gagliarducci kommentiert bei aciStampa den aktuellen Verlauf des Vaticanischen Prozesses. 
Hier geht´ s zum Original: klicken 

"PROZESS UM DEN LONDONER PALAZZO, WUSSTE DER PAPST VOM BEIM IOR BEANTRAGTEN DARLEHEN?"

Zwei Verhöre, teilweise gegensätzliche Versionen, ein Bild, das noch zu rekonstruiert werden muß. Der Prozess über die Handhabung der Guthaben des Staatssekretariats wird fortgesetzt. Mit einigen Neuigkeiten

Papst Franziskus hatte das Staatssekretariat ermächtigt, ein Darlehen beim Istituto delle Opere di Religione di Stato zu bitten, um die Hypothek auf das Gebäude, in das investiert wurde, in London abzubezahlen und die Verwaltung der Immobilie vollständig zu übernehmen. Dies enthüllte Fabrizio Tirabassi, Beamter der Verwaltungsabteilung des Vatikanischen Staatssekretariats, bei der Fortsetzung seiner Vernehmung im Vatikanprozess, der nun seine 25. Anhörung erreicht hat.

Diese Woche fand außer der Befragung von Tirabassi, die noch beendet werden muß, auch die Befragung von Nicola Squillace, Rechtsanwalt der Gesellschaft von Gianluigi Torzi, statt, der an den Vertragsentwürfen(eigentlich einer Absichtserklärung) arbeitete, die die Verwaltung des Londoner Gebäudes vom Athena Fund zu Torzis GUTT verlagerten.

An dieser Stelle ist ein wenig Geschichte nützlich. 

2013 hat das Staatssekretariat entschieden, 200 Mio € zu investieren. Man prüfte die Möglichkeit einer Beteiligung an einem Ölförderunternehmen in Angola, Falcon Oil, und wandte sich hierfür auf Anregung der Credit Suisse an Raffaele Mincione. Mincione richtete einen Fonds ein, den Athena-Fonds, riet dann aber von der Durchführung der Operation ab.

Das Staatssekretariat überließ ihm jedoch die Investitionsgelder, die er zum Teil (100 Millionen Dollar) in den Kauf von Anteilen an einer Luxusimmobilie in der Sloane Avenue in London einsetzt. Dann beschloss das Staatssekretariat 2018, Mincione die Führung zu entziehen, kaufte die Anteile zurück und übergab sie dem Makler Gianluigi Torzi, der seine eigene Firma GUTT nutzt. Torzi behielt tausend Aktien für sich, aber sie waren die einzigen mit Stimmrecht.

Der Heilige Stuhl verhandelte dann mit Torzi über den Kauf der Anteile  und beschloss, das Gebäude direkt zu kaufen, um die direkte Kontrolle darüber zu übernehmen. Die Verhöre von Tirabassi und Squillace passen in diesen Zusammenhang.

Tirabassi behauptet, dass das Staatssekretariat und insbesondere er bis zum Schluss nicht erkannt hätten, daß die an Torzi übergebenen Aktien tatsächlich die einzigen mit dem sogenannten goldenen Anteil waren, dem Stimmrecht, das dem Makler die Souveränität über das Gebäude gab. 

Squillace, der die Folien mit den sieben Vertragsentwürfen präsentierte, in denen er an der Passage von Athena zu GUTT gearbeitet hatte, behauptet stattdessen, daß er die Frage bei Tirabassi angesprochen habe, der geantwortet habe, daß alles in Ordnung sei, weil das Staatssekretariat andere Operationen dieser Art habe.


Andererseits waren wir uns der Hypothek bewusst, die auf dem Grundstück lastete. Es war ein Darlehen von Cheyne Capital in Höhe von 123 Millionen Pfund Sterling. Wenn das Staatssekretariat beschloss, die Kontrolle über das Gebäude zu übernehmen, um die Investition zu retten, wird es auch entschieden haben, das Darlehen zurückzuzahlen. Und für Erzbischof Edgar Pena Parra, Stellvertreter des Staatssekretariats, "gab es nichts Transparenteres, als sich an das eigene interne Institut zu wenden“, nämlich das IOR, sagte Tirabassi auf Nachfrage.

Tirabassi fügte hinzu, daß der Generaldirektor des IOR, Gianfranco Mammì, selbst mit dem Papst über die Finanzierung gesprochen und sich für ihn ausgesprochen habe. Aber andere defensive Memoiren berichten bereits, daß Kardinal Pietro Parolin, Staatssekretär des Vatikans, in den Sitzungen klar gesagt hatte, daß er das Okay des Papstes für den Kredit hatte.

Am 24. Mai 2019 gibt ein Schreiben des Präsidenten des IOR de Franssu den Weg für den Kredit frei, wechselt aber nur drei Tage später von grün auf rot wechselt. Tirabassi rekonstruierte die Geschichte und betonte, wie die Financial Intelligence Authority eine erste Operation blockiert und stattdessen den überarbeiteten Plan des Staatssekretariats für den Erwerb des Gebäudes genehmigt habe. "Sie sagten, es gäbe Geldwäscheprobleme, aber wenn die Anti-Geldwäschebehörde gesagt hätte, es gäbe keine Probleme ...", sagte Tirabassi bei der Anhörung.

Die Behörde wird unter anderem bei ausländischen Kontrahenten aktiviert, sobald sie vom Staatssekretariat eine Meldung über eine verdächtige Transaktion erhält, und klar war, daß sie den Geldfluss weiter überwachen würde. Man könnte sogar meinen, daß das vom Papst autorisierte summarische Verfahren mit den darauf folgenden Ermittlungen die Einsicht der Behörde effektiv blockiert hat. Das ist eine Frage, die wahrscheinlich im Laufe der Anhörungen untersucht werden wird.

Die beiden Verhöre zeigten zum ersten Mal zwei unterschiedliche Sichtweisen, weil Tirabassi behauptet hat, von Squillace und Torzi hinters Licht geführt worden zu sein, und Squillace hat immer behauptet, kontinuierlich Informationen gegeben zu haben.

Auffällig ist vielmehr, daß Monsignore Alberto Perlasca, damals Leiter der Verwaltung des Staatssekretariats, die Abkommen unterzeichnete, obwohl er dazu nicht berechtigt war. Tirabassi sprach von dem Wunsch des Monsignore, sich der Probleme anzunehmen, um die Vorgesetzten nicht einzubeziehen, aber er sagte auch, daß er sich von Perlasca distanziert und sich an den Substituten gewandt habe, als er erkannte, daß Perlascas Verhalten potenziell schädlich sei. Squillace sagte, er habe immer geglaubt, daß Perlasca die Möglichkeit habe zu unterschreiben, insbesondere die erste Vereinbarung, die sogenannte Rahmenvereinbarung, die keine Verpflichtungen, sondern nur gegenseitige Bemühungen enthielt, mit einer Exklusivität nach Ablauf . "Der Heilige Stuhl hätte sich jederzeit von diesem Abkommen zurückziehen können“, sagte er.

Er habe sich nicht zurückgezogen, auch weil Perlasca "sehr entschlossen war, die Führung an Torzi zu übergeben", sagte Tirabassi.

Beide Vernehmungen müssen am 14. und 15. Juli fortgesetzt werden. Dann werden im September wieder aufgenommen, mit drei aufeinanderfolgenden Anhörungen alle zwei Wochen und möglicherweise mit den ersten Zeugen. Pignatone sprach von 200 Zeugen, aber viele werden aufgrund der Verfahrensentwicklungen, die  zu den Anschuldigungen geführt haben, möglicherweise nicht vorgeladen. Es wird jedoch ein langer Prozess  werden.

Auch weil, wie Sie sich erinnern werden, der Prozess den Londoner Palast als Hauptthema hat, aber auch 10 Angeklagte und mindestens zwei weitere Ermittlungsstränge umfasst: die Auszahlung einer Spende an Kardinal Angelo Becciu in seiner Rolle als Stellvertreter der Caritas von Ozieri; und den vom Staatssekretariat an Cecilia Marogna vergebene Beratervertrag."

Quelle: A. Gagliarducci, aciStampa

 

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