Mittwoch, 16. März 2016

Ein unveröffentlichtes Interview

Der belgische Jesuit und Urs von Balthasar-Schüler Jaques Servais hat anläßlich einer Tagung im Oktober 2015 den Papa emeritus interviewt. Avvenire hat das Gespräch jetzt veröffentlicht.
Hier geht´s zum Original:   klicken  und klicken
Vielleicht können auch die wie immer falsch informierten Glaubensfeinde den Text mit Gewinn lesen,


"WAS IST DER GLAUBE? EIN UNVERÖFFENTLICHTES INTERVIEW VON JACQUES SERVAIS MIT BENEDETTO XVI"

"Heiligkeit: die Frage, die in diesem Jahr beim Studientag der Rettoria del Gesu gestellt wurde, ist die der Rechtfertigung des Glaubens. Im letzten Band Ihrer Opera Omnia steht dazu Ihre resolute Feststellung: "Der christliche Glaube ist keine Idee sondern ein Leben"


           

"Indem Sie die berühmte Feststellung des Hl. Paulus (Röm 3,28) kommentieren, sprechen Sie diesbezüglich von einer doppelten Transzendenz. "Der Glaube ist ein Geschenk  den Glaubenden durch die Gemeinschaft, die ihrerseits Frucht des Geschenkes Gottes ist"
Können Sie erklären, was Sie mit dieser Aussage gemeint haben - natürlich eingedenk der Tatsache, daß der Zweck dieser Tagung die Klärung der pastoralen Theologie und die Belebung des spirituellen Erlebens der Gläubigen ist?"

Papa Benedetto: "Es handelt sich um die Frage, was der Glaube sei und wie man zum Glauben kommt. Auf der einen Seite ist der Glaube ein tiefer persönlicher Kontakt mit Gott, der mich in meinem Innersten berührt und mich vor den lebendigen Gott hinstellt - in absoluter Unmittelbarkeit, so daß ich mit ihm sprechen, ihn lieben und in Kommunion mit ihm treten kann.
Aber zur selben Zeit hat diese maximal persönliche Realität mit der Gemeinschaft der Brüder und Schwestern zu tun - Der Glaube kommt vom Hören (fides ex auditi), lehrt uns der Hl. Paulus. Das Hören setzt immer einen Partner voraus. Der Glaube ist nicht das Produkt von Überlegungen, um die Tiefe meines Seins zu durchdringen. Diese Dinge können vorhanden sein, aber sie bleiben unzureichend ohne das ...Hören auf das, was Gott von außen gibt, beginnend mit einer Geschichte, die er selbst geschaffen hat und die mich angeht.
Damit ich glauben kann, brauche ich Zeugen, die Gott begegnet sind und ihn mir zugänglich machen. Die Kirche hat sich nicht selbst gemacht, sie wurde von Gott geschaffen und wird kontinuierlich von ihm geformt.
Dort findet er seinen Ausdruck in den Sakramenten, besonders in dem der Taufe: ich trete in die Kirche ein - nicht durch einen bürokratischen Akt, sondern in dem ich das Sakrament bedenke. Und das ist gleichbedeutend als ob man mir in einer Gemeinschaft zuhört, die sich nicht selbst gegründet und sich nicht selbst geplant hat.
Die Pastoral, die die spirituelle Erfahrung formen will, muß von diesen Fundamenten ausgehen. Es ist nötig, den Gedanken von einer Kirche, die sich aus sich selbst schafft, aufzugeben.
Sie muß zur Begegnung mit Jesus Christus in seiner Anwesenheit in den Sakramenten führen."



J. Servais: "Als Sie Präfekt der Glaubenskongregation waren, und die gemeinsame Erklärung der Katholischen Kirche und des Lutherischen Weltbundes vom 31. Oktober 1999 zur Rechtfertigungslehre kommentierten, haben Sie einen Unterschied der Mentalität in Luthers Beziehung und der Frage der Erlösung und der Seligkeit - wie er sie vorschlägt - festgestellt.
Die religiöse Erfahrung Luthers wurde von der Angst vor dem Zorn Gottes beherrscht, ein dem modernen Menschen eher fremdes Gefühl, in einer Zeit, die eher von der Abwesenheit Gottes gekennzeichnet ist.
(Es genügt, den Artikel zu lesen, den Sie 2000 für die Zeitschrift "Communio" geschrieben haben)
Kann die Rechtfertigungslehre des Glaubens des Hl. Paulus - in diesem neuen Kontext - die religiöse Erfahrung erreichen oder wenigstens die elementare Erfahrung unserer Zeitgenossen?"

Papa Benedetto: "Insgesamt möchte ich noch einmal unterstreichen, was ich 2000 in Communio bezüglich der Rechtfertigung geschrieben habe. Für den Menschen von heute - im Vergleich zur Zeit Luthers - und im Angesicht des klassischen christlichen Glaubens - haben sich die Dinge in gewisser Weise auf den Kopf gestellt, augenscheinlich ist es nicht mehr der Mensch, der glaubt, sich gegenüber Gott rechtfertigen zu müssen, sondern es sieht so aus, als sei es Gott, der sich wegen all des Schrecklichen in der Welt und angesichts des Elends des menschlichen Wesens, alles Dinge, die in letzter Analyse von ihm abhängen, rechtfertigen müsse.
In diesem Zusammenhang finde ich es bezeichnend, daß ein katholischer Theologe auf unglaubliche Weise - direkt und formal eine solche auf-den-Kopf-Stellung behauptet, Christus habe nicht wegen der Sünden der Menschen gelitten, sondern sozusagen die Schuld Gottes getilgt.
Auch wenn zur Zeit die Mehrheit der Christen dieses so drastische-auf-den-Kopf-stellen noch nicht teilt, kann man sagen, daß das alles aus der Grundtendenz unserer Zeit herrührt,.

Als Johann Baptist Merz forderte, daß die Theologie von heute für die Theodizee sensibel  ("theodizeeempfindlich") sein müsse, hat er das selbe Problem nur auf positive Weise dargestellt. Auch abgesehen von dieser so radikalen Herausforderung der kirchlichen Vision der Beziehung zwischen Gott und dem Menschen, hat der Mensch von heute in allem das Gefühl, daß Gott den größten Teil der Menschheit nicht verloren gehen lassen kann. In diesem Sinn ist die Sorge um die Erlösung typisch für eine zum großen Teil vergangene Zeit."
(..........)

Quelle: avvenire, Jacques Servais

Kommentare:

  1. Bitte, sehr geehrte Damen und Herren, besorgen Sie eine vollständige, deutsche Übersetzung dieses hochaktuellen Interviews. Ich kann selber leider italeinisch nicht nachlesen.

    Aus den dramatischen Jahren 1962-65-68 gibt es nicht mehr viele, lebende Akteure und Augenzeugen, die über die Tatsachen und die verschwiegenen, manipulierten Hintergründe dieses verwirrenden, in höchstem Maße „unpastoralen“ Konzils berichten können, wie seine Heiligkeit Papst Benedikt!

    Wir brauchen sein wahres Zeugnis, seine authentische Interpretation dringend, solange Gott ihm und uns die Gnade erweist, dass wir diese „Nachhilfestunden“, die nicht Orchideenthemen, sondern die Subsistenz der Kirche betreffen, erst nach 50 (!!!) Jahren erhalten können.
    Ich verehre Papst Benedikt aus ganzem Herzen, aber seinen mutlosen Rücktritt kann ich weder verstehen noch verkraften.

    Ich fühle mich dermaßen verraten, dass es in diesem steuerlos gewordenen „Schiff Petri“ manchmal bis zum Glaubenszweifel wird.

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    1. Es mag sich arrogant anhören, aber wenn wir alles verstünden, bräuchten wir nicht glauben.
      IN einem seiner ersten Bücher (Einführung in das Christentum) vergleicht der Professor Ratzinger, den Glaubenden mit der Lage des Schiffbrüchigen Missionars aus Claudels "der seidene Schuh": Gebunden ans Holz, das Holz aber treibend über dem Abgrund!
      Lesen tut man sowas leicht, richtend drüber reden, wenn andere Zweifel anheimgefallen sind, tut man auch leich.
      man kann es auch so sehen, dass wir in dieser Weltzeit lernen dürfen, dass Glaube in der Bedrängnis gar nicht so leicht ist, wie wir das so dachten!

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