Dienstag, 29. Mai 2018

"Irland ein Nekrolog"

John Waters, irischer Autor von Büchern und Theaterstücken,  kommentiert das Irland-Referendum für "FirstThings" und stellt das Abstimmungsergebnis als Teil des aktuellen Zustands der Insel dar.
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                   "IRLAND: EIN NEKROLOG"
J.Waters zitiert zur Einleitung seines Artikels die Charakterisierung Irlands durch Thomas Davis, einen irischen Dichter aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts:

"Dieses unser Land ist keine Sandbank- aufgeworfen durch irgendeine Laune der Erde. Es ist ein altes Land, in seinen Archiven geehrt durch Zivilisation, für seine Frömmigkeit bekannt seit der Antike, seinen Heldenmut und seine Leiden.
Jede große europäische Rasse hat ihren Fluß in den Strom des Irischen Geistes entsandt. Lange Kriege, große Organisationen, subtile Codes, Leuchtfeuerverbrechen, führende Tugenden und
selbstmächtige Männer waren hier. Wenn wir durch Wind, Sonne und Bäume beeinflußt leben und nicht durch Leidenschaften und Taten der Vergangenheit, sind wir ein gedankenloses und hoffnungsloses Volk."
Thomas Davis

Gesegnet der, der deine Kinder ergreift und sie zerschellt an den Felsen  - Psalm 137

"Donnerstag hatte ich das seltsame Gefühl, dass an diesem Tag die Stimmung eines Heiligen Sonntags herrschte- ein Tag der in der Geschichte herausgehoben ist. Außer daß hier die Geschichte in die entgegengesetzte Richtung zu gehen schien: erst die Auferstehung , dann der Kalvarienberg.
Am Freitag hat das irische Volk den Kalvarienberg rückwärts erklommen, im Namen des Fortschritts."
So beginnt John Waters seinen Kommentar unf fährt dann  fort:

"Wenn Sie einen Ort besuchen möchten,wo die Symptome der Krankheit unserer Zeit am weitesten verbreitet sehen sind, kommen Sie nach Irland. Hier werden Sie die Zivilisation im freien Fall sehen, die mit jedem Atemzug versucht, die Existenz einer höheren Autorität zu leugnen, ein Volk, das sich jetzt selbst dazu verurteilt hat, nicht auf das Kreuz Christi zu schauen, damit es nicht von seinem Zorn und seinem Leiden heimgesucht wird."





Er begründet sein Urteil über den Zustand der smaragdenen Insel mit dem Stimmverhalten der Iren:

"Zwei von drei, die abgestimmt haben- 66,4%-  haben "ja" zur Entfernung des Lebensrechts der ungeborenen Kinder aus der irischen  Verfassung gestimmt. Wenn Sie in modernen Worten darüber nachdenken, dann ist das "schwindelerregend" : nur einer von drei Wählern- 33,6% - wünschte, daß dieser Schutz weiterbesteht.
Die Weltmedien nannten es einen "Erdrutsch für die Abreibung". Aber davor gab es einen Erdrutsch, der Ungeborene, jedes ungeborene Kind, Angriffen von außen gegenüber schutzlos zu lassen, auslöste.
Wenn man berücksichtigt, daß etwa ein Drittel der Wahlberechtigten das nicht getan haben (die Wahlbeteiligung lag bei 64,1%), wurde dieses beispiellose Ergebnis durch nur etwa 42,5% der Wählerschaft erreicht. Nur ein Wahlkreis, Donegal im Nordwesten, hat mit Nein gestimmt, und dies mit einem knappen Vorsprung - 51,87 Prozent für Nein; 48,13 Prozent für Ja."

John Water klagt dann:
"Zum ersten mal in der Geschichte hat eine Nation dafür gestimmt, den Ungeborenen das Lebensrecht zu entziehen. Opfer dieser entsetzlichen Entscheidung werden die Schutzlosesten sein, die, die überhaupt keine Stimme haben. Es ist das Urteil des Irischen Volkes, nicht wie anderswo eine Entscheidung der Eliten, die durch ein parlamentarisches "fiat"angeordnet wird.
Das irische Volk ist jetzt das gesegnete, das seine eigenen Kinder gegen die Felsen schmettert.
Jetzt wo wir am Ende eine langen und häßlichen Schlacht angelangt sind, kann ich sagen, daß mich nichts davon überrascht. Der Tenor des Kampfes war so übelkeitserregend, daß  ich anfing in der Tiefe meiner Seele dieses Ergebnis vorherzusehen. Es waren die kleinen Dinge: die Frivolität der Ja-Seite : "Laufen für die Abschaffung"; "Gehen Sie mit Ihrem Hund für die Abschaffung spazieren" "Bauern für Ja" "Großeltern für die Änderung" - was eigentlich "Großeltern dafür, keine Enkel zu haben" hätte heißen müssen.
Das war-  genau wie das Referendum zur gleichgeschlechtlichen Ehe ein Karnevals-Referendum: "Trinken für die Abschaffung", "Grinsen für die Abschaffung"- wie sie von Tür zu Tür gingen, auf dem Weg zum Tode.
Heute tanzt Irland auf den Gräbern kleiner Kinder. Es ist ein Land, in dem Freiheit bedeutet: das Recht zu haben,einfach alles zu tun, was dir gefällt, ohne die Gefahr von Konsequenzen."

Dann wendet sich John Waters dem irischen Regierungschef zu:

"Am Tag der Abstimmung haben uns die Medien ein Bild unseres Taoiseach gezeigt: Leo Varadkin - der grinsend seinen Stimmzettel in die Urne wirft, mit der Schlagzeile : "Alle Burschen im Fitness-Studio stimmen mit ja."

Das ist der Epitaph des Landes, in dem ich aufgewachsen bin, das einzige, das ich Zuhause nennen konnte, dieses alte Land- dessen Frömmigkeit bis in die Antike zu verfolgen ist- sein Heldenmut und seine Leiden. Diesen Verrückten müssen wir Taoiseacch (Chieftain) nennen. Dieser Mann ohne Eigenschaften, der bei den Wahlen vor 3 Jahren als pro-Life-Anhänger auftrat hat mein Volk über jede Vorstellung hinaus in die Hölle geführt."

Und weiter:
"Am Mittwoch -zwei Tage vor der Abstimmung- rief Varadkar in seiner typischen Einfallslosigkeit  dazu auf, im Falle eines "Ja" keine öffentlichen Feiern abzuhalten.
Aber am Samstag Abend im Hof von Dublin-Castle sah man Tausende tanzen, herumtoben. weinen, schreien- während sie von der Musikgruppe Voices 4 Repeal unterhalten wurden. Der Anführer von Sinn Fein, der politische Flügel der jetzt aufgelösten Irisch Republikanischen Armee erklärte: "Das ist seit langer Zeit gekommen. Es geht um die Rechte der Frauen. Wir haben verdient, zu feiern."
Als Varadkar und sein Gesundheitsminister ankamen, wurden sie von Gesängen ihrer Namen begrüßt.

Dann fragt John Waters sich und seine Leser:

"Wie sind wir dahin gekommen? Der spirituelle Wiederaufbau Irlands, der nach den Hungersnöten den 1840-er stattfand, stellte die Mütter in den Mittelpunkt: die moralischen Instrumente mit denen die Irischen Familien auf den rechten und schmalen Weg zurückgebracht werden sollten.
Frauen wurden auf ein Podest gestellt, ihre Handlungen oder Forderungen wurden vor der Hinterfragung durch Männer geschützt.
Fügen Sie zwei Spritzer Feminismus hinzu und  Sie haben eine unangreifbare kulturelle Macht, die jetzt ihre Apotheose erreicht hat. "Vertrauen Sie den Frauen" forderte einer der vielen  Ja-Slogans.
Vertrauen Sie den Frauen, daß sie ihre eigenen Kinder töten?

"Der Krebs im Herzen der modernen irischen Kultur ist der Unglaube an alles, was nicht in eine Währung umgerechnet werden kann. Aber das war die Diagnose bis zum vergangenen Freitag.
Der 25. Mai wird als der Anfang des Zerfalls eingehen: der Wechsel der Menschen in Irland von der geistigen auf die materielle Ebene in dem Land, das einst das Juwel in der Krone des europäischen Christentums war, bestätigt, daß ein Baby nur das Eigentum einer Mutter ist."

Dann wendet sich der Autor der irischen Kirche zu:

"Die Kirche- war mit  Ausnahme von pastoralen Einsprengseln taktisch abwesend. Ihre Zurückhaltung ist hinsichtlich der Öffentlichkeit verständlich: die Nutzung der Antipathie gegen den Katholizismus war ein Kernelement der Abtreibungs-Strategie.
Was unverzeihlich ist, ist daß dieses Schweigen sich auch auf die Kanzeln ausdehnte. Die Vereinigung Katholischer Priester- eine Art theo-ideologischer Gewerkschaft- intervenierte, um einen minimalen Trend von pro-Life Predigten während der Messe zu kritisieren."

Und schließlich wendet sich Waters dem liebgewonnenen, romantischen Irlandbild im Ausland zu:

"Seit Jahren haben die Leute im Ausland mich mit der Insel der Heiligen und Gelehrten aufgezogen. und gefragt, wann wir ihnen mehr Mönche schicken. Meistens haben sie das nur halb im Spaß gesagt, der Grad des Zerfalls Irlands wird bei ihnen noch nicht voll verstanden. Es fällt mir zu, ihnen diese romantischen Ideen über mein Land abzugewöhnen."

"Der vergangene Freitag sollte wenigstens den Vorteil haben, mir diese Mühe zu ersparen.
In seinem Buch: "Wie die Iren die Zivilisation retteten" schreibt Thomas Cahill daß "Die Iren, die gerade lesen und schreiben gelernt hatten, die große Mühe auf sich nahmen, die gesamte westliche Literatur abzuschreiben" und so zu den "Rohrleitungen" wurden, die die Griechisch-Römische und Jüdisch-Christliche Kultur zu den europäischen Stämmen weiterleiteten, die sich zwischen dem Staub und den Trümmern der ruinierten Weinberge der Zivilisation, die sie überwältigt hatten, ansiedelten."
Er preist die Mönche "die allein die europäische Zivilisation neu gründeten."

"Das ist die beliebte Vorstellung von Irland. Wir wissen jetzt, daß das eine längst überholte Legende ist. Die Iren heute sind mehr unter den Plünderern und Bücher-Verbrennern, den Barbaren die nichts wertschätzen, außer was praktisch ist, zu finden.
In der Tat könnte Irland am 25. Mai den Streichholz an einen seiner heiligsten Texte gehalten haben, "Bunreach na hEireann", die Irische Verfassung, deren schicksalhafter Artikel 40.3.3 der das Lebensrecht der Ungeborenen betrifft - als dem Lebensrecht der Mutter gleichwertig- anerkannte, bald durch das fundamentale Recht jedes ungeborene Kind zu töten, dessen Mutter das verlangt, ersetzt werden.
Wir führen jetzt diejenigen an, die die Überreste der Christlichen Zivilisation, die die Schwachen auf sandigen Boden hüteten,vernichten."

Quelle: FirstThings, J.Waters

Kommentare:

  1. Erhellend ist sicherlich, sich hierzu einmal das Buch „Katholiken“ von Brian Moore durchzulesen, 1973 verfilmt von Jack Gold (hierzu: https://kirchfahrter.wordpress.com/2016/03/22/katholiken-1973/).

    Hier stellt der Protagonist in einem Gespräch fest: “Wußten Sie, daß Irland früher das einzige Land in Europa war, wo jeder Katholik am Sonntag in die Messe ging? Jeder, sogar die Männer?“. Nach der Liturgiereform änderte sich dies allerdings drastisch: „... als die neue Messe eingeführt wurde, versuchten wir's damit und taten, wie uns geheißen. Doch wir bemerkten, daß die Männer mit ihren Familien nach Cahirciveen kamen und rauchend und schwatzend draußen vor der Kirche blieben. Als die Messe aus war, gingen sie mit ihren Frauen nach Hause.“ Auch der Grund dafür wird im Buch (und im Film) deutlich angesprochen: "Die neue Messe ist weder Mysterium noch Gespräch mit Gott, sondern lediglich ein Singsang. Ein Unterhaltungsprogramm, weiter nichts. Latein ist die Sprache der Kirche, daher ist die lateinische Messe allumfassend. Das lateinische war eben ein Teil des Mysteriums. Man sprach nicht einfach so zu seinem Nachbarn, man sprach zu Gott, dem Allmächtigen.“

    Wenn man Gründe für die Abkehr des vormals katholischsten Landes Europas suchen will, sollte man dies zeitlich vor der Abtreibungswerbekampagne tun...

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    1. https://beiboot-petri.blogspot.com/2017/10/uber-das-was-wirklich-hilft-eine.html

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    2. Danke für den Hinweis! In meinem Kommentar zum Film schrieb ich vor gut 2 Jahren noch: „Warum Moore dem traditionellen Abt Zweifel an seiner Berufung zugeschrieben hat, blieb mir unklar. Der Geschichte dient es jedenfalls nicht“.
      Mittlerweile hörte ich mir den Mitschnitt einer Rede von Pater Niklaus Pfluger FSSPX an, in dem er u.a. auch auf den Film und seinen Protagonisten zu sprechen kommt und hier sensibel den Entstehungszeitraum des Buches hier miteinbezieht. Seine Sicht: Moore konnte sich in seinem in den wilden Jahren der Liturgiereform entstandenen Buch die radikale Abkehr vom apostolisch überlieferten und sich in 2000 Jahren behutsam organisch weiter entwickelten Meßopfer schlechthin nur mit Glaubensabfall erklären. Eine andere Erklärung als Apostasie war für ihn beim besten Willen nicht vorstellbar.
      Zumindest ein diskutabler Lösungsansatz für meine Frage.

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    3. Also der Abt trägt ja zunächst den Weg seiner Mönche, über Jahre hinweg mit, und zwar interessanterweise mit der gleichen Begründung, mit der die Liturgiereform und anderes gemacht wurde "die Leute wollen es so".

      Und dieses machen was opportun ist, genau das bringt den Abt ja dann dazu seine Mönche und die Gläubigen zu verraten, alleine zu lassen. Von daher sind die Zweifel des Abtes schon wichtig. Zentraler scheint mir aber zu sein, dass es eigentlich gar keine Zweifel des Abtes sind, sondern er glaubt einfach nicht und dass er nicht glaubt, genau das ist ihm, eigentlich noch nie aufgefallen, er hat einfach das gemacht, was man halt macht.
      Sehr tröstlich finde ich eigentlich das Ende des Buches, wo er, das erste mal in seinem Leben, richtig betet

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