Montag, 8. Juni 2020

A.Gagliarducci. Wenn Kontinuität zum Bruch wird....

In seiner heutigen, montäglichen Kolumne in "Monday in the Vatican" kommentiert A. Gagliarducci den bei den Medien erkennbaren Zwang, alles was Papst Franziskus tut, als Bruch beschreiben zu müssen, auch wenn das der Realität komplett widerspricht.
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"PAPST FRANZISKUS, WENN KONTINUITÄT PARADOXERWEISE ALS BRUCH BESCHRIEBEN WIRD"

Am 31. Mai hat Papst Franziskus ein Ausschreibungsgesetz für den Vatican erlassen, Das Gesetz regelt das Vorgehen bei der Vergabe öffentlicher Aufräge, zentralisiert das Vorgehen und harmonisiert die Haushaltsentwürfe. Das neue Gesetz wurde als eine der Initiativen von Papst Franziskus zur Bekämpfung der Korruption im Vatican interpretiert.

Andere sagten, daß das Gesetz als Rechtfertigung Kardinal George Pells angesehen werden könne. Kardinal Pell war Präfekt des Wirtschaftssekretariates, mußte sich 2017 beurlauben lassen, um nach Australien zurückzukehren und seinen Namen wegen des Mißbrauchs-Vorwurfs reinzuwaschen- er wurde am Ende für nicht schuldig befunden.

Kardinal Pell hatte viele Reformen der Vatican-Wirtschaft begonnen. Einige dieser Reformen sind im Vatican-Staat weitergeführt und angepaßt worden.Kardinal Pell folgte dabei dem Procedere
eines Unternehmens, obwohl der Vatican ein spezieller Staat und immer ein Staat ist.
Die Unterstützer von Kardinal Pell haben immer behauptet, daß die Anpassungen des Hl. Stuhls de facto Widerstand gegen Kardinal Pells Reformwerk waren.

Kardinal Pell befürwortete auch die Zentralisierung aller Entscheidungen über Investitionen. Das Ausschreibunggesetz fordert eine Zentralisierung der Finanzen . Und das ist der Grund, aus dem das Gesetz auch als Rechtfertigung Kardinal Pells interpretiert wird.

Diese sich scheinbar widersprechenden Schritte sind dennoch richtig. Papst Franziskus hat 
beschlossen, das IOR nicht abzuschaffen , obwohl alle dachten, daß er das tun würde. Auch wurde seine Entscheidung als Sieg der einen Partei über die andere interpretiert-.

Das Bedürfnis, jede Handlung von Papst Franziskus als einen Bruch mit der Vergangenheit zu sehen, ist vielleicht die schlechteste Eigenschaft dieses Pontifikates. Der Fall des Ausschreibungsgesetzes ist ein gutes Beispiel. Es ist weder eine Rache noch ein Bruch mit der Vergangenheit. Wie immer steckt mehr hinter der Geschichte.

2016 hat der Hl. Stuhl das Merida-Abkommen, das multilaterale UN-Abkommen gegen Korruption,
unterzeichnet. Das Abkommen fordert von den Unterzeichnern, sich Regeln für öffentliche Ausschreibungen zu geben, um der Korruption entgegen zu wirken.

2019 hat der Hl. Stuhl den ersten Schritt getan, um das Merida-Abkommen zu befolgen: es wurde eine neue Regelung für das Amt des General-Revisors formuliert. Der General-Revisor wurde de facto eine Anti-Korruptions-Autorität. 

Das Ausschreibungsgesetz ist das Ende des Weges der Anwendung des Merida-Abkommens.  Man könnte einwenden, daß der Hl. Stuhl das Abkommen während Papst Franziskus´ Pontifikat unterzeichnet hat. Wahr. Es ist aber auch wahr, daß der Weg dorthin und zu anderen Abkommen lange Zeit vorher begonnen wurde und Teil einer breiteren diplomatischen Strategie ist,.Es geht nicht um den Papst: es geht um das internationale Engagement des Hl. Stuhls. 




Es entsteht der Eindruck, daß im Zusammenhang mit der Person von Papst Franziskus die Arbeit des Hl. Stuhls untergraben werden soll. Alles als Bruch zu betrachten, ist auch eine Möglichkeit, die Kirche als dauerhaft überholt darzustellen. Wenn alles ein Bruch und alles neu ist, kann niemand einen Weg beschreiten, eine langfristige Vorstellung haben.  Letztendlich dreht sich in der Kirche jedoch alles um langfristige Themen. In der Kirche dreht sich vor allem alles um die Offenbarung Jesu Christi: Das Evangelium ist im Laufe der Jahrhunderte intakt geblieben, obwohl es durch die
unterschiedlichen Brillen verschiedener Kulturen und Zeiten gesehen wird.

Das Narrativ über Papst Franziskus´ Pontifikat wird durch das Bedürfnis charakterisiert, Kontinuität als Bruch darzustellen. Die Medien erfordern das und halten immer Ausschau nach saftigen Schlagzeilen. Dieses Narrativ wurde sofort akzeptiert. Papst Franziskus erfreute sich bei den säkularen Medien von Anfang an einer "vorausgehenden Sympathie". Diese Sympathie hat jede Interpretation eingefärbt.

Am Ende wird ein Teil der Kritik am Papst und an den Entscheidungen des Papstes sofort als Angriff auf den Papst etikettiert. Als ob es nie Angriffe auf die Päpste gegeben habe, die in der Tat weit davon entfernt sind, neu zu sein. Es gab ein Buch, in dem die Angriffe auf Benedikt XVI aufgelistet wurden; Johannes Paul II erfreute sich während der längsten Zeit seines Pontifikates keiner großen Publizität. Paul VI starb ewig unverstanden; auch Johannes XXIII mußte einige Stürme überstehen; und gegen Pius XII gab es ungezählte Angriffe. 

Die Reaktion auf die angeblichen Angriffe auf Papst Franziskus sind anders. Sobald einer der behaupteten Angriffe auftaucht, gibt es eine massive Verteidigung des Diskontinuitäts-Narrativs.
Es ist das selbe Narrativ, das behauptet, die einzige und richtige Ansicht von Papst Franziskus zu haben.

Mitte Juni wird der jährliche Bericht der Finanzkontroll-Instanz des Vaticans (AIF) veröffentlicht. Der erste, seit Papst Franziskus seine Führung ausgetauscht hat und seit den Durchsuchungen und Beschlagnahmen im Staatssekretariat und seiner Führung. Die Untersuchungen gehen weiter und noch gibt es keine Beschuldigungen. Die Tatsache, daß der Papst das Mandat der Führungsriege der AIF nicht erneuert hat, erweckt den Eindruck einer Bestrafung für ein Vergehen, das vielleicht nie begangen wurde. Wie wird der AIF-Bericht aussehen? Wird er als Darstellung einer zuvor getanen Arbeit  präsentiert werden? Oder als weitere revolutionäre Initiative von Papst Franziskus?

Auch die Beendigung der Kurienreform wird erwartet. Papst Franziskus könnte die letzten Änderungen im Juli vornehmen. Papst Franziskus trifft seine Entscheidungen und zieht seine Schlüsse während der Ferien. Wie wird diese Reform aussehen? Wird sie eine wirkliche Veränderung sein oder nur ein Abbau alter Strukturen, die durch neue ersetzt werden?

Letztendlich ist das Reformwerk von Papst Franziskus ein Schritt zu etwas Neuem gewesen, oft, weil es keine Kenntnis oder Anerkennung des bereits Bestehenden gab. In einigen Fällen hat es Anpassungen gegeben, in anderen nicht. Insgesamt gab es wenig detaillierte Bewertungen-.

Detaillierte Bewertungen zeigen oft eine substantielle Kontinuität.Das ist der Fall beim
Ausschreibungsgesetz, das dem Staatssekretariat und der Verwaltung des Vatican-Staates eine gewisse Freiheit läßt. Daran ist nichts Revolutionäres. Wir sprechen über die notwendigen Schritte, um internationale Standards zu befolgen.

Beim Pontifikat von Papst Franziskus ist es immer so gewesen: eine dauernde Suche nach dem Neuen. Da war es dann unmöglich, zu verstehen, daß Papst Franziskus etwas baute, was bereits bestand. Und das dieses etwas- manchmal- der beste Teil der Geschichte war."

Quelle: A. Gagliarducci, Monday in the Vatican 


  

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