Montag, 19. Dezember 2022

Welche Glaubenslehre? Drewermann ante portas?

In seiner heutigen Kolumne in "Monday at the Vatican" kommentiert A. Gagliarducci u.a. das Gerücht einer möglichen Ernennung des Hildesheimer Bischofs Heiner Wilmer zum Präfekten des Dicasteriums für die Glaubenslehre und weist auf die Zustimmung Bischof Hilmers auf die kruden Thesen Eugen Drewermanns hin, von denen wir uns befreit glaubten. (Der Gedanke von Drewermann ante portas* dürfte nicht viel weniger Schrecken auslösen als damals der Ruf, daß Hannibal vor den Toren Roms stehe). 

Hier geht´s zum Original:  klicken

  "PAPST FRANZISKUS, WELCHE GLAUBENSLEHRE?" 

Die Bombe, die letzte Woche von der Website Messa in Latino gezündet wurde, betrifft die Ernennung des neuen Präfekten des Dikasteriums für die Glaubenslehre. Wenn sich die Gerüchte bestätigen, wird er zwar noch Ordensmann sein (Kardinal Ladaria, der zurücktritt, ist Jesuit), aber jünger, Bischof und Deutscher von der Ausrichtung jenes Synodalen Weges, den Papst Franziskus nicht versäumt hat, in Frage zu stellen: mit den Worten des Papstes – "in Deutschland gibt es bereits eine evangelische Kirche.“ Er heißt Heiner Wilmer, ist Dehonianer, 61 Jahre alt und seit 2018 Bischof von Hildesheim.

Sein Name soll zum ersten Mal auf der letzten Sitzung des Kardinalsrats in Umlauf gekommen sein, erwähnt vom Papst, der beeindruckt von der Denkweise dieses jungen deutschen Theologen und Generaloberen des Heiligsten Herzens Jesu für drei Jahre gewesen sein soll. Wilmer hat es nicht versäumt, der katholischen Kirche kritisch gegenüberzustehen, und 2018 zu argumentieren, daß "Machtmissbrauch in der DNA der Kirche liegt“. Dabei zögerte er nicht, auf den Gedanken von Eugen Drewermann zu verweisen, einem ehemaligen Priester und Psychotherapeuten, der die Tiefenpsychologie auf das Lesen der Bibel anwendete.

Die Glaubenskongregation strafte Drewermann und zu seinem 65, Geburtstag machte er sich selbst das zweifelhafte Geschenk, den Katholizismus zu verlassen. 

Drewermann stellte die eigentliche Institution der Kirche in Frage, den priesterlichen Zölibat und sogar die Bibel selbst in Frage, die er eher als eine Sammlung von Symbolen als als einen historischen Bericht präsentierte. Als Antwort auf diese in Deutschland weit verbreitete Herangehensweise hat Benedikt XVI. die Jesus-von-Nazareth-Trilogie geschrieben. Denn über die Symbole hinaus ist die Bibel auch eine genaue und konkrete Geschichte der Völker, ebenso wie das Leben Jesu.

Sollte Wilmers Ernennung bestätigt werden (Gerüchten zufolge soll dies bereits heute geschehen), würde Papst Franziskus damit definitiv den Ansatz, der vor Johannes Paul II. Und dann nach Benedikt XVI. existierte, begrüßen. Aber er würde das auch tun, um eine wesentliche Idee zu bestreiten, nämlich dass man die Institution dauerhaft bewahren muss.

Wenn Wilmer sagte, daß Missbrauch in der DNA der Kirche liegt, dachte er dabei auch an die Werke von Drewermann, der als "ein von der Kirche nicht anerkannter Prophet unserer Zeit“ definiert wurde. Warum hätte sich Papst Franziskus dann zu dieser Entscheidung leiten lassen? Was hat ihn überzeugt?

Wenn wir Wilmers Interview von 2018 lesen, finden wir viele Ideen, die auch im Pontifikat von Papst Franziskus zu finden sind. Wir überlassen die Worte Bischof Wilmer.

"Manchmal denke ich: wer bestimmt eigentlich, was katholisch ist? Wir tun weiterhin so, als wäre es die Hierarchie, als hätten wir Bischöfe das Recht auf das Etikett Katholik. Das ist falsch! Wir sind keine Stiftung Warentest. Wir müssen Rezipienten und Zuhörer sein, die im Dialog mit katholischen Männern und Frauen, aber auch mit Christen anderer Konfessionen und Nichtgläubigen lernen. Wenn das theologisch klar ist, dann auch die Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal: Um das Böse in der Kirche einzudämmen, brauchen wir eine effektive Machtkontrolle in der Kirche. Wir brauchen eine Gewaltenteilung, ein System von Kontrolle und Ausgewogenheit“ ("checks and balances“, wie im demokratischen System").

Und noch einmal: "Wenn ich von Kardinal Gerhard Müller höre, daß Laien nach der Ordensordnung der Kirche nicht über geweihte Amtsträger urteilen können, kann ich nur sagen: Das stimmt nicht. In den frühen Jahrhunderten wurden Diakone und Priester immer durch Zuruf des Volkes zum Bischofsamt gewählt. In Köln erhoben sich bekanntlich im Mittelalter die Bürger immer wieder gegen die Macht ihres Erzbischofs und gewannen 1288 in der Schlacht bei Worringen die Freiheit von ihrem Lehnsherrn. Es gab viel mehr Formen der Teilhabe in der Kirche als heute. Wir müssen aufpassen, daß wir nicht Opfer des Vergessens unserer Geschichte werden.“

Papst Franziskus wiederholt diese Position oft: den Laien zuzuhören, die Macht zu kontrollieren, die durch persönlichen und niemals institutionellen Kontakt vorangetrieben wird, aber auch die Entscheidung, dem Vatikanischen Gerichtshof zu erlauben, über Kardinäle oder Prälaten zu richten. Und dann ist da noch diese Vorstellung von der kanonischen Sendung, die vom Bischof verliehen wird und jedem erteilt werden kann. Sie ist das Zentrum der Kurienreform, aber auch ein Rückschritt gegenüber dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das die Macht an die Weihe geknüpft hatte, gerade um Missbräuche zu vermeiden. Und dasselbe geschah, als entschieden wurde, daß über geweihte Amtsträger nicht geurteilt werden können: das war eine Form der Garantie, die nicht geschaffen wurde, um die Institution Kirche zu verteidigen, sondern um das Sakrament zu schützen. Die superpragmatische Linie des Papstes weist diese Nuancen jedoch nicht auf und blickt auch nicht auf die Geschichte. Nach Ansicht des Papstes sind Realitäten größer als Ideen. Einige Ideen entsprechen jedoch den Gedanken des Papstes und bilden die Realität in der Vision des Papstes.

Bischof Wilmer ist jedoch, wie erwähnt, von Drewermann inspiriert. Und hier wird es interessanter. Sein bekanntestes Werk ist "Gottes Beamte: Psychogramm eines Ideals“. Auf knapp 700 Seiten untersucht Drewermann die priesterliche Ausbildung und Funktion tiefenpsychologisch. Die These des Buches ist, daß diejenigen, die ins Priesterseminar gehen, dies tun, um ihrer Sexualität zu entfliehen und im verhassten Kirchenapparat Zuflucht suchen, der zu einer Art Nest reduziert wird. Voller Fallstricke, weil das aufgrund des unermüdlichen, wahnsinnigen und verzweifelten Studiums der grundlegenden Elemente der katholischen Lehre zu Neurosen bei den neuen Priestern führen würde. Alles Zeug, das eliminiert werden sollte", schreibt der Autor.

Das ist schwerwiegend –und vor einigen Jahren im Interview mit der deutschen Zeitschrift Öffentliches Forum sagte er– "das ist die Schizophrenie, die kirchliche Dogmen wissentlich verursachen“, und das heißt, "daß die Auslegung der Bibel und Inhalte des christlichen Glaubens nicht auf symbolischer Ebene gemacht werden dürfen, sondern nur ideologisch, im Sinne objektiver Dogmen oder historischer Tatsachen.
Diese Position spiegelt in gewisser Weise auch die Gedanken von Papst Franziskus wider. Die Kirche kann für Papst Franziskus zwar kein Nest voller Fallstricke sein, aber sie ist die Kirche des Volkes, gemacht vom Volk, genährt in den Vororten. Nur diese so gebildete Kirche kann authentisch, genau und wahrhaftig sein. Und es spielt für Papst Franziskus keine Rolle, ob es darum geht, irgendwelche Strukturen niederzureißen. Manchmal, denkt er, sei das notwendig und gesund.

Wird dies also der Ansatz des Dikasteriums für die Glaubenslehre sein? Das ist möglich. Wenn der Papst entschieden hat, wird er die Ernennung auch über jeden möglichen Widerspruch hinweg vornehmen.

In der Tat scheint diese Ernennung ein Zeichen der Gunst gegenüber dem Synodalen Weg und der Haltung der deutschen Bischöfe zu sein, offen für eine erneute Auseinandersetzung mit dem Zölibat durch die Themen Sexualität und Machtmissbrauch in der Kirche.

Aber es war der Papst selbst, der den Synodalen Weg kritisierte und seinen Ansatz nicht vollständig teilt.

Tatsache ist, daß die Wahl des Papstes jetzt auf diesen Ordensbischof fallen könnte, der das Gesicht einer neuen theologischen Welle zu sein scheint, die darauf abzielt, das Zweite Vatikanische Konzil in einem wörtlicheren Sinne anzuwenden als wie es bisher getan wurde jetzt. In gewissem Sinne eine Selbstverleugnung früherer Pontifikate.

Aber auch eine Absage an die Linie von Benedikt XVI., der zwar einen Deutschen zum Präfekten der Glaubenslehre gewählt hatte, aber einen im Einklang mit der Lehre der Kirche: Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Es sei darauf hingewiesen, daß Müller auch ein profunder Kenner der Befreiungstheologie und ein persönlicher Freund des Begründers dieser Theologie, Gutierrez, ist.

Schließt Papst Franziskus in dieser späten Phase des Pontifikats eine Ära ab? Vielleicht. Diese mögliche Entscheidung von Papst Franziskus mag andere, eher "politische“ Beweggründe haben. Das heißt, der deutschen Welt einen Theologen von einer gewissen Offenheit für die Glaubenslehre zu gewähren, um ihre Synodale Bewegung zu verhindern, die darauf abzielt, sogar die Lehre der Kirche zu ändern.

Noch ist die Nachricht nur ein Gerücht, könnte aber bald bestätigt werden. Die Bekanntgabe des neuen Präfekten für die Bischöfe wird ebenfalls erwartet, was für die nächsten bischöflichen Ernennungen von wesentlicher Bedeutung ist. Aber dort ist eine Überraschung wahrscheinlich, falls Hilmers Nominierung stattfindet.

Sollte Hilmer eintreffen, müssen auch viele Äußerungen von Papst Franziskus vor diesem Hintergrund gelesen werden: Waren sie real oder sollten sie die Aufmerksamkeit einer bestimmten fortschrittlichen Welt auf sich ziehen?"

Quelle: A. Gagliarducci, Monday at the Vatican

* für die, die es genau mögen: Drewermann ad portas?

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