Montag, 13. Juli 2020

Päpstliche Realpolitik....

In seiner heutigen Kolumne in "Monday in the Vatican" kommentiert A. Gagliarducci die "Realpoliitk" des Papstes gegenüber China und der Covid-19-Krise,
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"PAPST FRANZISKUS: DIE RATIONALE HINTER SEINER REALPOLITIK"
Das von Papst Franziskus ausgelassene Statement über Hong Kong hat die Diskussion über seine China-Politik wiedereröffnet. Hong Kong ist jetzt einem neuen chinesischen Sicherheitsgesetzt unterworfen, das von vielen als Freiheitskiller angesehen wird. 

Papst Franziskus hatte am Ende des Angelus-Gebetes vom 5. Juli eine Botschaft an die Menschen in Hong Kong richten sollen. Der Text dieser Botschaft war den beim Pressebüro des Hl. Stuhls akkreditierten Journalisten unter Embargo überreicht worden. Marco Tosatti, langjähriger Vaticanist, hat den Inhalt des Textes veröffentlicht. Das war eine kleine Verletzung der Regeln, weil es keine Papstrede gibt, wenn sie nicht gehalten wird. Der Text unter Embargo kann immer noch verändert werden.

Die Tatsache, daß es eine Botschaft gab, obwohl sie vom Papst nicht verlesen wurde, weist darauf hin, daß es beim Hl. Stuhl selbst eine breite Debatte darüber gibt, wie die Beziehungen zu China gehandhabt werden sollten. Und das ist sicher eine lebhafte Diskussion.

Es lohnt sich daran zu erinnern, daß Papst Franziskus das Telegramm, das er während seiner Rückreise von Japan an Hong Kong schickte, herunter gespielt hat. Seine Kommentare haben beim chinesischen Außenministerium Beifall gefunden. Das Telegramm wurde abgeschickt, obwohl Hong Kong kein Staat ist. Es ist ein Territorium und der Papst schickt üblicherweise Telegramme an Staatsoberhäupter nicht an regionale Autoritäten.

Einige glauben sogar an einen vorsätzlichen Tanz. Das ist eine Möglichkeit. Papst Franziskus möchte die Beziehungen mit China nicht vorsätzlich abbrechen. Er möchte statt dessen eine Perspektive des Dialogs schaffen, die Garant dafür ist, daß alles funktionieren und mit Respekt gegenüber den chinesischen Machthabern getan werden wird.

Gleichzeitig bringt das vaticanische Staatssekretariat einen schwierigen Dialog Schritt für Schritt voran. Diejenigen, die an diesem Dialog mit China teilnehmen, behaupten, daß die Vatican-Seite bei jedem Gespräch die Namen der verfolgten und eingekerkerten Priester und die Religionsfreiheit anspricht. Es wird nichts ausgelassen, sagen Quellen.

Sie unterstreichen auch, daß der Hl. Stuhl im Dialog mit China einige Dinge erreicht hat. Als der Dialog zwischen dem Hl. Stuhl und China begann- damals 1980- wollte China bzgl. der Autorität des Papstes bei den Bischofsernennungen keinerlei Zugeständnisse machen und den 
Abbruch der diplomatischen Beziehungen des Hl. Stuhls zu Taiwan. Heute hat der Hl. Stuhl immer noch Beziehungen zu Taiwan und das Abkommen von 2018 erkennt zumindest formell die Autorität des Papstes bei den Bischofsernennungen an.





Der Tanz würde darin bestehen, Schritte zu unternehmen, die der Papst herunterspielen oder verbergen kann. Das würde dabei helfen, der Chinesischen Regierung Signale zu senden. Und es wäre ein sehr raffinierter Tanz. 

Der Hl. Stuhl hat immer auf diese Weise gehandelt. Priorität des Hl. Stuhls ist, in jedem Land die Katholiken zu schützen und-gleichzeitig- in apostolischer Sukzession-legitim geweihte Bischöfe zu haben, die gültig Priester weihen könnten. Das ist die Diplomatie der Eucharistie, weil es ohne Eucharistie keine Kirche gibt.

Das war die Rationale hinter den Abkommen zu den Bischofsernennungen, die der Hl. Stuhl mit Ungarn zu Zeiten des Eisernen Vorhangs unterzeichnet hat  und kürzlicher mit Vietnam.
Der Dialog mit Vietnam ist fortgeschritten: es wird erwartet, daß in Kürze volle diplomatische Beziehungen aufgenommen werden. Zeitgleich ist die Religionsfreiheit bei den Gesprächen zwischen dem Hl. Stuhl und Vietnam zum zentralen Thema geworden.

Der Hl. Stuhl vertraut darauf, daß es so auch mit China gehen wird und daß- Schritt für Schritt- das Thema Religionsfreiheit auf den Tisch kommt. Das ist eine Langzeitstrategie. Die Perspektive des Hl. Stuhl ist die Ewigkeit nicht ein unmittelbarer Erfolg.

Das ist die Realpolitik des Hl. Stuhls, Diese Realpolitik sollte zu den Positionen, für die der Hl. Stuhl
auf internationaler Ebene eintritt übereinstimmen. Das ist ebenfalls keine leichte Aufgabe.

Die Notwendigkeit den Dialog mit China aufrecht zu erhalten ist verständlich. In China werden alle Christen verfolgt und es kann keine Kompromisse geben, weil die die Kirche in China in nichts nachgeben kann. 

Schwerer zu verstehen ist, warum der Papst diese Zugehensweise auch in Ländern angewandt hat, in denen die Kirche in der Tradition des Landes verwurzelt ist und dennoch verfolgt wird. 

Der Covid.19-Ausbruch hat ein klares Licht auf die einiger Machthaber geworfen, den Glauben zu marginalisieren- bis dahin, die Messfeiern zu verbieten. Das passiert in China und anderen Ländern regelmäßig, während in Europa und den USA die Verfolgung die Form von freiheitseinschänkenden Regulierungen angenommnen hat, die die Religions- und Redefreiheit
beschränken.

Papst Franziskus wählte den selben Zugang: er schloss sich völlig den Regierungen an- bis dahin nicht einmal öffentliche Messen zu feiern, um ein gutes Beispiel zu geben.

Auf diese Weise verschwand das Thema Religionsfreiheit aus der Debatte,.Ein Beispile ist das der Kirche in Italien. Ein Regierungsdekret zur Wiederaufnahme der Messen mit Publikum bezog sich sogar auf die Aufhebung der Sonntagspflicht, was unzulässig war, weil der Staat darüber nicht sprechen kann. Mittlerweile fragen die Italienischen Bischöfe die Regierung , wie sie sich beim Zelebrieren der Messe verhalten sollen und die Regierung gibt Anweisungen zu den zu treffenden Sicherheitsmaßnahmen.

Papst Franziskus hätte sich bei diesem Thema mehr engagieren können. Zumindest hätte er sich gemeinsam mit den Bischöfen freuen können, als die öffentlichen Messen wieder zugelassen wurden. Beim Angelus am 17. Mai, am Abend vor der Wiederzulassung der öffentlichen Messen forderte der Papst lediglich, den Regierungsanordnungen Folge zu leisten. 

Papst Franziskus´ Haltung hat viele Ortskirchen in eine problematische Lage gebracht. In Irland, wo die Kirche wg. der Mißbrauchsfälle Angst hat, sich zu Wort  zu melden, sind die öffentlichen Messen immer noch nicht erlaubt. In Frankreich und Australien mußten die Bischöfe Gerichte anrufen. um die Kirchen wieder öffnen zu können, als den Pubs Publikumsverkehr erlaubt wurde, den Kirchen jedoch nicht. In Spanien wurde ein Kardinal angeklagt, weil er angeblich eine illegale Versammlung abgehalten habe, als er die Kirchentüren geöffnet hatte, um die Stadt mit den Reliquien eines Heiligen zu segnen.

Papst Franziskus handelt kohärent und pragmatisch und er hat sich immer den Regierungen angepaßt. Es kann sein, daß diese Kohärenz und dieser pragmatische Zugang dazu geführt hat, daß die Kirche viel von ihrem prophetischen Elan verloren hat. Die Gespräche mit China, Vietnam und anderen Ländern, in denen die Religionsfreiheit auf dem Spiel steht, sind nötig, um die christlichen Gemeinden und Glaubensgemeinschaften zu verteidigen. Die selbe Realpolitik kann nicht auf jede Situation angewandt werden. Endresultat ist, daß die Kirche, die gezwungen ist, den Institutionen Folge zu leisten, in der Öffentlichkeit geschwächt ist. Sie kann eine Kirche wie ein "Feldlazarett" sein, hat dabei aber auf die institutionelle Rolle verzichtet, die es ihr erlaubt, in völliger Freiheit die Felslazarette zu errichten, ohne um Erlaubnis zu bitten.

Quelle: Monday in the Vatican, A. Gagliarducci 

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